Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 13 - Das Ritual

Mi, 03.06.2009, 5.30 Uhr

Am Morgen stieg Lara über den auf dem Fußboden schlafenden Sven und ging zu dem großen Spiegel, der an der Wand stand. Der Schlaf hatte Lara gestärkt. Seitlich betrachtete sie ihren Bauch. Würde sie wirklich in neun Tage ihr Kind bekommen? Sie sah genauer hin, nein, noch war keine Wölbung zu sehen.
Der sich regende Sven holte sie aus ihren Gedanken heraus. Stöhnende öffnete er seine Augen.
»Guten Morgen!«, Lara ging zu ihm und gab ihm einen Kuss.

»Engelsgesicht, hol mich!«
Der plötzliche Ruf ließ sie aufschrecken. Vor dem Fenster sahen sie etwas flattern. Langsam ging Sven hin und öffnete den Riegel. Herein flog - das Drehbuch. Vor Laras Füßen landete es aufgeschlagen auf dem Fußboden.
Lara hob es auf und las Sven vor, was dort geschrieben stand: »Beeilt euch, ihr habt nicht mehr viel Zeit! Bald wird das Ereignis geschehen, das Bernd auf die böse Seite zieht. Macht den Feind zum Freund!«
Noch ehe einer der beiden etwas sagen konnte, flog das Buch schon wieder zum Fenster hinaus. Verdutzt guckten sich Lara und Sven an.
»Hallo ihr beiden, Lara wie geht es dir?«
»Danke Frau Neune, mir geht es ganz gut.«
»Ich werde dich gleich erst einmal untersuchen, um sicherzustellen, dass es Mikaelus gut geht!«
Frau Neune untersuchte Lara am ganzen Körper: »Deinem Kind geht es gut. Wie bei einer normalen Schwangerschaft. Fast so, als würdest du erst in neun Monaten deinen kleinen Mike in den Armen tragen - und nicht schon in neun Tagen.«
»NEUN?!« rief Lara schrill.
»Schsch...«, machte Sven.

»Und nun zu Bernd. Habt ihr nachgedacht?«
Nachdem sie ihr von dem Besuch des Buches erzählt hatten, überlegten sie gemeinsam, wie sie mit Bernd reden sollten.
»Genau wie das Drehbuch gesagt hat, wir müssen uns Bernd zum Freund machen. Er muss uns vertrauen! Nur dann haben wir eine Chance, dass er nicht auf die andere Seite rüber wechselt. Allerdings darf er nicht merken, dass wir mehr wissen als er, und er darf auch nicht IHN, also sein zukünftiges Ich treffen, sonst ist alles verloren.«
Frau Neune schaute die beiden an: »Meint ihr, dass ihr das schafft?«
Lara fasste sich gedankenverloren an ihren noch flachen Bauch und bemerkte nicht, wie ihr Tränen über die Wangen liefen. Vorsichtig strich Sven ihr die Spuren der Angst vom Gesicht, schaute seine feuchte Hand an und sprach flüsternd mit Frau Neune.
»Wir haben keine andere Wahl, wir müssen es wenigstens versuchen. Unserem Sohn und unserem Zuhause zuliebe.”

Lara spürte die Angst in Svens Worten, die auch Frau Neune nicht verborgen blieb, und fragte sich, wie sie Bernd davon überzeugen sollten, nicht auf die böse Seite zu wechseln, ohne ihm dabei die Wahrheit zu sagen.
Frau Neune schien die Gedanken von Lara zu erahnen: »Ich kann euch noch etwas geben, aber ihr müsst sehr vorsichtig damit sein. Es ist ein Pulver, hergestellt aus sieben Kräutern. In Verbindung mit einem Zauberspruch bewirkt es, dass du deinem Gegenüber alles anvertrauen kannst. Sobald das Pulver aber seine Wirkung verliert, wird sich nur noch sein Unterbewusstsein daran erinnern und er wird emotionslos handeln und nicht wissen, wieso er das tut.
Doch das darf erst eure letzte Möglichkeit sein, denn die Gefahr bei dem Pulver besteht darin, dass ihr die dunkle Seite von Bernd verstärkt, anstatt sie zunichtezumachen. Denn die böse Macht in ihm ist sehr stark. Also handelt weise, meine lieben Kinder.”
»Das werden wir”, kam es aus den Mündern von Lara und Sven.

»Bevor ich gehe, werde ich euch in das Ritual einführen, welches ihr benötigt, um das Pulver anzuwenden.
Um mit einem Ritual an das Ziel eurer Wünsche zu kommen, müsst ihr fest daran glauben, dass das Unmögliche möglich ist. Denn es ist mehr als das, was ihr bis jetzt erlebt habt. Euer Glaube wird euch leiten. Rituale sind uralte Überlieferungen aus den verschiedensten Kulturen. Je positiver man an ein Ritual herangeht, um so mehr verstärkt sich die Kraft, die dem Ritual innewohnt. Jedes Ritual sollte mit Ruhe und Achtsamkeit durchgeführt werden, denn Rituale bestehen im Erfüllen von Ordnung, Orientierung und Glauben ...
Sven, bist Du bereit, das Opfer dieses Rituals zu sein?”
Sven schaute erschrocken zu Frau Neune und im gleichen Augenblick zu Lara, die jetzt nicht mehr weinte, sondern kicherte.
»Mach dir keine Sorgen«, fuhr Frau Neune fort, »es wird dir nicht schaden.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, zündete Frau Neune Kerzen an, die sie in Form eines Pentagramms auf den Boden stellte. Sie forderte Lara auf, das Pulver in der Mitte des Pentagramms zu verteilen.

