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Superhelden | Oktober 2016
Werner Scholz macht eine unappetitliche Entdeckung
von Jochen Ruscheweyh

Ein ungewöhnlicher Geruch stieg aus der Toilettenschüssel auf, als Werner Scholz wie jeden Tag um 5.30 Uhr seinen Morgen-Urin ließ. Meist roch er nur, wenn er Spargel gegessen hatte. Aber zum einen hatte er keinen Spargel gegessen und zum anderen nahm er definitiv etwas anderes wahr. Er fuhr sich mit der Hand über seine Bartstoppeln. Nein, er musste sich getäuscht haben. Kurzentschlossen betätigte er die Spülung und legte sich wieder ins Bett.

Schlaf fand er jedoch keinen. Was sicherlich auch daran lag, dass Cockerspaniel Fleischmann in die Lücke zwischen Werner und Waltrauds Kopfkissen gekrabbelt war, ihm seinen Spaniel-After zugewandt hatte und nun in kurzen Abständen seinen buschigen Hundeschwanz hob und schwefelig ausgaste.
Des Grübelns überdrüssig weckte Werner gegen 6.30 Uhr schließlich seine Frau.
„Waltraud!“, rüttelte er an ihrem Oberarm, der in einem langärmeligen sonnengeblümten Nachthemd steckte. „Waltraud, du musst aufwachen.“
Mit geschlossenen Augen hob die Geweckte den Kopf, um ihn dann sofort wieder auf ihr Kopfkissen sinken zu lassen. „Mit dir verheiratet zu sein, wenn es am Vortag Kohl gab, ist nicht schön“, sagte sie und presste sich die Bettdecke gegen die Nase.
Werner überlegte, ob er Einspruch einlegen sollte, denn schließlich war es ja Fleischmann, der ... , entschied sich aber dann doch dagegen, denn die andere Sache duldete keinen Aufschub.
„Waltraud, ich uriniere Bier.“
Sie rieb sich die Augen. „Naja, das ist ja nicht weiter ungewöhnlich, wenn du abends deine Flasche Union trinkst, dann muss sie ja irgendwann wieder raus.“
„Nein, nein, du verstehst mich falsch. Ich uriniere reines, frisches Pils. Mein Glied ist sozusagen zu einem lebenden Zapfhahn geworden.“
„Unfug. Du hast geträumt. Das ist dein schlechtes Gewissen, weil du schon so lange nicht mehr beim Urologen gewesen bist, weil du Angst hast, dass er wieder die große Hafenrundfahrt bei dir macht.“
Werner setze sich auf die Bettkante. „Ich habe nicht schlecht geträumt. Ich habe überhaupt nicht geträumt. Ich bin wach geworden, weil ich Druck hatte, und als ich dann auf der Toilette laufen gelassen habe, da habe ich es gemerkt.“
„Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe.“

„Was willst du denn mit dem Zahnputzbecher, Werner?“
„Na, Urin reinlassen. Wie soll ich es dir sonst demonstrieren?“
„In den Zahnputzbecher?“, Waltraud schüttelte sich. „Wie unhygienisch!“
„Aber es ist doch kein Urin, es ist Bier.“
„Das behauptest du!“
„Ich behaupte es nicht, ich weiß es, Waltraud, weil ich es mit eigener Nase gerochen habe.“
„Aber probiert hast du nicht ...“
„Nein, wie auch? Aus der Toilettenschüssel?“
Werner hörte die Ironie in ihrer Stimme, als sie sagte: „Aber wo es doch Bier ist ...“

