Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Schmetterling, zartes Ding
von Marcel Porta

30.06.2017, 15:12 Uhr:

Niemand vermag zu sagen, warum sich der Schmetterling - ein gewöhnliches Tagpfauenauge - genau in diesem Augenblick entschließt, sich von der Flockenblume zu lösen und loszufliegen. Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es sich dabei um einen Zufall handelt, wie er sich zu jeder Zeit milliardenfach ereignet.

30.06.2017, 15:13 Uhr

Ein Frosch, der den Schmetterling seit geraumer Zeit beobachtet hat, entscheidet sich im selben Moment loszuspringen und verfehlt wegen dessen unverhofftem Start den Falter mit seiner hervorschnellenden Zunge um Haaresbreite. Irritiert ob seines Misserfolges, schaut er dem davonsegelnden Leckerbissen hinterher und vermasselt die Landung auf der feuchten Wiese.

30.06.2017, 15:14 Uhr

Das erweist sich als fataler Fehler, weil er so den heraneilenden Storch nicht bemerkt. Dieser ist gerade dabei, zu seinem Nest zurĂŒckzukehren, als er den unvorsichtigen Frosch bemerkt. Er unterbricht seinen Start, schnappt den Unvorsichtigen unmittelbar nach der missglĂŒckten Sturzlandung und verspeist ihn trotz heftiger Gegenwehr mit Genuss. In der Meinung, wo einer sei, mĂŒssten noch mehr sein, sucht er eine Weile vergeblich nach einem Bruder des Verblichenen. Endlich sieht er ein, dass er sich geirrt hat und erhebt sich schwerfĂ€llig in die Luft.


30.06.2017, 15:23 Uhr

Weit kommt er nicht, denn Karl Übelöhr, Malermeister mit eigenem GeschĂ€ft, geht seinem Hobby nach und kollidiert, an einem Fallschirm hĂ€ngend, mit dem gesĂ€ttigten Weißstorch. Letal fĂŒr unseren gefiederten Freund, doch nicht minder tragisch fĂŒr Karl Übelöhr. Sein Schirm fĂ€llt in sich zusammen, das inbrĂŒnstige Stoßgebet hilft nichts, und so stĂŒrzt er wie ein Stein die letzten dreißig Meter auf eine kaum befahrene Landstraße.

30.06.2017, 17:19 Uhr

Ein gnĂ€diges Schicksal lĂ€sst den schwerverletzten Malermeister in tiefe Bewusstlosigkeit sinken, sodass er keine Schmerzen spĂŒrt und sein gebrochenes Genick nicht registriert. Fast zwei Stunden liegt er dort, nur beschnuppert von einem zufĂ€llig vorbeikommenden Fuchs. Sein unfreiwilliger Ruheplatz befindet sich direkt hinter einer Kurve, sodass der heranbrausende LKW-Fahrer keine Chance hat, rechtzeitig zu bremsen. Er ĂŒberrollt den Schwerverletzten und macht ihm damit endgĂŒltig den Garaus.

30.11.2018, 23.01 Uhr

Martha Übelöhr ĂŒberwindet den Tod ihres heißgeliebten Mannes nicht. Sie verfĂ€llt in tiefe Depressionen, lĂ€uft von Seelenklempner zu Heilpraktiker, von Arzt zu Scharlatan. Helfen kann ihr niemand. Immer stĂ€rkere Medikamente sollen ihre LebensfĂ€higkeit erhalten, doch obwohl sie es unendlich bedauert, ihren fĂŒnfjĂ€hrigen Sohn Anton verlassen zu mĂŒssen, sagt sie der bitteren Welt Ade, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. WĂ€hrend Anton im Kindergarten ist, fliegt sein Zuhause samt seiner Mutter infolge einer Gasexplosion in die Luft.

01.02.2031, 09.00 Uhr

Es gibt keine Verwandten, die bereit sind, sich um den kleinen Anton zu kĂŒmmern. Also ĂŒbernehmen die Behörden die Verantwortung und stecken den kleinen, verschĂŒchterten Jungen in ein Kinderheim. Dort bleibt er sich im Wesentlichen selbst ĂŒberlassen, und als er das Heim mit achtzehn Jahren verlĂ€sst, ist aus dem lieben Kind mit glĂ€nzenden Aussichten von damals ein grausamer junger Mann geworden, der die Schuld fĂŒr seine unterprivilegierte Existenz bei AuslĂ€ndern, Asylanten und Andersfarbigen sucht.

03.01.2037, 17.00 Uhr

Nachdem Anton mehrmals wegen rechtsradikaler AktivitĂ€ten mit der Justiz in Konflikt geraten ist, grĂŒndet er mit einigen AnhĂ€ngern der gleichen Lebensphilosophie eine Partei mit dem Namen „Rechte Gesinnung“. In den folgenden Jahren scharen sie immer mehr AnhĂ€nger um sich.
Anton entwickelt sich zu einem begnadeten Rhetoriker, der seine verquere Logik in gewissen Kreisen bestens an den Mann zu bringen versteht. So wird er schnell zur Gallionsfigur seiner Partei.

