Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Des einen Freud, des anderen Leid
von Nils D├╝rr

Er war ein Einhorn. Mit kr├Ąftigen Schritten galoppierte er durch den Wald. Die Sehnen und Muskeln seiner Beine spannten und entspannten sich im Rhythmus seiner Bewegungen. Seine N├╝stern bl├Ąhten sich, doch er f├╝hlte keine Anstrengung. Es war ein Genuss. Seine M├Ąhne kr├Ąuselte sich in einer sanften Brise. Ein solches Hochgef├╝hl hatte er noch nie erlebt. Und erst diese intensiven Farben. Nie zuvor waren sie so stark gewesen. Nie zuvor hatte er so viele verschiedene Farbnuancen wahrgenommen.

Mit einem m├Ąchtigen Satz sprang er ├╝ber einen kleinen Bach. Aufgeschreckt flatterten einige kleine V├Âgel auf, die er durch seinen unerwarteten Sprung auf die andere Seite des Baches, aufgeschreckt hatte. Jetzt bemerkte er auch die w├Ąrmenden Strahlen der Sonne durch das etwas lichter werdende Bl├Ątterdach. Hier im Wald war er der Herrscher. Dies war sein Wald. Hier konnte er tun und lassen, was er wollte.

Nicht weil er m├╝de wurde, sondern weil er einfach den Frieden und die Intensit├Ąt dieser Szenerie genie├čen wollte, schritt er gem├Ąchlicher aus. Ein Eichh├Ârnchen kreuzte seinen Weg. Irgendwo klopfte ein Specht. Die V├Âgel sangen ihre Lieder. Er erreichte eine Lichtung. Fasziniert,von den verschiedenen Eindr├╝cken, betrat er sie. Es kam ihm vor, als ob er jeden Grashalm mit einer Klarheit und Sch├Ąrfe erkennen w├╝rde, die f├╝r normale Wesen unm├Âglich war. Er war etwas Besonderes. Ihn gab es nur einmal. Er war einzigartig.

Hier auf der Wiese der Lichtung war der Duft des Waldes besonders einladend. Es roch nach Gras und Tannenzapfen, irgendwo lag ein Hauch von Flieder in der Luft und er witterte auch Erdbeeren.

Er lief zu einem kleinen Bach, der in der N├Ąhe vor sich hin pl├Ątscherte. Als er sich zum Trinken ├╝ber seine Oberfl├Ąche beugte, bemerkte er, wie ihn jemand ansah. Aus dem B├Ąchlein heraus blickte ihn ein Augenpaar an. Es war eine Frau. Irgendwoher kannte er sie. Aber wo hatte er sie nur schon gesehen?

"Sie wachen, wenn ich mit dem Finger schnippe, wieder auf!" Nein, das wollte er nicht. Jetzt erinnerte er sich wieder. Nein, er wollte hier in seinem friedlichen Wald bleiben. Die Realit├Ąt in ihrer Welt wollte er nicht mehr sp├╝ren. Warum war sie nur immer so grausam und zwang ihn immer wieder zur├╝ck. Sie nannte es "das wirkliche Leben", aber f├╝r ihn war es nur eine leere, ├Âde Welt, ohne jegliche Freude.

Mit einem lauten Ruf sprang er auf und galoppierte davon. Diesmal w├╝rde es ihr nicht gelingen ihn zur├╝ckzuholen. Nur deshalb hatte er sich ├╝berhaupt zu noch einer Sitzung mit ihr ├╝berreden lassen. Wild h├Ąmmerte sein Herz, als er ├╝ber B├╝sche sprang und weglief. Vor IHR weglief. Kleine Zweige peitschten seinen K├Ârper, als er vorbeilief. Er wollte weg. Einfach nur weit weg von ihr.

Mitten im Sprung ├╝ber einen umgest├╝rzten Baum h├Ârte er es. Ein schnippendes Ger├Ąusch. Wie durch einen Tunnel f├╝hlte er sich rasen. Die leuchtenden Farben um ihn herum verblassten. Immer schneller raste er auf ein unangenehmes, grelles Licht zu. Nein. Nein. Nein. Er wollte das nicht. Er kniff die Augen zusammen.

