Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Familienbande | September 2016
Ragnarök
von Ingo Pietsch

Island
Zu viert standen sie vor dem überlebensgroßen Hologramm, dass dem Thor, wie Christian und Rebecca ihn aus den Malereien der nordischen Mythologie kannten, so gar nicht ähnelte: Es war nicht der muskelbepackte Hühne mit rotem Cape und federgeschmücktem Helm, sondern ein einsneunzig großer Außerirdischer, mit dem gleichen langgestrecktem Hinterkopf, wie Hathor, ihrer Entführerin. Er trug einen futuristischen Kittel und hielt ein Datapad in der Hand.
Thor war zwei Köpfe kleiner als seine Artgenossin, aber sein Kopf wirkte größer als bei Hathor, weil er eine Glatze hatte.
„Mein Bruder“, flüsterte Hathor.
Christian knetete seine Stirn: „Schalten Sie das Ding wieder aus!“, gab er gequält von sich. Nur mit Hilfe von Thors Armreif, eines Armbandcomputers, war es ihnen gelungen, die geheime Basis tief unter der Erde Islands zu betreten und die Anlage einzuschalten. Dem Träger des Armreifs wurden dabei die Lebenskräfte entzogen, was schließlich zum Tod führte. Vorher würde Christian das Gerät nicht wieder ablegen können.
Der vierte im Bunde, Goldstein, der unter der Kontrolle Hathors stand, bedrohte Christian und Rebecca mit einer Pistole. Freiwillig waren sie nicht jedenfalls mitgekommen.
Thor blickte zu seiner Schwester und begann zu sprechen: „Hathor, ich wusste, du würdest es schaffen.“
Christian und Rebecca verstanden jedes Wort, obwohl es eine ihnen unbekannte Sprache war. Vielleicht war es sogar die erste aller Sprachen, von der alle anderen abgeleitet wurden.
„Zuerst muss ich dir leider mitteilen, dass dein Geliebter Ra nicht mehr unter uns weilt. Er starb bei den Aufständen, als er dich befreien wollte.“
Christian beobachtete Hathor. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie fletschte ihre spitzen Zähne, blieb aber ansonsten ruhig.
„Die schiere Masse unserer Experimente überrannte uns förmlich. Trotz unserer technologischen Überlegenheit, hatten wir keine Chance auf einen geordneten Rückzug. Viele Labore fielen den Wilden zum Opfer und auch einige höchst wertvolle Werkzeuge konnten nicht gerettet werden. Möglicherweise wäre dies mit der Genehmigung des Rates und mehr Sicherheit nicht passiert. Unsere Experimente, eine schlagkräftige Armee aufzustellen, waren ein voller Erfolg. Ich werde mit den Ergebnissen vor den Rat treten, um herauszufinden, ob sie unserem Plan zustimmen werden, um unseren alten Feind besiegen zu können.
Die genetischen Veränderungen werden die Menschheit in ihrer Evolution weiter beschleunigen, schneller als es die Natur zulassen würde. Sie werden schon bald Waffen entwickeln können, die weit über ihrer Ethik liegen werden. Ich fürchte, dass wir nicht zu diesem Planeten zurückkehren können. Wir können aber auch nicht riskieren, dass er in Feindeshand fällt.
Es gibt eine Vorrichtung unter diesem Komplex, die diese Welt vernichten wird. Unglücklicherweise kann sie nur mit meinem Armreif gestartet werden. Er wurde mir geraubt. Aber da du jetzt hier bist, ist er in deiner Obhut. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Als dieses Hologramm aktiviert wurde, löste es auch einen überlichtschnellen Impuls aus, den wir anpeilen und dich dann retten kommen.“
Eine Weltkarte erschien. Die Küstenlinien waren fast dieselben wie heute und mitten im Atlantik lag eine große Insel. Ein Gitternetz legte sich um die Erde.
Die Karte vergrößerte immer wieder Bauwerke: Die Pyramiden von Gizeh, etliche Stufenpyramiden in Südamerika, die Steinfiguren auf den Osterinseln, Stonehenge, Grabhügel in China, der Uluru in Australien.
