Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Vermutungen | Juli 2016
Empowerment fĂŒr die Soja Cousine
von Jochen Ruscheweyh

Der inkognito auf der Party anwesende Weltbestsellerautor zog eine Linie DruckerschwĂ€rze durch die Nase hoch, reichte mir das Röhrchen und sagte: „Es gibt immer jemanden, der beschissener schreibt als du, Junge!“
Ich nickte.
Denn, was er sagte, stimmte.
Er hatte recht.


Hatte er das wirklich? Mir kamen Zweifel, als ich mir eine XXL-Portion Tequila-Wackelpudding auf den Teller löffelte. Der Wackelpudding wĂŒrde so lange stabil bleiben, wie ich den Teller nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig in Schwingung versetzte. Und die Raumtemperatur mĂŒsste logischerweise konstant bleiben.
Ich war mir nicht sicher, wie ein menschliches Hirn aussah, aber wahrscheinlich nicht viel anders als dieser aromatisierte Haufen, der vor mir auf dem Teller jede meiner Handbewegungen mitging.
Gut, ein Menschenhirn wies vielleicht eine Spur mehr Lila oder Braun auf, aber waren Farben letztendlich nicht auch nur Metapher fĂŒr GemĂŒtszustĂ€nde?
Niemand wĂŒrde erwarten, dass blue suede shoes wirklich blau wĂ€ren oder sĂ€mtliche Stellen an Pinks Körper auf Spuren von Rosa untersuchen.
Vielleicht war mein Hirn im Gegensatz zu seinem einfach nicht dafĂŒr gemacht, Bestseller zu schreiben.
Und vielleicht nahm es eben gerade nicht Bewegungen von außen auf und ging sie mit, wie der Tequila-Wackelpudding, sondern verhielt sich eher wie ein hingeklatschter Haufen Kartoffelbrei.
TrÀge.
Starr.
Und unflexibel.

Der inkognito auf der Party anwesende Weltbestsellerautor machte inzwischen Konversation mit einer jungen Frau, die ihre attraktiven weiblichen Formen in einem unvorteilhaften Hosenanzug versteckte.
Er winkte mich heran.
Ich hÀtte eigentlich lieber meine Defizite reflektiert, und zwar allein, folgte seiner Einladung der Höflichkeit halber aber dennoch, stellte mich also zu ihnen.
„Es tut mir leid, mein thi Ă€htsch ist furchtbar“, begrĂŒĂŸte mich die Frau. Ich hatte keine Gelegenheit, einen fragenden Gesichtsausdruck anzunehmen, da sie bereits hinterherschob: „Ich brauche allerdings auch gar kein besseres, denn ich schreibe Sozialarbeiterinnen-Romane, die im deutschsprachigen Raum spielen. Nebenbei bemerkt, Sie mĂŒssen unbedingt die CrĂȘpes probieren, die sind umwerfend. Der Arbeitstitel meines aktuellen Manuskripts heißt ĂŒbrigens Empowerment fĂŒr die Soja Cousine.“
Ich warf dem inkognito auf der Party anwesenden Weltbestsellerautor einen Blick zu, den dieser auffing und seinerseits mit dem Anflug eines LĂ€chelns beantwortete.
Was fĂŒr Weltbestsellerautoren sicherlich schon eine expressive Geste war, ĂŒberlegte ich.
Ohne weiter nachzudenken, hakte ich mich bei ihr unter und bugsierte sie diskret Richtung Buffet.
„Aber nein, Ihre Art dieses anglikanische Lautmal-KunststĂŒck zu zelebrieren wirkt charmant, wenn nicht gar zauberhaft“, griff ich ihre Einleitung auf. „Schreiben Sie eigentlich hauptberuflich?“
„Noch nicht vollstĂ€ndig“ Sie machte einen langen Arm, durchbohrte den obersten CrĂȘpe mit einer Dessertgabel und traktierte ihn auf einem Teller. Ich hasse es, wenn jemand ein gebackenes Kunstwerk entwertet, indem er seine OberflĂ€che zerstört, nur um den Serviervorgang abzukĂŒrzen.
„Gehen Sie mit ihren Figuren auch so um?“, fragte ich die CrĂȘpes-Mörderin und deutete auf die geöffnete Teigstelle, aus der die rötliche Masse - eine Absinth-Kronsbeeren-Symbiose - herausquoll.
„Mord ist mir zu primitiv“, ließ sie nebenbei fallen, wĂ€hrend sie mit dem wellengeschliffenen GabelrĂŒcken ein StĂŒck Teig aus dem CrĂȘpes heraussezierte und dann zum Mund fĂŒhrte. Zu ihrem wohlbemerkt, da ich anfangs davon ausgegangen war, dass sie mich zuerst kosten lassen wĂŒrde.
Es mag ĂŒbertrieben wirken, aber ich fĂŒhlte mich an nordische WalfĂ€nger erinnert, die besiegte Riesen-MeeressĂ€uger an arktischen StrĂ€nden zerlegen.
„Wissen Sie“, fuhr sie fort, „ich bevorzuge den subtilen Psychothriller mĂ€rkischer Sozialverwaltungen und ehrenamtlicher Selbsthilfenetzwerke im Hochsauerlandkreis.“
„Und wissen Sie was? Ich denke, ihre Protagonistin heißt hundertprozentig Greta oder Polonia und ist genau so eine Pussy wie Sie, die ihre Komplexe in hĂ€sslichen HosenanzĂŒgen versteckt. Außerdem halte ich jede Wette, dass Sie einen Schrank voll halbfertiger Manuskripte zu Hause stehen haben, weil ihr Problem ist, dass sie ad 1 nichts zu erzĂ€hlen haben und ad 2 nicht auf den Punkt kommen können! Und jetzt geben Sie mir den verdammten CrĂȘpes!“
Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf, Luft aus ihren FĂŒĂŸen zischte und sie in einer zickzackartigen AufwĂ€rtsbewegung wie ein entknoteter Ballon gen Decke schoss.