01.03.2054, 18.00 Uhr

Dank der MedienprĂ€senz in den Monaten vor der Wahl ĂŒberwindet Antons Splitterpartei knapp die FĂŒnfprozenthĂŒrde. Weitere rechtsradikale Parteien ziehen dank der allgemeinen Unzufriedenheit mit den etablierten in den Bundestag ein, und als die AuszĂ€hlungen zu Ende sind, steht fest, dass es mit hauchdĂŒnnem Vorsprung fĂŒr die Ewiggestrigen reichen wird, wenn sie sich zu einer Koalition zusammenschließen. Womit niemand gerechnet und was keiner wirklich gewollt hat, wird zur Tatsache. Anton Übelöhr ist maßgeblich daran beteiligt, den Zusammenschluss unter Kanzler Martin Orbast, dem Spitzenkandidaten der grĂ¶ĂŸten Partei „Die Aufrechten“, RealitĂ€t werden zu lassen.

19.12.2058, 23.30 Uhr

Trotz des hauchdĂŒnnen Vorsprungs bei den Wahlen, der sich in nur einem Sitz Mehrheit im Parlament niedergeschlagen hat, gelingt es den Regierenden in den nĂ€chsten Jahren, allen anderen Parteien Abgeordnete „abzuwerben“. Sie schwimmen im Geld, da die Zuwendungen mĂ€chtiger InteressenverbĂ€nde jedes bisher gekannte Maß ĂŒbersteigen.
Offiziell verschlechtert sich das VerhĂ€ltnis zu Israel so weit, dass keine Botschafter mehr ausgetauscht werden. Inoffiziell allerdings geht der Hass so weit, dass unter Martin Orbast völlig neuartige Terroristenlager in Syrien finanziert werden. Mit allem versehen, was die moderne RĂŒstungstechnik zu bieten hat, trainieren perspektivlose junge PalĂ€stinenser den Ernstfall und warten auf den Einsatzbefehl.

20.12.2058, 04.30 Uhr

Gegen Angriffe aus der Luft sind die israelischen Atomwaffenarsenale gewappnet, nicht jedoch gegen die bestens ausgerĂŒstete Armee von Fanatikern, die ohne RĂŒcksicht auf ihr eigenes Leben bestens qualifizierte Spezialisten in die Hochsicherheitszonen bringen. Diese sind in der Lage und willens, die Atomsprengköpfe vor Ort zur ZĂŒndung zu bringen, auch wenn sie sich dabei selber atomisieren. Im Umkreis von fĂŒnfzig Kilometer bleibt kein Stein auf dem anderen, die Anzahl der Opfer geht in die Hunderttausende.
In Berlin knallen die Sektkorken und klirren die GlÀser.

20.12.2058, 12.44 Uhr

Es gibt nur eine kurze Beratung in der Knesset, dann holt Israel zum Vergeltungsschlag aus. Um die ĂŒbliche VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit zu wahren, werden fĂŒnf Marschflugkörper auf den Weg gebracht. Da man in der KĂŒrze der Zeit den wahren Schuldigen nicht ausmachen kann, belĂ€sst man es bei den ĂŒblichen. Irak, Iran, Syrien, Saudi Arabien, und weil man schon mal dabei ist, bekommt auch Pakistan sein Fett weg. Ein folgenschwerer Fehler, denn obwohl niemand in Pakistan weiß, wer die Atombombe ĂŒber ihrem Land abgeworfen hat, wird im Gegenzug eine mit mehreren atomaren Sprengköpfen bestĂŒckte Bombe auf Neu Delhi abgefeuert. Danach ist es nur noch eine Angelegenheit von wenigen Minuten, bis die Atomraketen Russlands und der USA in der Luft sind.


20.12.2058, 12.45 Uhr

Ein vorbeifliegender Außerirdischer aus Beteigeuze, der gerade seinen Hyperantrieb programmiert, um auf schnellstem Weg nach Hause zu kommen und vor dieser Ecke des Weltalls wegen unheilbarer Dummheit der Bewohner zu warnen, erschrickt bis in seine gallertartigen Eingeweide, als der am dichtesten bewohnte Planet in diesem Sonnensystem vor seinen Sehtentakeln zu wabern beginnt und dann in einem wunderschönen Feuerball explodiert. In seiner Panik, rechtzeitig wegzukommen, bevor ihn die BruchstĂŒcke ins All blasen, begeht er einen folgenschweren Fehler. Er entmaterialisierte zwar rechtzeitig, doch sein Zielort ist nicht wie geplant in der NĂ€he eines winzigen Sterns in Beteigeuze, sondern er liegt nur wenige Lichtminuten entfernt und ist heißer, als es jedem Lebewesen angenehm sein kann.

01.01.4991876432, 00.00 Uhr
24.12.9810, 12.00 Uhr Ortszeit

Knapp fĂŒnf Milliarden Jahre spĂ€ter registriert ein - in einer total veralteten Maßeinheit ausgedrĂŒckt - nur dreikĂ€sehoher Astronom eine Supernova am Rande einer mittelgroßen Galaxie.
„Es gab vorher keine Anzeichen fĂŒr eine InstabilitĂ€t“, telepathiert er seinem Kollegen, „was mag nur der Grund fĂŒr diese Explosion gewesen sein?“


V2
© Marcel Porta, 2016

Letzte Aktualisierung: 24.11.2016 - 07.30 Uhr
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