Der Tod aus der Teekiste
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Reaktionen auf den Nobelpreis für Doris Lessing 14.10.2007
"Wohlverdient", "nachholende Gerechtigkeit", "Anachronismus" - der Nobelpreis für Doris Lessing war am Freitag das Thema Nummer eins in den Feuilletons.

"Wie weit der Weg ist, den wir gegangen sind" - Jens Balzer schreibt in der "Berliner Zeitung":

Man kann es nachholende Gerechtigkeit nennen. Doris Lessing gehört zu jenen Autorinnen und Autoren, die schon vor Jahrzehnten zu den wichtigsten Anwärtern für den Literatur-Nobelpreis gerechnet wurden; in den Zeiten ihrer größten Wirkung und Schaffenskraft, in den 60er-, 70er-, 80er-Jahren, ging die Ehre stets an ihr vorbei. "Ich bekomme ihn nie", befand sie einmal; gestern ist ihr der Preis, wenige Tage vor ihrem 88. Geburtstag, doch noch zugesprochen worden. Lessings Werk ist umfangreich und umspannt eine Vielzahl an Genres; doch kreist es seit über fünfzig Jahren unermüdlich um ein und dieselbe Frage: Wie findet man sich zurecht in einer scheinbar alternativlosen Welt? Was ist ein "eigenes", "selbstbestimmtes" Leben? In unserer nach-emanzipatorischen Zeit wirken solche Gedanken auf viele naiv; das ändert nichts an ihrer Wahrhaftigkeit und ihrem Drängen. Von den Funktionären der alten Literaturkritik wurde Lessings Werk stets mit Argwohn betrachtet; kein Wunder, dass Reich-Ranicki die Entscheidung spontan als "enttäuschend" diskreditierte. Aus der "angelsächsischen Welt" hätte er viel lieber "John Updike oder Philip Roth" als Preisträger gesehen....
Wie viele andere enttäuschte Kommunisten, ist auch Lessing religiös geworden. Aber mit erstaunlichen literarischen Resultaten: Das erneut fünfbändige Werk "Canopus in Argos: Archive", das sie Ende der Siebzigerjahre unter dem Einfluss feministischer SF-Autoren wie Marge Piercy und Ursula K. Le Guin geschrieben hat, ist eine gigantische Kosmologie; in ihr steht das individuelle Streben nach Freiheit nicht nur gegen die Unwägbarkeiten einer engen irdischen Welt, sondern gegen die unergründlichen Mythen galaxienumspannender ewiger Reiche. Je unerträglicher ihr das alte utopische Denken wurde, desto utopischer wurden die Schreibweisen, in die Lessing hier fand: alte Psychologie und neue Mythologie, inner und outer space sind in dieser vielstimmig erzählten, manchmal auch nur gemurmelten kosmischen Epik keine Widersprüche mehr. Danach - auch das muss man an dieser Stelle sagen - ist ihr nichts literarisch Wesentliches mehr geglückt. In ihren besten Werken, jedoch, kann man bis heute erfahren, wie weit der Weg war, den die Menschen im letzten Jahrhundert zurückgelegt haben. Und wie kostbar der Zweifel an den Verhältnissen ist, der uns heute verloren zu gehen droht.

"Die sanfte Linke" - Gregor Dotzauer urteilt im "Tagesspiegel":

Die drei prägenden Einflüsse ihres Lebens, so erklärte sie erst vor wenigen Jahren, seien ihre Kindheit in Zentralafrika, die bitteren Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und das Versinken in dicken Romanen gewesen – vor allem von Tolstoi und Dostojewski. Von allen dreien ist Doris Lessing als Schriftstellerin, wenn man nicht ihre autobiografischen Schriften zu Rate zieht, heute um Lichtjahre entfernt. ... In den siebziger Jahren wäre Doris Lessings Auszeichnung mit dem Nobelpreis eine mutige Entscheidung gewesen. Im Jahr 2007 hat sie etwas Anachronistisches – was bei aller möglichen Kritik an Lessings Moralismus einzig und allein aufs Konto des Stockholmer Nobelpreis-Komitees geht. Ihre Bedeutung für die Literatur des 20. Jahrhunderts ist unbestritten. Man kann aber auch nicht behaupten, dass sie, gemessen an den zahllosen internationalen Preisen, die sie erhalten hat, nicht erkannt worden wäre. Dass Doris Lessing mit bald 88 Jahren noch immer reist und bei öffentlichen Auftritten – etwa 2006 beim Berliner Literaturfestival – eine seltene Würde ausstrahlt, ist ein Glücksfall für sie und ihre Leser, die seit kurzem auch ihren jüngsten Roman „Die Kluft“ (The Cleft) lesen können: eine Mischung aus historischem Roman aus römischen Zeiten, mythologischem Gedanken gut und, wiederum, Science-Fiction.

