Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Familienbande | September 2016
Mutterliebe
von Isabella Bonn

Da, sie tat es schon wieder! Friedolin hasste es, wenn sie das tat. Dieses ordinĂ€re GerĂ€usch, das entstand, wenn sie die Suppe schlĂŒrfte, jagte ihm regelrechte Ekelschauer ĂŒber den RĂŒcken. Seine Hand krampfte sich fester um den Griff des Tranchiermessers. Er zwang seine Gedanken zurĂŒck zur eigentlichen Aufgabe. Er musste sich konzentrieren. Wut machte ihn zittrig, und verminderte seine PrĂ€zision. Und das war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.

Er wusste nicht, wie lange er sie schon mehr hasste als liebte. Konnte sich nicht erinnern, wann er begonnen hatte, jede Kleinigkeit an ihr oder ihren Gewohnheiten zu verabscheuen. Angefangen bei der kleinen Warze auf ihrem linken NasenflĂŒgel, ĂŒber ihre alberne Kunstkrokohandtasche mit der pompösen, goldglĂ€nzenden Schließe, bis hin zu ihrer schrillen, giftig-sĂŒĂŸen Stimme, die ihm regelrecht durch Mark und Bein ging, wenn sie „Fido“ schnarrte.
Und dabei hatte er sie einmal so geliebt.
Ja; seine Mutti war sein ein und alles gewesen. Bis zu jener Walpurgisnacht vor beinahe 30 Jahren, an der sie in die Maifeier geplatzt war, und ihn nach Hause zitiert hatte.
»Fido! Es ist schon zwanzig nach zehn. Punkt zehn hÀttest du zu Hause sein sollen. So war es abgemacht. Und jetzt sieh zu, dass du heim kommst. Aber zackig!«
Und sie hatte das vor der ganzen Gruppe getan. Auch vor Laura. Und das Schlimmste war gewesen, dass er selbst sich mit keiner Silbe gewehrt hatte. Er war nur aufgestanden, hatte eine Entschuldigung gestammelt und war mit hochrotem Gesicht an den anderen vorbei und Mutti hinterher getrottet. Und dabei wĂ€re er so gerne mit Laura zusammen ĂŒber das Maifeuer gesprungen.
Den Blick, den Laura ihm zugeworfen hatte, wĂŒrde er nie vergessen.
Und dafĂŒr hasste er Mutti. Aber mehr noch hasste er sich. Warum hatte er sich nicht einmal benehmen können wie ein Mann. Nur ein einziges Mal.

Fido betrachtete das Messer in seiner Hand. Er zitterte wie Espenlaub. So konnte er unmöglich einen perfekten Schnitt setzen. Er legte das Messer ganz leise und behutsam auf den Tisch, ging zu seinem Stuhl und setzte sich. Ihr gegenĂŒber. Sie sah ihn ĂŒber den Tisch hinweg mit diesem Blick an. Dieser Blick, der ihm immer wieder zu verstehen gab, wessen Eigentum er war und der jeden Widerspruch im Keim erstickte. Er griff in die Hosentasche, zog sein rot-weiß-gemustertes Stofftaschentuch heraus und fuhr sich damit hektisch ĂŒber die Halbglatze.
Sie legte den Löffel weg, griff zur Serviette und tupfte sich die Mundwinkel ab. In Friedolin begann es schon wieder zu brodeln. Er wischte sich erneut ĂŒber die Glatze.
»Fido, was ist denn? Ist dir nicht gut?«
»Ja. Nein. Entschuldige bitte, Mutti.«
Er stĂŒrmte ins Badezimmer und öffnete den Kaltwasserhahn. Hektisch riss er die oberen beiden Knöpfe seines Hemdes auf, ließ sich Wasser in die HĂ€nde laufen und klatschte es sich ins Gesicht. Das tat so unglaublich gut. Friedolin schloss den Hahn, trocknete sich ab und stĂŒtzte sich mit beiden HĂ€nden schwer auf dem Waschbecken ab. Langsam hob er den Kopf und sah in den Spiegel. Mein Gott, was hatte er nur mit seinem Leben angestellt? Wie konnte man seine Lebenszeit nur dermaßen sinnlos vergeuden.
Er könnte jetzt ein glĂŒcklicher Familienvater sein. Mit Laura an seiner Seite und mindestens drei Kindern. Nein, falsch. Mit einer ganzen Horde Enkelkinder um sich herum.
Aber der Kerl, der ihn aus dem Spiegel anstarrte war nur ein Versager. Einer, der mit 52 immer noch bei Mutti lebte, der immer brav die Kleidung trug, die sie ihm kaufte, wusch, bĂŒgelte und ihm abends heraus legte, damit er sich „anstĂ€ndig anzog“.

