Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
Es war einmal eine Prinzessin namens Fleuresse. Eigentlich fĂŒhrte sie im Schloss ihrer Eltern ein sorgloses Leben, und tĂ€glich erfreute sie sich am Blumengarten, den ihr Vater anlĂ€sslich ihrer Geburt hatte anlegen lassen. Edle GewĂ€chse gab dort zu bestaunen.
Jedoch, im zwanzigsten Jahr ihres Daseins, stand eine Entscheidung an, die fĂŒr ihr weiteres Leben von Bedeutung sein wĂŒrde.
Deshalb konnte sie sich auch nicht am Duft des Lavendels erfreuen und hatte keinen Blick fĂŒr die Schönheit der rosaroten, duftenden Edelrosen.
âKind!â, mahnte die Königinmutter, âdu musst keine kluge Entscheidung treffen, denn einzig dein Herz soll zu deiner Seele sprechen.â
âWas gebt ihr unserem Kinde fĂŒr einen unsĂ€glichen Ratschlag!â, polterte der König und schmetterte sein Zepter dermaĂen auf den Steinboden, dass es fast zerschellte.
Die Frauen zuckten zusammen.
âHĂ€ttet Ihr einst euer Herz sprechen lassen, wĂ€hret Ihr womöglich an einen Taugenichts geraten und wĂŒrdet euer Auskommen als WĂ€scherin verdingen.â
Die Königin warf ihrem Herrn und Gebieter einen Blitz aus zusammen gekniffenen Augen zu.
Wahrlich! Eine WĂ€scherin wĂ€re aus ihr, einer Gutsherrentochter, nicht geworden. Aber sie zĂ€hlte einst erst siebzehn Lenze und sah sich der elterlichen Tradition verpflichtet, welche einen Ehegatten von hohem Range fĂŒr sie auserkoren hatten.
âDie Liebe ist ein zartes PflĂ€nzlein, ein junger Spross, der in der Ehe wĂ€chst, gedeiht, und eine Frucht unter deinem Herzen wachsen lassen wird, mein Kindâ, hatte sie einst ihre Mutter auf den bevorstehenden Ehealltag vorbereitet.
* * *
âAber fĂŒr wen der beiden JungmĂ€nner soll ich mich denn entscheiden?â, klagte Fleuresse und sah ihren Vater aus groĂen blauen Augen an. âDa scheint mir der Rat der Mutter recht einleuchtend.â Sie senkte den Blick, weil sie abermals einen Wutausbruch des Königs fĂŒrchtete.
Stattdessen gab er ein Zeichen, sie möge sich auf seinen SchoĂ setzen. Wie frĂŒher. Als sie noch ein Kind war und mit blonden Zöpfen.
âKind! ErzĂ€hle!â
âDa ist der Jungmann Kottan, er macht mir schöne Augen und legt jeden Morgen einen bunten duftenden FeldblumenstrauĂ vor dem Stall ab. Er ist weise, weil er weiĂ, wie sehr ich die blĂŒhenden GewĂ€chse mag und er versteht die Sprache meines Lieblingspferdes. Ihr wisst genau, dass er es geheilt hat, als alle Hoffnung aufgegeben war .â Nun flĂŒsterte sie. âEs macht mir nichts aus, dass er Stallbursche ist und von niederer Herkunft. Und wie wonnig sein schwarzes Haar in der Sonne glĂ€nzt!â, schwĂ€rmte sie.
Der König bebte innerlich, beherrschte sich jedoch.
âSein LĂ€cheln! Ich mag dieses GrĂŒbchen auf seinem Kinn. Und seine Augen leuchten. Er ist ehrlich und anstĂ€ndig, verfolgt mich mit Wonne in meinen schönsten TrĂ€umen.â
Die Königinmutter schnĂ€uzte leise in ihr Spitzentaschentuch und wisperte, um den Zorn des Königs nicht auf sich zu ziehen: âAber es gibt noch einen zweiten Verehrer, der es ehrlich meint, liebes Kind. Auch von ihm will der König hören.â
Fleuress winkte ab und wiegte den Kopf hin und her. âIch will ihn nicht gar aus meinem Herzen ausschlieĂen, lĂ€sst er mir doch wundervoll kĂŒnstlerische Rosenbuketts zukommen, edles Parfum aus Paris und HĂŒte mit seidener Schleifenzier.â
âSein Schloss ĂŒbertrumpft in Prunk und Gloria das unsere bei Weitem und ebenso verhĂ€lt es sich mit den LĂ€ndereienâ, vervollstĂ€ndigte der König die AufzĂ€hlung. âDu hĂ€ttest ausgesorgt bis an dein Lebensende und eure Kinder wĂŒrden angemessen aufwachsen bei hoher gesellschaftlicher Stellung und Macht.â
âWarum zögerst du?â, fragte die Königinmutter. âIch sehe keinen Nachteil in diesem AnwĂ€rter.â Und sie fĂŒgte hinzu. âSein Haar ist ebenso blond und gĂŒlden, wie deines.â
Der König schob Fleuresse von seinem Schoà hinunter und ordnete sein Gewand.
âWenn zwei angesehene wohlhabende Familien sich vereinen, kann das nur von Vorteil sein, auch das musst du bedenken, so will es die Tradition, denn es ist dem Königreich von Nutzen. Willst du dich zum Gespött des Volkes machen, wenn du einen dahergelaufenen Stallbuschen ehelichst, der es womöglich nur auf deinen Stand abgesehen hat? Undenkbar!â
âDie Wahl ist also getroffen.â DafĂŒr erhielt die Königin von ihrem König ein anerkennendes LĂ€cheln.
âAber seine Rosen! Die Rosen tragen keinen Duft!â, begann die Tochter weinerlich.
âJedoch ein staubiger FeldblumenstrauĂ vom Wegesrand erfreut das Herz?â, fragte die Mutter.
Fleuresse nickte.
âWoher hat sie nur diesen Sinn fĂŒr das Bescheidene?â, fragte der König und sah seine Gemahlin eindringlich an, dann stand er auf.
âWenn es dich beruhigt, so lasse ich zur Hochzeit das Schloss mit wunderbar bunten Blumen vom Felde schmĂŒcken und ebenso wird der Schlossgarten umgestaltet werden. Der ausströmende Duft und die Buntheit wird Jedermann betören und besonders dich, mein Liebstes.â
So kam es, dass Fleuresse den blonden Adeligen in einem Meer von bunten Blumen ehelichte. Als da waren blaue Kornblumen zu sehen, purpurner Mohn, wilder Flieder in weiĂ und violett, sowie Vieles mehr an Pracht.
Als Fleuresse nach der Trauungszeremonie fĂŒr einen kurzen Moment in den Stall ging, um nach dem Ergehen ihres Pferdes zu sehen, lag wieder ein kleiner FeldblumenstrauĂ vor der StalltĂŒr, den sie weinend an ihr Herz drĂŒckte.
Eilig wechselte sie ihre Brauttracht gegen die Reiteruniform und ritt mit wehendem Haar der hochstehenden Sonne entgegen ĂŒber die Felder zu Kottan, der jenseits des Flusses ein kleines Holzhaus bewohnte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann . . .
1. Fassung
Letzte Aktualisierung: 08.11.2016 - 07.33 Uhr Dieser Text enthält 5625 Zeichen.