Der Tod aus der Teekiste
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Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Eine Frage des Systems
von Jochen Ruscheweyh

Uwe war sich eigentlich bereits sicher, dass er etwas Unglaublichem auf der Spur war, als er zum zweiten Mal die Remote Control in die Hand nahm, wie man es neudeutsch ausdrückte, und das betätigte, was er sein halbes Leben lang Zurückspulen genannt hatte, und nun jetzt Backward Mode hieß.
Er hatte nie verstanden, warum sich mit VHS erst das schwächste der drei Systeme durchgesetzt hatte, was dann von DVD, und die wiederum von BlueRay abgelöst worden war.
Cinema und TV Spielfilm hatten das „die Gesetze des Marktes“ genannt.
Fast täglich sah er den dicken Bernie unten am türkischen Kiosk stehen, der früher einmal Bernies Video Treff gewesen war.
In einer besseren Zeit.
In der man stundenlang am Ausleih-Tresen stehen und darüber philosophieren konnte, ob Rambo, Chuck Norris oder Jacky Chan die bessere Nahkampftechnik besaß und welcher der abgefahrenste Teil von Police Academie war.
Seit seiner Insolvenz war der schon früher dem Alkohol recht zugeneigte Bernie vollends in den Suff abgerutscht. Auch eine Form der Bereinigung des Marktes. Aus diesem Grund vermied Uwe es, Bernie in die Arme zu laufen. Denn das letzte, wonach ihm aktuell der Sinn stand, waren lallende alkoholschwangere Umarmungen.

Streaming.
Allein das Wort klang schon irgendwie suspekt. Andererseits versprach es topaktuelle Filme, die Möglichkeit jederzeit zu stoppen oder weiterzuschauen und vor allem Platzersparnis.
Ein Streaming Dienst, das war der Deal gewesen.
Um die Kontrolle zurückzuerlangen.
Sich neu zu strukturieren.
Fokussieren.
Dass Uwe noch über drei weitere gecrackte Streaming-Abos verfügte, war gegen den Deal. Daher ließ er es unerwähnt.
Natürlich wirkte es nüchtern betrachtet sinnlos, die über fünftausen DVD’s Videos und Bluerays, die nun mehr oder weniger säuberlich verpackt im Keller neben den Kino- und TV-Magazinen lagerten - ebenfalls ein Teil des Deals – zu behalten. Andererseits war er sich nicht sicher, ob er es fertig brachte, sich davon zu trennen. Wenn es nun alle so machten, dann gäbe es keinen Beweis mehr. Niemanden, der ein BackUp in Form eines Datenträgers oder Pressematerial hätte. Sie würden möglicherweise nicht sofort die komplette Kultur- oder Politik-Geschichte ändern, aber vielleicht nach und nach.
Es schellte.


Maiki stellte die obligatorischen Pommes rot/weiß und zwei Ein-Liter-Flaschen Cola auf den Tisch. Maiki heiß eigentlich Maik, aber er bestand darauf, dass Uwe ihn Maiki nannte. Daher tat Uwe es.
Der Aufdruck „Punisher“ auf Maikis T-Shirt wurde vakuumähnlich zwischen seinem Bauch und dem eingesogen, was man bei Frauen Brüste nannte, als er sich in Uwes Couch sinken ließ.
„Ich muss mich erst dran gewöhnen, wie aufgeräumt es jetzt bei dir aussieht“, sagte Maiki und begann, das Wachspapier um die Pommesschalen zu entfernen. „Ich glaub, ich könnte das nicht, mich von meinem ganzen Zeug trennen“, sagte er, und dann „Scheiße“, bevor er sich die Currysoße vom Handrücken leckte, mit der er sich beschmiert hatte.
„Mir fällt es auch nicht leicht“, entgegnete Uwe.
„Mein Chef ist mir übrigens heute wieder voll auf den Sack gegangen. Pass auf, wir haben drei Container für Grünschnitt und Gesteckreste und zwei für Erdaushub ...“
Uwe schaltete ab und schaute auf die Wände links und rechts von der Fensterseite. Die zugespachtelten Bohrlöcher an den Stellen, wo bis vor kurzem noch die überquellenden Regale hingen, die seine Sammlung trugen, fielen so gut wie gar nicht auf.
Er hatte auch gestrichen.
Selbst.
Was ebenfalls Teil des Deals gewesen war.
Veränderung.
Neuanfang.
Aufbruch.
Die Farbe hieß Arctic White. Seitdem kam ihm der Raum kalt vor.

Uwe hörte selten zu, wenn Maiki erzählte. Maikis Problem war, dass seine Geschichten immer zäh und nicht auf den Punkt rüberkamen, wenn es um etwas anderes als Filme ging.
Im Prinzip tat es Uwe leid, dass er so über Maiki dachte.
Eigentlich hatte er Maiki gern und sah in ihm eine Art Seelenverwandten (auch wenn er das Wort hasste), mit dem er stundenlang Filme schauen und kommentieren konnte.
Gleichzeitig war Uwe sich sicher, was die Nachbarn dachten: ein Fünfundfünfzigjähriger und ein übergewichtiger Fünfundzwanzigjähriger mit einem Gehfehler. Wahrscheinlich hielten sie ihn für pervers. Dabei lief nichts zwischen ihnen. Sie waren nur Freunde, die sich von Bernie kannten und zusammen Videos anschauten. Was auch sonst?
„ ... und dann hat Günther die Schubkarre mit dem Erdaushub ...“
„Sie manipulieren“, sagte Uwe.
„Was?“, fragte Maiki. „Wer denn? Günther?“
„Nein. Sie eben. Sie machen es nicht im großen Stil, eher so nebenbei, subtil, sie ändern Kleinigkeiten. Hier diese Stelle“, er drückte auf die Remote Control, „hör dir mal den Dialog an.“