„All diese Bauwerke liegen auf Knotenpunkten der Energielinien dieses Planeten. Wir haben das Baumaterial und das Umland mit hochenergetischem Material angereichert. Mit der Maschine unter dieser Station, wirst du das Energienetz überladen.“
Thor hielt inne. Christian und Rebecca sahen sich an.
„Den Schlüssel dazu hast bereits. Denke daran, was dir die Menschen geraubt haben!“ Das Hologramm erlosch und an einer Wand öffnete sich ein beleuchteter Gang.
Hathor starrte weiter auf die Stelle, wo ihr Bruder zu sehen gewesen war. All die Hoffnung, ihren Geliebten wieder in ihre Arme zu schließen, waren dahin. Und ob ihr Bruder nach all der Zeit noch leben würde, war auch ungewiss.
Christian und Rebecca zuckten zusammen, als Hathor ihren Kopf nach hinten warf und einen animalischen Schrei ausstieß.
Wutschnaubend ging sie auf die beiden los, packte Christian am Kragen und hob ihn hoch in die Luft: „Du hilfst mit jetzt, diese Maschine in Gang zu setzen.“
Rebecca hängte sich an Hathors Arm, die aber beide mühelos hochhielt.
Hathor schüttelte Rebecca ab, die unsanft auf dem Boden landete. Tränen stiegen ihr in die Augen.
Hathor beugte sich zu ihr herunter und fletschte die Zähne.
„Geh mir aus dem Weg, Mensch!“, zischte sie und zog Christian hinter sich her, dass er kaum Schritt halten konnte.
Goldstein riss Rebecca auf die Beine und stieß sie, ohne einen Ton zu sagen, vor sich her.

Über eine Transportröhre waren sie in eine unterirdische Höhle gigantischen Ausmaßes gelangt.
Vor ihnen füllte eine Konstruktion, die an einen riesigen Hammer erinnerte, der auf einen Amboss schlug, das Gewölbe aus. Thors Hammer.
Davor befand sich ein Kontrollpult.
Hathor ging unbeirrt mit großen Schritten auf ihr Ziel zu.
„Los, aktivieren!“ Sie schleuderte Christian vor die Konsole.
Christian zog sich an dem Kontrollpult hoch: „Nein, das werde ich nicht tun!“
Hathor verzog ihr Gesicht vor Zorn. Sie ballte eine Hand zur Faust und holte aus, hielt dann aber inne. „Goldstein, erschieß die Frau.“
Goldstein drückte den Lauf an Rebeccas Hinterkopf und zwang sie damit in die Knie.
„Nein! Warte! Ich tue es!“, rief Christian panisch.
Hathor grinste.
Christian drehte sich um und schob ganz langsam seinen Arm in die dafür vorgesehene Öffnung.
In Gedanken ging er seine Optionen durch:
Er würde für das Ende der Menschheit verantwortlich sein. Aber wenn er die Kräfte des Armreifs nutzen würde, könnte er Hathor in seine Gewalt bringen, aber Goldstein würde Rebecca töten. Er könnte das Pult zerstören, damit die Maschine nicht in Gang gesetzt würde und alle Menschen retten, aber dann würden er und Rebecca sterben.
Christian holte tief Luft und wollte seinen Arm wieder von der Öffnung entfernen, aber es ging nicht. Im Gegenteil, wie ein Magnet verschwand der Armreif in dem Loch.
Überall blinkten Lichter auf. Ein leises Surren aus dem Untergrund schwoll immer mehr an. Der Boden vibrierte. Hathor schloss die Augen und breitete ihre Arme aus.
Christian zuckte zusammen. Millionen Bilder, Töne und Gerüche überfluteten sein Gehirn. Er war mit Thors Hammer verbunden. Sah, hörte und schmeckte alles, was darin gespeichert war. Sein Kopf drohte zu zerplatzen. Ganz mühsam gelang es ihm, relevante Daten zu filtern und den Rest zu ignorieren. Zwei Dinge fielen ihm auf: Erstens ein Überwachungsvideo und zweitens die Bedienungsanleitung für die Maschine.
