Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 18 – Unter der Insel

Mi, 03.06.2009, 10.30 Uhr

Eine unendliche Dunkelheit und Stille umschloss sie und ließ ihre Gedanken für einen Moment einfrieren. Das erste, was Sven wieder wahrnahm, war die schweißnasse Hand von Lara in seiner. In der anderen hielt er noch immer den Schlüssel. Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war und ob sie der Schlüssel tatsächlich ins Labyrinth geführt hatte. Der Gedanke, dass er nicht wusste, wie sie wieder zurückkommen würden, machte ihm Angst und führte dazu, dass sich sein Magen auf Walnussgröße zusammenkrampfte.

Frau Neune war die Erste, die sich wieder fasste. Mit zögernder Stimme fragte sie: “Geht es euch allen gut? Lara, Sven, Bernd?“.
„Haha! Beschissen geht es mir … Es ist stockduster, wir haben keine Ahnung, ob wir hier richtig sind und diese verdammte Fischöllampe ist weg. Ich muss sie irgendwo verloren haben!“, antwortete Bernd genervt.
Lara schluchzte und klammerte sich an Sven, der nicht so recht wusste, ob er lieber ebenfalls über die Situation fluchen oder besser Lara trösten sollte. „Vielleicht schaffen wir es ja auch, ohne Lampe einen Weg durch das Labyrinth zu finden … Also, falls wir hier richtig sind“, war das Einzige, was er in diesem Moment dazu sagen konnte, dabei wusste auch er, dass sie ohne Licht in dieser Finsternis verloren waren.

Da riss sie alle plötzlich ein panischer Aufschrei aus ihren Gedanken und Lara klammerte sich vor Schreck noch fester an Sven.
„Wo war das?“, fragte dieser mit gedämpfter Stimme.
„Du solltest besser fragen: Wer war das?!“, spottete Frau Neune.
Aus weiter Entfernung hörten sie Bernd laut aufstöhnen: “Verdammt! Mein Fuß! Ich kann nicht aufstehen!“
Getrieben vom Mutterinstinkt konnte Lara dem Impuls, Bernd zu helfen, nicht widerstehen. Sie wollte sich von Sven lösen, um sich in die Richtung vorzutasten, aus der jetzt ein zittriges Wimmern zu hören war, doch Sven hielt sie fest. „Nein! Wenn wir uns jetzt alle voneinander trennen, finden wir vielleicht nie wieder zusammen in dieser Dunkelheit. Ich will dich nicht verlieren“, sagte er leise.

Wieso hatte sich Bernd auch allein so weit von der Gruppe entfernen müssen, dachte Sven weiter. Jetzt konnten sie nur erahnen, wo er sich befand, und wussten noch nicht einmal, woher die Verletzung kam. Vielleicht war der Grund ein spitzer Gegenstand, der auf dem Boden gelegen hatte. Aber wie viele davon mochten sich dann noch in diesem Raum befinden, der so stockduster war, dass man nicht einmal die eigene Hand vor Augen sehen konnte.
Der Gedanke, dass sie in eine Falle getappt waren, jagte Sven einen Schauer über den Rücken.
Dann hörte er ein leises Surren, einen weiteren Schrei von Bernd und schließlich wieder Stille.

„Bernd?“, fragte er in die Dunkelheit hinein. Keine Antwort.
„Bernd?“, schloss sich Frau Neune der Frage an und es lag dabei ein merkliches Zittern in ihrer Stimme. Doch Bernd antwortete nicht.
„Oh Gott“, wimmerte Lara und Sven spürte, wie ihre Finger sich schmerzhaft in seinen Arm krallten. „Jetzt holen SIE uns!“
Ein blaues Leuchten flammte in der Dunkelheit auf. Erst so winzig wie das Leuchten eines Glühwürmchens. Mit jedem Pulsieren wuchs es an und formte sich zu einem Durchgang.
Sven griff Laras Hand und blickte zu Frau Neune.
„Wir gehen da durch. Jetzt oder nie. Besser, als hier in der Dunkelheit zu verharren!“

Er wusste nicht warum, aber es fühlte sich richtig an, durch das Licht zu gehen. Schon zog er die zaudernde Lara mit sich und strebte zu dem Lichttor. Je näher er kam, desto sicherer wurde er.
Noch einmal drehte er sich zu Frau Neune um, nickte ihr aufmunternd zu und trat in das blaue Licht. Für einen Moment wurde ihm schwindelig. Die Welt um ihn herum schien sich aufzulösen und danach wieder neu zusammenzusetzen. Wie ein Puzzlespiel, nur dass alles innerhalb einer Sekunde geschah.

