Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 07 - Das Wrack der Verona

Mo, 01.06.2009, 0.45 Uhr

Mitten in der Nacht machten sie sich mit einer Fischöllampe und zwei Spaten auf den Weg.
»Wie sollen wir denn ein seit hundert Jahren versunkenes Schiffswrack finden?«, stöhnte Sven, nach dem sie eine gefühlte Ewigkeit am Strand Richtung Osten gelaufen waren. Doch tatsächlich, da lag es, quer vor ihnen schauten mehrere verrostete Stahlplanken aus dem Sand. Stahlplanken, die sie nie zuvor hier gesehen hatten. Die Verona!

»Wir müssen dort drüben anfangen zu graben!« rief Lara aufgeregt und lief zu einer Stelle, an der zwei zerbrochene Planken sich kreuzten.
»Wieso bist du dir da so sicher?«
»Siehst du denn die Fußspuren nicht? Sie führen alle zu diesem einen Punkt hier. Wir sind nicht allein, kurz vor uns sind auch andere hierher gekommen ...«
»... Und sie haben die Höhlen definitiv betreten.«
Einen Moment lang hielten sie inne. Dann nahm Sven ihre Hand und versprach: »Egal was passiert, ich werde dich beschützen.«
Lara lächelte und gab ihm einen Kuss. »Das weiß ich, aber lass uns jetzt anfangen.«

Das Leuchten wurde heller und heller in ging von Blau in ein kaltes Weiß über. Es erinnerte an gleißendes Sonnenlicht und blendete und nichts erinnerte mehr daran, dass es eigentlich Nacht war. Lara warf die Öllampe achtlos in den Sand und wollten anfangen zu graben. Der Sand wich jedoch bei jeder Bewegung der Spaten wie von Geisterhand bewegt zurück.

»Was ist hier bloß los? Das gibt es doch gar nicht!«, rief Sven, »lass uns aufhören, das ist gruselig! Lass doch die anderen die Insel retten!«
»Auf gar keinen Fall! Das hier ist doch keine Polly-Pocket-Insel!«, sagte Lara energisch. »Wenn Du schon nicht an uns denkst, dann denk doch an unsere zukünftigen Kinder! Reiß Dich zusammen!«
Erst zweifelnd und zögerlich, dann aber ebenso entschlossen wie Lara griff auch Sven zum Spaten. Mit jedem weiteren ihrer Spatenstiche wich der Sand zurück, und immer mehr Planken und Schiffsteile waren zu sehen. Nach kürzester Zeit war ein großes zerbrochenes Fenster freigelegt.
»Okay, das müsste reichen, lass uns hineinsteigen!« Lara schaute sich noch mal um. Weit und breit war niemand zu sehen. Es wurde stürmischer, aber außer dem Wind und dem Tosen der Wellen war nichts zu hören.
»Wir müssen uns beeilen! Die Flut kommt bald zurück!«

Lara und Sven legten die Spaten ab und kletterten ins Wrackinnere.
»Au! Mist!«
Vom morschen Holz des alten Fensterrahmens steckte ein dicker Splitter in Svens Knie. Außerdem hatte er sich beim Reinklettern die Haut an einer Hand aufgerissen. Blut tropfte auf den Boden.
»Komm, für OPs ist jetzt keine Zeit!«, trieb Lara ihren Freund an. Im Wrackinnern war es feucht, kühl und dunkel. Es roch modrig. Für die Augen nach dem gleißenden Licht eine Wohltat. Wenngleich sie sich erst an das gedämpfte Licht gewöhnen mussten, bevor etwas zu erkennen war. Der Raum, in den sie gelangt waren, war niedrig und klein. Lara flüsterte instinktiv.
»Das ist eine Kajüte. Sie ist vollkommen intakt!«
Geradeaus sah man eine Art Etagenbett.
»Guck mal, da ist sogar Bettzeug!«
Laras Hand zitterte, als sie eins der hübschen weißen, mit Spitzen verzierten Kissen berührte.
»Und es ist trocken! Wie kann das sein?«
An der Wand hingen Regale. Sven stammelte leise: »Und dort! Tassen, Teller, Gläser - alles ordentlich gestapelt und nichts ist kaputt! Mensch, ist das komisch! In diesem Wrack müsste doch alles ...«
»Pst, sei still, horch mal!« Lara hielt ihm die Hand vor den Mund und beide erstarrten. »Ich höre Stimmen! Hörst Du sie auch?« Von Weitem war gedämpftes Murmeln zu hören.
»Murmeln ...« flüsterte Sven erschrocken.
»Was ...?« Lara sah ihn irritiert an. Beiden war klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
»Komm, wir ziehen es jetzt durch!«, flüsterte Lara, »lass uns weiter gehen! Leise!«

