Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 23 -Abstecher in den Welt(t)raum

Sven riss die Augen auf, über ihm schien eine OP-Lampe auf sein Gesicht. Sven hatte Angst, dass er sich in dem Kuppelraum befand.
„Beruhigen Sie sich, es ist alles in Ordnung!“
Sven sah sich den Sprecher genauer an, zu diesem gehörten auch die Hände, die ihn auf die Liege pressten.
„Schon gut, Doktor. Ich übernehme ab hier.“

Ein Mann trat aus einem toten Winkel an die Liege. Er trug eine Uniform, ähnlich der eines Schiffskapitäns, nur irgendwie synthetisch und steriler. Das Gesicht des Mannes kam Sven irgendwie vertraut vor und in ihm dämmerte Erkenntnis.

„Hallo Vater“, begrüßte ihn sein Sohn Mike. „Willkommen am Bord der RETTER. Dem besten Schiff der intergalaktischen Flotte. Wir haben lange gebraucht, um dich endlich zu finden.“

Sven hätte am liebsten die Augen wieder zugemacht. Geschlafen. Geträumt. Was auch immer. Alles besser als diese neue Verwicklung. Ein Raumschiff. Sein Sohn - älter als er. Wo war Lara? Dieser Gedanke alarmierte ihn so sehr, dass er sich abrupt aufsetzte.

Schlechte Idee! Sein Kopf antwortete mit einem grässlichen Schmerz, der entsteht, wenn in eine Blutleere die Körpersäfte zurückfließen, alle auf einmal. Er jammerte und hielt sich die Schläfen, an denen die Adern puckerten.

"Sven ...", hörte er plötzlich Laras Stimme, schwach, müde, aber sehr lebendig.
Sie lag, wie er, auf einer Art Pritsche, ebenfalls von uniformiertem Personal umgeben.
Lara versuchte, zu lächeln.
Sven versuchte, zurückzulächeln.
"Wo sind wir denn jetzt?", fragte er.
Der Kommandant, Mike, sein bzw. ihr Sohn beantwortete die Frage.
"Im Orbit der Erde. Du kannst nachher mal rausgucken. Wird dir gefallen."

Lara setzte sich vorsichtig hin und ließ die bloßen Beine baumeln. Sie trug, so wie Sven, ein synthetisches Flügelhemd und war sehr blass.
"Der Eindruck wird dich umhauen", meinte sie.
"Mutter ist ohnmächtig geworden", Sven hätte schwören können, dass etwas Spott in der ruhigen Stimme des Kommandanten lag.

Eine Viertelstunde später saßen sie in Mikes enger "Kajüte", wie er die schmucklose Kabine nannte, und versuchten, irgendwie zu verstehen, was passiert war.
"Sind wir nun in der Zukunft, oder bist du zu uns zurückgekehrt?", wollte Lara wissen. Sie zupfte am Reißverschluss ihres Elastan-Anzugs, der ihr ein bisschen zu eng war.

Mike, jetzt mehr privat als Kommandant, schloss einen Moment die Augen, um sich zu konzentrieren. Wie erklärte man seinen Eltern, etliche Zeit vor der eigenen Geburt, dass man gekommen war, um sie zu retten, damit in weiteren 25 Jahren wiederum eine überlebenswichtige Mission seiner Tochter auf dem Mars nicht scheiterte, nur weil er nicht geboren worden war.
Zeitphänomene waren so kompliziert, dass man eigentlich nur auf ihren Rändern surfen konnte. Es gab auf der ganzen Welt einschließlich der übrigen Spiralarme der Galaxis nur eine Handvoll Wissenschaftler, die das verstanden und von dieser Handvoll lebte die Hälfte in der Blausäureatmosphäre von Alpha Centauri 4.
Zudem hatten Zeitphänomene die schlechte Gewohnheit, Kopfschmerzen zu verursachen.

"Wieso hast du uns überhaupt gerettet?", wollte Sven nun wissen. "Darf da jeder Raumschiffkapitän kommen und sein privates Süppchen kochen?"
Mike schüttelte den Kopf. "Natürlich nicht, eigentlich wollte die Exilregierung auch jemand anderes schicken, doch die Aufzeichnungen sagten, ihr wüsstet, dass ihr einen Sohn bekommen solltet und so geht man davon aus, dass ihr mir glaubt, wie wichtig ihr seid. Die blaue Kugel - eine Verkörperung der vierdimensionalen Zeit in der 3. Dimension - hat ihr eigenes Ziel. Wir versuchen, dem nicht in die Quere zu kommen, aber doch möglichst zu überleben."

