Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Spott und Hohn | Juni 2016
Ein ganz normaler Tag
von Andreas Schmeling

Alfred war ein Mann ohne besondere Eigenschaften. Mittelgroß, mittelblond und mittelmäßig. Er arbeitete viel und hatte wenig Freizeit. Zum Glück konnte er sich in seine Arbeit vergraben, denn er hätte gar nicht gewusst, was er mit freier Zeit überhaupt anfangen sollte.
Täglich durchlief Alfred die gleiche Routine. Der Wecker klingelte immer um 6 Uhr 27 Minuten. Er gab sich exakt drei Minuten Zeit zum Wachwerden, um danach die Nachrichten im Radio zu verfolgen. Dann stieg er aus dem Bett und ging unter die Dusche. Anziehen, 235 Milliliter Kaffee kochen und genau zwei Scheiben Graubrot essen: eine mit Wurst und eine mit Käse. Alfred hasste Käse, aber noch mehr hasste er es, Routinen zu verändern.
Um Punkt 7 Uhr 48 verließ Alfred an Wochentagen seine Wohnung und ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den U-Bahn-Tunnel. Wenn die Bahn pünktlich kam und es keine unerwarteten Komplikationen gab, brauchte die U-Bahn 23 Minuten bis zu seinem Zielbahnhof und er anschließend noch 7,5 Minuten zum Büro. Hier setzte er sich an seinen Computer und analysierte Zahlenkolonnen. Nur selten hatte er während seiner Bürozeiten direkt mit Kollegen oder Kolleginnen zu tun. Alle Kommunikation lief zum Glück über Emails. Auch die Mittagspause verbrachte Alfred lieber allein mit seinen zu Hause vorbereiteten Broten. Ebenfalls wieder eins mit Wurst und eins mit Käse - obwohl er Käse doch so hasste.

Nach genau 29 Minuten Mittagspause arbeitete Alfred ohne Unterbrechung bis 19 Uhr 57 Minuten weiter. Um spätestens 20 Uhr musste er nämlich das Bürohaus verlassen haben. Alfred wollte ungern auch nur eine Minute früher gehen. Nicht, weil er viel zu tun hatte oder er seine Arbeit besonders liebte. Nein, einzig und allein, weil ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel.

Zu Hause angekommen schlürfte Alfred in der Regel noch eine Tütensuppe, schaute 2 Stunden Fernsehen und ging dann ins Bett.
Die Wochenenden verliefen ähnlich eintönig und geregelt. Statt seiner Arbeit erledigte Alfred die Einkäufe am Sonnabendvormittag und schaute das ganze Wochenende Fernsehen. Obwohl ihn seine Arbeit nicht befriedigte, sehnte er doch stets den Montag herbei.

Auch an diesem Montag klingelte wieder um 6 Uhr 27 der Wecker. Noch war nichts anders als sonst. Erst als Alfred aus der Dusche kam und sich seinen Kaffee zubereitet hatte, roch er, dass dieser heute besonders gut duftete. Sogar das ungeliebte Käsebrot aß er heute mit ein wenig mehr Appetit.
Als Alfred vor die Haustür trat, war es heller als sonst. Und dann realisierte Alfred das Unvorstellbare: Statt Menschen gingen nur Unterhosen über die Bürgersteige. Lange Unterhosen, knappe Slips, Männerunterwäsche, Dessous und vereinzelt ein paar Bikinis. Alfred sah keine Menschen, sondern nur Unterwäsche, die sich wie von Geisterhand geführt fortbewegte. Er verstand die Welt nicht mehr und rieb sich erstaunt die Augen. Was war das denn? Verwundert sah er sich um, als ihn eine gestreifte Boxershort anrempelte und „Hee, pass auf“ schrie. Alfred sah verdutzt, wie sie sich gummizugbundschüttelnd entfernte.

Alfred kniff sich in die Hand, wollte prüfen, ob er wach war. Er spürte den Schmerz, aber die ganze Unterwäsche wanderte weiter über die Bürgersteige. Er schaute auf die Uhr und stellte fest, dass er schnell zur Bahn musste, wollte er noch pünktlich zur Arbeit kommen. Also verdrängte Alfred die merkwürdige Begebenheit und begab sich in den U-Bahntunnel auf der anderen Straßenseite. Hier erwartete ihn die nächste Überraschung: Statt der U-Bahn fuhren die aneinandergereihten Gondeln eines Kinderkarussells ein. Alfred wählte einen noch freien Feuerwehrwagen und quetschte sich durch das kleine Türchen. Der seltsame Zug aus Polizeiautos, Hubschraubern, Pferden, Unterhosen und Alfred setzte sich langsam in Bewegung. Unterwegs stieg immer wieder Unterwäsche ein und aus. Die Wäsche las Zeitung, schaute auf Handys oder starrte aus den Karussellwagen - was Unterwäsche auf der Fahrt zur Arbeit eben so machte. Schließlich erreichte Alfred seine Station.