„Ja ... du hast recht. Das ist im Original anders. Wobei ja die Frage ist, was das Original ist.“
„Sie werben damit, dass sie nur Originalversionen streamen.“
„Ja, schon klar“, sagte Maiki, griff sich einige mayonaisebeladene Fritten und schob sie sich in den Mund. „Aber ich geh mal davon aus, dass die wirklichen Originalversionen bei Warner oder MGM in Panzerschränken liegen“, sagte er, während er kaute.
Uwe schaute wieder auf die weißen Wände, die ihm jetzt noch kälter vorkamen als bisher. Auch hatte er wie so oft in letzter Zeit das Gefühl, dass sie sich bewegen, auf ihn zu, wie diese großen Quader in der Pyramide bei Crucified Cleopatra.
Maiki schraubte die Cola Flasche auf, setzte an und trank gut ein Drittel weg. „Ah, das tat gut, ich hab Brand wie eine vietnamnesische Bergziege.“
„Vietnamesische ...“, korrigierte Uwe.
„Ja, Herr Professor.“
„Bist du dir im Klaren darüber, dass wir vor einer unfangreichen Umwälzung des gesamten Unterhaltungsmarktes stehen?“, fragte Uwe, während eine neue frostige Welle, ein Schauder, durch seinen Körper lief. Sie manipulierten.
„Sicher, sie setzen uns immer mehr weichgespülten Mainstream-Schrott vor.“
Uwe hatte das Gefühl, sich festhalten zu müssen, griff nach der Cola Flasche, als wäre es eine antike Säule, die ihm Halt geben könnte.
„Hast du gar keinen Hunger?“
„Nicht so richtig.“
„Kann ich dann deine Portion haben?“
„Klar, sicher. Nimm ruhig“, gab Uwe zurück.
„Wann gehst du eigentlich wieder arbeiten?“, fragte Maiki.
Uwe starrte auf die ihm gegenüberliegende Wand.
„Ich geh nicht mehr arbeiten. Ich schaff das nicht mehr. Nervlich.“
Maiki zog die Schale auf dem Wachspapier zu sich hinüber und griff mit zwei Finger hinein. Uwe sah, wie ein dicker Tropfen Currysoße über das Punisher-Logo auf Maikis T-Shirt tropfte, dann auf dem gummiähnlichen Aufdruck von oben direkt in das „U“ lief und erstaunlicherweise von der Rundung unten aufgehalten wurde.
„Ich habe jetzt jemanden, der sich etwas um meine Angelegenheiten kümmert. Es ist vielleicht alles etwas ... aus dem Ruder gelaufen bei mir in letzter Zeit.“
„Ich überleg auch, ob ich noch weiter hingehe, zur Arbeit.“
„Natürlich gehst du. Du musst“, sagte Uwe, etwas lauter, als er eigentlich wollte.
„Warum?“
„Na, weil du noch jung bist und ... Geld verdienen musst.“
Maiki spießte ein Stück Currywurst auf und hielt es wie prüfend in die Höhe. „Ich könnte hier bei dir einziehen, und dich manipulieren.“
„Was hast du gerade gesagt?“
„Ich hab gesagt, ich könnte mich um dich kümmern. Deine Wäsche und den Haushalt machen, damit es eine Weile so bleibt. So aufgeräumt.“

Uwe musste aufstehen. Er trat ans Fenster. So nah, dass seine Stirn die Scheibe berührte.
Unten sah er Bernie einen Kurzen ansetzen und den Kopf in den Nacken legen. „Sie können uns nicht einfach so manipulieren. Und ob er jetzt Lifecoach oder gesetzlicher Betreuer ist, ich lasse mir nicht vorschreiben, wie meine Wohnung auszusehen hat. Ich bin kein Messi verdammt noch mal.“ Uwes Atem hinterließ einen beschlagenen Fleck an der Scheibe. Mit dem Finger schrieb er ein M in die Feuchtigkeit hinein. Dann sagte er: „Lass uns das ganze Zeug wieder hochholen und mit den Streaming-Filmen vergleichen. Wir führen Excel-Listen mit den Unterschieden und stellen die online. Und wir brauchen eine Internetpräsenz. Womöglich handelt es sich um eine weltweite Verschwörung.“
Er spürte, dass Maiki von hinten an ihn herantrat. Er schlang die Arme um Uwe, schob seine soßenklebrigen Hände unter Uwes Pullover und flüsterte: „Und wir bringen Bernie wieder auf Kurs. Darf ich bei dir einziehen? Bitte!“

Er wusste, dass er nicht nein sagen konnte.
Genauso wie er wusste, dass sie auf eine große Katastrophe zusteuerten.
Aber es war zu spät. Sie waren schon in seinem Kopf.
Alles hatte mit diesem verdammten VHS-System angefangen.
Damals schon.

Letzte Aktualisierung: 21.11.2016 - 07.24 Uhr
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