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Erinnerungen | August 2016
Schuld
von Marcel Porta

„Dann schlag doch zu! Komm, los! Was anderes kannst du doch sowieso nicht!“
Ich wusste genau, dass er sich nach dieser Provokation nicht zurückhalten konnte. Nicht, wenn er getrunken hatte, und schon gar nicht bei mir. Prügelknabe seit jeher. Und dennoch hielt ich ihm schutzlos die Kinnbacke hin. Fast ansatzlos kam der Schlag, landete in meinem Gesicht. Es tat nicht mal besonders weh, doch es knackte und Blut schoss aus der Nase. Dennoch lachte ich hysterisch los. Die verfluchte Alkoholkonzentration auch in meinem Blut verhinderte, dass mich die Schmerzen wirklich erreichten, sie versickerten irgendwo zwischen zerdepperter Nase und weichgespültem Gehirn. Ich sah, wie mein Vater mit sich kämpfte. Sollte er noch einmal zuschlagen?
Abrupt hörte ich auf zu lachen.
„War das schon alles, mehr hast du nicht drauf?“, reizte ich ihn weiter. Ich war in jeder Beziehung berauscht. Selbst wenn er mich hier und jetzt zu Tode prügelte, ich würde mich nicht wehren. Obwohl ich ihm durchaus hätte Paroli bieten können. Eine Tatsache, die wohl irgendwie durch den rot glühenden Zorn in sein umnebeltes Hirn drang. Vielleicht war das der Grund, warum er sich abwandte.
„Du bist ein Arschloch“, warf er hin und verschwand in die Küche, wo sein Bier auf ihn wartete.

Adrenalin pumpte durch meine Adern. Ich legte mich wieder auf die Couch in unserem Wohnzimmer, von der er mich hochgerissen hatte, und verschränkte die Arme über dem Gesicht.
Das Schlimme war, dass er recht hatte. Noch nie hatte ich eine Abreibung mehr verdient als diese. Nur verabscheute ich Gewalt in jeder Form. Schläge waren immer falsch. Auch wenn ich mich gerade selber überhaupt nicht leiden konnte und mein Verhalten unterirdisch fand, körperliche Strafen verletzten die Würde eines jeden Menschen und konnten nicht „verdient“ werden.
Jetzt, als ich infolge der Hochspannung langsam nüchtern wurde, schämte ich mich. Wie konnte ich nur im Suff den versprochenen Besuch bei meiner jüngeren Schwester Michaela im Krankenhaus vergessen?! Eine wichtigere Aufgabe gab es für mich nicht, und ich hatte elendiglich versagt. Aber ihm war ich keine Rechenschaft schuldig, das ging nur mich und Michaela etwas an.

Fünfzehn war sie. Und magersüchtig. Wie hätte ich damals den Grund für ihre Erkrankung ahnen können? Doch wie wichtig meine Besuche für sie waren, das wusste ich wohl. Sie liebte mich abgöttisch. War in früheren Zeiten die Einzige gewesen, die sich mit dem Vater anlegte, wenn er auf mich einprügelte. Die mehr darunter litt als ich selber. Ich wurde im Lauf der Zeit abgehärtet, sie nicht. Nie hat sie sich damit abfinden können, dass unser Erzeuger ein Ventil für die Misserfolge des Lebens brauchte und es in mir gefunden hatte. Wenn er mich bestrafte für die lässlichen Sünden, die ein Kind begehen kann, meinte er sich selber und seine eigenen, eines willensschwachen Erwachsenen würdigen Sünden.

Und nun hatte ich meine geliebte Schwester im Stich gelassen. War im Wohnzimmer auf der Couch eingepennt, weil ich mir die Hucke vollgesoffen hatte. Sie hatte vergeblich auf mich gewartet. Nur zu gut wusste ich, wie sehr sie auf meine Besuche angewiesen war. Niemand konnte mich bei ihr ersetzen oder vertreten.
Ich war ein Versager auf ganzer Linie. Schrieb mir Altruismus auf die Fahne und kotzte sie dann im Suff voll. Was würde mein großes Vorbild Don Bosco sagen? Schickt ihn fort! Er ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Wir können ihn bei uns nicht brauchen.

Nie so werden wie er! Das war mein Credo seit jeher. Doch wenn ich mich jetzt betrachtete, besoffen und benebelt, war ich ein würdiger Sohn meines Vaters. Keinen Deut besser oder ihm moralisch überlegen. Im Gegenteil. Er wusste es nicht besser, aber ich … Mit Füßen hatte ich zertrampelt, was mich von ihm unterscheiden sollte.
Morgen. Morgen würde ich meine Schwester besuchen und ihr beichten, was heute geschehen war. Sie würde mir verzeihen. Wie sie mir immer verzieh, weil ich ihr geliebter Bruder war, der sie beschützte.
So dachte ich damals, als ich noch keine Ahnung davon hatte, wie wenig ich sie beschützte. Wie kläglich ich sie im Stich ließ. Ein dummer Junge war ich, ohne Ahnung von der Grausamkeit der Menschen und der Leidensfähigkeit kleiner Mädchen, die in ausweglosen Situationen stecken.

So mischt sich die Scham von damals mit der von heute zu einem Amalgam der Schuld, die nicht abzutragen ist. Nur die Liebe kann sie zudecken, sodass die Schuld nur noch ab und zu ihren Kopf erhebt, um zu sagen: „Ich bin noch da, du kannst mich nicht vergessen, und das ist gut so.“
Ja, stimmt, das ist gut so.


© Marcel Porta, 2016
Version 1

Letzte Aktualisierung: 07.08.2016 - 12.22 Uhr
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