Sie landeten in einem Gang, der ganz aus Stein herausgehauen war. Die Wände schimmerten feucht und strahlten eine Kälte aus, die ihren Atem zu Wolken formten, sobald er über ihre Lippen trat. An manchen Stellen tröpfelte Wasser herab. Neonlichter summten an der Decke und tauchten alles in kühles Licht. Frau Neune stolperte zu ihnen in den Gang. Hinter ihr fiel das blaue Licht in sich zusammen und verschwand.
„Wo wir hier wohl sind?“
Lara ließ Sven los und blickte sich neugierig um. Seitdem sie die Dunkelheit verlassen hatten, schien sie neuen Mut gefasst zu haben.
„Lass es uns herausfinden“, antwortete Sven und schritt mutig vorwärts.

Der Gang schlängelte sich unendlich durch das Gestein. Immer wieder stießen sie auf Stahltüren, die sich jedoch nicht öffnen ließen, und weitere Gänge, die sich abzweigten. Um nicht die Orientierung zu verlieren, entschieden sie sich, stets die rechte Abzweigung zu nehmen. Mit jedem Schritt sank ihr Mut ein wenig. Als sie es schon nicht mehr zu hoffen wagten, fanden sie endlich eine Tür, die nicht verschlossen war.
Die Treppe dahinter war eng und schmal. Die Stufen führten nach oben und sie gelangten auf eine Empore, die von einer dicken Glaswand umschlossen war. Als sie hinabblickten, sahen sie auf ein Laboratorium, in dessen Mitte sich ein Behandlungsstuhl mit einem Helm befand, der über viele Kontakte mit einer Maschine verbunden war.
„Ein Traum-Aufzeichner“, wisperte Lara.

Sven nickte.
„Genau wie der, den wir in dem Verschlag gefunden haben.“
Drei Gestalten, gänzlich in weiße Schutzanzüge gehüllt, betraten den Raum. Ihre Gesichter verbargen sich hinter Schutzmasken. Der größere von ihnen legte einen Hebel an der Maschine um und eine Tastatur mit Bildschirm schwenkte heraus. Nach wenigen Augenblicken leuchteten die ersten Dioden an der Computerwand auf und die Leitungen zu dem Helm schimmerten bläulich. Die Tür zum Laboratorium öffnete sich erneut.

Alle drei blickten gebannt auf die Szenerie, die sich unter ihnen erstreckte. Zwei weitere Gestalten betraten den Raum, einer davon klein und buckelig, er humpelte schwerfällig, die andere Person war dicklich und schob etwas längliches mühsam vor sich her. Der Bucklige stand zwischen der Glaswand und dem Geschehen an der Eingangstür zum Labor, so dass die heimlichen Beobachter Sven, Lara und Frau Neune keine Chance hatten, zu sehen, womit der Dicke sich abmühte. Die beiden Neuankömmlinge näherten sich langsam dem Traum-Aufzeichner.
Der Bucklige begrüßte eine der Personen in den Schutzanzügen und sprach mit ihm.

"Was besprechen die da?" flüsterte Lara. Sven schüttelte den Kopf und wandte seinen Blick nicht von den Geschehnissen ab. Auch Frau Neune blickte starr auf die bizarre Szene unter ihnen.
"Seid still," sagte sie, "ich versuche von den Lippen zu lesen." Sven und Lara hielten unvermittelt die Luft an, um Frau Neune nicht zu stören.
Das kurze Gespräch zwischen den beiden im Labor schien beendet.

Frau Neune starrte weiter hinunter. "Was hat er gesagt, Frau Neune, worum ging es?" fragte Sven. "Ich weiß nicht, ich konnte nicht viel erkennen, die Hasenscharte des Buckligen hat mir das Lippenlesen erschwert. Das Einzige was ich verstanden habe, waren die Worte "Risiko" und "nur einen Versuch". Wer weiß, was damit gemeint ist."
Der Bucklige und der Dicke entfernten sich von den anderen drei und gingen in eine Ecke des Labors. In diesem Moment gaben sie den Blick frei auf das gesamte Geschehen frei. Bei diesem Anblick stockte ihnen der Atem:

Sie blickten auf ein fahrbares Bett, wie man es aus Sanatorien oder Krankenhäusern kennt. In dem Bett lag jemand, der an Händen und Füßen fixiert war. Auch der Kopf, war von einem Band, das wie ein Stirnband aussah, umschlossen, so dass die Person den Kopf nicht heben konnte. Zusätzlich war um den Mund eine Knebelvorrichtung angebracht.
"Das ist Bernd, sie haben Bernd!" schrie Lara außer sich, mit überschlagender Stimme, unvermittelt begann sie heftig zu weinen.
"Pssst, sei ruhig," Sven nahm Lara in den Arm und hielt ihr den Mund zu, "ganz ruhig." Laras Körper wurde von ihrem Ausbruch durchgeschüttelt, doch Sven hielt sie ganz fest an sich gedrückt, als er merkte, dass ihre Beine wegknickten. Sanft setzte er sie auf den Boden ab.
Inzwischen gingen im Laboratorium die Vorbereitungen weiter: Einer der Personen in den Schutzanzügen hob den Helm an und überprüft etwas an seiner Innenseite. Plötzlich fingen der Dicke und der Bucklige in ihrer Ecke an zu lachen, sie saßen auf einem Tisch, schlugen sich auf die Schenkel und prosteten sich mit Flaschenbier zu, das sie zuvor aus ihren Mantelttaschen gezogen hatten.

Derjenige, der den Helm in der Hand hielt, drehte sich zu ihnen, die zwei anderen ging mit energischen Schritten auf die beiden merkwürdigen Gesellen zu, einer faßte den Buckligen am Arm und zerrte ihn grob vom Tisch herunter, so dass dieser fast das Gleichgewicht verlor, dabei entglitt ihm die Flasche, die aber nicht zu Bruch ging, sondern über den Boden rollte und ihren Inhalt über die Fliesen ergoß. Beide wurden unsanft zur Tür des Laboratoriums geleitet und aus dem Labor geschubst. Hinter ihnen schloss wurde die Tür geschlossen und einer der Menschen in Schutzanzügen gab einen Zahlencode in das Türschloss ein.Dann gingen die Vorbereitungen am Traum-Aufzeichner weiter. Bernd wurde der Helm aufgesetzt, er blickte mit weit aufgerissenen Augen die Gestalten in den Schutzanzügen an, sein Blick voller Angst. Einer der Wissenschaftler ging an den Wandschrank, nahm ein röhrenförmiges. graues Gefäß heraus und schloss daran eine Atemmaske an. Er stülpte Bernd die Maske über und öffnete ein Ventil an der Seite. Wenige Sekunden später schloß Bernd die Augen, sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig.
Die Blicke der Wissenschaftler richteten sich zeitgleich auf den Monitor. Dieser blinkte zunächst wechselweise schwarz und weiß auf.

Die Wissenschaftler schauten ratlos, bis einer von ihnen den Monitor erneut ausrichtete. Das Bild jedoch blieb jedoch farb- und kontrastlos bis nach wenigen Minuten für einen Bruchteil einer Sekunde ein grell grüner Blitz aufflackerte. Niemand der Schutzanzugträger schien ihn zu bemerken, Lara, Frau Neune und Sven nahmen ihn erschrocken wahr. Ein weiterer Blitz flackerte grell strahlend und endlich bemerkten ihn die Wissenschaftler auch. Zufrieden nickte der große schlaksige Typ sein Gegenüber zu. Bernds Atmung war ruhig und gleichmäßig.

„Was passiert da unten?“, fragte Lara ängstlich. Sven wollte gerade beruhigend seine Hand auf Laras Arm legen, als er bemerkte, das Bernds Körper plötzlich heftig bebte. Sich verkrampfte, seine Atmung seinen Brustkörper nahezu explodieren lies. Der Schlaksige rief irgendetwas Richtung Tür, drückte dabei hektisch eine Taste. Im nächsten Moment kam eine Frau ins Labor. Ungewöhnlich, dass sie keinen Schutzanzug trug. Bernds verzerrtes Gesicht, sein sich von Krämpfen windender Körper entspannte sich in dem Moment, als er die Frau sah. Sein Atmung wurde ruhig.

Ungläubig beobachteten Frau Neune, Lara und Sven diese bizarre Situation. „Wer ist das“, fragte Lara, ohne ihren Blick von dem Geschehen abwenden zu können. „Der Teufel“, antwortete Frau Neune tonlos.
Die Frau mit den auffallend hellblondem Haar flüsterte Bernd irgendetwas zu. Es schien, als würde er lächeln. Seine Finger formten ein Zeichen, dass ein „okay“ bedeuten konnte. Die Blonde strich ihm zärtlich über die Wange und wandte sich dem Schlaksigen zu.