Vorsichtig schlichen sie durch die Kajüte. Links ging es durch eine angelehnte Tür in einen schmalen Gang. Lara und Sven zuckten zusammen, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. So sahen sie das Wasser nicht mehr, das durch das kaputte Fenster in die Kajüte schwappte. Die Flut kam.
Sven und Lara orientierten sich an den Stimmen, versuchten, sich leise zu nähern. Doch mit jedem Schritt knarrte das Gebälk.
»Leise«, zischte Lara, blieb aber selbst mit einem Schnürsenkel an einer Diele hängen. Svens Gesichtszüge erstarrten. Er spürte seinen Herzschlag.

Die Tür zu dem Raum, aus dem die Stimmen kamen, war einen Spalt weit geöffnet. Offenbar hatte sie noch niemand bemerkt. Sven atmete tief durch. Er spürte den Schweiß auf seiner Stirn, als er hineinspähte. Mehrere Männer saßen an einem runden Tisch. Alle trugen dichte Bärte, ihre Frisuren waren ungepflegt.
Am furchterregendsten war der, den Sven automatisch für den Kapitän hielt: ein grober Kerl mit schwarzem, geflochtenen Bart, dunklem Gesicht und Augen wie kleine schwarze Knöpfe. Auf dem Tisch stand eine Flasche, vermutlich Rum. Nein, kein Rum, das war ... das war eine Flaschenpost, über die die Kerle in einer unverständlichen Sprache diskutierten. Eine Flaschenpost? DIE Flaschenpost? Es war die gleiche, dieselbe Flasche!

Lara tippte Sven auf die Schulter und wies auf eine Treppe, die in den unteren Bereich des Schiffes führte. Leise schlichen sie an dem Türspalt vorbei. Sven setzte seinen linken Fuß auf die erste Stufe. Wieder ein Knarren. Schritt für Schritt schlichen sie weiter, eine Stufe nach der anderen. Bis sie unten waren.
Lara hätte beinahe aufgeschrien. Doch im letzten Moment konnte sie es unterdrücken. Sie blickten auf vier kleine Zellen mit Gittertüren. Ein lebloser Körper war angekettet. Sven nahm Lara an die Hand. »Mein Gott«, flüsterte er. Er erkannte den Mann. Jörn Petersen, ein Anwalt. Sven hatte vor zwei Jahren, bei seinem vorletzten Familienurlaub auf der Insel, als die Welt noch in Ordnung war, die Geschichte mitbekommen. Petersen hatte mit seiner Anzeige gegen den Pfarrer des Ortes für Aufsehen gesorgt, weil der jahrelang fehlerhaft geweihten Messwein in Osteuropa verhehlt hatte. Die Kirche hatte versucht, die Sache zu vertuschen. Erst mit Bestechung, dann setzte man Petersen unter Druck. Doch der Anwalt hatte die Sache durchgezogen. Jetzt lag er in der Zelle.

»Ich glaube, er lebt«, flüsterte Lara. Der Brustkorb des Anwalts bewegte sich leicht. Er atmete. Ganz schwach, aber er atmete.
»Ich will hier raus, ich will hier raus. Ich kann nicht mehr!« Die Schreie gingen in ein hysterisches Kreischen über.

In der zweiten Zelle saß eine ältere Frau mit grauen Haaren. Ihre Augen waren rot unterlaufen, ihr Blick irr. Wie von Sinnen trommelte sie nun auf den Holzboden des Schiffwracks. Lara erkannte sie. Deswegen waren die Herren Dorfältesten heute Abend unter sich gewesen! Es war Frau Neune, die einzige Frau im Ältestenrat, zugleich die Apothekerin, die schon immer auf Spiekeroog lebte und früher, als es das Festland noch gab, dort an einer Grundschule Biologie unterrichtet hatte. Sie war nie sonderlich beliebt gewesen. Die Nachbarn mieden sie wegen ihrer nächtlichen Schreianfälle in der alten Apotheke nahe den Dünen. Schon mehrfach soll die Polizei ihretwegen vom Festland herüber gekommen sein. Auch jetzt schrie sie. Sven und Lara liefen Schauer über den Rücken. Merkwürdig: Keiner der Seeleute oben schien sich an dem Geschrei zu stören. So, als blieben die Schreie im Unterdeck gefangen, wie Petersen und Frau Neune in ihren Zellen. Sven schaute mit bangen Blicken hinauf. Doch niemand regte sich.
Dafür spürte er, dass es feucht um seine Füße wurde. Wasser, Meerwasser. Sven blickte entsetzt zu Lara.
»Das Wasser kommt!«

