Der Tod aus der Teekiste
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Spiekeroogyssee

Kapitel 15 – In der Zeitschleife

Mi, 03.06.2009, 5.03 Uhr - Zeitschleife, gefangen zwischen 2.47 Uhr und 8.56 Uhr

Sven verließ den Kreis und lief ziellos über die Dünen. Er sollte Bernd suchen und mit ihm eine Kugel versenken? Waren denn alle verrückt geworden? Wann wachte er endlich aus diesem merkwürdigen Traum auf? Raum und Zeit, gestern, heute und Morgen, alles traf aufeinander. Es war Tag und Nacht gleichzeitig. Keine Sonne, nur ein Sonnenaufgang, der vor dem ersten Lichtstreif festhing. Sven achtete nicht auf den Weg, den er einschlug.

Plötzlich sprach Bernd ihn an. »Hallo Sven, komm, wir gehen zum Wasser, um die Kugel zu versenken. Und ich weiß auch, was wir mit eurer Tochter machen können.«
Sven explodierte. »Was soll das alles? Wo gehst du mit mir hin?«
Er wusste, dass es kindisch war, so zu reagieren, aber er konnte nicht anders. Bernd legte seinen Arm um Svens Schulter.
»Das legt sich wieder«, meinte er freundlich. »Komm jetzt.«
Er führte Sven zum Meer. Auch hier war alles gleichzeitig: Ebbe und Flut. Sie gingen über das Watt, als wäre Ebbe. Rechts und links aber stand das Meer wie hinter einer Glasscheibe. Sogar Fische konnte Sven beobachten.

»Sven, du hattest nie viel Interesse für alte Geschichten«, meinte Bernd lächelnd. »Und jetzt bist du selbst in einer uralten Geschichte. Mitten drin.«
»Ich weiß, was das für eine Geschichte ist«, sagte Sven mürrisch, »Das ist Moses, der das Rote Meer geteilt hat.«
Bernd lachte. »Und es ist die versunkene Stadt Vineta. Es ist alles gleichzeitig.«
Sie erreichten ein großes, weiß glänzendes Passagierschiff, das abfahrbereit auf dem Watt stand. In frisch getünchten schwarzen Lettern stand auf dem Rumpf: »VERONA«
»Das ist doch ... das ist ... die ... dieses Schiff ist vor über hundert Jahren untergegangen«, rief Sven erstaunt. »Ich bin selbst erst vor zwei Tagen mit Lara auf dem Wrack ... und dann ist es in der Flut ... erneut ... versunken!«
»Möglich«, sagte Bernd. »Jetzt ist es unser Schiff.«

Er kletterte über die Außenbordleiter hinauf und ging an Bord, zog Sven mit sich und strebte sofort zur Kommandobrücke.
»Hier ist es«, sagte er zufrieden. Neben dem Steuer lagen in einer kleinen Schale eine unscheinbare blaue Glasmurmel und ein Pendel.
»Das Pendel«, erklärte Bernd seinem Freund, »das verwahrst du gut. Bald wirst du eure Tochter treffen, und wenn du das Pendel über sie schwingst, altert sie sekundenschnell und stirbt. Stecke es unter dein Hemd und pass gut darauf auf.«
Er machte eine kleine Pause und beobachtete, wie Sven das Pendel unter seinem Hemd verstaute. Dann drückte er Sven die Kugel in die Hand und sagte: »Und jetzt versenke die Murmel ...«
»Mu... WER? ICH?« Sven sprang entsetzt zurück.

»Verd... versenke die ... KUGEL ... im Wasser!«, redete Bernd streng weiter.
Sven holte tief Luft, dann wagte er es, die Murmel mit den Fingern zu umschließen. So klein sie auch war, sie hatte ein enormes Gewicht. Sven konnte sie kaum halten. Er sah Bernd irritiert an: »Wie soll ich das machen? Um das Schiff herum ist doch Watt?«
»Aber dort ist Wasser«, sagte Bernd ruhig und deutete auf die Wassermauern rechts und links.
»Das schaffe ich nie, die schwere Mu-Mu-Mu-Kugel dort hineinzuwerfen«, jammerte Sven.
»Du glaubst noch immer nicht an deine Kräfte. Schade, dann kann uns niemand helfen. Lara hat bereits getan, was sie konnte.«

Sven senkte den Kopf. Wenn er es nicht schaffte, konnte niemand mehr helfen? Also musste er es schaffen. Zornig holte er mit der Murmel in der Hand durch eine Drehung Schwung und schleuderte sie gegen die Wasserwand, wo sie dumpf abprallte und im Schlick liegen blieb.
Doch der Schlag reichte aus, um binnen weniger Sekunden das Meer in sich zusammenfallen zu lassen und die Kugel unter sich zu begraben. Plötzlich erhob sich das Schiff im Wasser! Sie konnten zum Festland fahren.

Wo war er eigentlich? Das Tosen des Wassers war um ihn herum, er konnte kaum hören, was Bernd zu ihm sagte. Dessen Stimme wurde immer leiser, ging im Rauschen der Wellen unter. Noch immer starrte er auf das Meer, in dem sich das Schiff nur widerwillig erhob. Sven taumelte, als sich der Rumpf endgültig aus dem Schlick befreit hatte.

Hatte er es tatsächlich geschafft? Hatte er es wirklich geschafft, dass sie nun das Festland erreichen konnten? Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, pure Erleichterung machte sich in ihm breit. Sven griff nach der Reling, als ein erneuter Ruck durch das Schiff ging. Hektisch sah er sich um. Wo war Bernd? Sein Freund hatte doch eben noch neben ihm gestanden, doch nun? Unruhig lief Sven über das Deck. Seltsamerweise begegnete er niemandem. Kein Passagier war an Deck zu sehen, obwohl doch die Sonne am blauen Himmel strahlte. Mulmig wankte er weiter. Endlich hatte er eine Tür erreicht. Als er sie durchschritt, war es auf einmal still. Nicht hörte er mehr. Nur seinen Atem. Kein Tosen der Wellen, kein Wind, der um die Decks fegte. Nichts. Stille.