Der Monitor zeigte immer noch sein monotones Bild, die grellen Blitze schienen niemanden zu interessieren oder zu beunruhigen.
Der Schlaksige nahm Bernd, der ruhig und entspannt vor ihm lag, die Atemmaske ab. Zerrte etwas aus der Innenseite seines Schutzanzuges hervor und legte Bernd ein etwa 2 cm langes und dünnes Röhrchen unter seine Zunge. Setze ihm wieder die Atemmaske auf und verlies das Labor.
Die Blonde beugte sich nah zu Bernd hinunter. Schien ihm etwas zuzuflüstern.
„Sie ist unheimlich“, flüsterte Lara. „Ihr helles Haar, ihre helle, fast durchsichtige Haut, ihre nahezu unnatürliche schlanke Figur. Wer ist sie? WAS ist sie? Ist sie der Tod? Der Teufel? Oder die Erlösung?“ Bernd und Frau Neune starrten auf die Szenerie und konnten ihren Blick von der unheimlichen Frau nicht abwenden. Eine nahezu hypnotische Aura umgab sie, die von Bernd Besitz genommen hatte. Aber auch Sven und Frau Neune schienen immer tiefer in diesen Bann zu geraten. Lara blickte sie wütend an. „Was passiert mit euch?“, fragte sie und schnipste mit den Fingern. Beide erwachten ruckartig aus ihrer Starre. Frau Neune räusperte sich, wollte gerade etwas sagen, als Sven plötzlich rief: „Schaut euch das an!“ Sven, Lara und Frau Neune schauten gebannt auf den Monitor. Und konnten ihren Augen kaum trauen. Etwas derartiges hatten sie noch nie gesehen ...

Der Monitor zeigte ein erst verschwommenes Bild wie hinter einer Dunstwolke, das allmählich klarer wurde. Es sah aus wie ein Film.
„Was ist das?“, fragte Lara.
„Das ist Bernd’s Traum. Wir können sehen, was er träumt!“, antwortete Frau Neune aufgeregt.
„Das es so etwas gibt“, flüsterte Sven und versuchte etwas auf dem Bildschirm zu erkennen. Er kniff die Augen leicht zusammen und konzentrierte sich.
„Dort sitzt jemand an einem Tisch“, sagte er.
„Und er schreibt irgendwas“, fuhr Lara fort.
Sie sahen gespannt auf den Monitor. Ein kleiner Junge schrieb einen Brief und steckte ihn dann in eine Flasche.
„Unsere Flaschenpost. Er träumt von unserer Flaschenpost“, sagte Lara aufgeregt.
In dem Moment schickte die blonde Frau die übrigen Wissenschaftlicher aus dem Labor. Als sie alleine war, tippte sie etwas in eine Tastatur ein. Bernd’s Brustkorb begann heftig zu beben. Grüne Blitze flackerten wieder auf, sein ganzer Körper schien sich zu wehren. Die Bilder auf dem Bildschirm wurden wieder unscharf.

„Was passiert da?“, fragte Lara.
„Ich glaube, sie löscht seinen Traum“, mutmaßte Frau Neune.
„Das darf sie nicht. Es wäre unsere Chance herauszufinden, wer die Flaschenpost geschrieben hat.“
„Und es scheint nicht ungefährlich zu sein. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn, als ob er Fieber hat“, antwortet Frau Neune.
„Wir müssen ihn daraus holen, bevor ihm was passiert oder der Traum gelöscht wird“, sagte Sven. Die beiden Frauen nickten zustimmend.
Sie liefen wieder hinaus in den Gang und kamen nach ein paar Metern an eine Tür, die mit einem Codeschloss verriegelt war.

„Wie kommen wir denn nur darein?“, fragte Lara.
„Ich habe mir den Code gemerkt, als die Frau ihn gerade eingeben hatte“, antwortete Frau Neune.
„Sie haben ihn gesehen?“, fragte Sven ungläubig.
Frau Neune nickte und trat einen Schritt vor. „Haltet euch bereit. Sven, du musst die Frau überwältigen. Das Überraschungsmoment ist unser einziger Vorteil. Alles muss schnell gehen.“ Dann tippte sie den neunstelligen Zahlencode ein: 999999999. Die Tür öffnete sich mit einem Zischen und Sven stürmte hinein. Die Blonde blickte erstaunt zur Tür, doch bevor sie irgendetwas sagen oder unternehmen konnte, hatte Sven sie zu Boden geworfen und hielt ihr die Hand vor dem Mund, so dass sie nicht schreien konnte. Lara und Frau Neune befreiten Sven aus den Gurten und den Instrumenten.

