Der Tod aus der Teekiste
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Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Der zerbrochene Spiegel
von Gerhard Fritsch

Nachdem Isolde Biedermann sich in ihrer Heimat wieder ein wenig eingewöhnt hatte, beschloss sie, Freundinnen und alte Bekannte von früher zu einem geselligen Abend einzuladen. Dazu aber musste sie – oder besser gesagt: wollte sie – ihre Wohnung etwas zeitgemäßer und attraktiver ausstatten. Sie ließ die alten Tapeten entfernen und die Wände in jedem Raum mit einer anderen Farbe tünchen. Die Möbel beließ sie, sie waren ja kaum gebraucht und wirkten, wie sie meinte, immer noch zeitgemäß. Nur die Bilder und anderen Wohnaccessoires gefielen ihr nicht mehr. Isolde begab sich deshalb in die Innenstadt, um sich in einem Fachgeschäft für gehobenes Wohnambiente umzusehen.
Nachdem sie ihren Einkaufswagen schon mit allerlei neuem Schnick-Schnack gefüllt hatte, erblickte sie in einer Ecke einen zerbrochenen Spiegel in einem zirka 40 x 60 cm goldverzierten Holzrahmen. Da sie annahm, Bedienstete des Hauses hätten das Möbelstück zwecks Entsorgung in die abgelegene Nische gestellt, fragte sie den Verkäufer der Abteilung, ob sie den kaputten Spiegel trotzdem haben könne. Für einen geringen Preis selbstverständlich, denn der Rahmen sei ja noch gut und der würde ihr sehr gefallen. Insgeheim beabsichtigte sie nämlich, ihn für ein Bild ihres verstorbenen Gatten Karl-August verwenden zu können.
Der Verkäufer reagierte mit einem überraschten, ja geradezu bestürzen Gesichtsausdruck und beschwor Isolde mit dem ihm eigenen französischem Akzent in seiner Stimme: „Aber Madame, mon Dieu, wollen sie misch beleidigen? Wir verkaufen doch keine kaputten Sachen. Das ist keine gebrochene Spiegel, das ist eine ganz besondere Kunstwerk. Schauen sie, Madame, in der Mitte fehlt nur eine ganz kleine Splitter, und von da aus verzweigen sich die Risse in alle Richtungen. Eine normale Spiegel würde nie so brechen. Glauben Sie mir, ihre E-egatte wird ihnen danken, wenn sie dieses Kunstwerk mit nach Ause bringen. - Wie? Sie sind nischt ver-eiratet? Impossible, so eine attraktiv Dame und nischt vergeben?“
Hier schnitt Isolde dem Verkäufer das Wort ab und fragte nach dem Preis, denn ihr schienen die Argumente des Franzosen durchaus glaubwürdig.
„Nur 400 Euro, Madame“, antwortete der Verkäufer. „Ein Schnäppschen, wie ierzulande man sagt, für eine so geniale Kunstwerk. Greifen Sie zu Madame, Ihre Freund wird Sie bewundern.“
Isolde, auf deren Konto sich während ihrer Abwesenheit ein ansehnliches Vermögen angehäuft hatte und die sich vom Charme ihres Gegenüber gewissermaßen beeindrucken ließ, akzeptierte den Preis und wollte sich gerade nach dem Spiegel bücken, wobei ihr der Verkäufer höflichkeitshalber aber zuvorkam.

Zuhause angekommen, verteilte sie die eingekauften Gegenstände so, dass man sie kaum übersehen konnte. Bei dem Spiegelkunstwerk aber zögerte sie lange. Einfach an die Wand hängen wäre nicht gut, dachte sie, denn dann könnte einer tatsächlich glauben, es wäre ein zerbrochener Spiegel. Nein, ein Kunstwerk muss auch wie ein Kunstwerk platziert werden. So wie man das von Joseph Beuys oder Salvador Dalì kennt. Isolde entschied sich daher, das Gebilde in der Garderobe zu arrangieren, und zwar gegenüber dem normalen Garderobenspiegel auf dem Schuhschränkchen, das sich zurückgesetzt in einer Nische befand. Nicht aufgehängt, sondern wie zufällig in einem Eck an die Wand gelehnt.

