Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Der StrawberryLoveSkate-Shake
von Jochen Ruscheweyh

Es gab kaum etwas, das ich weniger ausstehen konnte als Pfadfinder, freiwillige Feuerwehr oder Sportvereine. Und dass ich bei dieser Waldsäuberungsaktion, die ich in denselben Kontext einordnete, mitmachte, hatte nicht im Geringsten, damit zu tun, dass ich mich für Natur interessierte. Ehrlich gesagt schien es mir ziemlich latte, ob Feuersalamander nun in hohlen Baumstümpfen oder leeren Cola-Dosen übernachteten. Die Menschheit war eh im Arsch, daran würde auch ein halber Tag im Wald nichts ändern. Allerdings, wenn ich mich diese zwölf Stunden umweltfreundlich einbrachte, würden mir meine 87er Eltern - ich nannte sie so, weil sie für 69er Eltern zu lethargisch und inkonsequent waren - einen Satz Powell Peralta, den Mercedes unter den Skateboardrollen, sponsoren. Auch das würde die Welt nicht retten, mir aber zumindest auf der Straße nach Armageddon besseren Grip verleihen und jede Menge Fun in der Pipe bedeuten.
Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ihr dieser Wild&Wiesen – Club Med offenbar genauso gegen Strich ging wie mir, war das erste, was mir an Nina auffiel, dass ihre Niese nach Erdbeeren roch.
"Hör zu, ich will dir nicht auf den Sack gehen, aber ich hab grad gemerkt, dass deine Niese nach Erdbeeren riecht. Und ich würd dir gern ein Taschentuch anbieten, aber ich hab keins. Ich kenn übrigens niemanden sonst, dessen Niese nach Erdbeeren riecht. Bei den meisten ist es so eine Mischung aus Raps und Ohrenschmalz. Das macht dich irgendwie ... außergewöhnlich."

So kamen wir ins Gespräch.
Ninas Story war, dass sie geklaut hatte. Wabenverstärkte Aluminiumhaushaltsfolie. Also nichts, was sie, ich, der Papst oder ein EU-Abgeordneter dringend gebraucht hätten. Und trotzdem war da dieser unbeschreibliche Drang gewesen.
"Ich bin rein in den Laden und wollte eigentlich Haargummis kaufen. Dann hab ich diese Folie gesehen. Und mit einem Mal wollte ich nichts auf der Welt so dringend wie diese Folie. Keine Ahnung, ob ich sie bezahlt hätte, wahrscheinlich schon, aber da ist schon einer in Uniform hinter mir gewesen und hat mir den Arm verdreht. Und das Waldsäuberungs-Camp hier ist meine persönliche ..."

Der Tag im Wald sollte Ninas persönliche Gelegenheit zur Resozialisierung sein. Das hatte man ihr auf drei DIN A4 Seiten Amts-Schreibe mitgeteilt. Ich war mir ziemlich sicher, was ich an ihrer Stelle damit gemacht hätte.
"Weißte was ich an deiner Stelle damit gemacht hätte? Drauf geschissen, zerrissen und dann die runde Ablage vier."

Nina kicherte, als hätte sie nicht alle stramm, aber es klang süß und erinnerte mich daran, wenn ich meinem Zwergkaninchen Salzstangen zu Fressen gab und der kleine Nager sie mit den Schneidezähnen Stück für Stück in sich hineinknabberte. Dann nieste sie ein weiteres Mal. Ich wünschte ihr Gesundheit und reichen Kindersegen. Dass sie auf Skaterjungs stand, konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, dafür kam sie irgendwie zu fairytailig rüber.
"Ich steh nicht besonders auf Skaterboys, ich bin mehr der Romantik-Typ, Märchen und so, was aber nicht heißen soll, dass du auf deine Weise nicht irgendwie doch schnuckelig wärst. Riecht meine Niese eigentlich immer noch nach Erdbeeren?"

Sie tat es und schon jetzt stand für mich fest, dass ich zukünftig bei Erdbeergeruch, -aroma oder -form an Nina würde denken müssen. Vielleicht war der Wald ja ein Katalysator für explodierende Teenager-Gefühle und den anderen Psycho-Kids war das in ihrer Videokonsolen-abhängigen Verstrahltheit gar nicht aufgefallen.
"Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser Wald ein Katalysator für explodierende Teenagergefühle ist."

Nina schaute skeptisch nach links und rechts und ich war mir mit einem Mal sicher, dass sie mir in den nächsten Sekunden ein Geheimnis verraten würde.
"Ich verrat dir jetzt mal ein Geheimnis. Ich hab gestern schon wieder Folie geklaut."