Werner stand nicht nur allein, sondern auch unschlüssig im Badezimmer.
„Außerdem sollten Paare nicht in Gegenwart ihres Partners ihre Notdurft verrichten, das ist ganz schlecht für die Lust“, rief Waltraud aus der Küche gegen das Brodeln der Kaffeemaschine an.
Werner betrachtete Waltrauds ausgewaschenen fleischfarbenen Schlüpfer auf der Ausziehwäscheleine schräg über ihm. „Ich wüsste da noch etwas, was schlecht für die Lust ist“, murmelte er, ehe auch er aus dem Bad trottete.
Seit ihrer Rückkehr aus dem österreichischen Exil war irgendwie der Wurm in ihrer Beziehung, ständig gerieten sie aneinander. Es kam ihm fast so vor, als wenn Waltraud ihn dafür verantwortlich machte, dass die von Fleischmann prognostizierte Sintflut nicht gekommen und sie umsonst ins Ötztal ausgewandert waren. Das erschien ihm nicht fair. Warum konnte sie sich nicht einfach freuen, dass die westfälischen Klöster und Kulturgüter von den Wassermassen verschont geblieben waren?
Und Fleischmann hatte sich als übernatürlicher Hund in so vielen Fällen bewährt, dass man ihm auch mal einen Fehler verzeihen musste. ‚Tagebuch müsste man schreiben’, dachte er, ‚dann würde mir wenigstens einer zuhören.’
Unten im Hof spielten Kinder. Ihre Reime hallten durch das gekippte Badezimmerfenster an sein Ohr: Haste Durst, dann geh zu Frau Wurst, die hat ’n kleines Hündchen, das pisst dir ins Mündchen.

Während er sein Pumpernickel mit Falscher-Fasan-Wurst belegte, fragte er sich, ob dieses Bier-Phänomen nun, wie man umgangssprachlich sagte, Fluch oder Segen für ihn bedeutete.
Vom Duft der Wurst angelockt, kam Fleischmann in die Küche, hob seine Spaniel-Nase in die Luft und schnüffelte.
,Das Problem ist die Temperatur’, dachte Werner. ,Nierenwarmes Bier trinkt niemand gerne. Genauso wie man sich kein geschmolzenes Eis oder kalte Esskastanien kauft.’
Ein weiteres Mal wurden seine Gedanken unterbrochen, da die Glocken der nahen Kirche zu läuten begannen.
„Sag ihm, er soll damit aufhören“, seufzte Waltraud und deutete auf Fleischmann, der sich mit Beginn des Läutens auf den Rücken geworfen hatte, die Pfoten seitdem wie ein Kreuz übereinander gefaltet vor sich hielt und die Zähne fletschte. „Das hat ihm bestimmt dieser calvinistische Pastor aus Lüttich beigebracht, von dem du ihn hast“, fügte sie hinzu. Bei dem Wort Lüttich begann Fleischmann zu jaulen und die Augen so zu verdrehen, dass man nur noch das Weiße darin sah.
„Lass ihn, er hat Schweres durchgemacht, denk dran, er ist dem Leibhaftigen persönlich begegnet!“, gab Werner zu bedenken und hielt Fleischmann ein Stück Falscher-Fasan-Wurst hin, der daraufhin sein Gezeter einstellte und nach der Wurst schnappte.
„Also, ich weiß nicht. Dieser Hund war mir noch nie geheuer.“
„Fleischmann gehört zur Familie, Waltraud, das musst du dir realisieren.“
„Das einzige, was ich muss, ist Toilettenpapier kaufen, weil der werte Herr ja immer fünfmal falten muss, ehe es ihm stark genug ist.“

Werner stand vor der Vitrine, in der er seine Bierglassammlung aufbewahrte. Wenn er nun statt dem Zahnputzbecher ein Bierglas benutzte, in das er vorher Eiswürfel tat, und wenn das Bier über ausreichend Stammwürze verfügte ... aber ungeklärt wäre weiter die Frage der Spritzigkeit, sprich: Wie bekam er Kohlensäure ins Glas?
Wenn jemand dieses technische Problem lösen könnte, dann sein Freund und Modelleisenbahnclub-Mitglied Heinz Popanda. Am Besten, er würde ihn gleich anrufen. Wenn Waltraud mit Telefonieren fertig war. Ob sie eine Erkältung bekam? Ihre Stimme klang so heiser durch den Flur.
„Fleischmann, jetzt ist es aber gut“, sagte er, als er ein Gluckern hinter sich vernahm und der penetrante Geruch von Schwefel den Raum zu erfüllen begann.
Als er sich umwandte, wurde ihm mit brutaler Gewissheit klar, was gerade vor sich ging.