Bald darauf war der Tag gekommen, an dem Isolde ihre Gäste eingeladen hatte. Ihre Freundinnen Dorothe aus Helston, Hannelore aus Malmö und Bienzerella aus der Normandie waren angereist, ihre Cousine Gerlinde aus Cornwall und noch gut ein Dutzend anderer alter Bekannter waren gekommen. Alle hatten Geschenke mitgebracht, Erashleo und Mandsgum zum Beispiel einen kunstvoll verzierten japanischen Fächer Made in China. Auch Blem Blem war eingeladen. Er war etwas aufgeregt, denn als Jugendlicher war er total verknallt in Isolde. Als sie sich dann aber zur Raumpilotin ausbilden ließ und dadurch nur noch selten zu Hause war, und vor allem als sie dann heiratete, war er sehr enttäuscht gewesen. Umso mehr war er jetzt bemüht, einen besonders guten Eindruck auf Isolde zu machen. Er hatte sie ja seit mindestens dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Beweisen wollte er ihr auch, dass ihm sein Faible für modisches Aussehen noch nicht verloren gegangen war. Er zog seine beste Jeans mit aufgeschlitzten Knien an, dazu einen schwarzen Kapuzenpulli mit einem stilisierten weißen Schlangenkopf und in gotischen Lettern die Aufschrift „EMBLEM OF THE BLEEDING KNIGHTS REALM“ auf dem Rücken. Unter der Kapuze hatte er noch eine dunkelblaue Schildmütze mit aufgedrucktem Totenkopf aufgesetzt.

Isolde ihrerseits war ebenfalls nervös, denn auch sie hatte in jungen Jahren, bevor sie Karl-August kennenlernte, Blem Blem sehr gern gehabt. Sie hoffte sogar, auf ihn jetzt noch einen relativ attraktiven Eindruck machen zu können, denn aufgrund ihrer vierundzwanzigeinhalb Jahre dauernden Reise zum Alpha-Centauri-Sternensystem und zurück wirkte sie noch viel jünger als ihre gleichaltrigen, auf der Erde gebliebenen Freundinnen. Isolde konnte sich nicht einmal mehr an Blem Blems richtigen Namen erinnern. Sie wusste nur noch, dass er ein Onkel von Erashleo war, weshalb sie diesen gebeten hatte, die Einladung weiterzureichen. Von Erashleo wusste sie aber, dass Blem Blem diesen Namen, der ihm seit Kindheitstagen anhing, nicht mehr so gern hörte. Schließlich ging er jetzt ja auch schon auf die Sechzig zu.

Isolde begrüßte ihn, als sie ihm die Türe öffnete, lediglich mit „Hallo, schön dich zu sehen.“ Insgeheim aber dachte sie: „Mein Gott, armer Kerl, wie weit bist du denn herabgekommen!“ Isolde war nämlich seit ihrer Rückkehr noch nicht vollständig mit den gegenwärtigen Modegewohnheiten vertraut. Nachdem sie ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht hatten, bat Isolde ihn, doch abzulegen und ins Wohnzimmer zu kommen. Für Blem Blem war die erste Begegnung mit Isolde sehr zufriedenstellend verlaufen. Seine innere Anspannung hatte sich gelegt. Er streifte seine Kapuze zurück und deponierte seine Mütze auf der Hutablage. Wie gewohnt begann er dann, sein Aussehen im Garderobenspiegel zu überprüfen. Er drehte seinen fettig glänzenden, dicken Schädel etwas zur Seite, kippte ihn dazu noch um etwa fünf Grad, hob die Backen und zog die Mundwinkel in Richtung Ohren. Er war sehr zufrieden, denn dieser Gesichtsausdruck verlieh ihm sympathische Züge und Beachtung bei Frauen. Dachte er wenigstens. Gerade, als er schon weitergehen wollte, erblickte er im Spiegel einen regelrechten Buchstabensalat. Der Kunstwerkspiegel nämlich spiegelte nicht alles in gleicher Reihenfolge, sondern jeden einzelnen Buchstaben quasi für sich selbst und dazu noch in verschiedenen Richtungen auf den Garderobespiegel zurück. Dort konnte man sie aufgrund der doppelten Spiegelung wieder richtigherum sehen, und Blem Blem glaubte, eindeutig seinen Namen erkennen zu können. Wut stieg in ihm hoch. Er drehte sich mehrmals um und wieder zurück, konnte den Ursprung aber nicht erkennen, was ihn noch mehr in Rage versetzte. Und weil er beizeiten auch zu cholerischen Anfällen neigte, nahm er einen metallenen Schuhlöffel und schlug damit gegen den Garderobenspiegel, so dass dieser zersprang. Dazu schimpfte und fluchte er, setzte seine Mütze wieder auf und schrie voller Wut, dass alle ihn mal könnten. Als er ging, warf er die Türe mit solcher Wucht zu, dass das Sektglas, das Isolde für ihn im Wohnzimmer bereitgestellt hatte, umfiel und zerbrach.

Letzte Aktualisierung: 21.11.2016 - 23.16 Uhr
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