Sven sah sich um, sah durch die Tür, sah, wie die Wellen sich auftürmten und auf den Blanken niedergingen. Doch er hörte nichts. Keinen Ton. Einfach nichts.
Sven trat noch einmal durch die Tür, hinaus ins Freie. Ohrenbetäubend stoben die Geräusche auf ihn ein, dass er seine Hände schützen über die Ohren hielt. Dabei sprang er rückwärts zur Tür und stolperte über den Rahmen. Doch kaum, dass er auf dem Boden lag, war es wieder ruhig. Kopfschüttelnd stand Sven auf und sah sich um. Der Gang war nur schemenhaft beleuchtet. Doch ihm war klar, dass er draußen niemanden finden würde.

So ging er langsam, sich immer wieder umschauend, vorwärts und erschrak, als sich plötzlich eine Tür laut quietschend vor ihm öffnete.
Sven blieb stehen. Sein Atem ging flach. Er konnte sein Herz schlagen hören, so heftig, als wollte es ihm aus der Brust springe. Langsam, ganz vorsichtig, beugte er sich nach vorn, versuchte etwas zu erkennen. Doch der Raum dahinter war leer. Niemand war zu sehen, nichts, nur eine weitere Tür.
Sven schluckte. Er sah noch mal zurück; doch die Tür, durch die er ins Innere des Schiffes gekommen war, konnte er nicht mehr erkennen. Es war zu finster dort.
Er war doch schon einmal auf diesem Schiff gewesen! Jetzt aber sah alles so anders aus. Diesen Teil hatten sie vorgestern nicht betreten.

Er erinnerte sich an die Worte von Bernd.
Du glaubst nicht, hatte er gesagt. Du glaubst nicht an deine Kräfte.
Aber an was für Kräfte sollte er denn glauben? Er bezweifelte, dass Bernd seine Muskeln gemeint hatte. Um was, verdammt noch mal, ging es hier? Er wollte nur noch hier raus.
Plötzlich hatte er den Eindruck, dass sich die Wände auf ihn zubewegten, als wenn sie erdrücken wollten. Hektisch sah Sven sich um, sah die Tür und ohne nachzudenken, rannte er los. Doch je weiter er lief, desto weiter entfernte sich die Tür.

Ein plötzlicher Ruck warf ihn zu Boden. Was war das? Sein Knie, das er sich bei seinem letzten Besuch des Schiffes verletzt hatte, schmerzte. Langsam rappelte er sich auf. Die geschlossene Tür war nur noch eine Armlänge entfernt. Er hörte ein leises Wimmern. Sven riss die Tür auf und entdeckte Lara, die in einem kleinen Raum auf dem Holzboden saß und bitterlich weinte. Wie war sie hier hergekommen? Er sprang zu ihr, schloss er sie in seine Arme.
»Was ist los?«, fragte er besorgt.
»Ich bin so traurig«, flüsterte sie.
»Das sehe ich. Was bedrückt dich?«
Sie ging auf seinen Versuch, mittels eines aufklärenden, rationalen Gesprächs die Absurdität der Situation zu überwinden nicht ein, sondern schluchzte heftig und rang nach Atem, antwortete aber nicht. Er drückte sie an sich und wiegte sie in seinen Armen. Waren es Sekunden, Minuten oder gar Stunden, die sie so verharrten? Ohne jedes Zeitgefühl, ja ganz offensichtlich außerhalb jeglicher Zeit konnte Sven, nachdem sie sich beruhigt hatte, nicht sagen, wie lange sie dort gesessen hatten.
Er fragte sie, ob sie den Ausgang kannte. Sie lächelte ihn an und führte ihn durch einen schmalen Gang zu einer eisernen Tür. Sie erreichten das Deck, wo ihnen der Wind entgegen pfiff.
»Weißt du, wo Bernd geblieben ist?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Und wo fahren wir hin? Bringt uns die Verona zum Festland?«

Lara führte ihn zur Kommandobrücke, wo sie das Steuer ergriff.
»Du kannst ein Schiff lenken?«, fragte er erstaunt und schaute in die Ferne. Noch immer war keine Sonne am Himmel, nur taghelle Nacht ... oder Nacht gewordener Tag.
Sie schwieg. Am grauen Horizont zeichnete sich ein kleiner Strich ab. War es das Festland oder eine Illusion? Je näher sie kamen, desto sicherer wurde er sich. Sven sprang vor Freude in die Luft und umarmte sie.
»Das Festland Lara! Du bringst uns nach Neuharlingersiel!«

»Wir werden das Festland niemals erreichen. Was du siehst, ist unsere Insel«, antwortete sie.
Er ließ die Arme sinken, seine Hoffnung verschwand. Dann erst bemerkte er, wie rau und feinselig ihre Stimme war. Sven blickte in ihre grünen Augen. Irgendwas hatte sich in ihrem Gesicht verändert. Aber was? Da entdeckte er ein Muttermal oberhalb ihrer Lippe. Das kannte er nicht.
»Was ist ...? Wer bist du?«
Sie lachte schallend. »Du erkennst mich nicht.«
Er schüttelte den Kopf. Was hatte er übersehen?
»Ich bin Laras Tochter.«
»Was?«, schrie er entsetzt.

Das Mädchen, das Lara geboren hatte, stand nun als pubertierende junge Frau vor ihm und hatte eine solche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, als wäre sie die Zwillingsschwester. Sven erinnerte sich an Bernds Worte und fasste sich an seine Brust. Er spürte das Pendel unter dem dünnen Stoff. Als er danach griff, blitzen ihre Augen vor Wut und Entschlossenheit auf.
»Niemals«, kreischte sie und sprang auf ihn zu.
Die einzige Möglichkeit die Insel zu retten, war sie zu töten. Er wich ihr aus, sodass sie ihn knapp verfehlte. Das Steuer drehte sich und das Schiff schlug eine andere Richtung ein. Beide wurden mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert. Geschwind holte er das Pendel hervor und trat auf sie zu.
Sie sah ihn wütend an. Ihre grünen Augen blitzten gefährlich. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich und ihre jugendliche Schönheit wich einer nahezu unmenschlichen Härte. Sven sah sie erstaunt und ängstlich an. Diesen Moment nutzte sie, entriss ihm mit einer raschen Bewegung das Pendel und warf es über Bord.

