Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Familienbande | September 2016
Familienzusammenführung
von Marcel Porta

Der Mann erwachte mitten in der Nacht. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Eine Nachttischlampe erleuchtete nur spärlich das Zimmer, in dem er auf dem Bett lag. Als sich seine Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, schaute er sich um. Ein Kleiderschrank mit Spiegeltür, eine weiße Kommode, Raufasertapete in gedeckter Farbe. Hübsch eingerichtet, aber ihm völlig unbekannt. Wo, verdammt noch mal, befand er sich hier? Und warum lag er in einem fremden Bett? Mit einem Satz wollte er aufspringen, doch die Beine machten nicht mit. Keinen Millimeter ließen sie sich bewegen. Er musste sich in einem Albtraum befinden.
"Verdammt und zugenäht!", wollte er laut fluchen, doch heraus kam nur ein Krächzen. Furcht stieg in ihm hoch. Da stimmte ganz entschieden etwas nicht.
Immerhin schien die Kraft aus seinen Armen nicht ganz gewichen zu sein und so stemmte er sich im Bett hoch, um das Zimmer besser in Augenschein nehmen zu können. Definitiv war er hier noch nie zuvor gewesen.
Gerade wollte er sich aufs Bett zurücksinken lassen, da sah er den fremden Mann, der ihn anschaute. Er trug einen Verband um den Kopf, und der weiße Bart verriet, dass er nicht mehr der Jüngste war. Raoul witterte die Chance, etwas über seinen Zustand zu erfahren.
„Hallo, wer bist du?“, fragte er. Erst in diesem Moment ging ihm auf, dass er mit seinem Spiegelbild redete.
Aber das konnte nicht sein! Diesen Mann hatte er noch nie gesehen! Panik überflutete ihn, und als er zurücksank und unkontrolliert mit den Armen fuchtelte, tat dies der Fremde im Spiegel in genau gleicher Weise.
Von der Anstrengung völlig ermattet, schloss Raoul die Augen und versuchte, sein klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Es musste eine rationale Erklärung geben. Es gab immer eine, das sagte ihm sein Verstand.

Wieso konnte er seine Beine nicht bewegen? Wo befand er sich? Und vor allem … warum sah er so anders aus, als seine Erinnerung ihm suggerierte?
Erst da ging ihm auf, dass es kein Vergleichsbild in seinem Gedächtnis gab. Sein Spiegelbild war ihm fremd vorgekommen, weil er nicht wusste, wie er aussah. Mit aller Macht versuchte er, sich irgendwas ins Gedächtnis zu rufen, eine Narbe, seine Augenfarbe, die Frisur, die Form seines Kinns oder der Nase. Nichts! Da war nicht die geringste Vorstellung über sein Aussehen.
Langsam hob er den Kopf und musterte im dämmrigen Licht den Kerl, der ihm aus dem Spiegel entgegensah, betastete seine Züge und versuchte, irgendeine Erinnerung wachzurufen. Ohne Erfolg.

„Ich muss mein Gedächtnis verloren haben“, flüsterte er leise vor sich hin. Auch seine Stimme kam ihm nicht bekannt vor.
Wie war es dazu gekommen? Und wie war er in dieses Zimmer gelangt? Gab es eine Verschwörung? Hatte man ihn überfallen und entführt? Ob es Drogen gab, die eine Amnesie
auslösten?
Die wichtigste Frage kam ihm erst jetzt in den Sinn: Wer bin ich überhaupt?
Weder sein Name noch irgendeine Erinnerung an sein bisheriges Leben ließen sich abrufen. Er befand sich in einem tiefen dunklen Loch, sah nicht mal den geringsten Lichtschimmer, der Hoffnung signalisierte. Die Gedanken in seinem Hirn kreisten ohne jeden Anhaltspunkt.

Plötzlich jedoch war er hellwach. Ein Geräusch war an sein Ohr gedrungen. Von außerhalb des Zimmers. Jemand näherte sich der Tür. Schnell schloss Raoul die Augen. Keinen Augenblick zu früh, denn schon wurde die Tür geöffnet. Angestrengt versuchte Raoul, aus den Geräuschen herauszulesen, was sich im Zimmer tat. Es schien sich um nur eine Person zu handeln. Angst und Neugierde hielten sich in etwa die Waage, und so traute Raoul sich kaum, die Augen einen winzigen Schlitz weit zu öffnen.

