Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Glädja Skriva IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Spott und Hohn | Juni 2016
Der Blow-Job
von Glädja Skriva

Es war Leas erstes Mal. Sie war aufgeregt und unsicher zugleich.
Mit einer kurzen Handbewegung warf sie ihr weizenblondes Haar zurück, das über ihre Schultern, den Rücken entlang, wie ein Wasserfall bis zu ihrem gerundeten Po floss.
Sie stöhnte. Ein bisschen lauter als sonst. Dann benetzte sie ihre Lippen mit der Zungenspitze, bis diese feucht in der Abendsonne glänzten. Geschmeidig sollten sie sein.
„Was wäre, wenn er …?“
Sie schüttelte leicht den Kopf, schloss die Augen. Ihre langen, getuschten Wimpern umfassten ihre inneren Bilder, die zu tanzen begannen und schließlich kleine Kreise in ihrem Körper bildeten. Ihre Brüste hoben und senkten sich. Erst zaghaft, dann schneller, bis sie ihren eigenen Rhythmus fanden.
Lea musste sich räuspern. Abrupt kam alles außer Takt. Sie fühlte sich wie unter einer eiskalten Dusche und japste kurz nach Atem.
Nur nicht daran denken. Sie war nicht Lea, sondern würde Kylie sein. Begehrt, erotisch. Ihre Phantasie trug sie erneut mit sich fort und begann zu brennen. Im Mund. Im Hals. Im Brustkorb. Bis zur Scham.
Ihre Finger tasteten sich langsam vor. Sie schürzte leicht ihre feuchten Lippen und legte sie behutsam auf die Öffnung. Spielte vorsichtig darin mit ihrer kleinen, roten Zunge. Immer wieder. Schließlich hielt sie kurz inne. Verweilte.
Ihre Hand umschloss umso fester, bis sie sich erneut nach vorne beugte und dann lutschte, saugte. Zögerlich noch, dann jedoch gierig aufsaugend, bis ihre Lippen zu prickeln anfingen. Anschwollen. Nicht nur die Lippen – und eine der kleinen Wellen über sie hinwegrollte und sie mitriss und es – schmerzte.