»Was tust du da?«, rief Sven.
»Ich versuche, uns zu retten. Uns alle. Ich will frei sein. Und ich muss zurück. Zu den anderen!«
»Was?« Sven sah sie fragend an.
Er musste sie töten, doch sie war stark. Zu stark für ihn? Er fasste sie ans Handgelenk und zog sie an sich heran. »Wer bist du?« Jeder Muskel seines Körpers war angespannt.
»Ich bin Lara«, antwortete sie süffisant und lächelte verführerisch. Mit halb geöffneten Augen sah sie ihn an. Ihm wurde schwindelig. Ihr Blick hatte etwas Hypnotisches. Dieses engelhafte Wesen konnte er nicht töten. Sven löste seinen Griff. Sie trat näher an ihn heran. Er taumelte. Dieses überirdisch schöne Wesen berührte mit ihren Fingerspitzen seinen Mund.
»Du wirst sehen«, flüsterte sie »die Zeit wird kommen, wo wir frei sein werden, wir uns lieben ...«
Sven schwanden die Sinne. Die Frau, die er töten wollte - musste, machte ihn willenlos.
»Küss mich«, sagte sie.

Sven strich ihr übers Haar, zog ihren Kopf an sich heran ... Und da ertönte aus der Ferne das Nebelhorn, das ihn augenblicklich aus seiner willenlosen Starre befreite.
Susanne NeumannDas durchdringende Geheul der Sirene erschreckte beide. Unwillkürlich hoben sie die Köpfe, sahen sich um. Als er sie erneut ansah, war der Zauber, den sie auf ihn ausgeübt hatte, verschwunden. Als ihre Blicke sich trafen, erkannte das Mädchen die Wendung in ihm. Unvermittelt sprang sie ihn an und riss ihn zu Boden. Beide rollten zum Knäuel verkeilt über den Boden. Gewaltsam versuchte sie ihre Lippen auf seine zu pressen, doch Sven wehrte sich und wandte sein Gesicht von ihr ab. Ihre zarte Gestalt barg unglaubliche Kräfte in sich. Laras Tochter gewann die Oberhand und drückte seinen Rücken mit einem heftigen Ruck auf den harten Boden. Vor lauter Schmerz rang Sven nach Luft.
Sie stieß ein triumpherfülltes, herbes Lachen aus und beugte sich erneut zu seinem Gesicht hinunter. In diesem Moment spürte Sven etwas Kantiges, das sich an sein Bein drückte.
»Der Zuckerwürfel«, entfuhr es ihm.

Blitzschnell griff er in seine Tasche und schob sich den schon leicht zerbröselten Zuckerklumpen in den Mund. Das kräftige Mädchen stutzte. Und diese Sekunde nutzte er, um sie - gestärkt durch den Zauber - mit einem gewaltigen Stoß von sich zu werfen. Laras Tochter flog quer durch den Raum. Mit einem unangenehmen Knacken stieß ihr Kopf gegen die gegenüberliegende Wand. Reglos sank Sie in sich zusammen. Ein schmaler Streifen hellrotes Blut sickerte ihren Mundwinkel herab.

Er wandte sich von ihr ab und blickte aus dem großräumigen Fenster hinaus. Von dem Strich am Horizont war nichts mehr zu sehen. Es war sowieso kaum etwas erkennen, als hätte sich dichter Nebel gebildet. Er fand keine Anhaltspunkt um sich zu orientieren.
Der Motor rumpelte unter ihm und das Schiff bewegte sich mit konstant hoher Geschwindigkeit durch die undurchsichtige konturlose Ödnis.
Wie sollte er das Schiff nur steuern und in welche Richtung?

Auf dem Steuerpult befanden sich zahlreiche Schalter, die bunten Lampen blinkten auf und erloschen wieder. Blau - Rot - Gelb. Er war verzweifelt. Was war der Plan - und was der Sinn des Ganzen? Erschöpfung breitete sich in ihm aus, er fühlte sich unendlich einsam.
»Denk nach«, versuchte er sich wach zu halten und seine Erinnerungen zu sortieren, »was hat dir Papa über die Elektronik eines Schiffes erzählt?«
Doch als er noch zögerte, ob er den rechten Regler nach unten ziehen oder doch lieber den Knopf neben der grünen Lampe drücken sollte, stieß das Schiff mit einem gewaltigen Gepolter gegen einen Widerstand. Sven hielt sich krampfhaft am Steuer fest. Was war das? Das grelle Neonlicht flackerte, Sven hörte noch ein Surren, und dann war es stockdunkel. Hinter sich hörte er ein Geräusch.

Er hatte nicht mehr die Kraft sich umzudrehen. Selbst sein Wille reichte nicht mehr aus, um irgendetwas zu entscheiden oder gar zu denken. Die Dunkelheit, die ihn umfing, war für ihn tröstlich. Endlich einmal innehalten, ausruhen, nicht denken müssen. Warum auch schien alles so wichtig? Warum überleben? Sein Körper, der eben noch so kämpfen musste, hatte nun die Schwere verloren. Hatte er eben noch über Elektronik, Physik und Technik nachgedacht, so erlebte er nun die totale Leichtigkeit des Seins. Die Dunkelheit wurde zum Freund und verwandelte sich in ein sanftes Leuchten. Er erschuf sich einen Himmel zu Mittsommer - mit dem Zauber, wie er nur im Norden zu sehen ist. Sven erinnert sich an die Ferien, die er mit seinen Eltern auf Spiekeroog verbracht hatte. An die Kutterfahrten zu den Seehundsbänken, die Muschelsuche, das Singen in den Dünen. Sein Vater hatte ihm erklären müssen, warum die Murmeln auf dem Sand nicht rollten. Er hatte gelernt, dass die Oberflächen enorm wichtig waren. Glatte Murmeln – rauer Sand. Nasser Sand dagegen ließ die Kugeln schneller rollen, die Strukturen griffen ineinander. Sein Weltbild hatte sich hier auf der Insel erweitert. Endlos sind sie die holzbeplankten Wege marschiert. Wie oft war er enttäuscht, wenn das Meer nicht da war, wenn er es wollte. Was gab es alles im Watt zu entdecken. Und er erinnerte sich, dass es, wenn sie im Ort an der alten Linde vorbei waren, das himmlisch gute Eis gab.

