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Der verzauberte Wald | Mai 2016
Die Treibjagd
von Sabine Esser

Ich kenne diesen riesigen, dämmerigen Herbstwald genau, und ich fürchte ihn. Schon der erste Schritt ist voller Gefahr. Ich sollte ihn nicht betreten, aber ich habe keine Wahl. Fast jede Nacht muss ich vor den Jägern flüchten. Schnell muss ich sein, sehr schnell. Wie ein Reh in Todesangst stürze ich mich in die Tiefe des noch lichten Waldes. Ich bin deutlich auszumachen. Mein langes weißes Kleid ist viel zu hell. Weiter muss ich, viel weiter. „Es duftet nach Moos und Pilzen“ nehme ich flüchtig wahr.

Mein Puls jagt gehetzt. Atemlos halte ich inne und horche angestrengt. In weiter Ferne höre ich ihre Stimmen. Ich kenne die Jäger seit langer Zeit. Sie tragen altmodische schwarze Gehröcke, hohe Zylinder und gezückte Duellpistolen. Das Schlimmste ist: Sie haben keine Eile. Sie gehen in breiter Reihe zwischen den Buchenstämmen einfach nur voran, Schritt für Schritt. Laut und plump und dumm. Immer voran. Sie geben sich keine Mühe, leise zu sein. Ich weiß, dass sie mich töten wollen. Und sie wollen mich mit einem einzigen Schuss erledigen, von Angesicht zu Angesicht.

Ich fliehe noch schneller, mein Atem ist nur ein Hauch. Meine nackten Füße fliegen blind über trockenes Herbstlaub, sperrige Äste und verwitterte moosige Baumstümpfe. Ich bin zu laut. Jedes leiseste Knacken ist weithin zu hören. Der Wald hält den Atem an. Die nächtliche Dunkelheit jetzt endlich ist meine vertraute Verbündete. Nicht einmal der Mond wagt sich in diesen Nächten hervor. Ich höre die Jäger nicht mehr, aber ich weiß, dass sie da sind. Immer noch. Weiter muss ich. Noch tiefer in den Wald hinein.

Spät erreiche ich den sicheren Ort, ein paar brüchige Marmorstufen sind es nur. Niemals bislang wagten die Jäger sich hierher. Mein Schweiß klebt kalt. Ich atme kaum. Fuß für Fuß, Zentimeter für Zentimeter taste ich mich die uralten, ausgetretenen, algenglitschigen Stufen hinunter. Meine nackten Füße sind taub von der eisigen Kälte. Es ist stockdunkel, ich kann nichts sehen. Meine Hände haben keinen Halt. Wenn ich falle, dann falle ich ins feuchtkalte Schwarz. Ich habe mich immer hierher gerettet. Die Angst vor dem Ungewissen ist geblieben. Es gibt keine Gewöhnung an den Tod.

Endlich erreiche ich den flachen Boden tief in der Erde. Ich darf nicht innehalten. Meine fühllosen Fußspitzen suchen in der muffigen Schwärze den nächsten Schritt. Die Marmorplatten sind trügerisch und glatt. Keinen noch so ekligen Halt finde ich links oder rechts von mir. Nichts kann ich hören, nur das Blut in meinen Ohren. Es wäre besser, bäuchlings zu kriechen. Trotzdem gehe ich aufrecht. Ich weiß seit langer Zeit, dass es hier keine Grenzen gibt. Und nicht messbar ist die Zeit in diesem lichtlosen, eiskalten Tunnel.

Dann stehen sie vor mir: Wie vom Hauch eines blassen Mondstrahls beseelt, wachen wunderschöne Frauen aus matt schimmerndem, pastell geädertem Marmor über meinen Weg. Wie in Zeitlupe und sehr, sehr leise schleiche ich auf Zehenspitzen ehrfurchtsvoll an ihnen vorbei. Auch diese Blicklosen in ihren römischen Togen kenne ich seit Ewigkeiten. Jedes Mal hier unten bleibe ich lange stehen und sehe sie an, diese unendliche Reihe versteinertes Leben. So zart, so jung, so schön. Hier könnte ich ewige Sicherheit finden, würde aber erstarren wie sie. Sie sind so grauenhaft eingesperrt, wollen sprechen, sind zu stummem Stein verdammt. Mein ganzer Körper schmerzt vor Mitleid. Jede einzelne bittet mich inständig um Leben, das fühle ich. Ich möchte ihnen von meiner wenigen Wärme geben. Meine Kehle ist trocken, und meine Augen brennen von ungeweinten Tränen. Ich kann sie nicht erlösen. Ich will nicht bleiben, ich will leben!

Wie Magnete wollen sie mich halten, mich zu sich ziehen. Meine Füße hängen an mir wie Blei. Mühsam bewege ich ein Bein vorwärts, atme tief, schöpfe Kraft aus dem Bewusstsein des Atmens und bewege das nächste Bein. Und noch ein Schritt. Und noch ein Schritt. Und noch ein Schritt. Dumpf, wie ein Lasttier, schleppe ich mich voran. Ich höre nicht auf. Ich höre ganz bestimmt nicht auf. Ich kann meine Schritte nicht zählen, ich muss sie gehen. Zu mehr bin ich nicht in der Lage. Schritt, Atem, Schritt, Atem taktet die Stimme in meinem Kopf.

Nach einer schieren Unendlichkeit fühle ich Erdkrumen unter meinen Füßen. Sie geben Halt. Der Weg wird trockener und geht sacht bergauf. Kein muffiger Todes-Marmor mehr, sondern die Vorahnung duftender Erde. Ich kann die frische Luft fast schon riechen und atme bewusst und tief. Ein Hauch von Tageslicht ist zu erkennen. Erschöpft taumele ich weiter, ich habe keine Angst mehr. Die Jäger waren hier noch nie. Die versteinerten Frauen auch nicht. Nur ich.

Noch ein paar mühsame Schritte, dann kommt die alte hölzerne Pforte, die ich stets sorgsam hinter mir schließe. Und gleich, gleich wird die große duftende Wiese mit all‘ ihren Blüten, Insekten und Schmetterlingen unter dem klaren Himmel wie eine Offenbarung vor mir liegen. Auch sie kenne ich seit Ewigkeiten. Wie freue ich mich darauf! Ich schließe die Pforte. „Ja, ich komme, ich bin gleich da“, jubelt es in mir.

Leicht und schnell eile ich den leise ansteigenden Weg voran. Meine Füße tauchen ein in die sonnige Wärme des Sandes. Zarte Birken nicken meinem wehenden Kleid freundlich hinterher. Was ist mir das Atmen plötzlich leicht!

Auf der Hügelkuppe halte ich inne. Da, direkt vor mir breitet sie sich aus in all‘ ihrer Blütenpracht. Wie jedes Mal überwältigt mich ihre schiere Größe. Am Horizont zeigt ein dunkelblauer Streif, dass dort das Meer beginnt. Den kann ich nur von hier oben sehen. Ich schaue und schaue. Ein tiefes Glücksgefühl erwärmt meinen Körper, alle Bedrängnis löst sich auf in rieselnden Tränen. Meine nassen Wangen zittern unkontrolliert vom Lächeln. Und plötzlich brechen Worte schluchzend sich Bahn: „Ich bin da! Ich bin endlich da!“

Und weit, weit breite ich meine Arme aus und fliege ihr entgegen. Immer schneller, schneller durch die zarten weichen Gräser, durch die bunten Feldblumen. Hinein in den Duft, hinein ins Leben. In mein Leben.

Letzte Aktualisierung: 14.05.2016 - 07.51 Uhr
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