Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Superhelden | Oktober 2016
Er
von Monika Heil

Der Tag, an dem er sich auf den Weg machte, ein Superheld zu werden, war der erste Januar.
Ein neues Jahr begann. Anna-Lena und Jan hatten lange geschlafen, ausgiebig gefrühstückt, wieder geschlafen, einen Spaziergang durch die klare, kalte Winterluft unternommen, sich müde geliebt, ferngesehen.
Nichts Besonderes also, außer, dass ein neues Jahr begann.

Er absolvierte seinen ersten Wettlauf. Ein Wettlauf, der kräftezehrend und anstrengend war, denn er dauerte fast zwei Stunden. Die Zahl seiner Konkurrenten ging in die Millionen. Ja, sie war sogar viel größer, als bei jedem Massen-Marathon. In kürzester Zeit reduzierte sich ihre Anzahl allerdings gewaltig. Er kämpfte sich vorwärts, aufwärts, hin zu einem einzigen Zweck und Ziel!

Er gewann! Er war der Superheld!

Von diesen Strapazen musste er sich dann erst mal erholen. Mucksmäuschenstill blieb er liegen. Dass er sich dabei veränderte, fiel zuerst nicht weiter auf. Langsam, ganz langsam, verging die Zeit. Er wuchs heran, richtete sich in seiner kleinen, dunklen Welt ein und harrte der Dinge, da da kommen sollten. Er lernte schwimmen, eigentlich mehr schaukeln. Das gefiel ihm. Es war gemütlich warm in seiner kleinen Behausung. Ab und zu drangen leise Töne zu ihm vor. Es war mehr ein Rauschen, ein Wispern, das ihn einlullte. Und dann kam wieder eine ganz besondere Stille. Er kannte das Wort Geborgenheit nicht, doch er ahnte, was es bedeutete.

Die Zeit verrann unaufhaltsam. Auch wenn er ganz allein lebte, er fühlte sich nicht einsam. Eine starke Kraft, die er nicht definieren konnte, lockte ihn. Lockte in ein Leben, das er nicht kannte, das neugierig machte. Eine helle Stimme lachte, eine dunkle Stimme summte.
»Mein kleiner Schatz“, flüsterte die helle Stimme. „Mein Superheld“, raunte die dunkle. Vor Aufregung bekam er Schluckauf. „Als wenn eine Seifenblase platzt“, kicherte die helle Stimme. Da hickste er schnell noch ein paar Mal.

Und dann hörte er die Musik. Klänge von Cello, Violine und Klavier hüllten ihn in einen sanften Kokon von Schwerelosigkeit. Er konnte nicht genug davon bekommen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er jeden Tag diese warmen, getragenen, heiteren, jubilierenden Klänge hören können. Besonders der Heldentenor, wie die dunkle Stimme ihn nannte, sang mit einer Leidenschaft, die ihn zum Beben brachte. Er wurde ganz ruhig und genoss den Frieden um ihn herum. Meist schlief er darüber ein.

Er wurde größer, seine Behausung wurde enger. Er versuchte immer öfter, auf sich aufmerksam zu machen. Erst klopfte er vorsichtig an. „Es klingt wie das Flattern von Schmetterlingsflügeln“, gluckste die helle Stimme. Er wurde mutiger, bewegte und drehte sich, boxte ein bisschen und hörte die dunkle Stimme. „Mein Superathlet“, lachte sie.

Sie fotografierten ihn. Die Aufnahme war ein wenig verschwommen. Er hielt die Augen geschlossen und die Hände vor sein winzig kleines Gesicht, verbarg, was für ein großer Held er war.

Monate gingen ins Land, manchmal langsam und träge, manchmal aufregend und hektisch. Seine Behausung wurde ungemütlich eng. Heldenhaft trat er gegen die Wände, versuchte sie zu dehnen. Vergeblich.

Nach 39 Wochen und fünf Tagen beschloss er, seine nächste Heldentat zu vollbringen. Und so kam der eine, der besondere Tag. Es war viertel vor drei, tief in der Nacht. Die ganze Welt schlief. Er nicht. Wild entschlossen atmete er Kraft und reckte seine winzigen Glieder. Er zog den Stöpsel in seiner inzwischen mehr als unbequemen, engen Unterkunft. Sein Zeichen, dass er hinaus wollte in die große weite Welt. Seine Mutter versuchte noch kurze Zeit, ihn zurückzuhalten. Vergeblich. Er kämpfte, kämpfte und kämpfte. Ein letzter Kraftakt und dann war er da.

Der Superheld.
Sie nannten ihn Matti.

Letzte Aktualisierung: 11.10.2016 - 09.23 Uhr
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