'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgesp├╝rt.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 08 ÔÇô Die blaue Kugel

Mo, 01.06.2009, 9.00 Uhr

Es waren einige Stunden vergangen, als Sven von einem Sto├č in die Seite erwachte. Er ├Âffnete die Augen und bekam einen heftigen W├╝rgereiz. Nachdem er viel Meerwasser und etwas Sand erbrochen hatte, setzte er sich langsam auf und blickte direkt in das ├Ąlteste und h├Ąsslichste Gesicht, dass er je gesehen hatte. Vor ihm hockte ein sehr alter und ungepflegter Mann, der ihn interessiert ansah.

┬╗Na, Schl├Ąfchen aus? Du warst ja kaum wach zu kriegen. Ich habe mir fast den Finger an Deinen Rippen gebrochen!┬ź sagte er mit einer kratzigen Stimme.
┬╗Wo ist meine Freundin?┬ź, fragte Sven verwirrt.
┬╗Och, die ist schon seit einiger Zeit wieder auf den Beinen┬ź, entgegnete der Alte. Und richtig, nur ein kleines St├╝ck weiter sa├č Lara mit eng umschlungenen Beinen auf dem Strand, mitten in der von Tang, Muschelschalen und undefinierbaren Resten abgebildeten Flutlinie. Offensichtlich hatte er tats├Ąchlich einige Stunden in der Bewusstlosigkeit verbracht; vor Ersch├Âpfung, aus Verzweiflung? In jedem Fall lag der H├Âchststand der Flut schon einige Zeit zur├╝ck, und die Ebbe war dabei, ihre immer wieder neuen Muster in den Sand zu zeichnen. Seine Kleidung war trocken, und ihre Jacken lagen ganz in der N├Ąhe im Sand. Und Lara sa├č mitten in dieser noch feuchten Masse; sp├╝rte sie nicht den Tang und die Muscheln? Und warum bemerkte sie ihn nicht? H├Ârte sie denn nicht, dass er aufgewacht war? Und warum ├╝berhaupt sa├č sie so abseits und ├╝berlie├č es diesem Wrack von Mensch, ihn, ihren Freund, wieder zu den Lebenden zu holen?
┬╗Lara! ... LARA!┬ź

M├╝hsam streckte er seine vor Ersch├Âpfung schweren Arme ihr aus. Da sah er die starren, weit aufgerissenen Augen seiner Freundin; Blickrichtung offenes Meer. Versuchte sie immer noch, die Apothekerin zu finden? Das versunkene Wrack? Die unheimliche Besatzung? Ihr Erlebnis kam Sven jetzt, nach ein paar Stunden Bewusstlosigkeit, schon nicht mehr real vor. Nur die Gewissheit des sonstigen Irrsinns, der seit der Isolation der Insel in sein Leben eingedrungen war, lie├č ihn die Erinnerung an ihren Ausflug ├╝berhaupt akzeptieren.
Wie lange sa├č sie schon so da?
┬╗Lara, ich ...┬ź
Selbst seine schw├Ąchlich wedelnde Hand brachte Lara nicht dazu, sich ihm zuzuwenden. Sven schluchzte; hatte das Meer Lara zu sich geholt und nur ihre seelenlose H├╝lle zur├╝ckgelassen? Lara, mit der er noch ein Kind haben w├╝rde? Mit dieser Lara?

M├╝hsam richtete er sich auf, kroch f├Ârmlich auf allen Vieren die wenigen Meter zu ihr und griff ihre Knie, versuchte ihre H├Ąnde zu l├Âsen, riss sie beinahe um, ohne zu ihr durchzudringen. Voller Panik wollte er sie schlagen, nur eine oder zwei Ohrfeigen, so wie er es fr├╝her in Filmen gesehen hatte. Im letzten Moment z├Âgerte Sven, fasste Lara stattdessen an den Schultern und sch├╝ttelte sie, konnte kaum noch aufh├Âren. Aber ihr Kopf blieb seltsam starr, fokussierte weiter ein Irgendwo, so sehr Sven auch an ihrem K├Ârper zerrte.
┬╗Was ist mit Ihr?┬ź Sven, dem die Tr├Ąnen jetzt ├╝ber das Gesicht liefen, drehte sich zu dem Alten: ┬╗Was hast du mit ihr gemacht? Was ...?┬ź

