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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Der Kreislauf des Ungläubigen
von Kevin N. Hoffmann

Das Wetter war unerträglich. Den Morgen über zogen vereinzelte Regenschauer über das weitläufige Tal hinweg, mittags wurde es heiß und als der Nachmittag gen Abend tickte, zog eine Wolkenwand heran, deren Schwärze die Abendröte vollständig verschlang. Ein Blitz durchzuckte das undurchdringliche Wolkengebilde und kündigte den folgenden Regen an. In der Ferne konnte man ein leises Grollen hören, was zu einem Brummen anschwoll, bis schließlich ein gewaltiger Donner die Erde zum Beben brachte.
Der Weg, der mir vorhergesagt worden war, schlängelte sich am Flussufer entlang, welcher das Tal in zwei Hälften teilte. Müde, ausgehungert und bis auf die Knochen durchnässt, beschleunigte ich meine Schritte, denn der hoch aufragende Wald kam bereits in Sicht.

»Halte Dich gen Osten, den Fluss Stromaufwärts folgend, denn nur dann wirst Du finden, wonach Deine Seele sich sehnt. Wenn der Wald sich vor Dir auftürmt, die Dunkelheit zum vollkommenen wird und der Fluss zu einer schwarzen Schlange mutiert, lege Deine Klamotten ab. Lass los, von allem irdischen, nimm den Wald in Dir auf, fühle, ohne direkten Kontakt zu haben und lausche in die Stille hinein. Nur wer die Stimme des Waldes vernimmt, findet den Pfad, der hin zu seiner Erlösung führen wird. Geh, schaue nicht zurück und vergiss, wer Du bist.«