Er war auf fast alles gefasst, als er aus dem U-Bahnschacht auf die Straße trat. Allerdings entwich dann doch ein etwas verwundertes „Ohh“ seinem Mund, denn er beobachtete menschengroße Osterhasen, die auf Sprungstäben durch die Gegend hüpften. Die Osterhasen sprangen um ihn herum und lachten ihn aus.
Vielleicht ist ja alles wieder gut, wenn ich erst einmal im Büro bin, dachte Alfred und sprintete schnell über die Straße. Er wich dabei den umherhüpfenden Osterhasen aus, die sich laut gackernd unterhielten. Alfred verstand kein Wort, aber ganz offensichtlich machten sich die Hasen über ihn lustig. Auf den letzten Metern vor dem Eingang zum Bürohaus wäre Alfred fast noch auf einem Schokoladenei ausgerutscht. Mit beiden Armen rudernd und vor sich hinstolpernd erreichte Alfred mit letzter Kraft die schwere Eingangstür und warf sie hinter sich zu.
Alfred rutschte vor Erschöpfung und Erstaunen auf den Fußboden hinab. Er tupfte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Was war hier bloß los? Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Vielleicht hatten seine Kollegen im ersten Stock eine Erklärung. Also rappelte er sich auf und ging die Treppe hoch. Oben angekommen öffnete er die Eingangstür zu seiner Firma. Die Stühle seiner Kollegen waren leer. Stattdessen stand vor jedem Computer ein Goldfischglas mit einem sprechenden Fisch darin. Die Goldfische grüßten ihn freundlich und widmeten sich dann wieder ihrer Arbeit. Wie machen die das bloß, überlegte Alfred, ich kann weder Telefon noch Tastatur in den Gläsern entdecken?! Allerdings hörte er blubbernde Gespräche und auch auf den Monitoren änderten sich ständig die Zahlenkolonnen. Die kleinen Flossen der Goldfischkollegen bewegten sich fließend und tippten auf ihm unsichtbare Tastaturen.
Der hinterste Raum im Flur war das Zimmer seines Chefs. Hierhin wollte Alfred. Er musste mit dem einzig vernünftigen Menschen hier im Büro reden - seinem Vorgesetzten.
Statt Herrn Meier hockte nur ein großer Affe auf dem Sessel. Die Ähnlichkeit ist schon verblüffend, dachte Alfred. Obwohl er keine Antwort von dem Affen erwartete, der sich gerade eine Banane ins Ohr steckte, musste er es einfach fragen: „Herr Meier, wissen Sie, was hier los ist?“
„UGG“, war der einzige äffische Kommentar, während die aus dem Ohr gezogene Banane knapp an Alfreds Kopf vorbeiflog. Verzweifelt rannte Alfred zurück auf die Straße. Dabei spürte er, wie seine Goldfischkollegen verdutzt hinter ihm herschauten und verwundert ihren Fischköpfen schüttelten.
Auf der Straße erblickte er wieder überall die hüpfenden Osterhasen. Alfred schrie lauthals und rannte voller Panik einfach irgendwo hin. Jemand musste ihm Drogen gegeben haben oder er war einfach von einem Tag auf den anderen verrückt geworden. Es konnte keine andere Erklärung geben!
Überall sah er seltsame Dinge. Gegenstände veränderten sich und wurden plötzlich lebendig. An jeder Ecke lauerten Schatten, die darauf warteten, Alfred zu verschlingen. Fabelwesen, sprechende Hamster und viele weitere Absonderlichkeiten flogen, hüpften und krochen auf ihn zu. Fast alle der seltsamen Lebewesen und lebendig gewordenen Gegenstände lachten ihn aus und zeigten mit Pfoten oder anderen Dingen auf ihn. Mit weit aufgerissenen Augen flüchtete Alfred in einen nahegelegenen Park, stolperte und landete kopfüber in einem Brunnenbecken.
Sein Kopf tauchte unter Wasser und schlug auf dem Beckenboden auf. Alfred wurde schwarz vor Augen und eine friedvolle Ohnmacht überkam ihn. Plötzlich schreckte er im Bett hoch, denn sein Wecker klingelte wie immer genau um 6 Uhr und 27 Minuten. Schweißgebadet aber sehr erleichtert, dass er dem Albtraum entkommen war, ließ sich Alfred zurück aufs Kopfkissen fallen.
Puhh, was für merkwürdige Erlebnisse. Was für ein schrecklicher Traum! Nach der Dusche, dem Kaffee und den zwei Scheiben Graubrot, wurde Alfred langsam wieder ruhiger. Der Büroalltag mit der immer gleichen Routine konnte kommen. Nun sollte sein ganz normaler Tag wie gewohnt weitergehen. Das tat er auch. Jedenfalls bis zu der Sekunde als Alfred auf die Straße trat und…

Letzte Aktualisierung: 25.06.2016 - 09.34 Uhr
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