„Du hast etwas, das mir gehört, Werner Scholz!“, stellte der Teufel fest, der Waltraud mit seinem linken Arm umklammert hielt, während er seine rechte Klaue, die scharf und silbrig wie ein Gardena Bodenkultivator aufblitzte, gegen ihren Hals presste.
Andere wären vielleicht in Panik verfallen, hätten hyperventiliert oder sich übergeben, nicht so Werner. Er hatte dem Gehörnten schon einmal die Stirn geboten und er würde es wieder tun. Erst recht, wenn dieser - Beziehungswurm hin oder her - seiner Waltraud ein Leid antun wollte. Werner streckte seine Brust vor, als er sagte: „Du verwechselst die persönlichen Fürwörter, Ziegenbart, nicht ich habe etwas, was dir gehört, du hast etwas, was mir gehört!“
„Sagte ich doch, du hast etwas, was mir gehört“, entgegnete Gottes Gegenspieler.
„Werner!“, flehte Waltraud, „spiel keine Spielchen mit dem Teufel. Gib ihm, was er will!“
„Einen Grammatikkurs?“, lachte Werner und gab sich Mühe, so höhnisch wie der Leibhaftige selbst zu klingen. ,Er scheint Rechtfertigungsdruck zu empfinden’, dachte Werner, als der Gehörnte ansetzte: „Es war einer meiner Dämonen, der in einer Samhain-Grille beschloss, einer Gabelreiterin zu imponieren, indem er mich mittels eines faulen Zaubers meines Cervesia-Strahls beraubte, just als ich einen kräftigen Rausch ausschlief.“
„Dann hast du dein Personal wohl nicht richtig im Griff“, bemerkte Werner.
„Schweig!“, brüllte der Teufel, so laut und grimmig, dass es Werner rücklings gegen die Vitrine drückte.
„Werner“, bettelte Waltraud erneut, „so tu doch, wie dir geheißen.“
Der rappelte sich auf und sagte: „Selbst wenn ich wollte, ich wüsste nicht, was ich tun sollte. Das ist wie damals, als wir diesen VHS-Kurs besucht haben, und ich der einzige Mann in der Gruppe war und die Leiterin mir nicht erklären konnte, wie ich meinen Beckenboden heben kann. Genauso ging es mir heute morgen, als ...“
„Du brauchst diese Gabe doch gar nicht, Werner“, unterbrach Waltraud ihn. „Wir kaufen dir eine frische Kiste Union und der Herr Mephisto macht sich wieder auf den Weg zurück ins Fegefeuer.“
Werner schüttelte den Kopf. „Ich hatte schon mit ihm zu tun, er ist so falsch wie ein Grand Hand ohne Buben. Die Antwort auf seine feige Attacke kann erneut nur Liebe sein. Waltraud, trotz aller Differenzen die wir haben, liebst du mich?“
„Auch wenn ich mir gerade wie im dritten Teil eines Fortsetzungsroman vorkomme, von dem nicht jeder die ersten beiden Teile kennt, ja, natürlich, Werner von ganzem Herzen.“
Der Teufel lachte schauerlich auf. „Glaubst du, dass mich das beeindruckt?“ Er zog seine Klaue über Waltrauds Hals, aus dem erste kleine Blutstropfen traten.
„Ich liebe nicht nur dich, ich liebe auch Fleischmann, unseren übernatürlichen Hund, auch wenn ich es nicht so zeige!“, hauchte Waltraud wie mit letzter Kraft.
„Cave canem!“, schrie Werner und mit einem mächtigen Satz sprang Fleischmann vor den Satan selbst, sein buschiger Schwanz fächerte sich auerhahnartig auf und aus den Enden schossen Flammen. Der Teufel schien geblendet, ließ von Waltraud ab, taumelte, fiel lang hin. Schon war Fleischmann über ihm und markierte die hässliche Fratze des Teufels mit einem satten Strahl, unter dem dieser langsam wegschmolz wie Wachs. So wie Werner es mit ihm trainiert hatte.

„Es ist weg.“
„Was?“, fragte Waltraud.
„Na das. Ich uriniere wieder normal.“
„Wahrscheinlich hat er es mit zurück in die Hölle genommen. Ich hätte es sowieso nicht gemocht. Wenn es Pfirsichlikör gewesen wär, vielleicht, aber so ..?“

Letzte Aktualisierung: 26.10.2016 - 07.47 Uhr
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