Instinktiv fuhr er mit der Zunge über die Lippen. Himbeereis – doch nein. Eher Blut. Dann lieber doch Himbeereis. Nicht wach werden – es war eine so glückliche Zeit. Obwohl es ihn auch damals schon beschäftigte, ob Zeit und Raum wirklich sind oder nur von Menschen gemacht, damit alles seine Ordnung hat. Genaue Orientierung durch Längen- und Breitengrade, anstatt wie die Aborigines „songlines“ zu entwickeln, die örtliche Gegebenheiten als Basis nutzen. Allerdings waren die nur an Land anzuwenden. Bäume, Felsen und sonstige unveränderliche Koordinaten gibt es auf See nicht. In Landnähe Leuchttürme. Wenn aber nur noch das Meer ringsum ist, und der Horizont vielleicht noch die Trennung von Himmel und Meer anzeigt, dann ist das Schiff der Mittelpunkt der Welt. Der Raum ist unendlich groß und ohne Grenzen. Die Zeit ist frei wählbar, je nachdem in welcher Stimmung man ist. Fühlt man sich wohl, dann vergeht sie zu schnell – „verweile doch, du bist so schön“ möchte man zum Augenblick sagen.
Und so fühlte er sich auch gerade. „Verweile ...“

Doch unbarmherzig kam er zurück in die Realität. Zeit und Raum hatten ihn wieder. Er bemerkte zuerst das Dröhnen der Motoren, er schmeckte das Blut auf seinen Lippen, er roch die salzige Luft, die sich mit Dieselgestank mischte. Er tastete nach einem Halt, erst als er etwas Festes in den Händen hielt, öffnete er die Augen.

Er hatte sich auf die Armaturen gestützt. Sie schienen ihm real, blinkten sie doch immer noch um die Wette, wie das Feuer eines Leuchtturms auf hoher See.
Dann waren sie plötzlich aus. Einfach so. Das Feuer war erloschen, die Maschinen standen still. Alles um ihn herum war still. Kein Laut war zu hören ... das Geräusch von eben, wo war das nur, oder hatte er sich das auch nur eingebildet?
Nein, da war es wieder. Ein Flattern, ein Flüstern, ein Mur... Nein! Das war es nicht ... Er wollte dieses Wort nicht einmal denken. Plötzlich hielt er das Buch in seinen Händen ... das Buch, das sein, das ihr aller Schicksal war. Das Buch, das immer wieder aufgetaucht und wieder verschwunden war. Nur wo war es diesmal wieder hergekommen? Er legte es ganz vorsichtig, wie einen Schatz, vor sich auf die Knöpfe, die ihn aus leeren Augen anstarrten, als ob sie ihn verhöhnen wollte. Du liegst hier fest und wirst nie wieder von hier fortkommen. Er wollte seine Ohren zuhalten, nichts mehr hören ... aber die Stimmen kamen nicht von außen, sie waren in ihm. Er schüttelte energisch seinen Kopf. Diese Bewegung tat unendlich weh, doch sie brachte ihn für einen Augenblick in das Hier und Jetzt zurück. Bei dieser Bewegung öffnete sich das Buch wie von Zauberhand - auch nicht wirklich verwunderlich. Ihn wunderte eigentlich gar nichts mehr - und einige Zahlen sprangen ihm ins Gesicht. Sie schienen regelrecht zu leuchten und ihn anzustrahlen.

Er kannte sie, er wusste, was sie bedeuteten ... aus seiner Kindheit. Aus einer lang vergangenen Zeit, als alles noch in Ordnung war, er mit seinem Vater lange Gespräche über die Schifffahrt geführt hatte. Er lief Gefahr, sich erneut in die Arme der Dunkelheit zu flüchten, um einfach nur zu vergessen.
Da waren sie wieder, diese Stimme in seinem Kopf, die ihm sagten, dass er loslassen sollte. Dieser unwiderstehlichen, süßen Verlockung nachgeben und einfach Nichts tun. Nicht mehr denken, nicht mehr kämpfen. Sollen die Anderen doch die Welt retten. Oder auch nicht. Sie würden das Festland nie erreichen. Für ewig hier bleiben. Ewig in dieser Zeit gefangen sein.
Seine Tochter, die so böse wahr, sein Sohn, der immer wieder auftauchte, um ihn zu retten, seine große Liebe, die Mutter dieser beiden Kinder ... Die Gesichter tauchten vor seinem inneren Auge auf. Lachende, weinende, schreiende Gesichter, wie zu Fratzen verzerrt, drehten sie sich um ihn. Immer schneller und schneller ... ihm wurde übel. Sein Magen hielt dieser Belastung nicht stand, sodass er sich übergeben musste. Hier und jetzt. Die ganze Verzweiflung, Wut, Trauer ... alles musste aus ihm heraus, sonst würde er daran ersticken.
Er würgte bitter schmeckende Galle hervor, hatte er doch nichts in seinem Magen, dass er los werden konnte.