Als Lara damit fertig war, flüsterte Frau Neune ihr etwas ins Ohr, was Sven noch stutziger machte, da Lara wiederum kichern musste.
»Ihr werdet mich aber nicht wie ein Huhn gackern lassen, oder?”
»Nein, du wirst wie einen Hund Laras Stiefel anknabbern”, erwiderte Frau Neune lachend. »Merke dir gut, was nun geschieht, Lara, ich kann es dir nur einmal zeigen. Wenn ich es danach noch einmal versuche, könnte das böse Folgen haben”.
Lara wurde wieder ernst und hörte aufmerksam zu. Sie sog alles wie ein Schwamm auf. »Ich werde die Zauberformel in eurer Sprache sprechen, denn die uralte Sprache würdet ihr nicht verstehen; aber: Ihr dürft nicht nur verstehen, was ihr beschwört, sondern müsst es fühlen. Eben so, als wäre die Formel in alter Sprache gesprochen.”
Frau Neune hob ihre Hände und fing an zu summen. Sie legte eine Hand auf Svens Stirn und forderte Lara auf, ihr tief in die Augen zu sehen; Augen, wie von einer Sonnenfinsternis verschattet, schwarze Kreise auf weißem Eis.

»Lara - spreche mir bitte langsam nach: ... Mond, der du strahlst über die ganze Menschheit, werfe dein Licht in die Seele der Kreatur, die dem wachsenden Kind Übles antun will. Du, der die Ebbe und die Flut beherrscht. Du, der des Nachts auf das Meer scheint und die Tiefe des Wassers erhellt. In dir, wie in einer aufgehenden Mond-Barke, hell erstrahlt dein ewiges Lächeln hoch im Firmament - heller als jeder Stern. Mond, lasse deinen Schein, auf den Feind hinab gleiten und die schützenden Arme um das Kind des Friedens legen.«

Kaum hatte Lara die beschwörenden Zeilen nachgesprochen, entzündeten sich plötzlich die Kräuter im Pentagramm. Aus den Flammen formte sich eine Kugel aus blauem Licht und schwebte langsam nach oben. Laras Augen glänzten im hellen Schein. Frau Neune nahm die Hand von Svens Stirn, griff eilig nach den Händen des Paares und führte sie zum magischen Kreis.
»Ihr müsst in die Mitte des Pentagramms. Der Zauber wirkt und sucht seinen Weg.«

Sven war noch in Trance. Sein Körper reagierte willenlos auf die Befehle der Magierin. Lara sah nach oben in die schwebende Lichtkugel. Jetzt standen sie Hand in Hand im Zentrum. Das Licht begann, sich auszudehnen. Seine Farbe wurde intensiver und dann umschloss die Kugel sie wie ein stoffloser Kokon mit einem leuchtenden Blau, umgeben von einer zarten Membran aus winzig kleinen, flirrenden Punkten. Lara fasste sich instinktiv auf den Bauch. Sie spürte das Kind in sich wachsen.

»Es ist so weit. Lara, fühlst du es? Der Schutz baut sich auf.«
Frau Neune starrte durch die Illlumineszenz auf Laras gewölbte Bauchdecke, auf der sich eine kleine pulsierende Form abzeichnete.
»Der Mond ist hier - mit seiner ganzen Kraft, die Beschwörung wirkt!«
Frau Neune fasste sich mit Genugtuung prüfend an den Busen. Ihr BH zwickte an der Stelle, wo sie sich vorsichtshalber einen Büschel Eisenkraut und Gartenraute an den Leib gesteckt hatte. Sie konnte den Blick nicht von Laras Bauch lassen. Die glühwürmchengleichen, den Kokon der beiden Liebenden umgebenden Lichtpunkte sammelten sich jetzt um Laras Unterleib und wirbelten umher. Die Zauberin hielt sich gebannt die Handflächen vors Gesicht. Es war fast abgeschlossen. Die Wände des Kokons durchzogen jetzt feine Äderchen, in Blitzen entluden sich die Spannungen. Kalte Winde bauten sich in einem wirren Getose auf und zischten umher. Frau Neune sackte zusammen, kauerte nur nun auf dem Boden.

»Neun, acht, sieben, sechs, ...«, sie zählte rückwärts, bibberte am ganzen Körper und versuchte krampfhaft weiter zu zählen, »fünf, vier, drei, zwei, ...«
Ein Knall unterbrach sie. Kindliches Lachen erfüllte das Zimmer. Es war bitterkalt und nur die aus dem Inneren der Hülle aufblitzenden Funken verhinderten, dass alles zu Eis erstarrte. Frau Neune war in ihrem Countdown verstummt. Sie kroch erschöpft und zitternd an den Rand des Pentagramms und sah durch das adrige Geäst zu Lara und Sven. Sie erkannte eine eng, in einem Kuss verschlungene Kontur durch die immer trüber werdende Außenwand, bevor die Kälte ihre Zunge endgültig lähmte und eine undurchdringbare Dunkelheit das Bild vor ihren Augen überlagerte. Das unbeschwerte Zählen eines Kindes beim Spiel: »Eins, zwei, drei ... ich komme« war das Letzte, was sie hörte. Als sie das Bewusstsein verlor, lag auf ihren Lippen ein zufriedenes Lächeln.

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