Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Spiekeroogyssee

Kapitel 19 – Murmelspiel am Meer

„Dunnerlittchen“, rief Frau Neune, „wir sind geradewegs unter dem Schankraum der ‚Linde‘ herausgekommen. Sven, kannst du dich hochziehen?“ Sie formte eine Räuberleiter und bedeutete Lara, ihr zu helfen. Zusammen hievten sie Sven nach oben. Sofort reichte er einen Stuhl hinab und half den Frauen ebenfalls ans Tageslicht. „Geschafft.“ Er schloss die Falltür, das Viereck verschwand; die Dielen schlossen sich, als hätte sich hier nie ein Spalt befunden. „Endlich sind wir da raus!“
Selbst die abgestandene Kneipenluft war besser als der unterirdische Gang.

Frau Neune zeigte auf ein Fach unter der Theke. „Lass mal deinen Schlüssel walten.“ Sven steckte ihn ins Schloss. Die Schublade öffnete sich wie von Zauberhand.
„Wow“, entfuhr es Lena. „Getränkedosen und Kekse!“
„Der Notvorrat des Ältestenrates.“ Frau Neune verteilte drei Dosen Cola und drei Packungen Kräcker.
„Ich schlage vor, dass wir ...“
Lautes Flattern unterbrach sie. Wie auf Kommando schossen ihre Köpfe nach rechts. Das Buch! Beinahe hektisch flüsterte es: „Wenig Zeit, die verbleibt, wollt ihr was erreichen. Stärkt euch nun, ‚s gibt zu tun.“
Es verharrte. „Wolkenbotschaft“ prangte quer über beide Seiten. Die Schrift wechselte zwischen Blau und Gold hin und her.
„Was meint es denn jetzt?“ Lara sah aus dem Fenster. „Der Himmel ist makellos blau, keine Wolke in Sicht.“
Das Buch schüttelte sich wie ein Hund nach einem Regenguss und flatterte durch das Oberlicht nach draußen.

„Ihm nach“, rief Sven und riss die Tür auf. Er registrierte aus dem Augenwinkel, dass keine Menschenseele zu sehen war. Merkwürdig, wo waren die anderen Bewohner? Das Buch legte eine Eile an den Tag, als müsse es heute noch auf der Buchmesse in Frankfurt erscheinen. Im Zickzack führte es sie durch die Straßen, an der letzten Häuserreihe entlang bis zum Strand. Sven ließ den Blick über das Meer schweifen. Nichts, nur Wasser, Wasser, Wasser.
„Sehr ihr eine Wolke?“
„Direkt über uns.“ Frau Neune zeigte nach oben. Ein rundes weißes Wökchen sank mit der Geschwindigkeit eines zu Boden flatternden Papiers zu ihnen hinab, verwandelte sich in eine Miniaturwindrose und bohrte sich zu ihren Füßen in den Sand.

„Pfui!“ Lara machte einen Satz nach hinten und wischte sich Sandkörner aus den Augen. „He, seht mal.“ Die Windrose hatte sich verausgabt, wurde durchsichtig und verschwand. Zurück blieb ein Krater, aus dem eine silberne Blechschachtel hervorblitzte. Sven fegte mit der Handfläche Staubreste vom Deckel. „Het negende wereldwonder“, las er. „Das ist Holländisch!“
„Und was bedeutet es?“, fragte Lara.
„Das neunte Weltwunder.“

„Wieder die Neun!“ Frau Neune bückte sich und hob den Deckel ab. „Oh.“
„Mu ... murr ... nein!“, entfuhr es Sven.
„Wie hübsch sie sind“, seufzte Lara.
Sven sah nur die eine. Ohne es zu wollen, bückte er sich und hob sie heraus. Er konnte kaum das Zittern seiner Hände unterdrücken, doch es war, als würde ihn eine verborgene Macht zwingen. Er hielt sie auf der Handfläche ins Licht. Sonnenstrahlen drangen durch das blassblaue Glas. „Jetzt erinnere ich mich wieder. An so einer bin ich beinahe erstickt als ich ganz klein war. Die sah genauso aus. Ich hatte sie in den Mund gesteckt. Siehst du das blaue Muster?“
Lara beugte sich hinab. „Es ist eine perfekte Neun!“