Doch diese natürliche Handlung, dieser ganz einfache Prozess, der nichts mit Zeit zu tun hatte, brachte ihn wieder zurück. Als Kind hatte er sich immer übergeben, wenn er Probleme hatte. Sie waren danach nicht verschwunden, aber er hatte das Gefühl, erleichtert zu sein. Und genau so erging es ihm auch jetzt. Seine Gedanken ordneten sich und er schien auf einmal alles ganz klar zu sehen. Er öffnete seine Augen und starrte auf das Buch, das vor ihm lag.
Die Zahlen waren noch da. Und auch ein Name stand dabei. Doch die Buchstaben verschwammen erneut vor seinen Augen. Er versuchte, sich zu konzentrieren.
Ganz langsam, Buchstabe für Buchstabe versuchte er sie zu entziffern.
Kapitän Lukas ... Kapitän Lukas?? Wer war das noch? Er wusste, dass er den Namen kannte, das war doch ...
Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Zahlen ...
53° 42 N, 7° 42` O` ...

Diese Koordinaten bezeichneten das Festland, den Küstenstreifen südlich der Insel, Neunharlingersiel! Den Ursprung der Flaschenpost, die Heimat von Mikael, dem neun... NEUNjährigen Jungen mit einer verrückten Physikattitüde! Mikael ... Mika ... Mike ... Mikaleus! Svens Herz pochte heftig gegen seinen Brustkorb ... Neunharlingersiel ...
Was hatte das zu bedeuten?

Dann dieser Kapitän Lukas. Der hatte an dem Buch mitgeschrieben. Kapitän Lukas, das war doch der, den Anwalt Petersen erwähnt hatte, kurz bevor er starb ... »Kapitän Lukas, der alles weiß«. Das Buch war sein Notizbuch? Sven hatte das Gefühl, auf etwas Entscheidendes gestoßen zu sein und gleichzeitig spürte er eine fiebrige Angst, genau das Falsche zu tun. Hektisch kramte er in seinem Gedächtnis nach dem, was sein Vater ihm über Navigation erzählt hatte. War das die Lösung, sollte er das Schiff auf diesen Kurs bringen? In diesem Moment wurde ihm die Stille bewusst, die ihn umgab. Sie saßen ja fest! Bevor er irgendeinen Kurs setzen konnte, musste er das Schiff erst mal wieder flott machen, und er hatte keine Ahnung, auf was sie vorhin aufgelaufen waren. Sven spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals ballte. Wenn Bernd nicht verschwunden wäre ... wenn Lara nur hier wäre und er sich mit ihr beraten könnte ...

Ein Luftzug streifte seinen Nacken. Svens Haare sträubten sich, jede Faser seines Körpers war wie elektrisiert. Er duckte sich in das Halbdunkel neben dem Steuerpult und lauschte angestrengt. Da, unter Deck waren Geräusche ... etwas raschelte ... Sven spähte angestrengt ins Dunkel zu der Stelle, wo Laras Tochter lag - oder liegen sollte. Sie war weg! Das konnte nicht sein. Vorsichtig robbte er um die Ecke, um sich zu vergewissern. Nichts. Panik stieg in ihm hoch. Wenn sie immer stärker wurde, wie Frau Neune es gesagt hatte - noch einen Kampf mit ihr würde er nicht gewinnen, wer weiß, wie lange der Zuckerwürfel noch wirken würde. Was hatte Frau Neune außerdem gesagt ... Pilze! Die Pilze, die unsichtbar machen. Hastig kramte Sven in seiner Hosentasche, fand einen Pilz und leckte daran. Tatsächlich verschwanden seine Beine vor seinen eigenen Augen. Als er an sich herabsah, sah er - nichts.

»Was ist, siehst du nicht«, grinste Sven grimmig, schnappte sich das Buch und stopfte es unter sein Hemd. Es ließ ihn gewähren, flog weder davon noch protestierte es. Das Buch schien alle Zauberkraft verloren zu haben. Das lederne Buch der sieben Schlüssel war nur noch ein kleines, verklebtes Notizbuch. Sven ging so leise, wie er konnte, die Treppe zum Unterdeck hinunter.
»Und was du siehst, ist nicht ... es ist nicht ...«, sagte er sich wieder und wieder; aber es beruhigte ihn nicht.

Da standen Bernd und Lara, eng umschlungen. Sven ballte die Fäuste. War Bernd nun Freund oder Feind? War dies nun Lara oder ihre Tochter? Und hatte Frau Neune nicht gesagt, dass das Mädchen die Tochter von Bernd sei? In seinem Kopf drehte sich alles und er spürte Wut aufsteigen. Diese ganzen verdammten Orakelsprüche! Er wollte Bernd am liebsten eine reinhauen, riss sich aber zusammen und dachte an Lara. Da fiel ihm plötzlich der Bibelspruch wieder ein, den Lara damals zu Ende gesprochen hatte, als ER zum ersten Mal in der Dorfschenke erschienen war: »Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät, denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden.«

Sven wurde ganz ruhig. Lara würde ihn nicht betrügen, sie war auf seiner Seite. Das sagte sein Herz ihm ganz deutlich. Also konnte dies hier bei Bernd nicht Lara sein.
Allerdings blieb die Frage, ob sein Verstand noch in der Lage war, die Botschaften seines Herzen richtig zu interpretieren. Und wenn ihm der Pilz schon die Möglichkeit gab, sich den beiden unauffällig zu nähern, warum sollte er diese Chance dann nicht nutzen, um seine Entscheidung rational abzusichern?

Behutsam, ja beinahe übervorsichtig, verringerte er die Distanz zu den beiden, als ob er jeden Moment damit rechnete, dass ihn seine neue Gabe spontan verlassen und er sich wieder materialisieren könnte. Nein, ein mit der Unsichtbarkeit verbundenes Machtgefühl wollte sich bei ihm wirklich nicht einstellen. Aber vielleicht lag genau darin der Unterschied zu Charakteren wie Ralf, die zwar Ränke und Intrigen schmieden konnten, in letzter Konsequenz aber dann doch an ihrer eigenen Überheblichkeit scheitern würden.

