Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Die Meeresformel
von Glädja Skriva

Wenn du durch Wasser gehst,

will ich bei dir sein,

dass dich die Ströme

nicht

überfluten sollen.

(Jesaja 43)



Gänsehaut bildete sich auf ihrer Haut. Der Wind strich kühl darüber. Die Sonnenschirme, bunt und fröhlich am Strand aufgestellt, flatterten aufgeregt in der Böe. Großmutter lachte, lachte den Sturm aus, das Unwetter, das sich in vielen grauen Wolken zusammenballte. Für sie begann der Spaß jetzt erst richtig. Ausgelassen tanzte sie am menschenleer gewordenen Strand und presste das knallig-rote Handtuch an ihren wogenden Busen. Sie summte und wiegte sich dazu in den Armen eines imaginären Lovers, mit kreisenden Hüften und wackelndem Hintern.
„Herrlich!“, sie drehte sich schneller und schneller und in diesem Moment hätte man niemals geglaubt, dass sie weit über 80ig Jahre alt war und das dürre Ding, das da bibbernd vor ihr am Meeressaum saß, die Arme eng um die Knie geschlungen, die Haut fahl und bläßlich, knappe 36ig und es Lea war, ihre Enkelin.

* * * *


„So hatte alles angefangen“, erinnerte sich Lea später. „Mit Oma am Strand. Mit dem Unwetter, das die Wellen aufkräuseln ließ. Und mit Frank, meinem Mann, der weit draußen auf dem Meer auf der schwimmenden Mole stand; wie immer braungebrannt und knackig. Drei gackernde Hühner blickten dort bewundernd zu ihm auf, die nicht so bläßlich und gehemmt waren wie ich selbst. Die es vielmehr verstanden, hier ihren Bikiniträger rutschen, dort ein wenig ihren Busen blitzen zu lassen und deren spitze Schreie Frank wieder einmal hervorragend zu lenken wusste, je nachdem ob er seine nassen Haare gelangweilt glattstrich oder sie übermütig aufschüttelte, sodass seine Locken verwuschelt aufsprangen.
Noch heute spüre ich den kalten Sand am Strand unter mir. Wie ich fror. Wie mich das alles frieren ließ – und Oma mich gleichzeitig anfeuerte: „Nun werfe dich schon in die Fluten und schwimme zu ihm hinüber. Willst du, dass sie ihm völlig den Kopf verdrehen? Man muss einem Mann zeigen, wo er hingehört. Und schließlich hast du vielmehr zu bieten, als diese albernen Backfische. Er hat es nur für einen Moment vergessen. Deshalb gehe schon, erinnere ihn wieder an dich!“
In diesem Moment war mein Kopf ausgeschaltet. Ich dachte nichts mehr. Nicht an das Unwetter. Nicht an die höher werdenden Wellen und ob ich eine gute Schwimmerin war oder nicht. Es kamen auch keinerlei Fragen in mir auf, ob vielleicht nicht die Mädchen, sondern vielmehr Frank sie angemacht hatte. Ob es vielleicht gar nicht mehr wert war wegen ihm, wegen uns hinauszuschwimmen.
So ließ ich mich von Oma wie eine Marionette mit ihrem roten Handtuch in das aufgewühlte, graue Meer hineintreiben. Ich spürte nicht die eisige Kälte und auch nicht die glitschigen Steine, auf denen ich meinen Halt verlor und endgültig in die Wogen plumpste. Meine Arme begannen mechanisch in die Wasseroberfläche zu gleiten. Eintauchen, auftauchen, Kopf wenden, Luft schnappen, eintauchen, auftauchen. Meine Beine bewegten sich mit im Takt. Ich war nur noch Wasser. Im Rhythmus. Ich gewann an Kraft und begann in gleichem Maße – Wut zu spüren! Wut auf mich und auf Frank und die Tussis um ihn herum. Wieder einmal. Mit jeder zügigen Schwimmbewegung verlor sich meine Schlaffheit, der ich mich am Strand hingegeben hatte. Dieses Mal würde ich es ihm zeigen! Diesem Idioten! Bald! Schneller. Eintauchen. Auftauchen. Luft holen. Meine Lungen brannten. Meine Augen. Ich hustete. Mir war, als hätte meine Wut eine Amplitude zur Spitze getrieben - bei der zeitgleich meine Kraft langsam abfiel.