Ich sah nicht ganz den Zusammenhang und machte dies durch ein entsprechendes Gesicht und den Fragepartikel "hä?" deutlich. Denn wenn Klauen nach Hausfrauen-Psychologie den Sinn hatte, Aufmerksamkeit zu erregen, dann war es meiner Einschätzung nach kontraproduktiv, wenn man es als Geheimnis behandelte und nicht der halben Welt erzählte.
"Du hältst das jetzt sicher für kontraproduktiv, mich nicht öffentlich zu outen, aber ich habe entdeckt, dass ich zaubern kann, wenn ich geklaute Alufolie bei mir hab."

Das kam mir - apropos fairytailig - schon kräftig durchgeknallt vor, und auch wenn ich Nina auf eine schräge Weise von Minute zu Minute mehr gemocht hatte, stand sie doch wie alle übernatürlich Angehauchten vor dem Problem, dass die Existenz einer solchen Gabe schwer vermittelbar war.
"Ich weiß, was du jetzt denkst, und auch wenn Gottesbeweise super out sind, hab ich das Gefühl, dass ich dir einen schuldig bin."

Nina legte sich einen Streifen Alufolie in die Handfläche und klappte die andere Hand wie ein Sandwich darüber. So vorbereitet deutete sie auf eine aufgeschlitzte Cola-Dose, die keine drei Meter von uns entfernt unter einem Grasbüschel hervorschaute. Einen Moment später krabbelte ein Feuersalamander aus der Dose heraus. Ich überlegte, ob mich ein gelb-schwarzer Lurch überzeugen konnte, dass die Menschheit doch nicht ganz im Arsch war. Noch essentieller war aber eine andere Frage für mich.
"Nehmen wir mal an, du kannst wirklich Dinge verzaubern, dann ist das ja schon ein ziemlicher Batzen an Verantwortung. Ich meine, wie oder wozu setzt du deine Gabe ein und wo hast du moralische Skrupel?"

Sie biss sich auf die Lippe. Daher ging ich davon aus, dass sie sich darüber bereits Gedanken gemacht hatte.
"Darüber hab ich mir auch schon Gedanken gemacht. Und du hast recht, ich will die Verantwortung gar nicht übernehmen ."

Ich fragte mich, warum das beknackte Schicksal ausgerechnet sie ausgesucht hatte.
"Ich frag mich, warum sich das beknackte Schicksal ausgerechnet dich ausgesucht hat."

Nina klappte ihre Sandwich-Hände auseinander und zog den Alufolienstreifen, der sich ihrer Handform ein wenig schwitzig angepasst hatte, ab.
"Ich hab nachgedacht, du kannst meine Gabe haben, ich schenk sie dir, wenn du sie willst."

Ich wollte sie nicht, denn ich wollte weder die Welt retten noch Schicksal 4.0 spielen, sondern einfach nur Skateboard fahren.
"Das ist ziemlich süß von dir, aber ich will sie nicht. Ich will einfach nur Skateboard fahren."

Dann wurde mir noch etwas klar. Und das Erstaunliche war, wie schnell es das tat.
"Weißt du, ich glaub, wenn man ein Buch über uns schreiben würde, dann wär's jetzt wahrscheinlich zu Ende, falls du von Anfang an vorgehabt hast, mich zu verzaubern und deine Magie jetzt abgibst."

Ich schaute zu ihr rüber und überlegte, ob sie wohl von mir erwartete, dass ich sie nach einem offiziellen Date fragte.
"Ich frag mich, ob du mich jetzt wohl noch nach einem Date fragst."

Bevor ich ihr eine Antwort geben konnte, nieste sie. Ihre Niese roch normal, nach Raps und Ohrenschmalz.
Der Zauber war gegangen.
Ich würde sie nicht nach einem Date fragen.
Ich stand auf.
Nina betrachtete ihre linke Hand. Dann legte sie den Alufolienstreifen wieder hinein.
"Oh doch, du wirst."

Einen Wimpernschlag später kniete ich bouncigen Herzens vor ihr und lud sie in die alte Windmühle in Overberge ein, in der man die besten ErdbeerPanCakes in ganz Westfalen essen konnte.
Vielleicht war es letztendlich doch Magie. Die andere Variante wär, dass Skaterjungs einfach jemanden brauchen, der ihnen sagt, wo es langgeht, sonst bleiben sie in Deckung, wie der Feuersalamander in der Cola-Dose.
Trotzdem bliebe da noch die Sache mit der Niese.

Letzte Aktualisierung: 12.05.2016 - 07.35 Uhr
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