Der Tod aus der Teekiste
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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Schneewittchen und andere Gestalten
von Monika Heil

Ich habe es kürzlich an anderer Stelle bereits erwähnt. Die ersten acht Jahre meines Lebens verbrachte ich in Ostdeutschland. Damals hieß das Deutsche Demokratische Republik. Bis zu meiner Einschulung lebte ich bei meiner Mutter, danach bei meinen Großeltern in einem kleinen Dorf im Harz.

Ich muss ungefähr vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als ich Schneewittchen zum ersten Mal begegnete. Grimm´s Märchen waren damals meine Hauptlektüre. Jeden Abend mussten mir meine Mutter oder meine ältere Schwester eine Geschichte vorlesen und wehe, sie veränderten auch nur einen Satz. Gnadenlos bestand ich auf ungekürzter und korrekter Wiedergabe.

Ein Einschlafmittel waren diese Märchen nicht. Vielmehr beflügelten sie meine Phantasie und ich ging anschließend mit Hans im Glück auf Reisen oder wartete zu Hause in meinem Dornröschenschloss auf den Prinzen, der es schaffte, sich durch meine Kinderzimmerwand-Rosenhecke zu mir durchzukämpfen. Natürlich schlief ich irgendwann doch ein.

Wir wohnten in einer wunderschönen alten Villa. Die lange, leicht geschwungene und kiesbedeckte Auffahrt war ideal für den Aufmarsch all der edlen Ritter, die morgens mit mir in den Kindergarten gingen und nachmittags gern zum Spielen kamen. Die Villa war nach dem Krieg den Besitzern enteignet und anschließend in vier Mietwohnungen aufgeteilt worden. Neun Kinder wohnten ständig in dem Haus. Bis zu meiner Einschulung und Übersiedelung zu meinen Großeltern gehörte ich dazu. Alle waren meine Untergebenen. Ich wundere mich noch heute, wie sie - ohne Ausnahme - widerspruchslos meinen königlichen Befehlen gehorchten. Sehe ich mir alte Fotos an, kann ich so gar nichts Majestätisches an mir entdecken. Mit meinen ständig zerzausten Zöpfen und den permanenten Kratz- und Schmutzspuren an Knien, Händen und im Gesicht hatte ich eher etwas von Pipi Langstrumpf. Aber die lernte ich erst viel später kennen.

Hinter dem Haus dehnte sich ein riesiges Parkgelände aus. Dort durften wir nur auf den verwilderten Wegen und im noch zugänglichen Unterholz spielen. Den sich anschließenden dichter werdenden Hochwald zu betreten, war uns verboten worden. Sehr zu meinem Unwillen. Dort war das Feen- und Geisterland und das zog mich magisch an. Leider weigerten sich selbst meine treuesten Ritter Max und Peter, mich dorthin zu begleitet. Allein konnte ich natürlich nicht in einem fremden Reich erscheinen – wie hätte das ausgesehen!

Eines Tages – Hansi und ich waren gerade als Hänsel und Gretel unterwegs – ist es dann doch passiert. Wir hatten uns zu weit in den Park gewagt und standen plötzlich an einer Lichtung. Was wir dort sahen, ließ uns den Atem stocken. Ganz dünn wurde meine Stimme, als ich Hansi wispernd auf die Gestalt aufmerksam machte.

Sie lag in einem Liegestuhl auf der sonnendurchfluteten Lichtung. Ihr Kleid war so strahlend weiß, dass es fast blendete. Ihr schwarzes, langes Haar umrahmte ein zartes Gesicht mit großen dunklen Augen. Sie las in einem goldenen Buch und bemerkte uns nicht. Schneewittchen sah genauso aus, wie sie in meinem Märchenbuch beschrieben war. Nur ihre Krone hatte sie wohl vergessen oder bei der Hitze nicht aufgesetzt.

Hansi und ich standen Hand in Hand am Rande der Lichtung, starr und eingeschüchtert von der überirdischen Schönheit dieser Gestalt. Endlich schaute sie von ihrem Buch auf. Freundlich lächelnd winkte uns Schneewittchen herbei. Ich versuchte, mich in Bewegung setzen. Hansi blieb stocksteif stehen, ließ aber meine Hand nicht los. Ich zog, er zerrte. Welch unwürdiges Schauspiel vor Schneewittchens Augen! Plötzlich riss die Verbindung unserer Hände. Hansi drehte sich um und rannte wie ein Wiesel ins Gebüsch, während ich kopfüber der schönsten Frau, die ich je in meinem Leben gesehen hatte, vor die Füße fiel. Bei ihrem hellen Lachen schaute ich schüchtern und ein wenig ängstlich zu ihr auf.
„Hast du dir weh getan, armes Kind?“, fragte sie mich mitfühlend.
„N-n-nein, überhaupt nicht“, stotterte ich.
„Hier, nimm ein Stück Schokolade und lege es auf deine Schramme.“ Mit diesen Worten kramte sie in einem seidenen Beutel und reichte mir ein sehr kleines Stück Silberpapier, in dem offenbar eine feste Masse verpackt war. Vorsichtig und bemüht, die zarte Hand der Märchengestalt nicht zu berühren, griff ich nach dem Minipäckchen. Ich hatte keine Ahnung, was „Schokolade“ bedeutete.
„Danke“, hauchte ich und machte einen Knicks. Rückwärts gehend, Schneewittchen nicht aus den Augen lassend, trat ich den Heimweg an. Sobald ich die Lichtung verlassen hatte, drehte auch ich mich um und lief, so schnell mich meine kleinen, stämmigen Beine trugen, in Richtung Villa. Den fremden Gegenstand hielt ich krampfhaft in meinen heißen und schweiß-nassen Händen.

Erhitzt und mit roten Wangen kam ich zu Hause an.
„Mutti, Mutti, ich habe Schneewittchen gesehen!“ Meine Worte überstürzten sich. Ich berichtete hastig von meinem Erlebnis. Dann fiel mir mein Geschenk ein. Ich öffnete meine Hand und sah entgeistert auf eine braune schmierige Masse, die aus den Rändern des Silberpapiers quoll. Igitt! Ich war entsetzt. Was hatte mir Schneewittchen da Schreckliches geschenkt? Meine Mutter lachte.
„Das war sicher Tante Henriette, die du gesehen hast. Krügers Westbesuch. Schade um die gute Schokolade. Nun ist sie weich und geschmolzen. So kannst du die nicht mehr essen.“
Sie zog ein spitzenbehäkeltes Taschentuch aus ihrer Schürze, feuchtete es mit Spucke an und putzte meine klebrigen Finger damit fast sauber. So verschwand Schneewittchens Geschenk fast spurenlos aber bis heute für mich unvergessen.

Und so kam es, dass ich erst ein paar Jahre später feststellte, wie Schokolade schmeckt und lange Zeit dachte, alle Leute aus dem Westen seien so schön wie Schneewittchen.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 19.05.2016 - 19.26 Uhr
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