Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 11 - Neun

Di, 02.06.2009, 7.30 Uhr

Als Sven am nächsten Morgen erwachte, hatte er das Gefühl, als würden Kämpfe in seinem Kopf ausgetragen. Mühsam erinnerte er sich an die Zärtlichkeiten mit Lara, daran, wie sie ineinander versunken waren. Hatte er mit ihr geschlafen; also, war es so weit gekommen, dass er sie geschwängert hatte? Er konnte sich nicht erinnern. Lara! Nein, sie konnte er nicht fragen, was würde sie denken, wenn er sich DARAN nicht mehr erinnern konnte?

Lara reckte sich. Sie roch nach Schlaf und den Halmen der Düne. Sven küsste sie in den Nacken. Es war gut, sie so real neben sich zu fühlen in einer Welt, die mit Realitäten nicht gerade übersättigt war.
Hatten sie es letzte Nacht getan? Lara erwiderte Svens Kuss. Sie erinnerte sich daran, wie Wogen in ihrem Körper sie davon getragen hatten, wie sie nichts mehr um sich wahrgenommen hatte, aber sie erinnerte sich nicht an Sven, nicht an sein Gesicht, nicht an seinen Atem. Das konnte sie ihm jetzt unmöglich erzählen, sie wollte ihn schließlich nicht kränken.

Etwas verlegen saßen die beiden Arm in Arm an der Düne, nicht in der Lage, über das Geschehene zu sprechen, nicht in der Lage, die Empfindungen dieser Nacht zu ordnen.
Sie beobachteten die Wolken. Es schien, als ob sie sich minütlich veränderten, ja, sie verdichteten sich zu Wolkenbergen, als seien sie riesige Gebirgszüge, und man müsse befürchten, von einer Lawine erschlagen zu werden. Wolkenkuckucksheime, ebenso unwahr wie die Welt und die Perspektiven für die Zukunft.

Der Wind nahm zu. Langsam wurde es stürmisch.
Sven zog seine Jacke aus dem Sand, um sie Lara und sich selbst über die Köpfe zu hängen. Gerade noch rechtzeitig; mit einem riesigen Knall explodierte einer der Wolkenberge, und der nun orkanartige Sturm stob die Wolkenbergsplitter in alle Himmelsrichtungen.
Sven und Lara verschlangen sich ineinander, besorgt, der Wind könnte sie auseinanderreißen.
Und dann, in einem kurzen Moment der Ruhe sahen sie die Kugel. Schon wieder die Kugel! DIE blaue Kugel, oder ... nein, es war eher eine riesige Seifenblase, die da von der nächsten Sturmböe erfasst wurde. Und darin entdeckten sie ihren Sohn Mike. Diesmal als kräftiger, gut gebauter Mittvierziger - die Version kannten sie noch nicht - aber unverkennbar, das war Mike!
»Sven, Lara, helft mir!«, dumpf drangen seine Worte durch die transparente Hülle, wobei er wild mit den Armen wedelte, »ER hält mich gefangen. Das Kind, das Lara unter ihrem Herzen trägt, bin nicht ich! Passt auf und flieht! Lasst das Kind wegmachen, ich beschwöre euch! Es trägt das Böse in sich! Geht am besten zu ...«
Weiter kam Mike nicht. Hinter ihm krachte es und mit einem lauten Donnerschlag tauchte ER in der Kugel auf, riss Mike an sich riss und hielt ihm den Mund zu.
»Na, Lara, hast du gestern Nacht Spaß gehabt?«
Der Himmelsraum füllte sich mit höhnischem Lachen.
»Who the fuck is GOD? Ich freue mich auf die Geburt MEINES Sohnes, mein Liebchen! In nur zehn Tagen ist es so weit!«

Der Wind brüllte und türmte Sandberge aufeinander. Als Lara und Sven sich umsahen, waren sie umringt von zehn mächtigen Dünen, die nichts mehr von heimlichen Orten der Liebe hatten.
Ein boshaftes Lachen von IHM stob die Sandberge wieder auseinander. Was war das? Sie formierten sich neu, trafen sich in der Luft und bildeten eine Kuppel über ihren Köpfen, die sich senkte und Sven und Lara einschloss.