„Kann jemand ein Band und etwas zum Knebeln suchen?“
Lara sprang auf und fand Klebeband und Papiertücher.
„Damit müsste es gehen.“ Er nahm es und band der Frau Hände und Beine zusammen und klebte ihr den Mund zu.
„Was ist mit Bernd?“, fragte Sven und trat zu den Frauen. Lara schlug Bernd leicht ins Gesicht, damit er wieder zu Bewusstsein kam. Langsam öffnete dieser die Augen und schüttelte seinen Kopf.
Frau Neune wischte ihm mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn und half ihm sich aufzurichten.
„Schön, dass du wieder bei uns bist. Kannst du dich an einen Traum erinnern?“ Es dauerte einen Moment, bis er seine Sprache wiedergefunden hatte, dann antwortete er:

„Es ist gar nicht dein Sohn – es ist mein Sohn!“ Verwirrt und zunehmend feindselig sah Bernd sie an, bis sein Blick sich auf Sven heftete: „Mein Sohn, nicht deiner! Ha!“
Etwas Irres flacker-te in Bernds Augen. Sven und Lara sahen sich entsetzt an, La-ra öffnete den Mund und streckte die Hand nach Bernd aus, als dieser sich abrupt abwendete.
„Was habt ihr hier…“ Sein Blick fiel auf die gefesselt blonde Frau. Ein undefinierbares Stöhnen drang aus seiner Kehle. Bernd kniete sich neben sie; er schien zu nicken, als ihre Blicke sich trafen. Blitzschnell und ohne sich noch einmal umzudrehen packte Bernd das blonde Bündel und stürmte mit ihr durch die Tür aus dem Labor.

Sven, der sich als erster von dem Schreck erholt hatte, hastete hinterher, aber zu spät. Die Tür fiel mit einem metallischen Klacken zu, etwas drehte sich im Schloss. „Nein!“ riefen Lara und er gleichzeitig, während Frau Neune in sich zusammensank und etwas vor sich hin murmelte, das wie „jetzt ist ER also da“ klang.
In Sven stieg heiße Wut, gepaart mit Verzweiflung auf und ließ ihn wütend mit der Faust auf die Tür schlagen.
„Verdammt!“ Jetzt tat ihm die Hand weh, aber der körperliche Schmerz kühlte ihn auch irgendwie ab. Er ging zurück zu Frau Neune und Lara, die beide auf dem Boden saßen. „Haben wir Bernd jetzt verloren?“ fragte Lara ängstlich. Auch Sven dachte an die Prophezeiung des Buches: Bald wird das geschehen, was ihn auf die böse Seite zieht… Beide sahen angespannt zu Frau Neune.

„Ich… ich weiß es nicht. Ja, vielleicht – aber vielleicht waren wir auch rechtzeitig da, vielleicht waren sie nicht fertig und es lässt sich noch umkehren…“ Sie sah entschuldigend zu Lara und Sven, hob kraftlos die Schultern. Durch Laras Körper lief ein Zittern. Einen Atemzug lang war auch Sven kurz davor, sich einfach auf den Boden sinken zu lassen. Aber dann erinnerte er sich daran, wie die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein, ihn durchströmt hatte, als er den Weisungen des Buches gefolgt war. Er hatte nicht die Zeitschleife angehalten und den Weg ins Labyrinth geöffnet, um jetzt hier aufzugeben.
„Das werden wir klären, sobald wir hier raus sind.“ Sven sah Lara fest in die Augen und streckte ihr die Hand entgegen. Sie erwiderte seinen Blick und ließ sich dann von ihm auf die Füße ziehen. Gemeinsam richteten sie dann Frau Neune auf. „So“, Sven blickte sich um. „Wenn der Schlüssel Bücher öffnen kann, dann wird er auch diese Tür knacken.“

„Warte!“ Lara schaute über die Schulter zu dem Traumaufzeichner. „Meinst Du… könnte es nicht sein, dass der Traum noch gespeichert ist?“
Frau Neune japste. „Denk nicht mal daran!“
Sven war neben Lara getreten, beide betrachteten die Apparatur. Vielleicht konnte man ja zurückspulen, ohne die Glocke aufsetzen zu müssen; das ging doch eigentlich bei jedem Rekorder irgendwie. Sven kratzte sich am Hinterkopf. Ein großer Computer-Fan war er nie gewesen; Bernd dagegen, der kannte sich aus… Schmerzlich durchzuckte ihn die Erinnerung an das eben Erlebte.
„Scht… ich glaube, ich höre Schritte!“ Lara und Sven wirbelten herum zu Frau Neune, die näher zur Tür gegangen war. Angestrengt horchten sie.

