Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Gespenster in meinem Kopf
von Glädja Skriva

Es hupte. Alwin stand mit dampfendem Motor und in dickstaubigem Citroen vor dem Bauernhofgatter. Lea riss die Beifahrertür auf und ließ sich auf den durchgesessenen Polstersitz fallen. Eine Feder quietschte.
„Wollen wir wieder?“
Alwin gab Gas. Die Hand auf der Gangschaltung. Lea nestelte. Wie jeden Freitag. Sie schlüpfte aus den Gummischaluppen, von denen ein Kuhmistkondensstreifen zart hochdampfte, und wackelte mit ihren Zehen. Ihr Rock rutschte leicht hoch, so, dass er ihre schmalen, festen Schenkel freilegte. Alwin schaute – auf die Straße, die immer noch holprigen Asphalt aufwies.
Als sie vor Silkes Haus ankamen, hatte Lea längst ihre Lippen nachgezogen und ihre Haare zurechtgezupft.
Lea zirpte: „Hi Süße!“
Sie begrüßte Silke, die in einem afrikanischen Kaftan bereits vor der Tür stand, mit einem hingehauchten Kuss auf die Wange. Links. Rechts. Links. Silkes Hand berührte kurz Leas Rücken. Dann schlüpfte diese ins Haus. Barfuß. Die Highheels, die sie mitgenommen hatte, baumelten in ihrer Hand. Die roten Sohlen leuchteten auf. Es war das Letzte, das Alwin sah. Dann schloss sich die Tür hinter den Beiden.
Seltsam war Lea heute gewesen, dachte Alwin kurz. Dann kurbelte er die Autoscheibe herunter und warf die stinkenden Gummitreter aus dem Auto in das frisch gepflanzte, pastellige Geranienbeet. Sie knickten.



Die starke, schwarze Brühe schwappte, die türkischen Mokkatassen klirrten, als Silke sie auf dem kleinen Tablett in ihr Atelier hochtrug. Lea malte dort immer. Freitags, während Frank, Leas Mann, mit Kumpels kegelte und die Kühe bis zum nächsten Melkvorgang nicht versorgt werden mussten.
„Schön, nicht?“
Die riesige Fensterfront gab den Blick frei auf die kräftig gelb blühenden Rapsfelder, auf die ein weißes Blütenmeer hinuntertänzelte. Ein knorriger Apfelbaum gab seine Blütenknospen frei. Das Atelier roch kräftig nach Farben, die in den unterschiedlichsten Schattierungen in einem kreativen Chaos überall herumlagen.
„Du hast es bald fertig, oder?“
Lea nickte. Sie saß, immer noch seltsam wortkarg, in ihrem farbverspritzten Kittel vor der Staffelei, an das ein Gemälde lehnte, aus dem dunkelgrüne Tannen herauszuwachsen schienen. Plötzlich roch es dumpf und feucht und kalt. Eine Düsternis legte sich einem schwer aufs Herz - wenn da nicht ein kleiner, heller Weg im Bild aufgetaucht wäre, in dessen Zentrum der Blick gebündelt wurde auf zwei Personen, die man von hinten sah. Eine große und eine kleine. Die kleine, die wohl ein Kind war, mit blondem, lockigen Haar, die denen Leas glichen und die voll Vertrauen die Hand in die der großen Person schob. Die große Person, von Alterslast leicht gebückt, zeigte mit dem Spazierstock auf ein größeres Felsmassiv, das vor ihnen lag. Beide bildeten einen kleinen, hellen Punkt, der zu verschmelzen schien und der Dunkelheit des Waldes seine Bedrohung nahm.
„Das Bild könnte „Vertrauen“ heißen oder „Innigkeit“, versuchte Silke das Gespräch vorsichtig aufzunehmen.
Das erste Mal antwortete Lea zögerlich: „Ich war … oft mit meinem Großvater in diesem Wald spazieren.“
Mit wenigen Strichen zeichnete sie dabei ein leuchtend rotes Chabot Hütchen, das hinter den Tannen keck hervorleuchtete und einen zähnefletschenden Grizzley, der in Richtung des Mädchens die Tatzen zum Schlag erhob.
„Hattest du Angst?“
„Ich war ja nicht alleine.“
Lea war nun ganz in ihre Welt abgetaucht. Inzwischen hatte sie ihre Pumps achtlos in eine Ecke geworfen. Die Haare waren aufgelöst, wie nach einem Fangenspiel.
Sie hatte begonnen eins, zwei, drei bunte Zwerge in dem Tannenwald auf eine Lichtung zu zaubern. Sie packten auf einer gepunkteten Decke Köstlichkeiten aus: rotbackige Äpfel, Gebäck mit Schokoüberzug, Saft und klebrige Limo. Der Bär hinter dem Felsen schien zum Sprung anzusetzen, aber in diesem Moment huschte Leas Stift weiter über die Leinwand und schuf eine kleine, zerbrechliche Fee, die mit durchsichtigen, zart schimmernden Engelsflügelchen über die schmutziggrünen Bäume flirrte und dabei mit einem Zauberstab das grimmige Maul des Grizzleys berührte.
„Lea, ich gehe jetzt nach unten.“
„Ah, jetzt habe ich es. Danach habe ich gesucht!“
Lea schien nichts mehr zu hören. Sie wühlte hektisch in einer Kiste und zog daraus einen goldenen Gazestoff, in die sie sich wie eine Königin einhüllte.
„Wenn ich den Stoff über diese Bildecke locker drapiere, schimmert es noch geheimnisvoller“, murmelte sie vor sich hin.
„Lea, in zwei Stunden komme ich wieder hoch. So wie immer. Ja?“
Silke schloss leise hinter sich die Tür. Heute war alles anders als sonst. Irgendwie seltsam.