Dieses Mädchen ähnelte Lara beinahe vollkommen. Deswegen hatte sie ihn schon einmal täuschen können. Ihr Haar fiel genau wie das von Lara, und Sven entdeckte sogar die eine widerspenstige Strähne, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie zum Pony oder Hinterkopf gehören sollte. Keine Spur von der Verletzung, die er ihr im Kampf zugefügt hatte; nicht mal ein wenig verkrustetes Blut. Nichts.
Er trat ganz nah an sie heran und sog ihren Duft ein, in dem sich Aromen von Kernseife, Wind, Wasser und vor allem Meersalz vermischten, diesen einen, ureigenen Duft, den er bisher nur mit Lara verbunden hatte.

Dann lösten sich die beiden Beobachteten einen Moment voneinander, und ganz deutlich hob sich das Muttermal oberhalb ihrer Lippe von den wesentlich kleineren Sommersprossen in ihrem Gesicht ab. Es bestand kein Zweifel. Das hier war nicht Lara. Aber war sich auch Bernd darüber im Klaren, wessen körperliche Nähe er hier suchte?

Sven gab einem plötzlichen Impuls nach und strich vorsichtig mit der Kuppe seines Zeigefingers über den Punkt, der über Gut oder Böse, über Zukunft oder Untergang entschied: ihr Muttermal.
Erst zögerte er, aber dann berührte Sven auch Bernd, legte seine Hand auf dessen Wange in der Hoffnung, Klarheit über die völlig gegensätzlichen Emotionen zu erlangen, die in Svens Brust wie Wasser um eine Schiffschraube wirbelten. Eifersucht, Unverständnis, Loyalität, Misstrauen, Hoffnung - was davon sollte für Bernd sein?

»Ich liebe Dich, Lara, ich liebe dich schon lange.«
Die Worte klangen bestimmt und deutlich, ein jedes Einzelne so kräftig, als wollte es das vorher gesprochene anschieben, um sich wellenartig in alle Richtungen auszubreiten zu können.
»Es war ein Fehler, dich an Sven zu halten. Sven ist nicht gut für dich.«
Sven spürte den Stich in seiner Brust, als das Mädchen, das Lara beinahe vollkommen ähnelte, Bernd an sich zog und auf eine so wilde, ungestüme und fordernde Weise küsste, wie Lara und Sven es nie getan hatten; eine Weise, die ihn abstieß und gleichzeitig erregte. Bernd, der lüsterne, unwissende Weise, der wider bessere Kenntnis, in letzter Konsequenz aber doch selbstbestimmt mit seiner eigenen Tochter, wie es hieß, ein weiteres Monster in diese Welt zu setzen plante. Die Situation kam Sven ausweglos vor. Wie sollte er mit Gegnern mithalten, die ihm ständig einen Schritt voraus zu sein schienen? Weder ER noch SIE existierten wirklich, sondern vermutlich nur das Böse selbst, das sich in unterschiedlichen Formen und Aggregatzuständen zeigte.

»Bernd!«, schrie Sven, aber aus seiner Kehle kam kein Laut.
Erschrocken fuhr Sven sich mit der Hand über den Hals. Ein erneuter Versuch, etwas zu sagen, scheiterte, so als würde ein Knoten seine Stimme aufhalten. Kein einziger Ton verließ seinen Mund und so bemerkte auch keiner der Beiden, dass er genau neben ihnen stand. Nach ein paar Sekunden machte sich eine Einsicht in ihm breit.
Diese Unsichtbarkeit beschränkte sich nicht nur auf das Äußere. Selbst Geräusche, die mit ihm in Verbindung standen, wie Dielenknarren beim Gehen oder aufgeregtes Keuchen blieben aus. Nun hatte er die Chance, die Beiden unbemerkt zu beschatten. Er musste herausfinden, was das alles zu bedeuten hatte und welche Pläne sie verfolgten. Die Frage war nur, wie lange die Wirkung des Pilzes anhalten würde.

Plötzlich beendeten Bernd und das Mädchen ihre oralen Zärtlichkeiten. Ruckartig drehte Laras Tochter sich in Svens Richtung und schaute direkt in sein Gesicht.
Sven erschrak über den durchdringenden Blick und schaute an sich hinab, um sicher zu gehen, dass der Zauber immer noch anhielt.
»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir beobachtet werden«, sagte das Mädchen und machte einen entschlossenen Schritt auf Sven zu.
Dieser konnte, weil er sich immer noch betrachtete, nicht so schnell ausweichen, sodass das Mädchen plötzlich in ihm stand und den Blick schweifen ließ, während sie wie eine Ratte in den Raum hineinschnüffelte.
Sven erfasste ein Blitz, der durch seinen Körper glitt und ihm das Gefühl gab, aus seiner jetzigen Welt und seinem Körper hinausgesogen zu werden. Bilder schossen durch sein geistiges Auge, die völlig zusammenhangslos waren. Er sah Blut und Feuer und etwas Undefinierbares, das alles verschlang, was sich ihm in den Weg stellte. Sven stockte der Atem, als er weinend mit Lara am Strand hockte und ihren leblosen Körper in seinen Armen hielt.
Dann war alles vorbei.

Das Mädchen hatte Svens Körper »verlassen« und ging zurück zu Bernd.
»Ich muss mich getäuscht haben«, sagte sie. »Hier ist niemand.«
Sie nahm Bernd bei der Hand und ging mit ihm den Gang entlang. Sven, der durch die Inbesitznahme des Mädchens sehr geschwächt war, fragte sich, was er gerade gesehen hatte. War das die Zukunft? Und wenn es so war, konnte er sie ändern? Langsam folgte er ihnen, nun nicht mehr darauf bedacht, keinen Krach zu machen.
Bernds und Laras Tochter gingen den Gang entlang und stiegen an Deck. Sven folgte ihnen. Sie lehnten sich an die Reling und das Mädchen ließ ihr Haar im Wind flattern.
»Wir sind aufgelaufen,« sagte Bernd und schaute in die undefinierbare dunkelgraue Wüstenei, die Meer und Himmel sowie Tag und Nacht in sich vereinte.
»Das hat seinen Grund,« antwortete das Mädchen und begann, über Bord zu klettern.
»Was machst du da?« Bernd versuchte, sie zu greifen, kam jedoch nicht an sie heran. Eine unsichtbare Macht hielt seine Arme und Beine fest und machte es ihm unmöglich, auch nur einen Schritt zu gehen.
»Warte hier,« befahl das Mädchen und verschwand im grauen Nichts.

