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Vermutungen | Juli 2016
Kaugummi und Sex
von Eva Fischer

Die Reise war zu Ende. Ich klappte den Roman zu, verbot mir jede weitere Evasion.
Ich stieg aus dem Zug, drängelte mich gemeinsam mit den anderen zum Ausgang. Die Stadt lag unter einer Dunstglocke, aus der Nieselregen tröpfelte. Keiner hob den Blick. Es gab auch nichts zu sehen da oben. Keinen azurblauen Himmel, nur undefinierbares Matschgrau. Auf den quadratischen, aschgrauen Steinen des Gehweges prangten überall Flecken wie eitrige Pusteln. Irgendwann mochten sie weiß gewesen sein, aber mittlerweile hatten sie einen Gelbstich. Sie waren unbestritten eine ewige Symbiose eingegangen, hart mit weich, dunkel mit weiß, Yin mit Yang.

Und da überfiel mich plötzlich die Sehnsucht nach Kaugummi und Sex. Beides hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gehabt. Warum ich gerade jetzt daran dachte, weiß ich nicht. Und in welcher Beziehung beide zueinander standen, auch darauf fiel mir keine Antwort ein.

Sich Kaugummi zu beschaffen war nicht schwer. Ich musste nur am nächsten Kiosk anhalten und nach Wrigley, irgendwas Pfefferminzartigem fragen. Früher mochte ich viel lieber den Kaugummi mit Erdbeergeschmack, mit dem sich Blasen machen ließ, die mich später an Kondome erinnerten.
Wann war ich es leid geworden, Blasen zu machen?
Vielleicht, weil ich selbst in einer Blase lebte? In einer wolkigen Gedankenblase oder in einer durchgezogenen Bla-Bla-Sprechblase? Blasen, die leicht zerplatzen, einem dann den Mund verklebten oder das Gehirn verkrusteten.
Nun wollte ich mich endlich der Hässlichkeit des Seins stellen, nicht mehr vor ihr davonlaufen. Der Kaugummi war meine Eintrittskarte.
Er fühlte sich ungewohnt an, füllte meinen ganzen Mund aus, forderte meine ganze Konzentration, klebte nicht mehr ganz selbstverständlich zwischen meinen Zähnen wie früher, als ich meine Nervosität zerkaute, meine Fragen endlos wiederkaute. Ich zündete mir eine Zigarette an. Kaugummi und Zigarette, das war wie Jonglieren mit zwei Bällen.

An der Ampel beobachtete ich sie. Männer und Frauen, aufgereiht an einer Kette. Als ob sie nicht zusammengehörten, sahen sie gelangweilt in unterschiedliche Richtungen. In den Auslagen lockten sexy Overalls in Schwarz und Rot aus billiger Synthetik. Sex ohne Liebe. Keine Tränen, keine Fragen, keine Gedankenblase. Einfach aushalten! Sich gegen den Sturm der Emotionen stemmen.
Mit dem Sex wird es nicht so leicht wie mit dem Kaugummi, vermutete ich. Es gibt keinen Kiosk, wo man anhalten und zwischen unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wählen kann, brünett oder blond, mollig oder schlank. Puffs kamen für mich nicht in Frage. So weit war ich noch nicht mit dem Abbau von Gefühlen. Sweet little lies war mein Methadon vor dem völligen emotionalen Entzug.
Ich musste also auf die Jagd gehen wie früher. Aber dieses Mal wollte ich das Wild erlegen, nicht zähmen. Wild zähmen, ein Widerspruch in sich. Ich schüttelte den Kopf über mich und meine Naivität.

An der nächsten Ampel schaute sie mich etwas länger an als üblich mit ihren kurzsichtigen Rehaugen. Eine in die Jahre gekommene Barbie, an der kein Ken kleben geblieben war. Die nach unten gezogenen vollen Lippen signalisierten sowohl Bitterkeit als auch Hunger. Sie entsprach ganz meinem Beuteschema.
„Entschuldigen Sie, ich bin neu in dieser Stadt. (Lüge. Ich bin hier geboren, kenne jede Ecke.) Ich suche ein Hotel. Können Sie mir etwas empfehlen? Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffe einladen?“ (Kaffee klingt seriös?!)
Sie blickte mich nicht abwehrend an. Eher schien sie zu überlegen, worauf sie Lust hatte, auf welches Sushi sie tippen sollte, das auf einem Fließband vor ihren inneren Augen vorbeizog.
„Wir könnten essen gehen“, schlug sie vor. „Ich kenne ein gutes Lokal. ‚Zum bösen Chinesen’ um die Ecke.“
Sie lächelte.Ihre makellosen Zähne blitzten mich auffordernd an.

Ich streichelte ihr über ihr Dekolleté, während sie das Hähnchen mit kräftigen Bissen zwischen ihren Zähnen zerkaute.
„Wir können noch einen Kaffee bei mir trinken. Ich wohne nicht weit von hier“, schlug sie vor und strich mir über die Finger.
„Ja, der Nachtisch fehlt noch“, flüsterte ich und steckte meine Zunge in ihren Mund.
„Nicht so ungeduldig, mein Kleiner“, wies sie mich zurecht und nippte an ihrem Weißwein.

Es ging alles schnell und einfach, fast so wie beim Kauf des Kaugummis. Sie ließ mich die Farbe des Kondoms wählen. „Ich nehme Erdbeere“, sagte ich und sie reichte mir Rosa.
Wir zogen uns gegenseitig aus. Ich bewunderte ihre Dessous, schwarz, klein und knapp, ohne Rüschen, kein billiges Polyester.
Als ich in sie eindrang, hämmerte es in mir rhytmisch zum Liebesakt: Sex ohne Liebe, Sex ohne Liebe... Wie ein Besessener wiederholte ich es immer wieder, um mich anzufeuern, doch der Körper gehorchte mir nicht. Die anfängliche Erregung ließ nach, verwandelte sich in Kaugummi zwischen meinen Beinen. Ich öffnete die Augen und da sah ich ihren höhnischen und verachtenden Blick.
Eine heiße Welle der Wut stieg in mir hoch, überrollte mich. Mit beiden Händen packte ich ihren Hals und drückte zu. Sie war zu überrascht, brachte keinen Laut heraus, zappelte wie ein Fisch im Trockenen. Nur nicht loslassen! Der Hässlichkeit in die hervorquellenden Augen schauen!
Als es vorbei war, zog ich eine Packung Kaugummi aus der Hosentasche, kaute zwei Streifen an und verklebte ihr damit die leblosen Augen. Dann zog ich mich an und schloss die Tür hinter mir.

Ich ging zurück zum Bahnhof. Es nieselte noch immer. Ich spuckte meinen Kaugummi aus, klebte ihn auf dem Asphalt fest, wollte mich verewigen wie auf dem berühmten Hollywood Boulevard vor Grauman’s Chinese Theatre. Hier, in dieser tristen Stadt, waren es jedoch die Namenlosen, die ihre Spuren hinterlassen hatten. Kaugummi und Stein. Man würde sie nie mehr wieder trennen.

Mein Appetit auf Kaugummi und Sex war mir vorerst vergangen.
Bevor ich in den Zug stieg, warf ich meinen abgegriffenen Liebesroman in eine Abfalltonne. Romane liest man nicht, man lebt sie, dachte ich.

Ich vermute, die Bullen werden mich nicht schnappen. Nur Romanhelden müssen sich dem Gesetz unterordnen, damit die Guten siegen.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.

Letzte Aktualisierung: 06.07.2016 - 07.03 Uhr
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