Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Erinnerungen | August 2016
Nanitisiert
von Ingo Pietsch

Ein schlechtes Gewissen ist der beste Beweis für ein gutes Gedächtnis – Selma Lagerlöf

Beim Italiener um die Ecke
Dave betrachtete Karen, die ihm gegenübersaß, und ebenfalls mit ihrer Pizza kämpfte. Der Boden war viel zu knusprig geworden und überall lagen schon Krümel auf dem Tisch.
Karen strich sich eine rotgoldene Haarsträhne aus dem Gesicht und entblößte dabei kurz ihre vernarbte Wange und das Kinn.
Sie blickte auf. „Was ist?“, fragte sie lächelnd.
Dave schätzte sie auf Mitte vierzig, genau wie er selbst und fand sie sehr hübsch.
Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Gleich eimerweise war der Regen vom Himmel gefallen und ihr Buchladen war seine letzte Rettung gewesen. Sie wirkte sehr schüchtern. Und als er ihre Narben entdeckte, ahnte er auch, warum. Er fühlte sich sofort zu ihr hingezogen. Sie bot ihm einen heißen Kaffee an und so waren sie ins Gespräch gekommen.
Mit seinem schütteren Haar und seiner Hornbrille war er zwar nicht der Sexiest-man-alive, aber er besaß durchaus seine Qualitäten.
Dave dachte darüber nach, dass er sie so ohne weiteres ins Restaurant eingeladen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, je so spontan gewesen zu sein. Auch sein letztes Date lag eine Ewigkeit zurück. Er fühlte sich einfach gut, als wäre er von einer schweren Last befreit worden. Und er wusste, er würde auch Karen möglicherweise helfen können.
Währen des Essens hatte sie ihm ungefragt erzählt, dass die Narben von einem Barbecue-Unfall aus ihrer Kindheit stammten.
Sie hielt nichts davon, sich unter Menschen zu begeben. Ihr kleiner Laden lief ganz gut und sie konnte davon leben.
Dave erzählte daraufhin, dass er Wissenschaftler sei und Traumata-Forschung betrieb, um Menschen zu helfen, denen Schreckliches widerfahren war.
Gleich darauf ergänzte er, als er Karens wütenden Gesichtsausdruck sah, dass das Treffen rein gar nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte und dass er sie sehr sympathisch fand.
„Der Boden ist zu hart“, meinte er, als mit dem Messer abrutschte.
„Wollen wir lieber gehen? Wir könnten noch eine Pita oder so essen.“ Sie legte ihr Besteck weg.
Ohne zu antworten hob er eine Hand, um zu zahlen.

Eine Woche zuvor
Traumata-Forschungszentrum
Dave ließ die Spritze in seinem Kittel verschwinden und fuhr den Rechner hoch. Er hatte die Naniten fertig programmiert und würde sie jetzt an ihren Zielort schicken.
Sahid, sein Kollege, stürmte in das Labor: „Ich habe dein Memo gelesen. Du es hast es tatsächlich geschafft!“ Er klopfte Dave auf die Schulter.
„Schnall mich auf dem Stuhl fest“.
„Warum?“, wollte Sahid wissen.
„Na los, mach schon.“ Dave hatte sich hingesetzt.
Sahid sah sich nach allen Seiten um. „Du hast ihr die Dinger doch nicht injiziert? Bist du verrückt? Die schmeißen dich raus! Und wer weiß, was die kleinen Roboter mit dir anstellen?“
„Du willst doch auch wissen, ob es funktioniert? Ich bin soweit.“
Sahid zögerte, ging dann aber doch an den Terminal.
Dave hatte sich eine Art Helm aufgesetzt, der die Hirnströme maß.
„Kannst du die Naniten orten, Sahid?“
„Ja, sie sind noch in deinem Arm.“
„Ok, ich werde jetzt an eine schlimme Jugenderfahrung denken.“ Dave schloss die Augen und konzentrierte sich. Der Helm übertrug die Werte auf den Bildschirm.
„Die Daten sind da.“ Sahid schaute auf Dave.
„Gut, schick sie los.“ Dave war bereit.
„Was, wenn sie das falsche Gewebe erwischen oder deine Persönlichkeit sich völlig verändert?“
„Drück den Knopf. Ich denke weiterhin an das Ereignis.“
Ein glühender Schmerz jagte durch Daves Kopf. Er schrie vor Schmerz und dann war es vorbei. Die Naniten hatten die Nervenenden mit den Erinnerungen, die er hatte loswerden wollen, abgetrennt.
Dave fühlte sich losgelöst. All die Jahre hatte er etwas mit sich herumgeschleppt, das ihn sehr belastet hatte. Und das war jetzt weg. Aber was nur?
„Mach mich wieder los und gib mir den Umschlag.“
„Ja, mach ich. Aber willst du dich nicht lieber ein bisschen ausruhen?“
Dave riss ihm den Umschlag aus der Hand. Darin stand, dass er vor vielen Jahren mit seiner Begleiterin beim Abschlussball im Anschluss noch mit auf ein Hotelzimmer gegangen war. Trotz ihres klaren Neins, hatte er nicht aufgehört. Aus Scham hatte sie nie Anzeige erstattet. Dave begriff die gelesenen Worte, fühlte aber keine Schuld. Es funktionierte.
„Es klappt tatsächlich! Wir können Kriminelle heilen oder psychisch Labile!“
Sahid beäugte ihn ungläubig. „Wie willst du jemanden zwingen, an etwas Bestimmtes zu denken?“
„Vielleicht Hypnose. Egal. Es funktioniert!“ Dave freute sich, wie schon lange nicht mehr.

