Der himmelblaue Schmengeling
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Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Ein kleiner Feldblumenstrauß
von Anne Zeisig

Es war einmal eine Prinzessin namens Fleuresse. Eigentlich führte sie im Schloss ihrer Eltern ein sorgloses Leben, und täglich erfreute sie sich am Blumengarten, den ihr Vater anlässlich ihrer Geburt hatte anlegen lassen. Edle Gewächse gab dort zu bestaunen.
Jedoch, im zwanzigsten Jahr ihres Daseins, stand eine Entscheidung an, die für ihr weiteres Leben von Bedeutung sein würde.
Deshalb konnte sie sich auch nicht am Duft des Lavendels erfreuen und hatte keinen Blick für die Schönheit der rosaroten, duftenden Edelrosen.

“Kind!”, mahnte die Königinmutter, “du musst keine kluge Entscheidung treffen, denn einzig dein Herz soll zu deiner Seele sprechen.”
“Was gebt ihr unserem Kinde für einen unsäglichen Ratschlag!”, polterte der König und schmetterte sein Zepter dermaßen auf den Steinboden, dass es fast zerschellte.
Die Frauen zuckten zusammen.
“Hättet Ihr einst euer Herz sprechen lassen, währet Ihr womöglich an einen Taugenichts geraten und würdet euer Auskommen als Wäscherin verdingen.”
Die Königin warf ihrem Herrn und Gebieter einen Blitz aus zusammen gekniffenen Augen zu.
Wahrlich! Eine Wäscherin wäre aus ihr, einer Gutsherrentochter, nicht geworden. Aber sie zählte einst erst siebzehn Lenze und sah sich der elterlichen Tradition verpflichtet, welche einen Ehegatten von hohem Range für sie auserkoren hatten.
“Die Liebe ist ein zartes Pflänzlein, ein junger Spross, der in der Ehe wächst, gedeiht, und eine Frucht unter deinem Herzen wachsen lassen wird, mein Kind”, hatte sie einst ihre Mutter auf den bevorstehenden Ehealltag vorbereitet.

* * *

“Aber für wen der beiden Jungmänner soll ich mich denn entscheiden?”, klagte Fleuresse und sah ihren Vater aus großen blauen Augen an. “Da scheint mir der Rat der Mutter recht einleuchtend.” Sie senkte den Blick, weil sie abermals einen Wutausbruch des Königs fürchtete.
Stattdessen gab er ein Zeichen, sie möge sich auf seinen Schoß setzen. Wie früher. Als sie noch ein Kind war und mit blonden Zöpfen.
“Kind! Erzähle!”
“Da ist der Jungmann Kottan, er macht mir schöne Augen und legt jeden Morgen einen bunten duftenden Feldblumenstrauß vor dem Stall ab. Er ist weise, weil er weiß, wie sehr ich die blühenden Gewächse mag und er versteht die Sprache meines Lieblingspferdes. Ihr wisst genau, dass er es geheilt hat, als alle Hoffnung aufgegeben war .” Nun flüsterte sie. “Es macht mir nichts aus, dass er Stallbursche ist und von niederer Herkunft. Und wie wonnig sein schwarzes Haar in der Sonne glänzt!”, schwärmte sie.
Der König bebte innerlich, beherrschte sich jedoch.
“Sein Lächeln! Ich mag dieses Grübchen auf seinem Kinn. Und seine Augen leuchten. Er ist ehrlich und anständig, verfolgt mich mit Wonne in meinen schönsten Träumen.”
Die Königinmutter schnäuzte leise in ihr Spitzentaschentuch und wisperte, um den Zorn des Königs nicht auf sich zu ziehen: “Aber es gibt noch einen zweiten Verehrer, der es ehrlich meint, liebes Kind. Auch von ihm will der König hören.”
Fleuress winkte ab und wiegte den Kopf hin und her. “Ich will ihn nicht gar aus meinem Herzen ausschließen, lässt er mir doch wundervoll künstlerische Rosenbuketts zukommen, edles Parfum aus Paris und Hüte mit seidener Schleifenzier.”
“Sein Schloss übertrumpft in Prunk und Gloria das unsere bei Weitem und ebenso verhält es sich mit den Ländereien”, vervollständigte der König die Aufzählung. “Du hättest ausgesorgt bis an dein Lebensende und eure Kinder würden angemessen aufwachsen bei hoher gesellschaftlicher Stellung und Macht.”
“Warum zögerst du?”, fragte die Königinmutter. “Ich sehe keinen Nachteil in diesem Anwärter.” Und sie fügte hinzu. “Sein Haar ist ebenso blond und gülden, wie deines.”
Der König schob Fleuresse von seinem Schoß hinunter und ordnete sein Gewand.
“Wenn zwei angesehene wohlhabende Familien sich vereinen, kann das nur von Vorteil sein, auch das musst du bedenken, so will es die Tradition, denn es ist dem Königreich von Nutzen. Willst du dich zum Gespött des Volkes machen, wenn du einen dahergelaufenen Stallbuschen ehelichst, der es womöglich nur auf deinen Stand abgesehen hat? Undenkbar!”
“Die Wahl ist also getroffen.” Dafür erhielt die Königin von ihrem König ein anerkennendes Lächeln.
“Aber seine Rosen! Die Rosen tragen keinen Duft!”, begann die Tochter weinerlich.
“Jedoch ein staubiger Feldblumenstrauß vom Wegesrand erfreut das Herz?”, fragte die Mutter.
Fleuresse nickte.
“Woher hat sie nur diesen Sinn für das Bescheidene?”, fragte der König und sah seine Gemahlin eindringlich an, dann stand er auf.
“Wenn es dich beruhigt, so lasse ich zur Hochzeit das Schloss mit wunderbar bunten Blumen vom Felde schmücken und ebenso wird der Schlossgarten umgestaltet werden. Der ausströmende Duft und die Buntheit wird Jedermann betören und besonders dich, mein Liebstes.”
So kam es, dass Fleuresse den blonden Adeligen in einem Meer von bunten Blumen ehelichte. Als da waren blaue Kornblumen zu sehen, purpurner Mohn, wilder Flieder in weiß und violett, sowie Vieles mehr an Pracht.
Als Fleuresse nach der Trauungszeremonie für einen kurzen Moment in den Stall ging, um nach dem Ergehen ihres Pferdes zu sehen, lag wieder ein kleiner Feldblumenstrauß vor der Stalltür, den sie weinend an ihr Herz drückte.
Eilig wechselte sie ihre Brauttracht gegen die Reiteruniform und ritt mit wehendem Haar der hochstehenden Sonne entgegen über die Felder zu Kottan, der jenseits des Flusses ein kleines Holzhaus bewohnte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann . . .

1. Fassung

Letzte Aktualisierung: 08.11.2016 - 07.33 Uhr
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