* * * *



Wenige Tage später war Gigis Geburtstag. Er glich jedes Jahr einem kleinen Feuerwerk in dem Kuhdorf in der Nähe von Witten, in dem sonst das einzige Großereignis darin bestand, den besten Zuchtbullen zu küren, dessen Sperma sich hochpreisig und tiefgekühlt ins Ausland verticken ließ.
Nach der vierten Flasche Schampus in der Weiberrunde war die Stimmung ausgelassen, die Sitzhaltung ungeniert und der Schnatterpegel stand kurz vor dem Durchbruch der Schallgeschwindigkeit. Es war Zeit, einige durch den Kakao zu ziehen, natürlich augenzwinkernd und keineswegs ernstzunehmend.
Zwischen Tortillachips und Erdnussflips knusperte es aus Gigis Mund: „Habt Ihr schon Lea gesehen?“
„Sollten wir, so farblos wie die ist?“, antwortete Elisabeth, bereits etwas alkoholmüde, und strich dabei ihren rosa Samtrock glatt, den sie einmal im Jahr zu Gigis Geburtstag hervorholte und der um ihren Wurstbauch kleine, abgeschabte Stoffstellen und eine verblasste Farbe in Altrosa aufwies.
„Na, dieses Mal war sie nicht zu übersehen, mit diesen aufgesprungenen Lippen. Wie Muhammad Ali nach einem Boxkampf. Aber der gewann zumindest seine Runden …“
„Frank wird sie doch nicht geschlagen haben?“, mischte sich Luise ein, die Mutti der Runde.
„Geschlagen? Nie und nimmer.“ Gigi hustete wegen der Erdnusskrümel und spülte kräftig mit dem Schampus nach. „Der steht auf ganz andere Spielchen.“ Sie kläffte wie ein Hund. Tinkerbell, das Schoßhündchen von Gigi, das seinen Kopf auf den mütterlichen Schoß von Luise gelegt hatte, spitzte die Ohren, bleckte die Zähne und knurrte.
„Schluss, aus, Tinkerbell“, wies ihn Chantal, die Jüngste in der Runde, scharf zurecht. „Sonst gibt es etwas auf das Popöchen!“ Sie wackelte gespielt ärgerlich mit ihrem Finger.
„Aber Frank mag so etwas doch nicht?“, fragte Luise mit schreckgeweiteten Augen, während sie die Ohren von Tinkerbell kraulte, der sich wieder beruhigt hatte.
Die Antwort blieb im Zigarettenrauch hängen.
„Also, ich habe gehört …“, warf Gigi ein. Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill still. „Also, ich habe gehört, …“, setzte Gigi nochmals an. Die Köpfe von Luise, Chantal und Elisabeth rückten enger zusammen. „dass zwischen Lea und Frank nichts mehr läuft.“
„Das wundert mich nicht“, meldete sich eine desinteressierte Stimme, dieses Mal von Rieke, die als Letzte der Clique leise dazugetreten war. „Wer will auch schon mit einem farblosen Phantom Sex haben?“
„Alwin, zum Beispiel“, räumte zu Leas Verteidigung Elisabeth ein, die langsam wieder aufgewacht war.
„Ach, Alwin“, sagte Gigi schnippisch. „Vor den könnten wir uns alle splitternackt hinstellen, der würde keine von uns anrühren.“
Ein allgemeiner Entrüstungssturm entbrannte.
„Ja, wenn der schmächtige Neffe vom Helmut-Wirt dabei wäre …“
„Und was hat das jetzt mit Lea zu tun?“, fragte Rieke, die es immer kurz und knapp auf den Punkt bringen wollte, wobei sie ungeduldig mit ihren Fingern auf das Sektglas klimperte.
„Na ja, eigentlich dürfte ich es Euch ja nicht erzählen, weil Silke es mir gaanz im Vertrauen gesagt hat.“ Gigi senkte das zweite Mal an diesem Abend die Stimme. „Aber bei Euch weiß ich ja, dass es unter uns bleibt. Nicht wahr, Ladies?“ Gigi schaute zufrieden in vier neugierig aufleuchtende Augenpaare, die verschwörerisch nickten.
„Frank hat sich bei Silke ausgeheult. Er kann nicht mehr. Wegen Lea. Am Anfang fand er es noch sexy, wenn Lea im Melkstand mit ihren halterlosen schwarzen Strümpfen herumstöckelte, aber als sie dann das Ausmisten vernachlässigte … und schließlich einfach ein paar Tage nach Italien verschwand … Abends hat sie ihn dann immer in eindeutigen Dessous empfangen. „Ob er sie denn nicht mehr liebe?“, habe sie ihn ständig bedrängt. Vor ein paar Tagen hat sie dann den Bogen überspannt: Mit riesigen, aufgeplusterten, blutunterlaufenen Lippen überfiel sie ihn regelrecht und wollte …“
Eine Welle des Mitleids für diesen gebeutelten Ehemann wogte über die Geburtstagsrunde hinweg.
Bis Chantal kicherte: „Also, i c h hätte jederzeit ein offenes Ohr für ihn, falls Silke einmal keine Zeit für ihn hat.“ Ihre malerisch vollen Lippen, um die sie jede in der Runde beneidete, lächelten.
„Lea ist und bleibt eben ein Grobmotoriker.“ Sie rollte, gespielt mitleidsvoll, ihre Augen. „Sie wird immer ein Bauerntrampel bleiben. Da helfen auch die besten youtube links nichts.“
„Was meinst du denn damit?“, setzte nun Rieke nach, die immer allem auf den Grund ging.
„Na, wegen ihrer aufgeplatzten Lippen. Da hat es Lea wohl übertrieben. Mit dem Saugen hat sie es nicht so.“ Sie lachte. „S o macht man das!“ Sie hob die leere Schampusflasche an ihren göttlich geformten Mund und erzeugte mit der Atmung einen leichten Überdruck. Ihre Lippen rundeten sich, zum Küssen schön.
„Ich glaube, Frank steht eher auf das einfühlsame und doch ... zielgerichtete Lutschen.“ Sie leckte ihre Lippen mit der Zunge und grinste. „Wir sollten ihn als Testperson einladen. Für eine „Kylie Jenner – Party.“
Die Weiberrunde grölte.
„Aber Lea müssen wir auch einladen“, gab Luise, nun mütterlich, zu bedenken.
„Wir wollen sie doch nicht entmutigen, Luise! Auf uns! Botox ist out. Es lebe die „Kylie Jenner – Party.“
„Und nicht zu vergessen: Auf die Testperson!“, kicherte Chantal erneut.
Vier Sektgläser klirrten. Elisabeth schnarchte und Tinkerbell spitzte sein Schnäuzchen.


* * * *



Draußen stand Lea, die alles mitangehört hatte. Ihre aufgerissene Lippe zitterte. Sie weinte.


© P.S./Glädja Skriva/Juni 2016/ Endversion

Letzte Aktualisierung: 27.06.2016 - 07.07 Uhr
Dieser Text enthlt 7299 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.