Es war ein Junge, der gerade seine Hand ergriff und den Puls maß. Höchstens fünfzehn oder sechzehn. Mit der anderen Hand wischte er sich die langen schwarzen Haare aus der Stirn. Eine hässliche Narbe wurde darunter sichtbar.
„Ein schmächtiges Kerlchen“, registrierte Raoul, und ohne weiter zu überlegen, griff er zu. Mit eiserner Faust umschloss er das Handgelenk des Jungen und öffnete die Augen.
Ganz so eisern war sein Griff aber wohl doch nicht, denn der Junge erschrak zwar, als er den unerwarteten Angriff sanft abwehrte, doch Mühe bereitete es ihm nicht, die Finger des alten Mannes zu lösen.
„Na endlich“, sagte er und in seiner Stimme klang Erleichterung mit. „Du musst hungrig und durstig sein nach der langen Zeit.“
„Wer bist du, und wo bin ich?“ ertönte die krächzende Stimme Raouls.
„Zu Hause, wo denn sonst?!“, gab der Junge zur Antwort und Verwunderung war ihm ins Gesicht geschrieben. „Erkennst du denn dein Schlafzimmer nicht?“
„Das ist nicht mein Schlafzimmer!“
„Doch, in deinem eigenen Haus.“
„Ich erinnere mich an nichts. Weiß nicht mal, wie ich heiße.“
„Raoul ist dein Name, aber das musst du doch wissen!“
„Eben nicht! Was ist passiert? Und wer zum Teufel bist du?“
„Du hast einen Unfall gehabt, und dabei anscheinend das Gedächtnis verloren. Du weißt wirklich nicht, wer ich bin? Erinnerst dich überhaupt nicht an mich?“ Die Stimme des Jungen brachte sein Erstaunen zum Ausdruck.
„Nein, verdammt noch mal!“
Es arbeitete im Gesicht des Jungen. Nach einer längeren Pause fragte er noch einmal nach.
„Wirklich nicht? Das kann ich kaum glauben.“
„Wenn ich’s dir doch sage!“, gab Raoul gereizt zurück.
„Ich bin dein Sohn Paulo.“

„Was, du willst mein Sohn sein?!“
„Aber Papa?! Das kannst du doch nicht vergessen haben!“
„Tut mir leid, Paulo, aber ich kann mich wirklich nicht erinnern. Wie heißen wir denn mit Nachnamen?“
„Domingues, Papa. Ich wusste nicht, dass der Unfall dich so sehr mitgenommen hat. Du warst ohnmächtig, da haben Florestan und ich dich nach Hause gebracht.“
„Wie lange ist das her?“
„Das war gestern.“
„Und Florestan, sollte ich den auch kennen?“
Trotz der ernsten Lage konnte Paulo ein Grinsen nicht unterdrücken.
„Aber Papa, du weißt wirklich gar nichts mehr. Florestan ist mein jüngerer Bruder.“

„Sag mal, Paulo, wenn ich Kinder habe, muss ich doch auch eine Frau haben, oder?“
Raoul hatte die Frage vor sich hergeschoben, seit er wusste, dass Paulo sein Sohn war.
„Oh Papa, du hast auch das vergessen?!“ Feuchtigkeit schoss Paulo in die Augen.
„Was ist, was hast du?“, fragte Raoul besorgt.
„Sie ist doch tot!“, schrie der Junge und wandte das Gesicht ab. „Vor fast einem Jahr ist sie gestorben, am Neujahrstag.“ Jetzt flossen die Tränen.
„Oh mein Gott! Das ist zu viel für mich. Ich ertrag das nicht!“ Raoul schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte ebenfalls. „In welchen Albtraum bin ich geraten?!“