Erst vernahmen sie nur ein leises Grummeln und Fluchen, dann ein rhythmisches Tippen, so als ob jemand einen monotonen Zahlencode eintippt. Regungslos warteten sie darauf, dass die Stahltür geöffnet wurde. Es gab keinen anderen Ausweg. Lara wagte nicht zu atmen und Sven, er hatte sich wieder schützend vor seine Freundin gestellt, nestelte in seiner Hosentasche nervös an dem für die anderen immer noch verborgenen Taschenmesser.
„Ein multifunktionaler Leatherman. Wahre Freunde wissen, was im Leben eines Mannes wirklich wichtig ist. Nur Weiber sind mit einem Opinel zufrieden.“ Solche, jetzt gerade wirklich untaugliche Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

Die Tür öffnete sich nur einen winzigen Spalt und eine zitternde Hand reichte ihnen das im Kampf gegen Laras Tochter verloren geglaubte Pendel, welches die Macht besaß, das Böse (im Kindesalter) zu besiegen.
„Stellt mir jetzt keine Fragen! Versucht nicht, mich aufzuhalten! Vertraut euren Herzen und lasst mich einfach gehen! Ihr wisst wahrlich mehr von der Oberfläche des Mondes, als von den Tiefen des Meeres.“

Aus tausenden Stimmen hätte Lara die von Bernd wiedererkannt. Ohne zu zögern trat sie zur Tür, nahm das Pendel an sich uns hängte es Sven behutsam um den Hals. Dort begann es umgehend in einem tiefen Azurblau zu leuchten und alle konnten die darin verborgene Energie spüren. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, hörten sie im Gang sich entfernende, schlurfende Schritte und im gleichen Augenblick wurde es um sie herum wieder so dunkel, wie am Anfang des Labyrinth. „Schnell! Lasst uns von hier verschwinden!“ Sven mahnte zur Eile und die Frauen zögerten keinen Moment. So schnell wie möglich wollten auch sie von hier weg, zwängten sich durch die Tür und tasteten sich in den dunklen Gang hinein. „Rechts! Wir sind auf dem Hinweg immer rechts herum gegangen, also müssen wir jetzt immer die linke Abzweigung nehmen. Haltet euch an der Hand und du, Lara, nimm meine!“ Sven war sich seiner Sache ganz sicher.

„Das andere Links, Liebling!“ Lara liebte es, wenn sie Sven mit seiner Rechts-Links-Schwäche aufziehen konnte, dennoch war sie froh, nicht die Führung übernehmen zu müssen. Der steinige und glitschige Boden erforderte so schon ihre ganze Aufmerksamkeit. Frau Neune kicherte leise und verhalten aus dem Hintergrund. Sie hatten sich bereits schweigend und geduckt durch ungezählte Abzweigungen an schmierigen Wänden ent-lang getastet.
„Ist es noch weit? Ich habe Durst!“, fing Lara kleinkindhaft an zu quengeln.
„Nein, es kann nicht mehr weit sein.“, versuchte Sven sie zu beruhigen. „Was ist, siehst du nicht…- Hm, hat viel Wahres!“, sinnierte Sven, doch plötzlich blieb er stehen.

Er fokussierte dieses kleine Quadrat an der Oberseite des Ganges. Die Form zeichnete sich durch ein gelblich flackerndes Leuchten der Konturen ab. Es kam offensichtlich aus einem darüber befindlichen Raum. „Eine Luke? Wo führt sie hin?“, schoss es ihm durch den Kopf. Das durchscheinende Licht gab ihm etwas Orientierung und er konnte einen eisernen Ring an der Luke ertasten. Vorsichtig, ohne ein Geräusch zu verursachen, drehte er an dem Ring und drückte gleichzeitig mit der anderen Hand gegen den hölzernen Zugang.
„Was siehst du? Wo sind wir?“, fragte Lara ungeduldig“
„Ein rustikaler Kachelofen, eine großer Tisch, darauf Bierkrüge und Meerschaumpfeifen, acht Stühle…- Wo sind wir wohl?“

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