"Die Botschafterin der Einsamkeit" - Ingeborg Harms schreibt für die "FAZ":

Den größeren Teil ihres langen Lebens über publizierte Doris Lessing pro Jahr mehr als ein Buch. Dass sie mit ihrem wohl berühmtesten Werk, dem „Goldenen Notizbuch“, die Tagebuchform variierte und auch sonst in ihren zahlreichen Romanen mehr oder weniger autobiografisch vorging, deutet an, wie schmal bei dieser Autorin der Grat zwischen Leben und Schreiben ist. Dass die Schreibmaschine, die sie immer noch benutzt, im Rhythmus ihres Atems klappert, hat mit einer Kindheit und Jugend zu tun, die sich durch Selbstgespräche und Lektüre über Wasser hielt. ...
Die Autorin verzichtet auf eine erzwungene Einheit, lässt Träume, Zitate, Zeitungsausschnitte einfließen und teilt den Stoff auf fünf Notizbücher ihrer Protagonistin auf. Die klassischen weiblichen Rollen, an denen Doris Lessing sich in ihren ersten Büchern abarbeitete, weichen einem Multiperspektivismus und der Exposition einer vitalen Schizophrenie, die politische Interessen, philosophische Ideen und romantische Verwicklungen nicht länger auf einen Nenner zu bringen versucht. Mit ihrer zweibändigen Autobiographie „Unter der Haut“ und „Schritte im Schatten“ hat Lessing in den Neunzigern zugleich eine kritische Geschichte des intellektuellen England nach dem Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Nachdem man sie als rassismuskritische und kommunistische Autorin vereinnahmen wollte, wurde sie zum Liebling der Feministen, nicht zuletzt durch „Der Sommer vor der Dunkelheit“, einen Roman, dessen nicht mehr junge Heldin ihre erotischen Wünsche auszuleben gelernt hat. Der Thriller „Das fünfte Kind“ wählt eine allegorische Form, um in einem Monsterkind die unterdrückten Aggressionen seiner bürgerlich gefesselten Mutter zu studieren. Doch auch als emanzipatorische Autorin will sich die in späteren Jahren vom persischen Sufismus angezogene Lessing nicht länger sehen. Dies zeigt auch ihr soeben erschienener Roman „Die Kluft“.... In ihrem üppigen Werk hat Doris Lessing mit intellektueller Schärfe und nötigem Sarkasmus eine reiche Parallelwelt zum Aktualitätenwahn der Gegenwart geschaffen. Ihre Bücher bleiben im Gespräch mit einer literarischen Tradition, die für Jahrhunderte Maßstab des geistigen Lebens war. Doris Lessing ist die Botschafterin der Einsamkeit, und sie porträtiert das Leben in Gedanken als eine Alternative, die mit den Jahren immer plausibler wird. Ihr großes Herz und ihr wacher Verstand führen vor, wie man zugleich über afghanische Flüchtlinge schreiben und sich mit der Sensibilität einer Jane Austen um die Schicksale der weiblichen Seele kümmern kann. Für ein Werk, das wie wenige andere die atemberaubenden Freiheiten und seelischen Verstümmelungen des zwanzigsten Jahrhunderts erkundet hat, wird der langjährigen Kandidatin jetzt der Nobelpreis zuerkannt.

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net
www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/feuilleton/693490.html
www.tagesspiegel.de/kultur/Nobelpreis-Literatur-Nobelpreis-Doris-Lessing;art772,2397839

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