Schon in der Schule hatten sie ihn ausgelacht, weil er mit Stoffhosen –mit messerscharfen BĂŒgelfalten, versteht sich- und Hemd zur Schule kam, wĂ€hrend die anderen Jungs in Schlaghosen und T-Shirts herum liefen.
Und wegen seines Namens. Auch dafĂŒr hasste er Mutti. Wenn sie ihn schon nach sich selbst benennen musste, warum dann nicht Friedrich, oder wenigstens Frieder. Warum um alles in der Welt musste es ausgerechnet Friedolin sein?
In seiner Lehrzeit erging es ihm nicht viel besser. Auch dort wurde er immer wieder schikaniert und verspottet. Also hatte er einfach „hingeschmissen“.
Laura war die einzige Frau gewesen, die ihn ĂŒberhaupt jemals wahrgenommen hatte. Und dabei half er ihr nur, ihre EinkĂ€ufe einzusammeln, nachdem die Tasche aufgerissen war. Zum Dank lud sie ihn zu einem Kaffee ein. Er war schwer beeindruckt. Eine Frau, die sich traute, einen Mann einzuladen. Er hĂ€tte nie gewagt, sich mit ihr zu verabreden.
Aber Mutti hatte alles kaputt gemacht. In nur einer einzigen Minute. Gerade als er anfing, wenigstens ein wenig aus sich heraus zu gehen. Es gelang ihm sogar, ein paar oberflĂ€chliche Freundschaften zu schließen. Und dann das!
Seit diesem Abend traute er sich kaum noch aus dem Haus. Er ging nur noch zu Arbeit, ab und zu zum Einkaufen, zum Arzt, zum Frisör. Das Nötigste eben. Diese ganze Sache verdrÀngte er einfach. Lebte irgendwie weiter, ohne jemals wirklich lebendig zu sein.
Irgendwann hatte es einfach aufgehört, weh zu tun. Bis heute.
Aber als er heute im Supermarkt Laura gesehen hatte, war alles wieder da gewesen. Er hatte sie sofort wiedererkannt. Trotz der Jahre, die man auch ihr ansah und trotz der Pfunde, die sie zugelegt hatte. In ihrem Gesicht leuchtete immer noch dieses lebendige LÀcheln, das ihre Augen in glÀnzende Smaragde verwandelte. Aber nicht ihn lÀchelte sie an. Sie bemerkte ihn nicht einmal.
Nein, ihr LĂ€cheln galt dem kleinen MĂ€dchen, das an ihrem Rock zupfte.
»Oma, guck mal: Ball.«
Die Augen des MĂ€dchens waren ebenfalls funkelnde Smaragde.
Da war ihm zum ersten Mal bewusst geworden, was er versÀumt hatte.

Friedolin knöpfte die offenen Hemdknöpfe wieder zu. Mutti wĂŒrde ungehalten reagieren, wenn sein Kragen offen stand. Er atmete tief durch, versuchte, sich so gut wie möglich zu entspannen um „normal“ zu wirken, und begab sich wieder zu Tisch.

»Wo warst du denn so lange, Fido? Ich fĂŒrchtete schon, der Braten wĂŒrde kalt. Ich habe schließlich nicht stundenlang in der KĂŒche gestanden, um dann einen kalten Braten zu essen.«
»Mir war nicht gut, Mutti«
»Na, jetzt scheint jedenfalls wieder alles in Ordnung zu sein. Können wir uns jetzt endlich dem Essen zuwenden?«
»Ja, gerne, Mutti.«
Und schon begann sie wieder zu schlĂŒrfen. Diesmal Riesling Kabinett. Friedolin bekam eine GĂ€nsehaut. Er starrte auf das Messer. Ob es wohl sehr schwer war, die richtige Stelle zu finden? Bestimmt nicht. Viel schwieriger war es dann schon, zu verbergen, zu beseitigen, verschwinden zu lassen.
Sein Blick fiel auf die Kerze in der Mitte des Tischs und blieb an der Flamme haften. Ein Feuer konnte gewiss eine ganze Menge verbergen. Aber konnte es alles verzehren? Alle Spuren, alle Gedanken, alle Erinnerungen?
Und wie wÀre es wohl, ganz alleine zu sein?
Friedolin griff nach dem Messer und wog es in der Hand. Er atmete tief durch und sah seiner Mutter in die Augen. Sie hielt dem Blick stand. Mehr noch, sie erwiderte ihn. VerstÀrkte ihn. Genau wie Friedolin seinen Griff am Messer.
»Worauf wartest du noch, Fido?«
»Eine akkurate Scheibe von eineinhalb Zentimetern aus dem Mittelteil, Mutti?«
»NatĂŒrlich, Fido. Wie immer.«
»Gerne, Mutti.«

Letzte Aktualisierung: 15.09.2016 - 07.42 Uhr
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