Die Worte des alten Mannes, der mir im Traum erschienen war, hallten mir den ganzen Weg in den Ohren. Drei Tage hatte es gedauert, bis ich mich aufgerafft hatte, nur um mein Gewissen zu erleichtern. Es hatte mich nicht mehr losgelassen auf den alten Mann zu hören, doch mein gesunder Menschenverstand protestierte dauerhaft mit der plausiblen Erklärung, dass alles nur ein Traum gewesen war. Die Neugierde siegte am dritten Abend und so hatte ich mich am nächsten Morgen heimlich und in aller Frühe aus dem Staub gemacht. Das Tal, welches mir im Traum erschienen war, kannte ich noch aus meiner Kindheit. Nicht weit von hier entfernt hatten meine Großeltern ihre Farm gehabt, bevor sie bei einem Feuer niedergebrannt war. Seit damals war ich nicht mehr hergekommen, noch nicht einmal zur Beerdigung meiner Großeltern.
So wie der Wald nur noch wenige Meter vor mir lag, zog ich mich bis auf die Unterhose hin aus. Weit und breit war niemand zu sehen und doch fühlte ich mich bei dem Gedanken unwohl, mich vollständig zu entblößen.
Die Pause zog sich in die Länge, dann schlüpfte ich aus der Unterhose und drang ohne weiter darüber nachzudenken in den Wald ein. Der Boden war feucht und an den Stellen, wo der Regen durch das Astwerk herabfiel aufgequollen und matschig. Die Bäume taten sich immer dichter vor mir auf, bis ich den Rückweg nicht mehr nachverfolgen konnte. Ich schloss meine Augen, lauschte in den Wald hinein, versuchte zu hören, was er zu sagen hatte. Das leise Rascheln der Blätter, die Regentropfen die auf den Boden fielen, all das konnte ich ohne Umschweife erkennen – die Stimme des Waldes jedoch blieb schweigsam.
Ob bereits Stunden vergangen waren oder nur wenige Minuten, es kümmerte mich nicht, ich wusste nur, dass die Einsamkeit wie ein Schleier an mir haftete. Wie ein Parasit bohrte sie sich hinab in mein Herz: lähmte mich.
Ich fiel zu Boden, kauerte wie ein Baby auf der Erde, spürte die Wurzeln der umstehenden Bäume und wünschte mir, nie hergekommen zu sein.
Der Fluss rauschte in der Nähe unaufhaltsam den Hang hinab, auf dem sich dieser vermaledeite Wald befand.
»So wirst du nie das Ziel erreichen«, ertönte eine kindliche Knabenstimme. Erschrocken sprang ich auf die Füße, spähte in die Finsternis hinein und versuchte zwischen den Bäumen den Urheber ausfindig zu machen.
»In all der Zeit hast du nicht dazu gelernt. Wie ein Blinder läufst du umher, versuchst dir eine Welt zu erdenken, nur um deinem wahrem Schicksal zu entgehen. Hast du wirklich dermaßen Angst vor der Wahrheit?«
»Wer bist du?«
»Weißt du das etwa nicht? Ich bin der, den du immer schon suchst, obwohl du nie einen Gedanken an mich verschwendet hast.«
»Das macht doch keinen Sinn. Also bitte, sag mir, wer du bist!«
In meiner Stimme lag ein unterdrücktes Flehen. Die Verzweiflung, die in mir Wurzel schlug, keimte auf und breitete sich mehr und mehr in meinen Gliedern aus.
»Wenn du eine Frage stellen musst, wirst du es niemals wissen, doch wenn du es weißt, genügt eine Frage.«
Eine kalte Brise kam auf. Die Stimme wurde davongetragen und aus irgendeinem Grund wusste ich es: Ich war wieder alleine.
Mein Gehirn versuchte das Gespräch zu verarbeiten, während ich den steiler werdenden Hang erklomm. Dort oben war vielleicht die Antwort des Rätsels verborgen.
Nackt, durchfroren und hungrig, Stunde um Stunde, bahnte ich mir einen Weg durch den finsteren Wald, orientierte mich an schwarzen Schatten, die nahe des rauschenden Flusses in Reih und Glied standen. In meinen Ohren konnte ich das Blut hören, wie es sich einen Weg durch meine Adern suchte, angetrieben von einer Pumpe, die mich irgendwann einmal im Stich lassen würde. Schnell verwarf ich den Gedanken daran, denn von Gevatter Tod und einem nie mehr kehrenden Leben wollte ich gar nichts wissen. Es war schlimm genug, dass er eines Tages an die Tür klopfen würde, mit oder ohne Einladung, in das Haus vordringend und meine Seele entreißen würde. Ich schauderte und zog meine Arme dichter an den Körper.
Damals, meine Großeltern lebten noch, war ich zu ihnen gekommen, da meine Eltern eine Geschäftsreise hatten antreten müssen. Ich war ein verspielter kleiner Junge, sieben Jahre alt und mit frohen Gedanken umgeben, doch dann, eines nachts, das Wetter glich dem jetzigen, schlug ein Blitz in das alte Farmgebäude meiner Großeltern ein. Von den vielen schrecklichen Eindrücken verängstigt, lief ich aus dem brennenden Haus hinaus und war in den Wald geflohen, indem ich mich soeben befand. Ich hatte dort ein Geheimversteck. An jenem Tag, an dem der Blitz das Haus und meine Großeltern mitgenommen hatte, war meine Fröhlichkeit ebenso mit verbrannt.