Der Alte machte keinerlei Anstalten, ihm oder Lara zu Hilfe zu kommen oder sich auch nur zu rechtfertigen. Es schien vielmehr, als ob auch er etwas in der Ferne erblickte; mit zusammengekniffenen Augen, die dadurch fast in seinem faltigen Gesicht verschwanden, blickte er ├╝ber das am Boden hockende Paar hinweg zum Horizont: die gleiche Stelle, die auch Lara in ihren Bann gezogen hatte.
Doch pl├Âtzlich sprang er auf, kam, mit der linken Hand den Blick gegen die Morgensonne beschirmt, heran, griff Sven und zog ihn zu sich hinauf.
┬╗Siehst du das, Jungchen? Siehst du das auch?┬ź

Sven hatte Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht zu finden, musste sich an einem alten, vermutlich vom Wrack herangesp├╝lten Holzbalken festhalten, und versuchte dabei, auf dem endlosen Meer etwas zu erkennen. Und vielleicht eine Sekunde, bevor Sven sah, was sich ver├Ąndert hatte, erwachte Lara fl├╝sternd aus ihrer Starre: ┬╗... die Wellen ... sie brechen sich ... am Horizont ... Schaumkronen ...┬ź

Schaumkronen. Na und, dachte Sven, Schaumkronen sind nichts Beson... Hinter den Schaumkronen wurde etwas anderes sichtbar. Ein dunkles, schmales Band, das sich ├╝ber ein gutes Viertel der ansonsten ruhigen Linie zwischen Meer und Himmel erstreckte. Und es schien zu wachsen, Gestalt anzunehmen, sich zu festigen. Man sah ... H├Ąuser, winzige wei├če Punkte, aber doch: H├Ąuser. Und ├╝berhaupt war das, was man sah, nichts anderes als das, was man bis vor einem Jahr dort immer gesehen hatte: das Festland!

┬╗Lara!┬ź schrie Sven, ┬╗Das das das ... das ist das Festland, das ist die K├╝ste, da dr├╝ben liegt ... Neuharlingersiel! Die Flaschenpost! Der Junge! Mikael ...┬ź
Lara wandte ihm ihr Gesicht zu, grinste, gluckste, verschluckte sich an diesem Freudenschreck, und dann fielen sie sich in die Arme.
┬╗Wir sind gerettet!┬ź, schrien sie trotz ihrer geschw├Ąchten Lungen, sprangen auf, vollf├╝hrten einen freudentaumelnden Ringeltanz, w├Ąhrend das, was sie f├╝r die K├╝ste hielten, immer breiter und gr├Â├čer wurde. Und diesmal wagte es Sven, sie zu k├╝ssen, ohne ├╝berhaupt dar├╝ber nachzudenken. Das Leben war wieder sch├Ân! Sie w├╝rden hin├╝berfahren, nach Hause, nach ...
┬╗Moment mal!┬ź Lara stockte. ┬╗Moment mal, das hier ... das hier ist doch der ... Nordstrand! Und ... am Nordstrand, vom Nordstrand aus, da gibt es doch gar keine K├╝ste. Da hat es noch nie eine K├╝ste gegeben! Auch vor der Flut ...┬ź
Die Illusion zerplatzte in ihren K├Âpfen wie eine Seifenblase.

┬╗Mir ist schlecht!┬ź, keuchte Sven, ┬╗das kann doch nicht ... was ist denn das SONST?!┬ź
Der Streifen war kein Streifen mehr. Es war ein dunkler, fast schwarzer Bogen, der immer h├Âher ├╝ber die Horizontlinie hinauswuchs. Die vermeintlichen H├Ąuser waren nichts weiter gewesen als l├Ąngst ins Meer zur├╝ckgeflossene Gischtfetzen. Und darunter war die Fl├Ąche ... die Scheibe oder was auch immer, einfach nur blau. Tiefblau und scheinbar spiegelglatt, denn die aufgehende Sonne funkelte darin.

┬╗Und du?┬ź, fragte Laura den Alten, ┬╗wer bist du? Dich ... dich kenne ich doch, du bist doch ...┬ź
┬╗Ich bin's, Mikael, euer zuk├╝nftiger Sohn! Nur dass ich jetzt im Moment etwas ├Ąlter bin┬ź, kicherte er.
┬╗Mikael?┬ź
┬╗Mikael, Mike ...┬ź
┬╗Wie alt bist du?┬ź, fragte Dirk.
┬╗Neun oder ... neunzig ...┬ź
┬╗NEUN?!┬ź, kreischte Lara hysterisch.