Es war bizarr. Sven schoss Peter Gabriels »Here comes the flood« durch den Kopf. In der deutschen Version des Liedes heißt es: »Das Ende naht von Fleisch und Blut.«
Die Apothekerin schrie immer lauter. Das Wasser stieg stetig an. Der Anwalt schnaubte, schien die Situation aber nicht zu registrieren. Frau Neune rüttelte an den Gitterstäben.
Sven wollte helfen. Er rüttelte ebenfalls am Gitter, versuchte mit einem Tritt das Schloss zu lösen. Keine Chance. Lara schaute ihn verzweifelt an. »Sven, wir müssen hier raus!«
Sven sah sich hektisch in dem langen Gang um. Er verfluchte, dass sie die Öllampe im Sand hatten liegen lassen. Im trüben Licht, das von der Treppe herunter schien, sah er am Gangende etwas aufblitzen: ein Ring. Während er durch das Wasser darauf zu lief, rüttelte Lara ununterbrochen an den Gitterstäben und schrie die Lehrerin an: »Seien Sie doch still, das bringt Sie hier auch nicht schneller raus.«
»Lara, dort hinten hing ein Schlüsselring«, rief Sven, als er wieder neben seiner Freundin stand. Er hielt den Ring hoch, an dem ein Schlüssel baumelte.
»Nur ein Schlüssel?« Sie schaute ihn mit großen verzweifelten Augen an, »Hoffentlich passt er auf alle Schlösser.«
»Komm schon, versuchen wir´s. Das Wasser steigt immer höher!«
Lara bemerkte erst jetzt ihre eiskalten Füße und stieß einen Schreckensschrei aus. Das Wasser stand schon bis zu ihrer Wade und stieg langsam aber stetig an. Frau Neune fing wieder an, hysterisch zu schreien. Sven wandte sich der Zelle des Anwalts zu und rief Lara ins Ohr: »Ich versuche zuerst, ihn zu befreien, damit er nicht sofort ertrinkt. Das Wasser steht ihm schon fast bis zum Hals.«
»Ja, los, Sven, mach schon. Wir müssen hier raus. Außerdem macht mich das Gekreische noch total verrückt«, schrie Lara.

Der Anwalt schnaubte wieder vor sich hin und fing an zu husten. Sven sah auch warum: Das Wasser hatte sein Gesicht erreicht. Er steckte hektisch den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn hin und her: Es passierte nichts.
»Sven, beeil Dich!«, rief Lara.
»Ja, es funktioniert nicht. Der Schlüssel geht nicht richtig rein.«
Sven versuchte es noch einmal und diesmal ließ sich der Schlüssel ein Stück weiter reinschieben. Er drehte ihn nach rechts und das Schloss öffnete sich mit einem »Klock«. Lara und Sven stürmten in die Zelle und hoben den Mann auf. Lara klopfte ihm auf den Rücken, damit er aufhörte zu husten. Petersen war nur noch Haut und Knochen.
»Mein Gott, was haben die mit ihm gemacht? Los, Sven, schließ schon die Kette auf!« Lara stotterte fast vor Aufregung. Sven versuchte sein Glück, aber es klappte nicht. Der Schlüssel drehte sich kein Stück.
»Sven, was machen wir denn jetzt?«
»Bleib Du bei ihm, ich versuche es nebenan.«

