Ganz schön bissig ...
Ganz schön bissig ...
Das mit 328 Seiten dickste Buch unseres Verlagsprogramms ist die Vampiranthologie "Ganz schön bissig ..." - die 33 besten Geschichten aus 540 Einsendungen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Alexander Zar IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Eine klitzekleine Kleinigkeit | November 2016
Klein ist gross
von Alexander Zar

Maria Castelberg sass auf ihrer Terrasse, die den Blick auf den See und die Berge freigab. Sie weilte nach einem anstrengenden Tag gerne dort. Sie war im Vorstand der gleichnamigen Privatbank, die ihr Urgrossvater einst gegründet hatte. Die Finanzkrise, die neuen Regelungen, um Steuerhinterziehungen zu unterbinden und die Schulung des Personals, um es mit dem neuen Regelwerk vertraut zu machen, hatten in den letzten Wochen viel Kraft gekostet. Sie wollte sich nunmehr, nachdem ihr Werk ihrer Ansicht nach in guten Händen lag, eine Auszeit gönnen. Sie atmete auf, blätterte sich im Internet durch verschiedene Destinationen und konnte sich noch nicht entscheiden. Sie wollte sich keinem Zwang aussetzen, denn solchem war sie in ihrem Beruf genügend unterworfen. Neben ihr stand eine Karaffe mit edlem Weisswein aus dem Chablis mit seiner grün – weissen Farbe. Sie goss ihr Glas nach und liess ihre Gedanken schweifen. Schliesslich entschied sie sich für eine Kreuzfahrt, die verschiedene Destinationen in der Karibik und in Südamerika ansteuerte. So würde sie viele Orte in Augenschein nehmen können, die sie noch nie besucht hatte; bisher waren ihr immer nur Kurztrips möglich gewesen; einen langen Urlaub hatte sie sich letztes Mal während der Studienzeiten gegönnt. Endlich konnte sie einmal Abstand gewinnen. Die Anstrengungen der letzten Monate waren ihr in die Knochen gefahren; sie wollte völlig unbelastet weg; das Gepäck enthielt nur die kleinsten Notwendigkeiten, denn darin sah sie ebenfalls ein Loslassen. Sie flog nach New York, um dort das Kreuzfahrtschiff zu besteigen. Sie bezog ihre Suitenkabine, die weit oben lag und einen Blick in die Weite freigab. Sie begab sich auf den zugehörigen Balkon, nahm wahr, wie das Schiff ablegte und die Stadtkulisse immer kleiner wurde. Vor ihr war ein exotischer Drink, der ihr passend zur Szenerie schien. Sie war davon gefesselt, und ihre Gedanken flogen frei. Als nur noch ein Strich den Horizont bildete, stand sie auf und erkundete den Ozeanriesen. Sie begab sich an Deck und setzte sich schliesslich an die Poolbar. Neben ihr nahm ein älterer Herr Platz, der viel Selbstsicherheit ausstrahlte und versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie gab nichts von sich preis, wollte sich Freiraum in jeder Beziehung lassen. Sie zog sich um und schwamm eine Runde, bis das Dinner anstand, wo sie an einen eigenen Tisch geführt wurde, wie sie es in ihrer Bestellung gewünscht hatte. Auf die Passagiere der ersten Klasse nahm man besonders Rücksicht. Sie war durchaus zufrieden mit dem, was aufgetischt wurde, und sie bestellte sich eine Halbflasche erlesenen Weissweins, der dazu passte. Weinkunde hatte sie bei ihrem Vater gelernt, der seinen bestens ausgestatteten Keller seine Schatzkammer nannte. Sie kramte eines der Bücher vor, das sie mitgeschleppt hatte, Literatur, die sich im Laufe der letzten Monate angesammelt hatte. Sie hatte das Lesen immer wieder verschoben, weil es einfach an Zeit mangelte, sich damit zu befassen. Es war nicht nur die Erweiterung des Fachwissens, das sie interessierte, sondern auch Lesestoff, der unter leichte Muse eingeordnet werden konnte, Romane, das Einlesen in Nobelpreisträgerwerke, ein breites Spektrum, das ihr abzudecken gefiel. Meistens war Parallellesen angesagt. Sie surfte zudem oft im Internet, um sich auf dem Laufenden zu halten, denn die Tageszeitungen und Fachzeitschriften deckten nicht alles ab, worüber sie sich informieren wollte. Jede Insel, die sie ansteuerten, zeigte ein anderes Gesicht, teils auch gar ein etwas verschiedenes Klima; die ehemaligen Kolonialmächte hatten ihren eigenen Stempel aufgedrückt, und die Mischung mit dem Einheimischen hatte ganz eigene Charakterstrukturen herausgemeisselt. Sie fühlte sich frei wie letztes Mal, als sie ihr Studium begonnen hatte. Sie schlenderte