Als Silke zwei Stunden später wieder in das Atelier kam, war es ganz still. Lea saß aufrecht vor dem Gemälde. Äußerlich geordnet die Haare, die Schuhe, die sie wieder angezogen hatte. Das Gesicht blass und bewegungslos.
„Was ist los?“ Silke zeigte sich verwirrt, wollte auf Lea zugehen, doch diese trat zurück.
Erst jetzt fiel Silkes Blick auf das Gemälde, aus dem alle fröhlichen Punkte verschwunden waren und das nur Finsternis zeigte. Dunkle Tannen umschlossen ein einsames, kleines Mädchen mit blonden Haaren, das verängstigt weinte. Der Grizzley fletschte die Zähne und kam auf das Kind zu, das von den Bäumen wie von einer undurchdringlichen Dornenhecke umschlossen wurde und daraus nicht fliehen konnte.
„Der Großvater …?“ Silkes Stirn legte sich fragend in Falten.
„Wo der Großvater ist?“ Lea lachte kurz und bitter auf. „Weg. Er hat sich einen Spaß daraus gemacht, erst schöne Märchen von guten Feen in meinen Kopf zu malen, bis ich Vertrauen fasste. Dann verschwand er - und damit kamen die Gespenster. Mit dem Alleinsein zogen die Hexen und bösen Geister ein.“ Sie atmete tief ein: „Er versteckte sich hinter einer der Tannen, um mich hilflos weinen zu sehen. Dann fühlte er sich stark. Stärker als jeder Grizzley.“
Lea wandte sich Silke zu. Das erste Mal an diesem Tag und musterte sie, das Gesicht immer noch blass und spitz: „Aber so einfach geht das nicht mehr. Ich lass ihn nicht mehr gehen. Nicht, wenn er Märchen in meinen Kopf gezaubert hat. Und weinen werde ich erst recht nicht. Ich werde meine Hand in seine schieben und ihn halten - halten. Er will es doch. Ich weiß das … Du wirst Frank nicht bekommen, niemals, Silke – du Schlampe.“
Dann stöckelte Lea die Treppen hinunter. Klack. Klack. Klack.


© P.S./Glädja Skriva/Mai 2016/Endversion


Letzte Aktualisierung: 27.05.2016 - 16.50 Uhr
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