Bernd wollte ganz offensichtlich etwas sagen oder auch schreien, seine Lippen öffneten sich und seine Augen starrten angestrengt in die Dunkelheit. Doch er blieb stumm und in seiner Reglosigkeit gefangen wie eine Puppe.
Sven wagte sich näher heran und murmelte Sirach aus der Bibel vor sich hin, was natürlich niemand hören konnte. Das Mädchen war fort und Sven berührte vorsichtig erst Bernds rechten Arm, dann seinen linken.

Bernd ließ sich von Sven mühelos bewegen, war jedoch ganz offensichtlich selbst nicht dazu in der Lage. Sven hob Bernds Arme an, er verschob Bernds Beine und drehte Bernds Kopf so, dass dieser in Richtung Mast schaute. Bernd rollte mit den Augen.
»Sie wird schon wiederkommen,« beruhigte ihn Sven.
Bernd zog jetzt schreckliche Gesichter. Gleich fallen seine Augen heraus, dachte Sven. Außenbord war ein Platschen zu hören.
»Da ist sie ja schon wieder.«

Ein dunkles Gesicht tauchte über der Bordwand auf, verschwand wieder und kam zurück.
Bernd riss seinen Mund zu einem tonlosen Schrei auf und krachte, durchaus nicht tonlos, der Länge nach auf die Planken, wo er regungslos liegen blieb.
Sven hob seinen Kopf.
Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte er.

Die Gestalt, die über die Reling geklettert war, musste direkt aus dem Buch »Die Schatzinsel« entsprungen sein. So hatte sich Sven immer den geheimnisvollen Kapitän Flint vorgestellt: ein schwarzer tropfender Bart, der sich zu einem Zopf geflochten vom Kinn zur Brust hinabhangelte.
»Dich kenne ich doch!«, flüsterte Sven, mehr zu sich selbst. Der Kapitän der Verona, den er erst vor zwei Tagen mit seinen Mannen unter Deck beobachtet hatte! Das Gesicht dunkel, wettergegerbt, darin zwei kohlenähnliche Augen, die ihn fixierten. Fettige Locken quollen aus dem nassen Tuch, das straff um den Kopf gewickelt war. Die Schultern sprengten fast das Lederhemd und in der kräftigen Hand hielt er einen Stock, auf dem er sich stützte. Fehlte nur noch ein Papagei, der sich krächzend und fluchend auf seine Schulter niederlassen würde.
Seit er die Flaschenpost gefunden hatte, war Svens Leben aus den Fugen geraten. Wie lange war das jetzt her? Zwei, drei Tage? Er war sich in nichts mehr sicher. Diese Insel, alles, was ihn umgab, schien sich jenseits aller Zeit zu bewegen. Warum also nicht auf einen Piratenkapitän treffen?

»Mein Junge, was machst du mit DEM da auf meinem Schiff?« Mit dem Stock wies er auf Bernd, der noch immer reglos auf dem Boden lag.
»Dein Schiff?« Sven lief es heiß und kalt den Rücken herunter. »Bist du ...« Er zögerte, dann schossen die Worte nur so über seine Lippen, »bistdukapitänlukas?«
Die Gestalt vor ihm lächelte.
»Und wenn es so wäre?«
»Ich habe so viele Fragen. Und ich brauche Hilfe. Der Anwalt sagte, Sie wüssten alles! Helfen sie mir?«

Lange schwieg die Gestalt, musterte Sven, was sich anfühlte, als würden sich Finger durch seinen Kopf tasten.
»Aufhören«, schrie er und die seltsame Verbindung brach ab.
»Du bist stark. Vielleicht besteht noch Hoffnung«, murmelte sein Gegenüber.
»murm...?« Svens verdrehte die Augen und seine Knie sackten ein.
»Ja, ich bin Kapitän Lukas!«
Mit drei großen Schritten stand er direkt vor Sven und half ihm wieder auf die Beine. Der Mann war klitschnass, wie gerade vom Meeresgrund aufgetaucht.
»Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät; denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden. Denn mit seinem Herzen kann ein Mann oft mehr erkennen, als sieben Wächter, die oben auf der Warte sitzen.«

Es donnerte und Augenblicke später zerschnitt ein greller Blitz den grauen Himmel.
»Mehr, mein Junge, kann ich dir zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Es war nicht geplant, dass wir uns hier begegnen. Die Zeit muss erst noch reifen!«
Lukas’ Hand lag schwer auf Svens Schulter. Etwas Eindringliches lag in der Stimme des Kapitäns, der nun stirnrunzelnd zum Himmel blickte.
»SIE sind mir auf den Fersen. Jede weitere Sekunde gemeinsam auf der Verona bringt uns beide in Gefahr.«

In Dirks Hemd knisterte und raschelte es. Plötzlich zerriss das Buch seinen Hemdkragen und zwängte sich hinaus. Wie freudig erregt umflatterte das Buch der sieben Schlüssel den Kapitän.
»Das Buch wird dich zurück zum Anfang bringen. Nimm dies Kästchen, aber öffne es erst am Ende. Ansonsten wird alles noch schlimmer.«
Lukas drückte ihm eine kleine nasse Holzkassette in die Hand und winkte dem Buch zu, näher zu kommen.
Doch das tat es nicht. Es schwebte regungslos einen Moment etwa zwei Meter über den Köpfen der beiden, bevor es dazu überging, sich wieder zu bewegen. Es flog in einem kurzen Radius zunächst langsam, dann immer schneller. Langsam erkannte Sven, dass das fliegende Buch ein Zeichen malte. Er schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, woher er es kannte. Ein in sich verschlungenes Symbol, welches einfach, lebhaft und anmutig zugleich erschien. Wo war ihm dieses Zeichen schon begegnet? Das Rascheln der Buchseiten glich inzwischen einem Rauschen, so hektisch flog es dieses Zeichen. Sven kniff seine Augen härter zusammen. Es musste ihm einfallen. Und zwar sofort. Hoch konzentriert vergaß Sven alles um sich herum. Er ging die zahlreichen Ereignisse der letzten Tage in seinen Gedanken durch. Vieles wollte einfach nicht zusammenpassen. Von einigen Geschehnissen war er sich nicht einmal sicher, ob er sie wirklich erlebt hatte. Was war tatsächlich geschehen? Hatten seine Gedanken ihm einen Streich gespielt? Wo lag nun die Lösung? Was war das nur für ein Zeichen?