durch die Gassen von Philipsburg auf Sint Marteen, die ihre niederländische Prägung nicht verleugnen konnten. Sie betrat eine Buchhandlung und deckte sich mit einigem ein, was über die Geschichte der Inselwelt berichtete und die Sehenswürdigkeiten beleuchtete. Nach einigen Stunden und einem Mahl mit den Köstlichkeiten aus dem Meer war es an der Zeit, wieder an Bord zurückzukehren. Die nächste Station war französisch und Überseeprovinz mit entsprechender Prägung des Mutterlandes. Sie erfreute sich am frankophonen Charme mitten in einer anderen Welt. Natürlich konnte man sich auch erstklassig verköstigen und Weine trinken, die dem Gaumen schmeichelten; doch riss sie sich los, als es wieder Zeit war, den Wasserriesen zu besteigen. Die verschiedenen Kulturen, denen sie auf engem Raum begegnete, waren für sie ein Faszinosum. Sie beschloss, nicht mehr so lange zu warten, bis die nächste grosse Reise angetreten wurde. Das Entfernen vom angestammten Ort war ihr immer lieb gewesen; mit den Eltern hatte sie in der Jugend viele andere Kulturen zu Gesicht bekommen, und ihre Reiselust wurde dadurch geweckt. Ihr Hunger konnte nie gestillt werden, und sie bedauerte es jedes Mal, wenn die Fahrt ein Ende nahm. Sie liess sich aber dadurch nicht verdriessen und packte Schule und Studium so an, dass sie stets zu den Besten gehörte. Obschon sie einem Haus entstammte, das ihr ein Leben bieten könnte, das ohne materielle Sorgen ablaufen würde, selbst wenn sie keinem Beruf nachgehen würde, blieb sie auf Kurs. Den Ehrgeiz hatte sie von ihrem Vater geerbt. Sie wollte in dieser Männerdomäne beweisen, dass sie ihre Frau stehen könne. Es forderte ihr ab, dass sie mehr leistete und mehr wusste als ihre männliche Umgebung. Nach dem Streifzug durch die Karibik wurden Ziele in Südamerika angepeilt. Ihr Lockerheitsgefühl hatte sich stetig aufgebaut. Sie dachte nur in seltenen Momenten an die Arbeit, die sie für eine Zeit hinter sich gelassen hatte. Sie hatte einige Bekanntschaften geknüpft, aber bisher niemandem verraten, aus welchem Stall sie wirklich stammte. Sie erklärte lediglich, dass sie in einer Bank arbeitete, ohne ihre Position näher zu umschreiben. Nach einem Kurztrip nach Caracas ging es zur Isla Margarita. In der Stadt Pormalar suchte sie einige Boutiquen auf. Das Spektrum war breit. Sie stiess auf eine Tasche, die genauso aussah, wie sie ihr von ihrer ersten Liebe geschenkt worden war. Sie hielt inne, betrat das Geschäft und nahm sie in die Hand; in einer spontanen Reaktion kaufte sie dieses Objekt. Als sie an Deck war, setzte sie sich an die Poolbar und sinnierte über die Vergangenheit, als ihr diese Tasche zum Geschenk gemacht wurde; es bedeutete für Hermann ein kleines Vermögen, das er sich vom Mund abgespart hatte, um ihr eine Freude zu bereiten. Die damalige Szenerie tauchte vor ihrem geistigen Auge wieder auf; er tändelte und tänzelte, war eher scheu und suchte nach Worten. Schliesslich kam ihm über die Lippen: „Es ist nur eine winzige Kleinigkeit“. Sie war gerührt, wie er herumduckste; was sie an ihm fasziniert hatte, was weniger sein Aussehen; er war in einer Normgrösse, hatte langes, lockiges Haar, das ihr als erstes aufgefallen war; am meisten war sie jedoch von seiner Intelligenz beeindruckt; er schrieb ihr täglich einen Brief in Versform. Seine Eifersucht und zu grosse Nähe führten schliesslich dazu, dass sie Fersengeld gab. Zudem kam er damit nicht zurecht, dass sie aus erstem Haus stammte. Ihre letzte Beziehung lag eine Zeitlang zurück. Die Erinnerung weckte auch Sehnsüchte, und sie nahm sich vor, offen durch die nächsten Wochen und Monate zu gehen, nicht auf der Suche, aber doch mit freiem Blick. Sie hatte noch gar nicht gemerkt, dass ein jüngerer Mann sie in Augenschein genommen hatte; sie erkundigte sich diskret, um wen es sich handelte. Es war ein erfolgreicher Treuhänder, der überdies mit der Schriftstellerei unter einem Pseudonym einige durchschlagende Bestseller geschaffen hatte und zudem als Songtexter viele Stars bediente; dieser Mix beeindruckte sie, und die Winzigkeit einer Kopfbewegung prägte sich positiv ein.

Letzte Aktualisierung: 20.11.2016 - 15.30 Uhr
Dieser Text enthält 9963 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.