„Wenn wir wissen wollen, wo wir sind, dann müssen wir ... hindurch?“, sagte Frau
Neune.
„Frau Neune! Wir sind auf der Insel! Und wo die ist ... ein Ozean ohne Ende. Aber wie
kommen wir da ... hindurch?“ Lara schaute Sven an. „Sven du hast doch sicher eine
Idee, Liebling.“ Und sie lächelte ihn vertrauensvoll an.
„Also ... ich ... ich bin ja ein Stück größer als ihr ... aber am Besten ist es sicher, wenn
ich zuerst ... hindurchgehe und mich umschaue, ob keine Gefahr droht. Und dann helfe
ich euch beiden ... hindurch. Aber ... falls uns ... dort eine Gefahr droht, möchte ich,
dass ihr beide weglauft, zurückgeht ... das müsst ihr mir versprechen. Vielleicht sind da
... dort ja Freunde des Buckeligen und der blonden Frau. Ich möchte nicht, dass euch
Ähnliches passiert wie Bernd.“

Lara fing an zu zittern, „Ich habe Angst, und was ist nur mit Bernd passiert und mit
seinem Traum? Werden wir jemals erfahren, was genau mit der Flaschenpost
passierte? Und wieso sagte Bernd, dass Mike sein Sohn wäre? Mike hat uns doch
selber gesagt, dass er unser Sohn ist. Ich habe das Gefühl, das wir auf immer mehr
Fragen stoßen und immer noch keine Antworten haben. Aber was die blaue Murmel
hier betrifft, hast du wahrscheinlich recht. Einer von uns muss erst mal sehn, was uns ...
dort erwartet, bevor wir alle in eine Falle tappen. Einen von uns haben wir schon
verloren. Aber wir sind nicht zurück auf die Insel gekommen, um nun ... umzukehren?
Und wenn ... dort oben wäre, hätte er oder sie sich sicher schon gezeigt als du die
Murmel hochgehoben hast hast.“

Gesagt getan. Sven zog sich ohne größere Anstrengung durch die Murmel hindurch.
Um ihn herum herrschte ein dämmeriges Licht. Er hielt den Atem an. Er befand sich
unter einer transparenten Kuppel, wie im Meer. Was hatte Bernd gesagt?
„Vertraut euren Herzen und lasst mich einfach gehen! Ihr wisst wahrlich mehr von der
Oberfläche des Mondes, als von den Tiefen des Meeres.“

„Sven... alles in Ordnung?“, Laras ängstliche Stimme drang an sein Ohr.
„Ja, mach dir keine Sorgen. Ich komme wieder raus zu euch. Das müsst ihr nämlich
unbedingt sehen.“ Und schon stand er wieder neben Lara und nahm ihr die Murmel aus
der Hand.

»Was war denn das?!«, fragte Lara, »wie ... du warst plötzlich ... weg ... wie ... in der
Murmel!«
Sven zuckte zusammen »Ja, in der Mu... Mu... Neun!«
Jetzt zuckte Lara zusammen. Nur Frau Neune lächelte, als wären derartige
Absurditäten das Normalste von der Welt.
»Wir nehmen sie mit!«, rief Lara plötzlich, riss die Murmel wieder an sich und rannte
zurück ins Dorf, gefolgt von Frau Neune und Sven.

Und dann standen alle drei wieder in dem Raum mit dem Kachelofen, einem für 8
Personen gedeckten Tisch, den darauf liegenden Meerschaumpfeifen und starrten
beeindruckt um sich herum. Die Murmel schimmerte so kräftig blau, dass der Raum
keine Wände aus Stein mehr zu haben schien, sondern aus Glas, wie eine
Kuppel, wie die Kuppel, die Sven innerhalb der Murmel gesehen. So schauten sie direkt
ins Meer.

„Was mögen meine männlichen Ältestenratskollegen hier wohl im Schilde führen? Oder
für wen wurde hier gedeckt? Was machen wir, wenn der Buckelige wieder kommt?“
Frau Neune kam aus dem Fragen gar nicht mehr raus.

„Hey schaut mal, „rief Sven plötzlich. „Hier ist die Tür ins Privatgemach des
Hotelbesitzers. Ich frage mich ...“, und schon hatte er den Schlüssel aus der Tasche
hervorgeholt ... „ob der wohl passt?“
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