Lara betrachtete ihren erwachsenen Sohn. "Das ist schon ziemlich harter Tobak, das ist dir klar, oder? Was ist denn jetzt unsere Aufgabe bei der ganzen Sache?"
"Ihr müsst mich zeugen und bekommen." Mikael wich ihrem erst erstaunten, dann zunehmend verärgerten Blick nicht aus.
"Bin ich ein Zuchttier, oder was?", Laras stimme war tonlos.
"Streng genommen? Ja." Jetzt schaute Mike doch weg. Mutter und Sex, das ging nicht zusammen. Da unterschied er sich nicht von den Abermillionen Schülern und Studenten, die sich nicht vorstellen mochten, dass seine Eltern miteinander schliefen.

Sven setzte sich und zog Lara auf die Liege neben sich.
"Wenn wir dich zeugen, dann kannst du doch nicht gleichzeitig hier sein, oder gelten hier andere physikalische Regeln?"
"Nein. Mit dem Moment der Geburt beginnt die Ausschließlichkeitsregel zu wirken. Man kann nicht mit seinem anderen Ich am selben Ort sein. Versuchte man es, so würde man sich gegenseitig annullieren. Nur so viel: Wäre nicht diese Lichtsekundenverschiebung passiert, dann hätten wir keinen Kontakt zu IHNEN bekommen, die wiederum uns gelehrt haben, dass man sehr wohl schneller als Licht reisen kann, wenn man weiß, wie. Zeitphänomen halt."

Sven und Lara waren weit entfernt davon, zu verstehen, was Mike ihnen erzählte.
"Deshalb dürft ihr auch nicht hier bleiben. Wir haben euch nur aus dem ganzen Schlamassel heraus geholt, damit SIE ihre Zeitmanipulation wieder korrigieren können, ohne dass ihr darunter zu leiden habt. Das ist inzwischen passiert, eure Kopfschmerzen beweisen das."

„Ich denke, ihr braucht einen Moment, um die Flut an neuen Informationen sacken zu lassen.“ Mike legte seine Hand auf Laras Schulter. Dann schaute er zu Sven hinüber und sagte:
„Wahrscheinlich hat jede Generation Probleme damit, Verantwortung für die eigenen Eltern zu übernehmen. Und genau so geht es mir gerade.“
Mit einem Mal war die Entschlossenheit und Härte, die noch vor wenigen Sekunden in Mikes Blick gelegen hatte, verschwunden. Er wirkte jetzt nicht mehr, wie der Kommandant eines Raumschiffes oder eines vergleichbaren hierarchischen Gefüges, der täglich rationale Entscheidungen zu treffen hatte. Er schien auf einmal ... menschlicher.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das nachvollziehen könnt. Ich denke, jedes Kind wünscht sich Eltern, zu denen es aufblicken kann, die Rat geben und Trost spenden.“
Er fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Aber wir ... ihr und ich befinden uns an einem Punkt, wo wir diesem Aspekt vorgegriffen haben. Ihr seid jünger als ich selbst. Versteht ihr? Ich habe bisher keine Probleme mit Zeitparadoxen gehabt, weil sie mich einfach nicht persönlich betroffen haben. Aber jetzt ist alles vollkommen anders. Ich bin emotional beteiligt, weil ihr meine Familie seid, mein Ursprung, meine Quelle oder wie immer man es nennen mag. Ich habe keine Distanz. Und ich weiß, dass schon andere daran gescheitert sind.“
„Aber was kann falsch daran sein, etwas zu empfinden?“, fragte Lara.

Mike lachte kurz auf. Ein resignierendes Lachen, dachte Sven.
„Wer sich öffnet, macht sich angreifbar und das kann ich mir in meiner Position nicht leisten“, sagte Mike. Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte ihm Raum hin und her, scheinbar ohne ein erklärtes Ziel.
„Aber ...“, seine Stimme wurde plötzlich brüchig und begann leicht zu flattern. „Ihr seid doch meine Eltern und ich liebe Euch.“

Lara stand auf und näherte sich Mike, erst vorsichtig, abwartend. Dann schlang sie die Arme um ihn und schmiegte sich an seinen Rücken. „Oh, Mike, ich würde so gern eine Mutter für dich sein. Aber ich bin noch nicht so weit. Trotzdem verspreche ich dir, dass ich mein Bestes gebe, es eines Tages zu sein ... ich liebe dich auch.“

