Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Erinnerungen | August 2016
Cuja Mara t├Âtet das Split
von Jochen Ruscheweyh

Cuja Mara Split, das klingt nicht nur verkehrt, es f├╝hlt sich auch so an, als sich Vanille und Maracuja auf meiner Zunge trennen. Ich schlie├če die Augen und konzentriere mich, versuche mir das Orangenaroma des urspr├╝nglichen Langnese Split vorzustellen.
Es zu schmecken.
Je l├Ąnger ich es probiere, desto realer wird es.
Mit der Orange kommt die Erinnerung zur├╝ck an den Sommer 1978. Und an den Tag, an dem ich Tim umgebracht habe.

Es hat geregnet. Man kann die Regentropfen auf dem B├╝rgersteig verdunsten sehen, in den Himmel aufsteigen. Wie im Religionsunterricht mit Jesus und dem Heiligen Geist.
Es riecht immer noch leicht nach Teer, obwohl die Stra├če so viele L├Âcher hat, dass sie wahrscheinlich das letzte Mal vor Jahren asphaltiert worden ist. Der Dunst und die W├Ąrme machen das Atmen schwer.
Ich rede nicht viel, daf├╝r Tim.
Er ist zwei Jahre ├Ąlter als Daniel, Stefan und ich. Daniel und Stefan sind wie jedes Jahr in der zweiten Ferienh├Ąlfte mit ihren Eltern auf F├Âhr.
Ich will nicht mit Tim ins Schwimmbad gehen, weil ich Angst vor ihm habe.
Wenn Daniel und Stefan dabei sind, ist er anders.
Wenn wir alleine sind, wei├č ich nie, was Tim als n├Ąchstes macht.
Aber er hat geklingelt und meine Mutter hat ihn reingelassen. Wenn ich nicht mit ihm gehe, kann es gut sein, dass er mich wieder irgendwo abf├Ąngt und zu einer Mutprobe zwingt.
Meine Mutter meint, Tim ist anst├Ąndig, weil er sie gr├╝├čt, wenn er ihr entgegenkommt, wenn sie einkaufen geht und weil er ihr schon mal die T├╝r bei der Post aufgehalten hat.
Was meine Mutter nicht wei├č: Tim findet nichts dabei, unsere W├Ąschetruhe zu ├Âffnen und ihre B├╝stenhalter rauszunehmen, wenn wir bei mir Kampfkreisel oder Monopoly spielen und meine Mutter mal kurz in den Keller geht, um uns Aquella-Cola zu holen.
Mein Vater wei├č nicht, wer Tim ist, ist sich aber sicher, dass sein Vater ihm auch keine Holzpfeile mit Metallspitze zum Bogenschie├čen im Spielwarenladen kaufen w├╝rde.
In einigem Abstand gehen drei M├Ądchen hinter uns.
Ich h├Âre sie lachen, drehe mich kurz um.
Sie sind ├Ąlter als ich, auch als Tim und tragen Sporttaschen. Wahrscheinlich, weil sie auch ins Freibad wollen.
Tim dr├Ąngt, dass wir uns beeilen sollen.
Ich frage wieso.
Tim haut mir gegen den Hinterkopf und sagt, dass er mit einer von ihnen schon gegangen w├Ąre.
Wir laufen schneller, bis die Stra├če einen Knick macht.
Direkt hinter dem Knick presst sich Tim mit dem R├╝cken gegen die Mauer und zieht mich in dieselbe Position.
Ich frage, warum. Diesmal rammt er mir sein Knie in den Oberschenkel und meint, wie bl├Âd ich denn bin, damit sie uns nicht sehen, nat├╝rlich.
Langsam beugt er sich vor und schaut um die Ecke, zieht seinen Kopf aber sofort wieder zur├╝ck, st├╝lpt die Unterlippe vor und bl├Ąst an seinem Gesicht aufw├Ąrts, dass eine seiner blonden Locken, die ihm in die Stirn h├Ąngt, wackelt.
Ich w├╝rde am liebsten sagen, dass ich das albern finde, weil die M├Ądchen viel zu alt f├╝r Tim sind, aber ich wei├č nicht, was Tim dann macht.
Er nimmt eine B├╝rste aus der Po-Tasche seiner Jeans, klopft sie kurz gegen seinen Unterarm und steckt sie wieder in die Hosentasche. Eigentlich habe ihn noch nie seine Haare k├Ąmmen sehen, obwohl er immer eine B├╝rste bei hat.
Dann sagt er, dass ich froh sein kann, weil sie ja nicht hinter mir her sind, sondern hinter ihm.
Auch wenn ich wei├č, dass das nicht wahr ist, finde ich es gemein, dass er es sagt.
Tim guckt noch einmal um die Ecke. Dann grinst er, packt und zieht mich rum, schubst mich. Ich stolpere r├╝ckw├Ąrts auf die Stra├če.
In der Bewegung h├Âre ich ihn ÔÇ×Ey, der will was von euch!ÔÇť rufen.
Ich bleibe mit den F├╝├čen aneinander h├Ąngen, falle auf mein Stei├čbein und ticke zus├Ątzlich noch mit dem Hinterkopf auf das Pflaster. Mir wird schlecht, weil es so weh tut.
Verschwommen sehe ich, die M├Ądchen folgen nicht der Kurve sondern nehmen die Abk├╝rzung zwischen den B├╝schen entlang. Eine von ihnen - ihre Hose ist unten am Schlag an beiden Seiten mit einem Saum aus der Amerika-Flagge verl├Ąngert - dreht sich noch kurz um und meint, Spastis wie wir sollten nicht frei rumlaufen.
Ich sp├╝re meine Beine kaum, als ich mich aufzusetzen versuche.
Tim ist schon bei mir. Anstatt mir zu helfen, hat er mein Goofy-Portemonnaie aus meiner Tasche gezogen und h├Ąlt mein F├╝nfmarkst├╝ck hoch.
Es ist ein dreckiges Lachen, als er sagt, er findet es stark, dass ich uns Eis ausgeben will und l├Ąuft vor zur Bude.
Ich kann nur kleine Schritte machen, weil mein Stei├čbein so weh tut. Er kommt mir schlie├člich auf halbem Weg entgegen und wirft mir ein Split zu, w├Ąhrend er f├╝r sich ein ├╝bergro├čes Cornetto von meinem Geld geholt hat. Den Rest beh├Ąlt er, weil ich ihn ÔÇô wie er sagt ÔÇô vor den M├Ądchen blamiert habe.
Ich antworte, dass ich dann nicht ins Freibad gehen kann, weil ich kein Geld mehr habe, aber Tim kennt ein Loch im Zaun, durch das ich klettern soll. Ich frage, ob er auch dadurch geht. Er meint, nein, weil er hat ja Geld.
Orange und Vanille trennen sich auf meiner Zunge, als Tim beschlie├čt, dass wir ├╝ber das stillgelegte Fabrikgel├Ąnde gehen, an dessen Eing├Ąngen ├╝berall Schilder mit der Aufschrift ÔÇ×Zutritt verboten!ÔÇť stehen.
Ich wei├č, was jetzt kommt.
Orange und Vanille schmecken augenblicklich bitter.

