Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Erinnerungen | August 2016
Jörg. Atemluft. Noch immer.
von Glädja Skriva

Sie war schweißnass. Die tropisch-feuchte Hitze legte sich wie ein Film auf jede Pore ihres Körpers und sie rang nach Luft, als sie zum ersten Mal auf die Gangway trat. HONKONG. Sie hatten alle bei der Landung Beifall geklatscht. Für jeden Piloten war es eine Herausforderung, seinen Vogel so hinabzusenken, dass man aus den kleinen Fenstern die brutzelnden Woks erkennen konnte, ohne dass sich der Flugzeugkörper daran entzündete. Lea schälte sich mit ihrem orangen backpacking-Rucksack aus der Schar der strömenden Passagiere und ließ sich vom wuselnden Ameisenstrom der Millionenstadt mitreißen. Klingelnde Radfahrer kreuzten. Mopeds mit fünf Familienmitgliedern, die sich wie kleine Affen gekonnt darauf festklammerten, schlingerten sich den Weg frei. Schmeichelnde Musik, zu der man versucht war, wie ein Flaschengeist seinen Kopf hin- und herzuwiegen, plärrte aus den Lautsprechern der Busse. Auf den Märkten roch es köstlich nach Mangos, frisch geöffneten Melonen, kleinen, gebratenen Garnelen und Wan tan, für die Lea Wochen später ihr letztes Hemd gegeben hätte.
Es hupte: Lea, bereits in diese ferne Welt eingetaucht, sprang zur Seite - und lachte. Obwohl vieles fremd war, spürte sie, dass es sich gelohnt hatte, sofort alles nach der Schule hinzuwerfen. Aus der verwaschenen Jeans in die dunkelrote Pumphose zu schlüpfen, die langen Haare zu Dreads zu drehen und aus „Lea“ auszusteigen. Lea, ein biblischer Vorname, der von ihren frommen Eltern für sie ausgesucht worden war. Lea, die Zwangsgeliebte. Jene, die, obgleich jung, stets die Verantwortung für die Familie schulterte und sie zusammenhielt. Klaglos. Aber sie war gegangen. Sie hatte Mut.
Wenige Tage später hatte sie Hongkong den Rücken gekehrt, wenn auch wehmütig. Aber sie musste weiter zu ihrem Ziel, nach Taiwan, zu der Adresse, die auf dem Zettel stand, den sie fest in ihrer Hand hielt: „Schwester Irene Gottschild, Chih Hoh Chiau No. 5, HUALIEN, Taiwan. Die Busstation, die nach Hualien in die Berge führte, hatte sie schnell gefunden wie ein Spürhund, der auf der Fährte war nach … ja, was eigentlich? Dem Abenteuer? Sich selbst? Dem Glück?
Kinder scharten sich an der Haltestelle um sie. Schmutzig, mit struppigem Haar, zerlöcherten Hosen, barfuß auf der staubigen Straße. Ihre großen, schwarzen Augen kehrten ihre Seele nach außen: Pfiffig, traurig, frech, offen, freundlich, verschlagen, lausbübisch. Ein Lausebengel traute sich ganz nahe an Lea heran, fasste sie an der Hand und winkte ihr noch lange nach, als sich der Bus längst in Bewegung gesetzt hatte. Das verbeulte Fahrgestell mit den klappernden Fenstern schaukelte sie an Reisfeldern vorbei, die in gleichmäßigen Terrassen angelegt waren. Frauen arbeiteten darauf. Tief gebückt, manche hochschwanger, knöcheltief im Wasser, geschützt vor der glühenden Hitze mit großen Reishüten. Ihre Bewegungen waren still und fließend und glichen denen der Menschen in den Parks. Kinder, alte Menschen, Frauen, Männer wogten leichtfüßig wie Bambusfelder im Wind. Sie übten und lebten Tai Chi.
Inzwischen hatte der Wind an Stärke zugenommen. Eine Taifunwarnung war ausgegeben worden. Die Straßen waren wie leergefegt, als Lea in Hualien ausstieg. Nur eine zerbrechliche Schwester, mit einer riesigen Haube auf dem Hinterkopf, hatte ausgeharrt. Trotz tropischer Temperaturen zeigte sich kein Schweißtropfen an ihrem gestärkten Kragen, an den sie Lea mit ihren knochigen Armen drückte.
„Ich freue mich, dass du da bist, Lea!“
Das „r“ rollte sie dabei wie ein Tiroler Singvogel.
„Du musst ja ganz ausgehungert sein. Eine feine Jause habe ich dir schon gerichtet, damit dir`s gefällt bei uns. Und Jörg ist auch schon sehrrr gespannt auf dich!“
Ihre Sätze perlten wie kleine Tropfen.
„Ach ja?“, antwortete Lea ein bisschen müde und konnte sich dabei diesen Jörg bestens vorstellen: Ein salbungsvoll lächelnder Missionar mit dickem Bauch und Halbglatze, der seinem Ruf gefolgt war, sein Leben Geistigbehinderten zu widmen, weil er keine Frau gefunden hatte, die ihn mochte.
„Ach ja?“, sagte Lea nochmals und wankte mit ihrem orangen Rucksack über die Schwelle eines einfachen, weiß getünchten Backsteinhauses, das für die nächsten Monate ihre Heimat werden würde. Hundegebell empfing sie. Eine Miniaturausgabe von Rauhaardackel stolperte über seine vier Beinchen und beschnüffelte begeistert jeden ihrer Zehen. Wuff!
„Darf ich vorstellen: Ronja Räubertochter.“
Eine Hand streckte sich Lea entgegen, während die andere nun die „Räubertochter“ unter dem Arm geklemmt hielt; überraschend vorsichtig bei fast zwei Meter und einem muskulösen Oberkörper, der dem eines Rausschmeißers auf dem Kiez auf St. Pauli glich. Ein offenes Gesicht unter schwarzbraunen Locken grinste sie an.
So begann es. Mit Jörg und Lea.