Jetzt erhob sich auch Sven. „Mike“, begann er, „ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir geht es genauso wie Lara. Ich stehe meinem Sohn gegenüber, der einen halben Kopf größer ist als ich, ein erwachsener Mann und ich selbst bin noch ein Teenager. Das ist verrückt. Ich sehe es, ich fühle es, aber ich bekomme es nicht in meinen Kopf. Alle sagen mir, das, was auf der Insel geschehen ist, hat Lara und mich so schnell erwachsen werden lassen. Und vielleicht wirken wir manchmal tatsächlich erwachsen, aber im Grunde genommen sind wir es nicht. Wir sammeln Erfahrungen, jeden Tag aber wir brauchen jemanden, der uns hilft ... ach, verdammt, ich hasse dieses Wort ... reif zu werden. Bitte, Mike, hilf uns, auch wenn es Dir schwerfällt.“

Lara streichelte Mikes Rücken, dann fügte sie hinzu: „Kannst du dir vorstellen, unter welchem Druck wir stehen? Jedes Mal, wenn ich mich mit Sven streite, habe ich im Kopf, dass es nicht ausufern darf. Was ist, wenn wir uns so zerstreiten, dass wir nicht mehr zueinanderfinden, uns hassen und nie mehr miteinander befreundet sein wollen? Was ist dann mit dieser Zukunft, die uns so oft vor Augen geführt worden ist?“

Mike lächelte und sah seiner Mutter in die Augen.
„Ich muss euch nun verlassen. Es wird jetzt gleich einen starken Knall geben. Haltet euch am besten die Ohren zu und eines möchte ich in Bezug auf Deine Zweifel anmerken: Allein, dass ich hier mit dir bin, ist doch der Beweis dafür, dass ihr mich gezeugt habt, oder? Ich darf nicht zu viel verraten, du bist eine gute Mutter und er ein treu sorgender Vater, glaub mir ...
Paps!“, Mike lächelte, Sven lief ein Schauer über den Rücken, „Ihr müsst jetzt eure Ohren schützen.“

Die beiden bedeckten ihre Ohrmuscheln und sahen sich mit gerunzelten Stirnen an.
Es knallte! Ein Knall, der durch alle Glieder raste, den Kopf zusammen quetschte, gefolgt von einem Lichtblitz, der sich zirkulär ausbreitete. In der Mitte sah man ein stechend weißes Licht, fast glasig. In seiner Ausbreitung wechselte das Licht von kühlem Blau zu Dunkelblau und endete in einem glutroten Ton.

Lara kniff schnell die Augen zu.
Ein „Urknall“, dachte sie.
Alles Leben umwickelte sie, strich an ihrem Körper entlang, sie hörte Babyweinen, Kinderlachen und Jugendliche toben wie auf einem Schulpausenhof.
Sie wirbelte um sich selbst. Sie blinzelte, sah Sven, der sich erstaunt umsah, und die Finger nicht mehr in den Hörgängen stecken hatte.

Lara ließ auch von ihren Ohren ab. Da erklang Musik, ein Klavier! Und Lara drehte sich dazu.
Ein Löwe flog dicht an ihr vorbei, lächelte der? Ein Elefant kam auf sie zu geschwebt, schien peinlich berührt nicht ausweichen zu können, hob den Rüssel trötend in die Luft. Lara schmiegte sich an seine stachelige runzelige Haut, hielt sich an ihm fest, bis er fortgerissen wurde. Sie sahen Pflanzen, Blumen und Bäume. Wie Girlanden waren sie zum Teil gewunden und Blüten öffneten ihre Kelche zur Begrüßung, strahlten in den schönsten Farben.

Sven flog auf seine Freundin zu, sie lächelten. Lara bemerkte, dass er keine Kleidung trug. Sie schaute an sich hinab und stellte fest, auch sie war nackt. Beide ergriffen ihre Hände, zogen sich aneinander und umarmten sich. Sarah ließ Tränen laufen. Noch nie hatte sie sich so glücklich gefühlt. Die Nähe ihres Sven, der sich warm in ihr ausbreitete, bescherte ihr ein Wohlbehagen ungekannten Ausmaßes. Sie waren EINS.
Die Geräusche verebbten, das Licht erlosch.

Lara spürte Sand unter ihren Pobacken. Die beiden blinzelten, rieben sich die Augen. Die Brandung des Meeres klang nach Heimat, roch nach Zuhause. Am Horizont zeigte sich erste Morgenröte. Sarah begann zu kichern, schlang ihre Arme noch fester um Svens Hals. Ihr Kichern wurde lauter und ging in ein befreiendes Lachen über. Sven lachte auch und küsste ihren Nacken.

Sarah lehnte sich an Sven, lächelnd fragte sie:
„Denkst du das Gleiche wie ich?“
„Ja, meine Süße, Mike lebt jetzt und wird in dir wachsen, aber so richtig normal war das dann doch nicht. Voll krass, würde ich sagen. Ich liebe Dich!“
„Manchmal denke ich, dass ich aus einem Traum erwachen werde und alles nur eine Nacht war“, flüsterte Sarah.
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