Im ersten Stock der Saxania-Fabrik ist die Decke halb eingest├╝rzt. Tim sagt, er wei├č einen Weg in den Stock dar├╝ber, und wenn ich nicht mitkomme, dann sagt er den Wagner-Br├╝dern, dass ich ihre kleine Schwester begrapscht h├Ątte. Ich habe, nein, eigentlich jeder auf meiner Schule hat Angst vor den Wagner-Br├╝dern, die Wychester-Zigaretten rauchen und Fahrr├Ąder klauen, in Schreberg├Ąrten einbrechen und sich mit Leuten aus H├Ârde pr├╝geln. Tim geht auf eine andere Schule, wo man oft frei hat und die ├╝berhaupt viel besser ist als unsere. Weil, wenn man keine Lust hat, muss man nicht hin.
Tim geht oft nicht hin.
Ich folge ihm an den Absperrungen vorbei.
Wir m├╝ssen an einer Leiter an der Wand hochklettern, die nach rostigem Metall riecht. Tim ruft zu mir runter, dass sich abends auf dem Spielplatz in unserer Siedlung asiatische Frauen treffen, die mit rostigen Eisenstangen KungFu-├ťbungen machen und dass die brutaler als Bruce Lee zuschlagen.
Er klettert schneller als ich.
Als er oben ist, sehe ich ihn an seiner Hose fummeln. Dann pinkelt er auf mich.
Ich schreie, obwohl, es ist eher ein Quieken.
Tim lacht, dass ich jetzt getauft bin und dass mir blo├č nicht einfallen soll, runterzuklettern und abzuhauen. Nass, wie ich bin, steige ich weiter hoch.
Tim packt seinen Pimmel ein und zieht den Rei├čverschluss hoch. Dann will er wissen, ob ich meinen schon mal in eine reingesteckt hab.
Ich sch├╝ttele den Kopf.
Er sagt, dass er es immer mit meiner Mutter macht, wenn mein Vater und ich nicht da sind.
Ich sage, dass das nicht stimmt.
Er sagt, er hockt dann wie ein Hund hinter ihr.
Ich sage, dass er l├╝gt.
Er boxt mir in den Bauch. Ich breche das Eis aus.
Er sagt, beim n├Ąchsten Mal schiebt er einen Gru├č von mir mit rein.
Ich sage, dass mein Vater ihn anzeigt, wenn er das mit meiner Mutter macht.
Er sagt, dass mein Vater sich doch schon durch die ganze Siedlung gebumst hat.
Ohne dar├╝ber nachzudenken, wie es weitergeht, laufe ich auf Tim zu und gebe ihm einen Sto├č.
Ich erschrecke mich, dass ich das getan habe, als ich sehe, wie er das Gleichgewicht verliert, mit den Armen rudert. Es knirscht und der Boden gibt nach. Er versinkt, f├Ąllt durch die Decke.
Ist einfach weg.