Als er die Augen ├Âffnete, war er kein Einhorn mehr. Er f├╝hlte sich niedergeschlagen. Wieso konnte er nicht in seiner Zuflucht bleiben? Das Licht war unangenehm. Es schien fast so, als ob man in einem schwarz-wei├č Film sei. Er hatte Kopfschmerzen. Und Durst. Schrecklichen Durst versp├╝rte er. Vor ihm stand ein Glas Wasser. In gro├čen Schlucken trank er gierig davon. Es schmeckte schal. So wie alles in seinem Leben schal war.

"Hallo Herr Harm, wie geht es ihnen?" Das wollte sie immer wissen. "Schlecht", kr├Ąchzte er. "Ich habe doch schon mehrfach gesagt, dass ich nicht in die Realit├Ąt zur├╝ckgeholt werden m├Âchte!" Die Frau ihm gegen├╝ber war Mitte drei├čig, hatte die Haare streng nach hinten frisiert und blickte ihn durch ihre Brille an. "Aber Herr Harm, wir hatten doch von Anfang an gesagt, dass ihre Therapie nur Sinn macht, wenn ich sie nach Einnahme des LSD auch wieder in die Realit├Ąt zur├╝ckhole. Ich verliere meine Zulassung als Psychotherapeutin, wenn ich das nicht mache. Leider hat die Therapie ja offenkundig bei ihnen nicht angeschlagen. Wir haben jetzt f├╝nf Sitzungen hinter uns gebracht. Ich denke, wir m├╝ssen es erneut mit klassischer Therapie versuchen. Es sei denn... ."

Unsicher fuhr Peter Harm nach Hause. Der kleine Zettel mit einer Adresse und einem Namen, den ihm seine Therapeutin Sylvia Rausch gegeben hatte, wurde von ihm nerv├Âs immer wieder aufgefaltet, gelesen und dann wieder sorgf├Ąltig zusammengefaltet. Aber wollte er tun, was sie ihm vorgeschlagen hatte. Er brauchte Zeit zum nachdenken.

Drei Tage sp├Ąter war sich Peter sicher. Er wollte zu dieser Adresse fahren. Die Verzweiflung ├╝ber seine Unf├Ąhigkeit irgendetwas zu sp├╝ren war einfach zu gro├č. Schon mehrere Versuche seine Depression zu behandeln waren fehlgeschlagen. Dinge, die ihm fr├╝her Freude bereitet hatten, waren jetzt grau und unwichtig. Beziehungen waren in die Br├╝che gegangen, weil er aus Angst vor dem Verlust immer geklammert hatte, obwohl es keinen Grund daf├╝r gab. Einen Selbstwert konnte Peter schon lange nicht mehr erkennen.

Endlich war er da. Die Adresse auf dem Zettel hatte ihn zum Hintereingang eines alten Hauses in der N├Ąhe des Bahnhofs gebracht. Eine ganze Weile stand Peter unschl├╝ssig vor der T├╝r. Schlie├člich dr├╝ckte er doch den dritten Klingelknopf von oben.

Wieder zuhause dachte er kurz dar├╝ber nach wie einfach das gewesen war. Ein Typ in Schalketrainingsanzug hatte ihm ge├Âffnet und barsch gefragt, was er denn wolle. Als Peter ihm Sylvia Rauschs Namen genannt und 100 Euro gegeben hatte, bekam er, wonach es ihn verlangte.

Als sich die W├Ąnde seiner Wohnung bereits aufzul├Âsen begannen und er kurz davor war sich in das Einhorn zu verwandeln, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ob es ohne therapeutische ├ťberwachung klug gewesen war die gesamte Dosis LSD zu nehmen. Aber der Gedanke verschwand, als er sich wieder in seinem Wald befand. Dieses Gef├╝hl des muskul├Âsen K├Ârpers war wie immer berauschend. Die Farben und Ger├Ąusche versp├╝rte er mit allen Sinnen. Er war wie verzaubert.

Da, was war das f├╝r ein strahlendes, wunderbar gl├Ąnzendes Licht? Er galoppierte auf das Licht zu. Freude und auch ein wenig Unruhe erf├╝llten ihn als er dem Licht immer n├Ąher kam. Sein ganzer Sinn verlangte danach in das Licht zu gehen. Es war unbeschreiblich. Eine Flut von Eindr├╝cken, Erinnerungen und Gef├╝hlen traf ihn. Er F├ťHLTE etwas. Jetzt war er endlich gl├╝cklich und zufrieden.


N. D├╝rr

Letzte Aktualisierung: 26.05.2016 - 23.03 Uhr
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