Es wurde still. Nichts geschah. Die Minuten verstrichen, und dann die Stunden. Sie hielten einander fest und Lara begann zu weinen. Zehn Tage - mehr Zeit blieb ihnen nicht.
Zehn Tage, das sind 14.400 Minuten, Quersumme 9, hämmerte es durch Svens Gehirn. Er schüttelte sich ungläubig.
»Wieso fällt mir so etwas gerade jetzt ein?« Er war noch niemals in Mathe eine Leuchte gewesen, jedenfalls hatten ihm das alle Mathematiklehrer bescheinigt, ob er es hören wollte oder nicht.
»864.000 Sekunden, Quersumme 18, und dann wieder 9. Verdammt! Was ist mit mir?«
Er warf den Kopf herum, starrte erst auf die sie umschließenden Sandwogen und dann auf Lara, deren tränenüberströmtes Gesicht nun einen eher grimmigen Zug angenommen hatte.
»Lara, was sollen wir jetzt nur tun?«

Seine Gedanken wanderten zurück und sein Magen krampfte sich zusammen. Seltsamerweise erinnerte er sich plötzlich an Frau Ahlers, die Cousine vom Bauern Ahlers, bei der er in der ersten Klasse gleich am Anfang in der Multiplikation versagt hatte, Frau Ahlers, die ihn vor den anderen acht Mitschülern lächerlich gemacht hatte: »Waaas, du weißt nicht mal, was drei mal drei ist? Bist du noch ein Baby?« Und alle hatten gejohlt. Sven war es, als gellte das Lachen der Kinder noch immer in seinen Ohren. Oder war es SEIN Lachen? Der Gedankenfetzen wurde ungewollt abgelöst durch eine weitere, noch schmerzhaftere Erinnerung. Er war noch immer auf derselben Schule, der Grund- und Hauptschule von Neuharlingersiel: »Na, Babyface? Hat ein Gesicht wie ein Engel, das Babyface!« Ein Junge, Ralf nicht unähnlich, hatte ihn in der Neunten permanent provoziert. Sein damaliger Mathelehrer, Herr Uedecksen war dazwischen gegangen. Sven hatte sich aufgehoben gefühlt bei ihm, beschützt, ja, er hatte sogar ein zaghaftes, weit wärmeres Gefühl für ihn empfunden, so ähnlich, wie er es für Lara verspürte, oder sogar ... Er unterbrach seinen Gedankenstrom und warf einen Blick auf Lara. Sie starrte auf einen toten Käfer im Sand, einen »Pillendreher«, und rieb dabei mit der linken Hand gedankenverloren ihren Unterleib. Ihre Lippen zitterten, als ob sie unhörbar vor sich hinmurmelte.
Sie murmelte! Sven schrak zusammen, schüttelte aber den grellrundblauen Gedanken so schnell ab, wie er gekommen war.

Was hatten sie nur getan? Herr Uedecksen! Er hatte Sven nach der letzten Stunde zu sich gebeten, ihm die Hand auf die Schulter gelegt und seinen Kopf tröstend gestreichelt. Aus einem Impuls heraus hatte Sven ihn küssen wollen, doch Herr Uedecksen hatte sich erschrocken und seinem Schüler verboten, sich ihm noch einmal zu nähern. Von da an waren die Mathestunden eine Qual für Sven gewesen. Die Neunte war für ihn gelaufen und das Ende im Juni war bekannt. Aber warum kamen ihm gerade jetzt diese Erinnerungen? Was, ja, was nur drängte und wallte in ihm und wollte mit Vehemenz heraus? Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Welche Zahl war tief in seinem Unterbewusstsein verankert, welche Zahl, die mehr bedeuten musste als nur eine Ziffer? Sein Atem ging stoßweise. Quersumme 9, 9 Schüler in der neunten Klasse, Herr Uedecksen, Yhdeksän, was auf Finnisch »neun« bedeutet, Neune, so hieß auch die ehemalige Apothekerin, Frau Gerda Neune aus dem Ältestenrat, die sie aus dem Verlies der Verona befreit hatten. Frau Neune hatte die Restbestände der Apotheke gerettet und verwahrte sie sicher in ihrem Haus. Bei Bedarf konnte jeder Bewohner der Insel sie darum bitten. Aber hatte Frau Neune den zweiten Untergang der Verona überlebt? Welche Rolle spielte die alte Frau in diesem absurden Theater, dem nur noch 10 Tage bis zum Ende blieben?

»Frau Neune«, dachte Sven laut, »die müsste doch was haben, um SEIN Kind wegzumachen!«
Er blickte zu Lara: »Lass uns ins Dorf zurückkehren! Vielleicht lebt die Neune doch noch und kann uns helfen!«
»Neune?!« Lara zuckte zusammen. Aber nicht nur Lara. Kaum hatte sie das gesagt, hatte sie den Namen, der so sehr nach einer Ziffer klang, ausgesprochen, da fiel auch das sie umschließende Dünengewölbe zuckend ineinander.
Aber Lara nickte nur wortlos, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg, der sie an von Stürmen und salzhaltiger Luft zerfetzten Strandkörben vorbeiführte.