Vermutlich war sein Anliegen gewesen, seine These von vor ein paar Minuten zu bebildern und möglicherweise hĂ€tte ein Wackelpudding-Hirn seinen Input aufgegriffen. Solange ich mich zur Kartoffelbrei-Fraktion zugehörig empfand, war ich ganz sicher no dog for his bone, kein Rezipient fĂŒr seinen Fingerzeig.
Er musste gespĂŒrt haben wie schwermĂŒtig mein Autorenherz in meinem BrustgefĂ€ngnis klopfte, denn er legte seinen Arm um meine Schultern und zeigte mit der freien Hand Richtung Decke: „Lass ein bisschen VarietĂ© in deine Schreibe und sie kommerzialisiert sich von selbst!“
Meine Pupillen brauchten einen Moment, um zu fokussieren. Sie hatte den Hosenanzug gegen einen eng anliegenden Catsuit getauscht, die Haare streng zurĂŒckgebunden und schwang an einem Trapez unter Decke. Der einzige Schönheitsfehler: Sie war auf die GrĂ¶ĂŸe einer Elster geschrumpft, und in Analogie zu ihren Abmessungen krĂ€chzte sie nun drei Oktaven höher (was einem schrillen TschĂ€pen gleich kam) von Echolot (Epilog?), Pansenbohnen (Spannungsbogen?) und Zentis-Gemetzel (Tempiwechsel?).
Der inkognito auf der Party anwesende Weltbestsellerautor raunte mir zu: „Wenn du es nicht tust, Junge, dann bin ich mal so frei ...“, stellte sich unter das Miniaturtrapez und bearbeitete es mit seinen FĂ€usten, wie ein Boxer diesen kleinen Trainings-Speedball, der in Sportstudios unter der Decke hĂ€ngt.
Ich zog eine weitere Linie DruckerschwĂ€rze hoch, wischte mir mit dem HandrĂŒcken unter der Nase lang und fasste einen Entschluss.
Ich konnte mich so durchs Leben hangeln oder der Welt mitteilen, dass sie mich am Arsch lecken könnte, wenn sie meine Schreibe nicht mochte, ich sie jedoch umarmen wĂŒrde, wenn sie ihr eine Chance geben wĂŒrde.
Ich klappte den inkognito auf der Party anwesenden Weltbestsellerautor zu und steckte ihn in meine GesĂ€ĂŸtasche, stand auf und sagte: „Auch wenn das keinen hier interessiert, ich bin kein Somnambulist, ich bin nur etwas introvertiert und stehe nicht so gerne im Mittelpunkt. Aber in mir drin handeln jeden Tag fĂŒnf bis sieben unterschiedliche Romane. Und eines Tages habe ich auch raus, wie ich sie aufschreibe. Also wĂŒrdet ihr mir bis dahin bitte den Gefallen tun und mich so behandeln, als wĂ€re ich vollkommen normal? Danke!“
Ich zog meine Jacke an und drĂ€ngte mich an „der traut sich was!“, „was fĂŒr ein Spinner!“, „er hat einen hĂŒbschen Hintern, aber ist halt so nicht ganz dicht ...“ und „so ein selbstverliebtes Arschloch!“ vorbei.

Unten auf der Straße konnte ich wieder frei atmen. Ich holte mein Handy heraus und wĂ€hlte die Nummer meines Festnetzanschlusses.
Jemand nahm ab.
Im Hintergrund hörte ich die GerÀuschkulisse meiner eigenen Party, die ich gerade verlassen hatte.

Letzte Aktualisierung: 27.07.2016 - 10.06 Uhr
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