Das Cuja Mara Split l├Ąuft an meiner Hand runter.
Ich habe es mir so oft vorgestellt.
Und mit jedem Mal ist das Ende realer geworden, aber nicht so, dass es tats├Ąchlich wirklich werden w├╝rde.
Denn ich bin es gewesen, der damals durch die Decke gefallen ist, als Tim mich zum Schluss noch geschubst hat. Ich habe lange im Krankenhaus gelegen, das Laufen neu lernen m├╝ssen und viel Metall eingesetzt und wieder herausgenommen bekommen.
Als Kind, das ich damals gewesen bin, hat man mir geglaubt, dass ich mich an nichts erinnere, au├čer dass ich nochmal umgekehrt bin und ohne Tim einen Mann auf dem Weg getroffen habe, der ein St├╝ck mit mir gegangen ist. Der klassische b├Âse Onkel, vor dem die Aufkl├Ąrungsbrosch├╝ren der Polizei in jedem Lottogesch├Ąft gewarnt haben. Und dann w├╝sste ich nichts mehr, nur dass er mich in die Fabrik gelockt hat und wie ich hinterher blut├╝berstr├Âmt rausgekrochen bin.
Tim habe ich nie verraten. Er ist kurze Zeit sp├Ąter ins Heim gekommen, haupts├Ąchlich wohl wegen seiner Schw├Ąnzerei. Ich habe ihn viele Jahre sp├Ąter noch einmal gesehen, auf einem Schrebergartenfest. Er trug eine Lederjacke und ein ausgewaschenes Kiss-T-Shirt und sah m├Ąchtig gelb im Gesicht aus. Und war so betrunken, dass er sich mit einem Pappaufsteller in Hundeform unterhalten hat. Ich gehe davon aus, dass er sich inzwischen totgesoffen hat.
Trotzdem, wenn ich an diesen Tag im Sommer 1978 zur├╝ckdenke, w├╝nsche ich mir immer noch, ich h├Ątte ihn gesto├čen.
Cuja Mara t├Âtet das Split, und Jochen t├Âtet Tim.

Letzte Aktualisierung: 25.08.2016 - 07.30 Uhr
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