Ein Blitz zuckte über den launischen Himmel und erhellte die kleine Lichtung auf der ich mich befand. Vor meinen Augen konnte ich sehen, wie ein kleiner Junge aufgeschreckt von dem grellen Licht über einen Busch stolperte und sich den Kopf hart an einem Stein aufschlug. Der bereits an ein Moor erinnernde Boden brach unter der Masse des Körpers in sich ein und er stürzte mitsamt dem bewusstlosen Knaben in das schwarze Wasser.
Von einem inneren Reflex gepackt, stürzte ich zum Flussufer und versuchte den Jungen zu packen – vergeblich. Die schimmernde Oberfläche hatte sich bereits wie ein Leichentuch über das Kind gelegt.
»Verstehst du es jetzt?«
Tränen rissen den Dreck von meinem Gesicht. Zitternd wandte ich mich um und starrte in das Gesicht des Jungen, der soeben in den Fluss gestürzt war. Langsam nickte ich.
»Du bist ich.«
»Richtig.«
»Aber wer, wer bin dann ich?«
Der Junge lächelte. Er nahm mich an der Hand und sofort breitete sich eine wundervolle Wärme in mir aus – eine Wärme die ich seit Jahren nicht mehr zu spüren geglaubt hatte. Wir machten ein paar Schritte und die Szenerie veränderte sich. Anstatt einem Wald aus Bäumen, befanden wir uns in einem Wald aus dicht aneinanderreihenden Steinen, die allesamt von Kerzen beleuchtet waren. Ohne ein Wort zu wechseln schritten wir voran. Der Kies unter mir war unnatürlich weich.
Abrupt blieben wir vor einem Grabstein stehen. Ein Bild von dem Jungen war darauf abgebildet, sowie ein Geburts- und Todesdatum. Darunter stand der Name.
-Emil Wanderer
Dort, in diesem kindlichen Grab, lag ich. Mir war sofort klar, dass es sich hierbei weder um einen Traum, noch um einen Scherz handelte.
»Wir sind damals in diesen Fluss gestürzt, du und ich. Der eine Teil, in diesem Fall du, hast nie akzeptiert, dass wir gestorben sind. Du bist durch die Welt gewandelt, nicht mal stark genug, um als Geist aufzutreten, denn unsere Seele war gespalten. Die unglückliche Hälfte zog durch die Welt, Jahr für Jahr, beobachtete die Lebenden und passte sich ihnen an. Du wurdest größer, älter, spürtest Lust und Liebe und doch war alles nur eine Illusion. Du hast noch nie Liebe verspürt, denn du hast sie vor dem Tod nicht kennen gelernt. Ich wartete hier, erschien dir in Form unseres Großvaters und hoffte dich damit herlocken zu können. Ich wartete Geduldig auf deine Rückkehr, hoffte, zu sehen, dass du dein Schicksal, unser Schicksal akzeptiert hast und fand heraus, dass du nicht einmal mehr wusstest, wer du überhaupt warst. Du hast alles verdrängt, weggeschlossen, verriegelt mit der Sturheit eines kleinen Kindes. Lass uns gehen, lass uns den nächsten Schritt wagen.«
Ohne den Jungen aus den Augen zu verlieren, lockerte ich den Griff um seine Hand und ließ von ihm ab. Das war nicht möglich – ich konnte nicht – ich wollte nicht … panisch stürmte ich über das Gelände des Friedhofs davon, hinein in den angrenzenden Wald.
Von dem weißen Licht eines Blitzes geblendet, stürzte ich zu Boden und schlug mir den Kopf hart auf einem Stein. Alles begann sich zu drehen. Ich vernahm den Duft von feuchtem Moos und den angenehmen Duft von Tannennadeln. Um mich herum wurde alles dunkel.

***

»Halte Dich gen Osten, den Fluss Stromaufwärts folgend, denn nur dann wirst Du finden, wonach Deine Seele sich sehnt. Wenn der Wald sich vor Dir auftürmt, die Dunkelheit zum Vollkommenen wird und der Fluss zu einer schwarzen Schlange mutiert, leg Deine Klamotten ab. Lass los, von allem irdischen, nimm den Wald in Dir auf, fühle, ohne direkten Kontakt zu haben und lausche in die Stille hinein. Nur wer die Stimme des Waldes vernimmt, findet den Pfad, der hin zu seiner Erlösung führen wird. Geh, schaue nicht zurück und vergiss, wer Du bist.«

Der Weg, der mir vorhergesagt worden war, schlängelte sich am Flussufer entlang, welcher das Tal in zwei Hälften teilte. Müde, ausgehungert und bis auf die Knochen durchnässt, beschleunigte ich meine Schritte, denn der hoch aufragende Wald kam bereits in Sicht.

Letzte Aktualisierung: 15.05.2016 - 15.23 Uhr
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