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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Der verzauberte Wald
von Susanne Rzymbowski

Miriam lebte mit ihrem Vater in einem Hochhaus in einem kleinen Vorort einer großen Stadt. Es war eine Plattenbausiedlung, die damals als Inbegriff der Moderne galt und von Einkaufspassagen umringt zumindest durch die orange Hausfassade aus dem Rahmen stach. Es war eine 3-Zi-Wohnung mit einem langen doch recht schmalen Balkon, der sich ĂŒber zwei Zimmer erstreckte. Miriam bewohnte das 10. Stockwerk und hatte so doch zumindest einen passablen Ausblick auf die Umgebung. Diese war jedoch alles andere als vielversprechend, denn Miriam war umgeben von weiteren Hochhausblöcken, einer kleinen Kapelle, SupermĂ€rkten mit großen ParkplĂ€tzen und nur vereinzelt waren zumindest die Gehwege von einer kleinen grĂŒnen Wiese umsĂ€umt. Der Hausflur zu ihrer Wohnung war eng und langgezogen und beherbergte weitere 10 Familien, so dass es mitunter recht gerĂ€uschvoll zuging, da die WĂ€nde doch recht dĂŒnn waren. Auch hielten zur Mittagszeit die unterschiedlichsten GerĂŒche Einzug in ihr Wohnzimmer, so dass ihr manchmal das Wasser im Munde zusammenlief und sie sich gar nicht entscheiden konnte, was sie nun eigentlich kochen sollte. Miriam ging nicht viel vor die TĂŒre, denn seit einem tragischen Verkehrsunfall, bei dem ihre Mutter ums Leben kam, war sie die meiste Zeit an den Rollstuhl gefesselt, der zudem recht sperrig war und auch nur schlecht in den doch recht schmalen Aufzug passte. Miriam war also auf die Hilfe ihres Vaters angewiesen um sich draußen bewegen zu können. Dieser war jedoch wochentags beruflich stark eingebunden und so blieben ihr nur die gemeinsamen AusflĂŒge am Wochenende. Vater gab sich dann immer ganz besondere MĂŒhe mit ihr und entfĂŒhrte sie in die abgelegensten Orte mitten im GrĂŒnen. Dort kehrten sie nach einer ausgiebigen Spazierfahrt auf den Schotterwegen, denn die versteckten Waldpfade waren fĂŒr sie unerreichbar, meist in einem kleinen Landgasthof ein und Miriam liebte es dann, gerade im Sommer, auf den Terrassen die Besucher und Wanderer zu beobachten. Sehnsuchtsvoll verfolgte sie dann die ausladenden Schritte, mit welchen sich diese auf den Weg in den nahe gelegenen Wald begaben, in welchem sie als Kind so gerne gespielt und sich verzaubern hat lassen. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie in den WaldtĂŒmpeln ihre ersten Kaulquappen und Molche gefangen hat, durch die MooshĂ€nge sprang und sich in ein Pferd verwandelte das ungestĂŒm dahingaloppierte, durch das Unterholz pirschte wie ein Indianer auf dem Kriegspfad. Ja sie hatte es geliebt sich als Kind im Wald aufzuhalten und immer wieder Neues zu entdecken: Die ersten AmeisenhĂŒgel, die sie stundenlang beobachten konnte, wie die kleinen Waldbewohner emsig und unermĂŒdlich auf ihren Straßen schwer beladen dahinströmten. Vereinzelt hatte sie sogar Rehe gesehen, die in wilden SprĂŒngen die AbhĂ€nge hochjagden, Hasen die aufgescheucht wilde Haken schlugen, MĂ€use die durch das gefallene Laub raschelten, selbst FĂŒchse hatte sie gesichtet, die leichtfĂŒĂŸig durchs Gehölz strichen. Nicht zu vergessen die Wildschweinspuren, die sich im Boden eingegraben und der Geruch der Schwarzkittel, der ihr noch lange in der Nase stach. Selbst ein kleines KĂ€uzchen hatte sie einmal versehentlich aus seiner Baumhöhle geschreckt und mit staunenden Augen dem lautlosen Flug nachgeschaut. Was hatte sie nicht schon alles erlebt im Wald, wenn sie herumstromerte und sich auf wilde Abenteuer begab! Nun war sie gefesselt im Rollstuhl und die ausgetretenen Kieswege, die sie noch beschreiten konnte, gaben