Auf den D├╝nen erschienen die anderen. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass da drau├čen etwas geschah, was die Absurdit├Ąt ihrer Insellage noch in den Schatten stellte. Die Kirchenglocken l├Ąuteten Sturm, und nach zehn Minuten gab es auf Spiekeroog niemanden der, der sich nicht auf den D├╝nen und am Strand eingefunden hatte, um das Schauspiel zu beobachten.
┬╗Und die Flaschenpost?!┬ź, schrie Dirk gegen den L├Ąrm an.

W├Ąhrend aus dem Bogen ein Halbkreis und aus dem Halbkreis allm├Ąhlich ein Vollkreis wurde, und w├Ąhrend dieser immer deutlicher die Gestalt einer perfekten Kugel annahm, einer Kugel von mehreren Kilometern Durchmesser, standen die ausgemergelten Menschen beisammen, ├Ąngstlich, teilweise weinend, teilweise sich umarmend, die meisten jedoch in einer Art hilflosen Ehrfurcht erstarrt.
┬╗Mike!┬ź, zischte Dirk, ┬╗hast DU die Flaschenpost ...?┬ź
┬╗Der Asteroid!┬ź schrie jemand, ┬╗Von letzter Nacht, das ist er!┬ź

Eine Frau kreischte, es klang wie ┬╗Pfingstfeuer!┬ź, und dann fiel sie mit verdrehten Augen in Ohnmacht. Nur Mike kicherte. Entweder, weil er wusste, dass ihnen nichts geschehen w├╝rde, oder aber weil Mike ... Nein! Sven wollte das nicht zu Ende denken. Als die gigantische blaue Murmel mit einem dumpfen, hohlen Knall das Meer verlie├č und wie Perry Rhodans Flagschiff langsam emporschwebte, l├Âste sie damit eine m├Ąchtige Flutwelle aus, die sich wie ein von Riesenh├Ąnden geschaffenes Gebirge drohend auft├╝rmte. Die Menschen schrien verzweifelt auf, der Tsunami w├╝rde sie alle verschlingen, denn eine Fluchtburg gab es nicht! Pl├Âtzlich lief ein Licht ├╝ber die spiegelnde Oberfl├Ąche der Kugel, erhellte glei├čend die Welt und dann st├╝rzte die Riesenwoge mit einem beinahe protestierenden Br├╝llen einfach in sich zusammen. Lediglich ein paar Wellen, die vielleicht Surfer begeistert h├Ątten, rollten auf den Strand zu.

Der Alte lie├č sich die F├╝├če umsp├╝len. Er grinste Sven und Lara zu. ┬╗Guter Effekt, was? Das machen die jedes Mal. Immer ganz gro├čes Kino.┬ź
Lara wischte sich die Tr├Ąnen aus dem Gesicht und sah der kleiner werdenden Kugel nach, die bereits weit oben am Himmel in Richtung Westen verschwand. ┬╗Wer sind 'die'?┬ź
Der Alte, ihr zuk├╝nftiger Sohn, zuckte die Schultern. ┬╗'DIE, halt. Sie haben es nicht n├Âtig, uns ihren Namen zu nennen. Sie waren vor uns und werden nach uns sein. Sagen DIE jedenfalls. Wir sind so 'ne Art Langzeitstudie am lebendigen Objekt. Wobei DIE ziemlich unwissenschaftlich vorgehen, so wie sie sich einmischen, wenn ihr mich fragt.┬ź
Dann wendete er sich der Morgensonne zu. ┬╗Wird kein sch├Âner Tag heute┬ź, sagte er, ┬╗das n├Ąchste Unwetter dr├╝ckt mir schon auf die Knochen. Vielleicht sollte ich euch ein bisschen auf die Spr├╝nge helfen, was eure M├Âglichkeiten angeht. Das wird DIE zwar nicht am├╝sieren, aber sie halten sich ja nicht mal selbst an ihre eigenen Regeln.┬ź

Die blaue Kugel war inzwischen trotz der gigantischen Ausma├če nicht mehr zu sehen. Leidlich beruhigt gingen die Inselbewohner zur├╝ck zu ihren H├Ąusern und an die Arbeit, wobei sie aufgeregt ├╝ber das Erlebte sprachen. Auch Lara und Sven machten sich auf den Heimweg, Hand in Hand, ein wenig scheu noch. Mike ging ein St├╝ck hinter ihnen und f├╝hrte hin und wieder Selbstgespr├Ąche.
┬╗Was murmelt der da?┬ź, fragte Lara und schaute irritiert zu ihrem zuk├╝nftigen Sohn zur├╝ck.
Dirk zuckte zusammen: ┬╗... MURMELT?!┬ź
┬╗Schon gut ...┬ź

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