* * * *


„Sie sind Frank Büsemacker, richtig? Haben Sie nicht bemerkt, dass Ihre Frau in Not ist? Hörten Sie ihre verzweifelten Rufe nicht?“
„Ich war beschäftigt.“
„Womit, verdammt nochmal?“
„Also, ich war draußen auf der Mole. Mit Silke, einer Freundin meiner Frau und noch ein paar Freundinnen von ihr. Meine Frau wollte nachkommen. Als sie nicht kam, wollten wir uns auf den Rückweg zu ihr machen. Das Wetter war auch schlechter geworden ...“
„Und dann?“
„Also, als wir zurückschwammen, bekam Silke, also die Freundin meiner Frau, von dem eiskalten Wasser Muskelkrämpfe. Zum Glück habe ich eine Rettungsschwimmerausbildung.“
„Und Sie haben beim Zurückschwimmen Ihre Frau nicht um Hilfe rufen hören?“
„Wie gesagt, ich war beschäftigt. Ich bin auch davon ausgegangen, dass Lea mit ihrer Oma, also Frau Holler, zurück ins Hotel gegangen ist. Und außerdem, wenn es meine Frau überkommt, verschwindet sie manchmal einfach. Wenn ich mich da jedes Mal aufregen wollte. Sie wird schon wieder auftauchen. Das tut sie immer. Herrgott nochmal, was kann ich dafür, dass sie so dämlich ist, bei diesem Scheißwetter hinauszuschwimmen.“

* * * *


Es lag wohl an der einbrechenden Dunkelheit, dass ich die Mole nicht mehr sah. Graue Wolken hingen tief und es war weiter Wind aufgekommen. Aber zum Glück war da Frank. Inzwischen auch im Wasser. Nur noch wenige Meter von mir entfernt. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer. Ich versuchte auf mich aufmerksam zu machen und wedelte mit meinen Armen. Er musste mich sehen. Dann würde alles gut werden. Ich würde später im Hotel mit Omas rotem Handtuch gespielt empört um seine Ohren wedeln, bis er ein wenig seine Augenbraue hob, wie er es immer tat, wenn das Zeichen auf Versöhnung stand.
„Frank“, schrie ich mehrmals zu ihm hinüber. Frank!“ Ich benutzte seinen Namen wie ein Rettungsseil, an dem ich ihn zu mir herziehen konnte, um von diesen Untiefen gerettet zu werden. Gleich würde er neben mir auftauchen, mich ein wenig wegen meiner Ängstlichkeit auslachen und dann würde er mich mit seinen starken Armen endlich an Land ziehen.
Ich spürte, wie der Wind über die Wogen strich. Die ersten Regentropfen fielen.
„Fraaaank!“
Das war kein Spiel mehr. Jetzt nur nicht panisch werden. „Du bist mutig! Du schaffst das! Du lässt dich nicht unterkriegen!“ hallten mir Omas Worte im Ohr. Meine Beine begannen wie Froschschenkel mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen zu paddeln. Ich begann dabei hysterisch zu lachen und summte: „Ein kleiner Frosch …“, während mir Tränen herunterliefen. Ich tanzte in den Wellen auf und nieder, bewegte mich im Kreis. Drehte mich. Nach rechts. Nach links. Noch einmal. Noch einmal.
„Frank. Frank, wo bist du?“
Meine Arme begannen zu zittern. Ich schaute – auf meine bläulich gefrorenen Fingernägel, die nahe vor meinem Gesicht schnelle Kreise zogen. „Blau“, dachte ich. „Blau, blau, blau“, hallte es in meinem Kopf. „Blau, blau, blau ist der Enzian“, versuchte ich weiter zu singen. Mehr durfte nicht Platz haben. Nicht die Kälte, der Tod, die Angst … „blau, blau, blau ist …“
Ich würde sterben. Sofort. Ohne Frank würde ich nicht leben können. Das Meeresungeheuer würde mich in die Tiefe ziehen, in die Dunkelheit und wie ein Stein würde ich dort liegenbleiben, nie mehr aufsteigen zum Licht. Häßlich-braune Fische mit einem gefräßigen, blubbernden Maul mit fetten Lippen würden es sich auf mir bequem machen. Tot müsste ich es nicht spüren.
Unbändig peitschten meine Arme in das Wasser, strampelten meine Beine. Etwas in mir wollte das nicht. Kaputtgehen. Etwas in mir wehrte sich. Mit aller Kraft. Dagegen. Flut gurgelte in meinen Mund, stieg in meine Nasenlöcher. Meine Lungen brannten, meine Augen. Wie durch einen nassen Schleier sah ich die Wolken sich jagen und aufreißen an einem Minipunkt, der Helligkeit strahlen ließ, so, als würde einer im Fernsehprogramm plötzlich von einem Horrorfilm zu einer romantischen Komödie switchen. Ich drehte mich um. Weg von Frank. Dorthin. Nur eine klitzekleine Änderung meiner Haltung. Das erste Mal spürte ich Wärme in meinem Körper, wie eine sanfte Umarmung. Meine Bewegungen wurden langsamer, mein Atem ruhiger. Ich lag nun auf dem Wasser. Mein Kopf war gebettet wie auf einem Kissen und schaukelte auf den Wellen. Ich ließ mich tragen. Vertraute das erste Mal. Dem Wasser. Dem Leben.

© P.S./Glädja Skriva/Nov. 2016

Letzte Aktualisierung: 20.11.2016 - 11.04 Uhr
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