Beim Spazierengehen
Auch Karen hatte sich schon lange nicht mehr so unbeschwert gefühlt. Immer mit der Angst, dass sie jemand mit ihrem Makel abstoßend finden würde, war sie kaum aus ihrem Schneckenhaus gekommen. Mehrere Therapien hatten keinen Erfolg gebracht.
Dave war für sie mehr als nur ein Freund. Sie konnten beide über ihre Ängste sprechen, obwohl sie sich kaum kannten.
Mit einem Eis in der Hand schlenderten sie die Straße entlang, in der Karen wohnte.
Auf einer Mauer saß eine Katze. Sie fauchte Dave an, kaum dass sie ihn erblickt hatte.
Sie wurde richtig aggressiv, als sie vorbeigingen.
„Magst du keine Katzen?“, fragte Karen verwundert.
„Vielleicht habe ich in meiner Kindheit irgendwas Dummes angestellt, dass Tiere mich nicht mögen. Die riechen so was ja.“ Dave versuchte sich zu erinnern. Aber da waren nur Nebelschwaden.

Im Labor
Drei Tage zuvor
„Ein letzter Test noch. Dann gehen wir zu unserem Chef und geben unsere Ergebnisse bekannt.“ Dave hatte sich schon gesetzt.
Sahid hob den Zeigefinger: „Aber wirklich der Letzte! Da ich an dir keine Persönlichkeitsveränderungen feststellen konnte, scheint es tatsächlich ungefährlich.“
Daves Vater hatte seine Mutter immer wieder alkoholisiert krankenhausreif geschlagen. Er hatte ihn gezwungen, zuzusehen, damit er lerne, wie man mit einer Frau umzugehen habe.
Dave war zum Katzenmörder geworden. Er hatte sie gequält und verstümmelt, bis es in der Nachbarschaft keine mehr gab.
Das Löschen war furchtbar, aber das war es ihm Wert.

Vor Karens Haustür
„Ich danke dir für den schönen Abend. Ich habe ihn wirklich sehr genossen. Wir sollten das ruhig wiederholen.“ Sie griff Daves Hand und schüttelte sie. Dann überlegte sie es sich anders und küsste ihn auf die Wange.
Daves Augen leuchteten. „Es war mir ein Vergnügen.“
Er wandte sich schon zum Gehen, als sie fragte: „Möchtest du noch mit auf einen Kaffee reinkommen? Aber nur einen Kaffee, ich möchte nichts überstürzen“, ergänzte sie.
„Gerne.“
Sie saßen auf dem gemütlichen Sofa und unterhielten sich.
„Warum haben wir uns nicht schon früher kennengelernt?“, Karen lächelte unbewusst auf eine einladende Art, die mehr zu wollen schien.
Dave beugte sich vor und küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss und er strich ihr unbeabsichtigt über ihre Narben.
„Nein, ich will das nicht!“, fuhr sie ihn an.
Er packte sie am Arm und hielt sie fest. All die Hemmungen, die ihn durch seine Erfahrungen daran gehindert hatten, Menschen etwas Böses anzutun, waren nicht mehr da.
„Lass mich los!“ Auch in Karen gingen Veränderungen vor. Ihre Therapien waren erfolgreich gewesen. Es war damals kein Unfall gewesen. Ihr Stiefvater hatte sie gedemütigt und misshandelt. Deswegen hatte sie nie eine richtige Beziehung aufbauen können und nicht wegen ihrer Narben.
Sie griff nach einer Stehlampe und schlug nach Dave. Schirm und Birne zerbrachen an Daves Kopf. Ein Kurzschluss jagte durch seinen Körper.
Er wurde wütend und warf Karen rücklings auf dass Sofa. „Jetzt zeige ich dir Mal, wie eine Frau sich zu benehmen hat.“
Karens Hände krallten sich in seinen Hals und sie rollten auf den Boden.
Dave tat es ihr gleich und umklammerte sie. Obwohl sie schmächtiger war als er, war sie so in Rage, dass ihm die Luft wegblieb.
Ein Stechen in seinem Kopf, ließ ihn erahnen, dass die Naniten durch den Stromstoß aktiviert worden waren. Er tastete auf dem Boden herum, erfühlte eine Glühbirnenscherbe und rammte sie Karen in den Hals. Der Druck um seinen Hals verschwand.
Karen kippte zur Seite und blieb liegen.
Dave dachte die ganze Zeit daran, wieder atmen zu können, aber es ging nicht. Die kleinen Roboter hatten die Erinnerung, diesen automatischen Impuls daran zerstört.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2016 - 10.49 Uhr
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