Schwester Irene hatte in der ersten Nacht für Lea eine kleine Nachttischlampe auf die Kommode gestellt. Sie sollte sich wohlfühlen. Es kamen nicht oft „work and travel“ Studenten zu ihnen. Dazu wohnten sie zu abgelegen. Der Generator surrte gleichmäßig, während der Wind in die Palmen fuhr und deren Blätter aufgeregt flattern ließ. Lea lag still in ihrem Bett, das dünne Laken bis zum Kinn gezogen und beobachtete die Kakerlaken, deren Schatten über die Wände huschten. Papa hatte ihr nie erlaubt, nachts das Dämmerlicht anzulassen, wegen des Stromverbrauchs, und die kleinen Schatten waren für sie zu Monster geworden. Aber hier, hier konnte ihr nichts passieren. Davon war sie überzeugt. Kurze Zeit später war sie eingeschlafen.
Jörg hatte es am nächsten Morgen übernommen, ihr alles zu zeigen: Die Gruppe mit den zehn geistigbehinderten Kindern, die keine Fördermöglichkeiten in den vereinzelt gelegenen Bergdörfern hatten und deren Eltern froh waren, wenn sich hier jemand Zeit für sie nahm. Geduldig übte er mit ihr die ersten taiwanesischen Worte, die sie vor sich hinstakste: „ní-h-?o?“ Dabei verneigte sie sich.
Abends schlenderten Lea und Jörg meist zu Ken-Shou, zu einem der vielen Stände auf dem Markt, die bis spät in die Nacht beleuchtet waren. Zarte Klänge plärrten aus dem Radio. Sie machten es sich auf einer der Holzbänke bequem und schauten zu, wie Ken-Shou in flinken Bewegungen den Nudelteig dünn auswalzte, um ihn mit Köstlichkeiten zu füllen. Hühnchen gefällig? Gemüse? Pilze? Scharf? Kleine Spiele entwickelten sich zwischen Lea und Jörg, sich gegenseitig mit den Stäbchen Wan tan in den Mund zu stecken, um die Füllung zu erraten.
„Shiitake?“, fragte Jörg.
Lea nickte mit Tränen in den Augen. „Schön scharf“, lachte sie. „Chili.“
Sie fing an Jörg zu beobachten, wie er in der Gruppe mit Yini „Flieger“ spielte, obwohl Schwester Irene es wegen deren Spastik strengstens verboten hatte, und wie die Kleine, als er sie abgesetzt hatte, die Ärmchen nach ihm hochstreckte und mehr davon haben wollte. Und er Ni Hoo das Essen gab. Mit Geduld und abwartend, wenn die Suppe noch zu heiß war und sie derweil in seine wuscheligen Haare greifen und daran ziehen durfte, was ihr glucksend größten Spaß bereitete.
Wenn sie mit dem alten Moped in die Bergdörfer knatterten, begann Lea ihre Hände um seine Hüfte zu legen und ihren Kopf an seinen Rücken zu lehnen, bis sie dessen Wärme spürte. Was Jörg zum Anlass nahm, wie ein losgelassener Teenager laut singend Slalom zu fahren …
Als sie eines Abends von so einer Tour zuhause angekommen waren, brodelten sie auf dem Küchenfeuer Kaffee. Auf dem Tisch lag in flackerndem Kerzenschein Toastbrot für dessen Geschmack sie zwei Stunden Fahrtzeit über Matschwege auf sich genommen hatten. Jörg hatte wieder seinen roten Wollpullover mit Norwegermuster an, mit dem ihn Lea immer aufzog und sie fragte sich, ob sie auch das Bedürfnis wie Bridget Jones im Film hatte, sich in diesen Pullover von ihm hineinzukuscheln, als Jörg sie unvermittelt fragte:
„Darf ich dich küssen?“
Sie nickte. Wer hatte sie jemals gefragt? Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, bis sie schließlich zwischen den Termiten zerklüfteten Küchenschränken seine Lippen spürte, die ihre berührten. Zart, während die Ameisen weiterhin emsig die Schrankteile zerlegten. Sie hielt die Augen geschlossen, hörte das Blubbern des Kaffees und spürte es immer noch in ihrem ganzen Körper. Auch später noch, immer wieder, wenn sie an damals dachte.

