Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Superhelden | Oktober 2016
Lucky
von Katharina Conrad

K├Ânnte ich nur, wie ich wollte ÔÇŽ
Versteht mich nicht falsch, ich will weder unzufrieden erscheinen noch undankbar, im Gegenteil. Es ist nur ÔÇô ich w├╝rde euch so gerne viel, viel mehr zur├╝ckgeben.
Ich sehe doch, wie ihr euch qu├Ąlt. Eigentlich tut ihr kaum was anderes. Ihr reibt euch auf im Bem├╝hen, heldenhaft stark zu sein, und diese M├╝he frisst das instinktive Tun, das euch doch ebenso angeboren ist wie uns, ich wei├č es genau ÔÇŽ und das euch ├╝ber manche H├╝rden des Lebens hinweghelfen sollte.
Jetzt hockt ihr wieder da auf dem Sofa und schweigt euch an. Der Streit ist vorbei, zumindest der laute Teil. Aber ich kann euch denken h├Âren. Ihm sehe ich an, dass er seine Ruhe will und am liebsten abhauen w├╝rde. Sie w├╝nscht sich eine Tasse Tee, sehnlichst, mit einem Schuss aus der kleinen Flasche, die sie im K├╝chenregal hinter den Gew├╝rzen versteckt.
Zu gerne w├╝rde ich ihn nach drau├čen begleiten, nichts lieber als das! Und ich w├╝rde auch ihr sofort einen Tee kochen ÔÇô leider kann ich das nicht, dummerweise habe ich keine H├Ąnde.
Selbstverst├Ąndlich k├Ânnte ich trotzdem meine Leine holen und sie ihm vor die F├╝├če legen, er w├Ąre dankbar f├╝r den Fluchtweg, doch das w├Ąre sehr unfair ihr gegen├╝ber. Bis die Natur mich dennoch zwingt, genau das zu tun, bleibe ich in meinem Korb liegen und beobachte euch.
Euer Junge kommt und krault mich. Ich drehe mich auf den R├╝cken und pr├Ąsentiere ihm meinen Bauch, weil ich ihm mein Vertrauen zeigen will. Okay, und weil er so gut kraulen kann.
Lucky nennt ihr mich. Glaubt nur ja nicht, ich w├╝sste nicht, was das hei├čt!
Eure Auffassung von Gl├╝ck unterscheidet sich von meiner. Ihr wisst gar nicht, wie sehr. Gl├╝ck ist ein warmer Platz, ein langer Spaziergang im Wald und jemand, der merkt, dass meine Wassersch├╝ssel leer ist.
Ihr solltet mehr Wert auf das Gl├╝ck eures kleinen M├Ądchens legen, das da oben in seinem Bett liegt. H├Ąttet ihr auf mich geh├Ârt, w├╝sstet ihr schon l├Ąnger, dass ihr K├Ârper krank ist! Und jetzt lasst ihr mich nicht mehr zu ihr, weil ihr Angst um ihre Abwehrkr├Ąfte habt. Dabei w├╝rde ich euch so gerne zeigen, wie gut ich f├╝r sie sein kann. Ich bin ihr Freund! Ich w├╝rde bei ihr bleiben, wenn ihr den piepsenden Monitor und den Infusionsst├Ąnder nicht mehr aushaltet und zum Heulen vor die T├╝r geht. Denkt ihr wirklich, sie merkt das nicht? Sie wei├č, dass ich immer ehrlich zu ihr bin, sie sieht es an meinen Augen, ich kann sie nicht anl├╝gen. Ich bin ihr Freund.
Gewesen. Ihr lasst mich ja nicht mehr.
Und euer Junge, der nichts daf├╝r kann, dass ihr euch streitet und euer M├Ądchen stirbt, weint seine Tr├Ąnen in mein Fell, um euch nicht damit zu belasten.
Ihr seid doch hier die Tiere! Was immer das hei├čt.
├ťbrigens w├╝rde ich lieber alleine spazieren gehen, statt von ihr in f├╝nf Minuten einmal um den Block gezogen zu werden. Da darfst du nicht, dort darfst du nicht. Da sollst du! Genau da! Pfui, da doch nicht!
Danke vielmals. Wir h├Ątten beide was davon, wenn sie einfach morgens die T├╝re aufmachen und einen Spalt offen lassen w├╝rde, ich k├Ąme schon zur├╝ck. Es w├╝rde vielleicht etwas l├Ąnger dauern ... Ich w├╝rde noch Cindy besuchen, die Collie-Dame von nebenan, und nat├╝rlich w├╝rde ich nach M├Ąusen graben und ein bisschen jagen, aber ich w├╝rde wieder nach Hause kommen.
Und wenn ich k├Ânnte, dann w├╝rde ich ihm antworten. Wenn er wunderbare lange Streifz├╝ge mit mir unternimmt, immer weiter, immer tiefer in den Wald, weil er hofft, nicht mehr herauszufinden und nicht mehr nach Hause zu m├╝ssen. Wenn er mir alles anvertraut, was ihm auf dem Herzen und auf der Seele lastet. Manchmal w├╝rde ich ihm wirklich gerne antworten.
Wisst ihr ÔÇŽ ich bin ein Mitglied eurer Familie. Ihr habt mich zu euch geholt, als ich noch ein Baby war. Das kleinste Rad im Getriebe bin ich, manchmal auch der Sand, aber immer noch der, den ihr aufgenommen habt. F├╝r euch bin ich Pflicht, Trost, Halt und Routine zugleich, in variierender Auspr├Ągung. Doch viel zu oft, wenn ich Halt sein k├Ânnte, seht ihr nur Last in mir.
Wenn ich w├Ąre wie ihr, w├╝rdet ihr mir die Verantwortung f├╝r mich mir selbst ├╝berlassen. Ich k├Ânnte an eurem Leben teilhaben wie einer der euren und w├Ąre nicht in allen nat├╝rlichen Grundbed├╝rfnissen auf euch angewiesen.
Und ihr h├Ąttet mich niemals in euer Haus geholt! Es ist zum Verr├╝cktwerden.
Wenn ich k├Ânnte, dann w├╝rde ich euch danken, euch anklagen, euch in den Arsch treten und euch tr├Âsten.
K├Ânnte ich nur, wie ich wollte ...



Letzte Aktualisierung: 11.10.2016 - 21.01 Uhr
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