Paulo schaute den völlig aufgelösten Raoul mitleidig an, dann strich er ihm mit der Hand über das graue Haar.
„Es ist schon fast ein Jahr her“, versuchte er unbeholfen zu trösten. „Sie ist hier zu Hause gestorben. Genau, wie sie es gewollt hat. Es ist so schwer ohne Mutter!“
„Was geht mich deine Mutter an?!“, fuhr ihn Raoul an. „Ich kenne sie nicht, und dich auch nicht! ICH bin am Ende, um MICH geht es hier!“
Paulo wich zurück, als hätte ihn eine Schlange gebissen.
„Aber Papa, was ist denn nur mit dir los?“
„Verschwinde jetzt, ich muss nachdenken“, sagte Raoul in einem versöhnlicheren Ton. „Komm in einer halben Stunde wieder.“

Raoul schaute zu, wie Paulo das Zimmer verließ.
Verheiratet, Kinder, Unfall … Und die Beine ließen sich immer noch nicht bewegen. Er war an dieses Bett gefesselt und dem Jungen ausgeliefert.
„Raoul Domingues“, sagte er vor sich hin. Der Name weckte immer noch keine Erinnerung. Er sagte ihm nichts, war fremd wie jeder andere.
„Der Junge sieht meinem Spiegelbild schon ein wenig ähnlich“, sagte er laut, um sich an seine Stimme zu gewöhnen. „Er könnte also durchaus die Wahrheit gesagt haben.“

„Ich muss mich vorerst damit abfinden, wie es ist. Sicherlich werden die Erinnerungen zurückkehren. Früher oder später.“ So lautete das Fazit gründlichen Nachdenkens.

***

Kaum hatte Paulo das Schlafzimmer verlassen, raste er los. Auf keinen Fall durfte Florestan diesen Raum betreten. Nicht bevor sie miteinander geredet hatten.
Natürlich fand er ihn in der Küche, wo er sich mit Vorliebe aufhielt. Essen war seine große Leidenschaft. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Teller mit Schinken, Brot und Käse. Er kaute mit dicken Backen und begrüßte Paulo mit einem: „Schmeckt einfach klasse!“
„Manno, immer bist du am Fressen, eines Tages platzt du noch! Hör jetzt auf damit und pass genau auf. Wir müssen unseren Plan ändern!“
„Was? Ändern? Warum?“ Florestan schaute verständnislos drein und kaute weiter.
„Er hat keine Erinnerung, weiß nicht, was passiert ist. Weiß auch nicht, wo er hier ist.“
„Aber er wohnt doch hier. Da muss er doch …“
„Eben nicht! Er wusste nicht mal, wie er heißt. Er hat bei dem Unfall das Gedächtnis verloren.“
„Und was machen wir jetzt?“
„Ich hab ihm gesagt, dass ich …“, er legte eine Kunstpause ein, „sein Sohn bin.“
„Was hast du?!“ Florestan vergaß vor lauter Schreck das Kauen.
„War eine spontane Idee … und er hat es gefressen.“
„Du bist verrückt!“
„Überleg doch mal. Wir können hier weiter hausen wie die Made im Speck. Ist doch besser, als unser ursprünglicher Plan.“
„Wieso? Was ist schlecht daran, den Alten auszuquetschen, wo er sein Geld versteckt hat und dann zu verduften?“
„Du weißt doch, dass ich kein Blut sehen kann. Und wenn er uns abkauft, dass wir seine Kinder sind, bekommen wir irgendwann die Information ohnehin.“
„Du willst mich ebenfalls als Sohn verkaufen? Das bring ich nicht. Meinen richtigen Alten würde ich mit dem Messer kaltmachen, wenn er es wagen würde …“
„Nun mach mal halblang! Der Kerl liegt im Bett, ist nahezu bewegungsunfähig, der schlägt niemanden.“

Es dauerte lange, bis Paulo seinen Freund überzeugt hatte, dass der neue Plan besser war als der alte. Sie hatten das ganze Haus abgesucht, doch kein Bargeld gefunden. Einige wertvolle Dinge hatten sie bereits außer Haus geschleppt und verscherbelt. Wenn sie den Zufall ausnutzen wollten, der ihnen Raoul in die Hände gespielt hatte, mussten sie an sein Bargeld kommen.

„Du kommst jetzt mit rein“, schlug Paulo vor. „Wir spielen ihm eine heile Familie vor. Er wird es uns abkaufen, wenn wir es geschickt anstellen. Also reiß dich zusammen!”

© Marcel Porta, 2016
Version 2

Letzte Aktualisierung: 17.09.2016 - 13.52 Uhr
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