Die Promenade war in keinem guten Zustand. Treibgut lag überall herum, die Farbe am Kurorchesterpavillon blätterte ab und die Abfallkörbe waren verrostet.
»Wofür zahlen die Leute eigentlich Kurtaxe?«, feixte Sven.
»Lass uns Pause machen«, sagte Lara. Erst jetzt merkten die Beiden, wie hungrig und durstig sie waren. Sie setzten sich auf eine Bank. Sven kramte in seiner Jacke nach Essbarem herum und zog zwei selbst gebackene Seetang-Honig-Riegel heraus, die seine Vermieterin Frau Jost ihm vorgestern noch für die Feldarbeit zugesteckt hatte.
»Strandhafer oder Schlehe?«, fragte er Lara.
»Lass uns teilen. Mag beides!«, erwiderte sie.
Er versuchte, die Riegel in zwei gleichgroße Stücke zu brechen. Lara bekam die größeren Hälften. Stumm und langsam kauten sie auf den zähen Brocken herum. Sven zauberte eine Wasserflasche hervor - ebenfalls eine heimliche Gabe seiner Vermieterin - und reichte sie Lara. Sie nahm neun kleine Schlucke.
»Wir müssen weiter«, sagte Sven fordernd.
»Willst du nichts trinken?«, fragte Lara.
»Später vielleicht«, erwiderte er, spülte aber dann doch seine bangen Gedanken hinunter.

Als sie im Dorf ankamen, dämmerte es schon. Der Dorfplatz lag in mildem Licht der von Fischöl gespeisten Petroleumleuchten. Ein paar hagere Männer saßen am Dorfbrunnen und starrten vor sich hin.
»Moin, moin«, grüßte Sven, »wir wollen zur Neune!«
Der alte Hansen zeigte mit seinem knochigen Zeigefinger zum Rathaus: »Die haben da so ’ne Versammlung, da würd’ ich’s mal versuchen, Jung!«
Der Saal war nur halb voll. Vorn auf der Bühne der Ältestenrat, und tatsächlich: Mittendrin saß Frau Neune! Sie lebte! Und sie hielt eine Flasche im Arm. Die Flasche, die ... in der Verona, unter Deck, die Männer, der Kapitän ...

»Meine lieben Mitbürger!«, Svens Gedankenkreisel wurde von der Rede des Bürgermeisters unterbrochen.
»In dieser außerordentlichen Situation müssen wir Ruhe bewahren und die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Es bringt rein gar nichts, jetzt hysterisch zu reagieren und den Teufel an die Wand zu malen. Unser Überleben hängt von Disziplin und Organisation ab. Und ich als Bürgermeister biete euch meine Führungsqualitäten an. Denn rudern kann jeder und steuern nur einer!«
Stolz stand der Bürgermeister vor dem Podest, und der Zustimmung konnte er sich sicher sein, schließlich war der Untergang von Spiekeroog durch seine Machtergreifung im letzten Winter gestoppt worden.
»Liebe Freunde, ich und der Ältestenrat werden ein Konzept für jeweils ein Quartal erstellen, welches dann bindend für die Gemeinschaft sein wird. Wir treffen uns in zwei Wochen wieder hier, um das Konzept zu erläutern. Bis dahin bewahrt Ruhe und seid sparsam mit dem Fischöl. Schönen Abend noch!«
Der Saal leerte sich. Sven nahm Lara bei der Hand und zog sie zur Bühne.

»Frau Neune, wir müssen dringend mit ihnen sprechen«, rief er. Frau Neune blickte die beiden mit ihren strengen Augen an. Ihr Haar war sorgfältig, ja nahezu perfekt frisiert. Sie trug einen mausgrauen Faltenrock, so fusselfrei, wie ein fusselfreier Faltenrock nur sein konnte. Der Rest war auch grau. Sogar die Flasche mit dem Brief erschien in ihrer Hand grau.
»Warum so aufgeregt, Sven?«, fragte sie. Und in ihrer Frage lag etwas, das alle Fragen nach der Flaschenpost oder ihrem geheimnisvollen Aufenthalt auf der Verona von vorneherein ausklammerte.

»Frau Neune, Sie le... Sie leb... eh ... Lara braucht dringend Medikamente, um ES wegzumachen! Bitte, helfen sie uns«.
Fragend blickte Frau Neune die beiden an: » ES wegmachen? Was wegmachen?«.
»Na, das Kind!«, entgegnete Sven verzweifelt, während Lara apathisch neben ihm stand.
»Kommt mit. Wir reden besser im Apothekerhäuschen«, sagte Frau Neune, führte die beiden zur alten Apotheke und schloss die große Tür auf.

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