Sven platschte zur Zelle der Apothekerin, deren Geschrei in leises Wimmern übergangen war, als die Zelle nebenan geöffnet wurde. Sie stand an der Tür, ihre Hände umfassten die Gitterstäbe und sie sah Sven verzweifelt an.
»Hilf mir«, flüsterte sie. Sven steckte den Schlüssel ins Schloss. Es ließ sich ohne Probleme öffnen. Frau Neune zog die Tür ruckartig auf und Sven stolperte in die Zelle.
»Los, komm, ich weiß den Weg hier raus. Wer ... wer bist Du überhaupt?« In ihrer Stimme vermischten sich Freude, Überraschung und Panik.
»Sven ist mein Name. Den Rest erzähle ich Ihnen später.«
Er stürmte in die Zelle nebenan, wo Lara den Anwalt unter größter Anstrengung auf den Hocker gehievt hatte.
»Sven, mach ihn los!«, rief Lara, »er hat irgendwas gemurmelt, hörte sich an wie 'Buch'.«
»...murmelt?«
Sven steckte verunsichert den Schlüssel ins Schloss und versuchte, es zu öffnen - aber nach 3 weiteren Versuchen gab er auf; mit einem Schrei der Verzweiflung. Er sah Lara in die Augen und sagte: »Wir müssen ihn hierlassen.«
Da öffnete der Anwalt seine Augen und sah Lara an. Unter größter Anstrengung flüsterte er: »Ihr müsst ... ihr müsst das Buch von Kapitän Lu...«
Dann verließen ihn die Kräfte. Lara schüttelte ihn verzweifelt, während sie schrie: »Los! Versuchen sie es noch mal! Wir haben keine Zeit mehr! Los, Mann!« Die Augenlider des Anwalts zuckten. Mühsam rang er nach Luft. Das Wasser reichte inzwischen bis zu seinem Brustkorb und stieg weiter.
»Kapitän Lukas ... er weiß alles ...!«, stieß er hervor und sackte vornüber.
»Beeil Dich!« rief Sven, »Dem können wir nicht mehr helfen!«

Gemeinsam folgten sie der alten Frau, die erstaunlich flink durch die Wassermassen watete.
»Hier entlang und dann die Strickleiter rauf«, schrie sie den Beiden zu, »und trödelt nicht herum. Wir müssen durch die große Ladeluke klettern, bevor das ganze Schiff versunken ist. Wenn ihr oben seid, müsst ihr schwimmen. Die Flut trägt Euch dann zur Insel. Ich folge Euch, aber erst habe ich hier noch eine Rechnung zu begleichen.«

Mit diesen Worten ging sie weiter, zum vorderen Teil des Schiffes.
»Sie wird ertrinken!«, sagte Sven.
»Aber wir können ihr nicht helfen. Wenn wir auch ertrinken, kann niemand mehr die Insel retten!«, entgegnete Lara atemlos. Stück für Stück kämpften sie sich an die Strickleiter heran, die in einer Luke baumelte. Lara ergriff die unterste Sprosse und begann den mühsamen Aufstieg. Sven folgte ihr. Immer wieder rutschten sie von den durch das Wasser glitschig gewordenen Sprossen ab. Ihre Arme und Beine schmerzten, und sie hatten noch den Weg bis zur Insel vor sich. Nach endlosen Minuten erreichten sie die Lukenöffnung und zwängten sich hindurch.

Das gleißende Licht war verschwunden für einen ganz normalen Sternenhimmel und einen erstes schwaches Leuchten am östlichen Horizont. Mit der Flut war auch der Morgen erwacht. Heftig atmend legten sie sich auf die glatten Schiffsplanken. Doch schon begann das Schiff, mit einem unheimlichen Gurgeln und Ächzen vollends zu sinken. Sofort sprangen die Beiden ins Wasser und versuchten, in den Wellen die Apothekerin zu entdecken. Doch von ihr fehlte jede Spur. Also schwammen sie auf die Umrisse der Insel zu. Durch das salzige Meerwasser brannten ihre Augen und die Kälte machte die Arme und Beine schwer.
»Ich ... glaube ... wir ... schaffen es nicht!« stieß Sven hervor.
»Bitte gib nicht auf! Wir müssen doch alle retten. Los kämpfe!« brachte Lara mühsam heraus. Da ergriff sie eine riesige Welle und verschlang sie. Es gelang ihnen in dem tosenden Wasser die Hand des Anderen zu finden, überzeugt, dass ihre Mission hier ein Ende gefunden hatte. Sie würden jetzt ertrinken und die Insel würde zerstört werden. Sie hielten sich an den Händen, bis alles um sie herum schwarz wurde und sie das Bewusstsein verloren.

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