nicht einen Zoll ihrer einstigen Erlebnisse preis. Nur das Rauschen der BlĂ€tter, die sich im Wind wogen waren ihr noch geblieben und so schloss sie oftmals die Augen und ließ sich forttragen von der damit verbundenen Melodie. Wieder zu Hause angekommen, malte Miriam mit Vorliebe Bilder ihres Waldes und versuchte das Rauschen in Farben einzufangen, was, wie ihr Vater bemerkte, ihr immer besser gelang. Ihr Vater hatte ihre Liebe zur Malerei entdeckt und ihr eine komplette AusrĂŒstung mit Pinseln und Stiften besorgt. Miriam verfĂŒgte mittlerweile ĂŒber eine richtige Staffelei und ihr Zimmer hatte sich im Laufe der Jahre mit etlichen Bildern gefĂŒllt. Ihrem Motiv ist sie jedoch immer treu geblieben und so entstanden unzĂ€hlige Varianten von WĂ€ldern, die Miriams inneres Auge unermĂŒdlich zu produzieren schien. Miriam war ganz verzaubert von ihren Erinnerungen und auch damit verbundenen WĂŒnschen. Manchmal hatte sie das GefĂŒhl, dass zumindest ihr Vater sie verstand, denn immer wieder gelang es ihm, sie mit Überraschungen zu verblĂŒffen. Miriam bemerkte auch heute, dass ihr Vater seit einigen Tagen immer ein sehr verschmitztes LĂ€cheln auf den Lippen hatte, so als wenn er etwas ausheckte und seine Augen hatten dabei einen ganz besonderen Glanz. Auf ihre Fragen antwortete er jedoch nicht und meinte nach weiterem Nachbohren: „Ich schenke dir bald einen Wald“ Miriam wusste nicht so recht was sie davon halten sollte, denn sie wusste, dass ihr Vater keineswegs ĂŒber die finanziellen Mittel verfĂŒgte ein GrundstĂŒck zu erwerben. Sie wusste jedoch auch, dass ihr Vater sehr viel Fantasie hatte und wartete nun ungeduldig auf ihren versprochenen Wald. Jeden Tag fragte sie nun danach und ihr Vater antwortete jedes Mal mit einem „Habe noch etwas Geduld. Er muss noch wachsen.“ Miriam, gegen ihre Ungeduld ankĂ€mpfend, vertrieb sich weiterhin ihre Zeit, in dem sie Bilder malte, die ihr Vater, wie sie bemerkte, eingehend studierte.
Und dann kam endlich der große Tag! Ihr Vater weckte sie am frĂŒhen Morgen auf, wirkte etwas verschwitzt in seinem Hemd und seine Augen zeigten kleine blĂ€ulich gefĂ€rbte Ringe, so als hĂ€tte er die ganze Nacht nicht geschlafen. „Es ist soweit“, sagte er nur und hob Miriam behutsam in ihren Rollstuhl und bugsierte sie Richtung Balkon. Miriam traute ihren Augen nicht was sie da sah. Der ganze Balkon hatte sich ĂŒber Nacht in einen Zauberwald verwandelt! Klitzekleine BonsaibĂ€umchen reihten sich aneinander, aber auch zurechtgestutzte ObstbĂ€ume, Weiden, Birken und Ahörner hatten Einzug gehalten. Auch kleine Tannen waren zu sehen und zwischen den einzelnen Töpfen, die von MoosflĂ€chen begrĂŒnt und mit Rindenmulch bedeckt, wuchsen sogar ein paar Pilze. Da es FrĂŒhling war, sprossen aus dem GeĂ€st nur so die BlĂŒten und Knospen und selbst Maiglöckchen schimmerten in ihrem Weiß mit leuchtender Kraft. Miriam war ĂŒberwĂ€ltigt. So schön waren noch nicht einmal ihre Bilder, obgleich sie diese in einigen Arrangements wiederzuerkennen vermochte. Auch ein VogelhĂ€uschen hatte Vater angebracht und wie es schien, wĂŒrden die ersten GĂ€ste nicht lange auf sich warten lassen, denn schon machte Miriam eine Kohlmeise aus, die sich in den 10. Stock verirrt zu haben schien. Mit TrĂ€nen in den Augen dankte Miriam ihrem Vater fĂŒr dieses Wunderwerk, rollte mit ihrem Rollstuhl ganz alleine in die Mitte ihres Waldes und genoss den Hochsitz, den sie nun hatte, um sich in einen Luchs zu verwandeln, der das Treiben der Welt beobachtete und jede Sehne des Körpers spĂŒrte, der sich jetzt ganz geschmeidig anfĂŒhlte.

Letzte Aktualisierung: 02.05.2016 - 19.16 Uhr
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