Er drehte sich zu Hathor und sah ihr direkt in die Augen: „Wir haben ihren Geliebten nicht getötet.“
Ein Holvideo erschien über ihren Köpfen: Thor und Ra rannten auf ein Raumschiff zu, dass im Begriff war zu starten. Ra blieb stehen und schrie: „Ich werde hierbleiben und Hathor befreien und ich werde alles dem Rat berichten; die Experimente, die du hier gemacht hast!“
Thor zog eine Waffe unter seinem Kittel hervor und feuerte einen blauen Blitz auf Ra ab, der in die Brust getroffen wurde.
„Verräter!“, zischte er und betrat das Raumschiff, das abhob und davonflog.
Christian hoffte, Hathor damit umstimmen zu können.
„Das ändert überhaupt nichts! Die Menschen sind trotzdem für seinen Tod verantwortlich. Weitermachen!“
Jetzt war über ihren Köpfen ein Bauplan.
Christian erklärte: „Die Maschine stand über die Jahrtausende im Standby-Modus und hat sich so mit Energie vollgezogen, dass sie beim Aktivieren explodieren wird.“
Verzweiflung und Wut wechselten in Hathors Stimme: „Das ist mir egal. Ich hoffe, dass ein so großes Loch in Oberfläche entsteht, dass dieser Planet als glutflüssiger Klumpen endet!“ Sie machte einen Schritt vor und hieb auf einen großen Rot leuchtenden Knopf.
Christian wurde zurückgeschleudert und blieb auf dem Rücken liegen. Das Armband löste sich von seinem Handgelenk. Das konnte nur bedeuteten, dass er tot war.
Rebecca stieß Goldstein zur Seite, der gebannt auf den Hammer starrte.
Der Hammerkopf senkte sich auf den Amboss. Tausendfache elektrische Entladungen jagten durch die Höhle. Alles bebte.
Rebecca versuchte Christian zu reanimieren. Als sie ihn beatmete, traf sie ein Blitz, der auch Christians Körper durchfuhr. Er schlug die Augen auf und holte rasselnd Luft.
„Danke!“, sagt er heiser. „Du küsst übrigens gut“.
Rebecca räusperte sich: „Gern geschehen, aber wir sollten jetzt verschwinden.“
Die Luft roch verbrannt und Felsbrocken fielen von der Decke.
Hathor war von dem Spektakel so fasziniert, dass sie die beiden erst bemerkte, als sie fast am Ausgang angelangt waren.
„Goldstein!“, rief sie durch das Getöse.
Der Boden wackelte und Goldstein konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er schoss, traf aber nicht. Ein Riss tat sich unter ihm auf und er stürzte hinein.
Christian blickte zurück: „Den werden wir trotzdem wiedersehen.“
Er drehte sich noch einmal zu Hathor um.
Sie hatte den Kopf gesenkt und stand in einem Regen aus glühenden Trümmerstücken: „Ra war nicht tot. Er wurde von ihresgleichen gerettet und fortgebracht. Ob allerdings noch lebt, weiß ich nicht.“
Der Hammer löste sich aus der Konstruktion, kippte um und begrub Hathor unter sich.
Christian und Rebecca stützten sich gegenseitig und schafften es irgendwie, das einstürzende Labor zu verlassen.
Draußen wartete die Midgard-Schlange, der schwebende Zug, auf sie.
„Wir könnten den Zug an einen Technologie-Konzern verkaufen und so unsere weiteren Forschungen finanzieren“, schlug Christian vor. „Ich weiß, wo noch mehr Artefakte versteckt sein könnten.“ Er tippte an seine Schläfe.

Als der Zug in der Ferne verschwand, kämpfte sich etwas aus dem riesigen Krater, den sie hinterlassen hatten, empor. Etwas, das dort unten seit Jahrtausenden geschlummert hatte…

Letzte Aktualisierung: 25.09.2016 - 09.18 Uhr
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