„Wann kommst du zurück?“
Lea stand kurz vor ihrem Heimflug. Sie waren ans Meer gefahren. Aufgewühlt zeigte es sich, so kurz nach dem Taifun. Das Wasser war schmutzigbraun, der Strand menschenleer. Treibgut hatte es angespült, auch einen schwarzen, glitzernden Lavastein, den Lea vorsichtig in ihren Rucksack steckte.
Jörg hatte den Arm um sie gelegt: „Du kommst doch wieder, oder?“
„Und du, wirst du für immer in Taiwan bleiben, Jörg?“
„Für immer“, nickte Jörg. „Hier gehöre ich her! Ich will ein Pflegenest aufbauen. Vielleicht auf Pescadores. Dort gibt es noch weniger Hilfe für diese Kinder.“
„Und ich? Wo bleibe ich dabei, Jörg?“
„Du magst sie doch auch. Und sie dich. Dann sind wir eine große Familie!!“ Jörgs Daumen streichelte ihre Schulter und hielt sie fest.
Drei Tage später kehrte Lea nach Deutschland zurück. Jörg hatte vergessen, sie zu fragen, ob sie es auch so wollte. Ob seine Träume ihre Träume waren? Sie spürte einen Kloß im Hals. Da war sie wieder: die Zwangsgeliebte, die von Nutzen war, weil sie die Familie, jetzt eben das Pflegenest, zusammenhielt.
Kurze Zeit später lernte sie Frank kennen, heiratete ihn. Den Lavastein legte sie auf den Fenstersims im Stall. Dann ging sie Kühe melken.

© P.S./Glädja Skriva/August 2016

Letzte Aktualisierung: 18.08.2016 - 07.50 Uhr
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