»Bürschchen!«
Die donnernde Stimme des Kapitäns holte Sven zurück. Er riss die Augen auf. Gleichzeitig wurde ihm mit einem Schlag klar: Das Zeichen war das Symbol des Raum-Zeit-Kontinuums. Es war die »Macht«, mit der es IHNEN gelang, ihre Langzeitstudien zu betreiben.
»Junge, komm endlich zu Dir! Wir müssen hier fort!« Der Kapitän machte einen Schritt auf Sven zu, sodass sie nur noch wenige Zentimeter trennten.
»In der Kiste ist die Kugel der Zeit, nicht wahr?« Sven stand nun völlig entspannt dem wütenden Kapitän gegenüber, dessen Kopf hochrot geworden war.
»Genau! Die blaue Murm...«
»Wsmpf?!«
»eh ... Kugel, die du vor wenigen Minuten ins Meer geworfen hast! Wäre ich nicht hinterhergetaucht, nicht auszudenken! Du wirst dich jetzt auf der Stelle in Sicherheit bringen! Und die Kiste und das Buch gleich mit! Los!«
»Dass wir losmüssen, schreibt die Raum-Zeit- ... eh ... Dialektik vor, nicht wahr?« Sven blickte direkt in die Augen des vor Erregung zitternden Kapitäns.
»Du wirst nun auf der Stelle das tun, was ich dir sage. Und das ist: Bringe dich in Sicherheit!«
Lächelnd ergriff Sven das noch immer über ihnen fliegende Buch. Er wusste, was zu tun war. Doch er war sich sicher, dass er den Kapitän nicht einweihen konnte. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel, als dass er sich einem nervenschwachen alternden Fremden anvertrauen konnte.
»Gehe Deiner Wege, Kapitän Lukas.«

Ruhig und dennoch bestimmend sprach er es aus, während seine linke Hand leise das Kästchen öffnete, die Kugel herausnahm und auf das Buch legte. Er musste nun nicht mehr auf den schreienden Kapitän achten. Er hob die beiden Gegenstände in die Luft, bis sie auf der exakten Höhe des kaum erkennbaren Horizontes waren. Währenddessen spürte Sven eine wachsende Vorfreude. Vorfreude auf die Zukunft, Freude auf die Augen Lauras, wenn er mit ihr an Land gehen würde. Alles, was zu tun war, lag nun bei ihm. Und auch darüber freute er sich.
Die Kugel der Zeit und das Buch schwebten nun von selbst in der Luft. Die Kugel vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und sah schon bald wieder aus wie eine riesige Seifenblase, die das Buch der sieben Siegel in ihr Inneres aufnahm. Sie schimmerte in den Farben des Regenbogens - rot, orange, gelb, grün und violett - und schien auf ihn zu warten. Sven wusste instinktiv, was zu tun war. Er ging zu Bernd, der noch immer auf dem Boden lag und gerade wieder Bewusstsein erlangte.

»Bernd, komm‘ schnell, wir müssen los. Du musst mir vertrauen. Wir haben nicht viel Zeit.«
Sven schmunzelte. Der Begriff »Zeit« war in den letzten Stunden - oder Tagen? Oder Jahren? - gehörig aus den Fugen geraten. Er half seinem Kumpel Bernd auf die Beine und ging mit ihm langsam auf die Kugel zu. Dabei ignorierte er den immer noch zeternden Kapitän.
Sie tauchten beide in die riesige, nun ganz in blau leuchtende Blase ein und wurden sanft von ihr umschlossen. Das Buch schwebte direkt vor ihnen und öffnete sich. Auf der aufgeschlagenen Seite stand: »Zurück zum Anfang!«

Für einen Moment fühlte Sven Panik in sich aufsteigen.
»Ja, ich weiß«, sagte er, »aber wie?«
Frau Neune hatte ihm erklärt, dass die Kugel der Zeit aus der Achse geraten war. Er musste die Zeitschleife durchbrechen. Lara und er durften nicht in den Kreis des Pentagramms treten. Dann würde die Geburt der beiden Kinder verhindert werden und Laras Schwangerschaft würde normale neun Monate dauern.
Er schloss die Augen, steckte seine Hände tief in die Hosentaschen und versuchte sich zu konzentrieren. Seine linke Hand spürte etwas Metallisches. Es war der Schlüssel der Sperren, den Sven eingesteckt hatte.
Natürlich, das ist die Lösung, schoss es ihm durch den Kopf.
»Hör‘ auf dein Herz«, hatte ihm auch Kapitän Lukas geraten. Der Schlüssel öffnete einem jede Tür. Man musste nur bedingungslos an seine Kraft glauben. Sven wurde ruhig, öffnete die Augen und erblickte Bernd, der sehr mitgenommen aussah und ihn fragend anschaute. Sven lächelte zuversichtlich und zog das Buch der sieben Schlüssel, das immer noch vor ihnen schwebte, zu sich heran.

»Krass, das war eben aber noch nicht da«, sagte Bernd und schaute verwundert auf das Schlüsselloch, das sich unter dem Spruch »Zurück zum Anfang!« befand. Sven nahm den Schlüssel aus seiner Hosentasche und steckte ihn in das Schlüsselloch.
»Festhalten«, konnte er gerade noch sagen, bevor die Kugel sie mit einer unfassbaren Geschwindigkeit davontrug. Sven wurde schwarz vor Augen.

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