Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Kapitel 24 - Muschelfleisch

Die Möwe zog einsam ihre Kreise über der kleinen Bucht. Lara glaubte, sie zu kennen. Es gab hier unzählige Möwen, doch Lara hatte diesem Exemplar einen Namen gegeben. George.

„Du kennst die Lösung unserer Sorgen“, sprach Lara leise Richtung der Möwe, die unbeirrt durch die Lüfte glitt. Das, was Lara hier wahrnahm, fiel früher in die Kategorie Traumurlaub. Der Wind säuselte leise, die See vor ihr war friedlich. Der perfekte Tag. Im Meer baden, die Sonnenstrahlen genießen. Ein gutes Buch – ein Krimi von Ian Rankin oder doch etwas Komplexes? Sibylle Berg vielleicht.

„Komm, Lara. Wir haben genug geträumt. Ich habe Hunger, von Liebe allein kann ich nicht leben.“ Sven hatte wenige Meter von ihr entfernt im Sand gelegen, für ein paar Minuten innegehalten. Sie beobachtet, ihre Schönheit genossen. Doch all das war endlich, keineswegs unendlich. Sie mussten früher oder später den Weg fort von dieser Insel finden. Hier lebten zu viele Menschen. Viele sind schon gestorben, aber das Eiland konnte nicht alle Menschen ernähren.

Lara und Sven hatten - bevor sie die Flaschenpost entdeckten - in der Bucht eine Muschelbank gefunden. Sie hatten die Hoffnung, dass sie das Wissen von der Existenz dieser Muschelfarm exklusiv hatten. Neid und Missgunst machten auf der Insel die Runde. Teilen war nicht möglich. Es würden Leute auf der Strecke bleiben. Allerdings wäre dies auch kein Unterschied zur Realität. Hier und da bewirteten einige Leute ein Stück Land. Andere fischten. Alles nicht viel.

Lara hatte Sven kürzlich gefragt, ober er Kannibalismus für möglich halten würde. Sven hatte energisch mit dem Kopf geschüttelt, es kategorisch ausgeschlossen. Lara wusste, dass er sie nur beruhigen wollte. Sie erkannte an seinen Augen, dass er etwas anderes sagte, als er gedacht hatte. Doch dafür liebte sie ihn. Sein beschützendes Wesen, der letzte feste Halt in ihrem Leben.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie dachte für einen ganz kurzen Moment, was denn wäre, wenn sie die beiden letzten Menschen auf dieser Insel wären und die Ressourcen erschöpft wären. Sie musste würgen, doch schon bald teilte ihr Gehirn ihr mit, dass auch sie Hunger hatte.

Allmählich gewöhnte sie sich an die Muscheln. Als Kind hatte sie sich davor geekelt. Ihre Eltern hatten Muscheln geliebt. Immer, wenn sie an der Küste in Holland, Frankreich oder Belgien Urlaub gemacht hatten, aßen ihre Eltern Muscheln. Für Lara gab es dann immer etwas anderes: Frikandel in Holland, Hähnchen mit Fritten in Belgien, und auf dem Camping-Platz in Frankreich gab es für sie ein Baguette mit Fleisch und dieser speziellen Käse-Sauce. Ein Traum.
Für Muscheln empfand sie damals nur Ekel. Jetzt trieb der Hunger sie an. Kann der Hunger so grenzenlos sein, dass alle Barrieren fallen? Wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Sie kratzen die Muscheln von den Felsen ab. Die scharfen Kanten der Schalen hinterließen kleine Schnitte in den Fingern. Nachts brannten die Wunden. Sven hatte eine Feuerstelle eingerichtet, auf den Steinen postierte er den verbeulten Topf. Ein Brett diente als Deckel. Sven kochte die Muscheln ohne Wasser. Das funktionierte, weil die Muscheln genug Flüssigkeit in sich hatten. Sven meinte ohnehin, dass sie so besser schmeckten. Sie so zu kochen, ist verboten, da die Tiere zu lange leiden. Doch hier auf der Insel waren schon wichtigere Gesetze nicht mehr in Kraft.

„Wenn das hier alles vorbei ist, führe ich dich groß zum Essen aus. Drei Gänge. Champagner“, sagte Sven, während er mit einer leeren Schale das Fleisch aus einer anderen Muschel puhlte. Wieder musterte Lara sein Gesicht, seinen Blick, seine Augen. Wird das hier jemals vorbei sein? Lara glaubte nicht, dass Sven viel Hoffnung hatte.

Für die Portion brauchten sie nur zehn Minuten. Lara verspürte dabei keine Übelkeit mehr. Jedenfalls keine Übelkeit, die sie auf die Muscheln zurückführen konnte.
Sie brachen auf. „Komm, lass uns schauen, ob wir Frau Neune finden“, sagte Lara. Frau Neune könnte ihr vielleicht etwas geben, gegen diese Übelkeit. Sie verließen die Bucht. Zwei Männer mit Angeln kamen ihnen entgegen.
„Jetzt finden sie die Muschelbucht“, dachte Sven. Er und Lara kämen mit den Muscheln noch ungefähr vier Wochen hin. Natürlich müssten sie zwischendurch etwas anderes essen. Zuviel Eiweiß ist nicht gut für den Körper. Und Sven machte sich Sorgen, dass Lara dies auf Dauer nicht vertragen würde. Hatte sie sich nicht letztens morgens übergeben? Wo ist nur Frau Neune, sie könnte jetzt helfen.

Schweigend, Hand in Hand, schritten sie den schmalen Dünenweg hinauf. Der Weg wurde fester und breiter und mündete in eine Asphaltpiste, die sich auf zwei Kilometern ins Dorf schlängelte. Aus dem Haus der Apothekerin flimmerte Kerzenschein. Als sie die Tür erreichten, vernahmen sie wilde Akkordeonklänge. Sven klopfte, die Apothekerin öffnete.
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