Ganz schön bissig ...
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Spiekeroogyssee

Kapitel 26 - Der Rabenhorst

„Was denn für Raben, Lara?“ fragte Sven.
„Du wirst schon sehen. Komm einfach mit. Frau Neune, haben sie noch Kuchen oder etwas anderes? Ich hab´ solch einen Hunger, ich könnte einen Bären verdrücken.“
Frau Neune ging zu der Truhe in der hintersten Zimmerecke und fand tatsächlich noch ein Paket Butterkekse, eine Flasche Wasser und eine Flasche Wein.
„Okay, ich bin bereit, Kinder. Lasst uns gehen.“

Sven runzelte die Stirn, enthielt sich aber jeglichen Kommentars angesichts so viel weiblicher Bestimmtheit. Lara ging vorweg, riss dabei die Kekspackung auf und stopfte sich 2 Kekse auf einmal in den Mund. Seine Freundin drehte sich im Laufen um und rief voller Lebensfreude: “Ich könnte die ganze Welt umarmen, ich bin so froh am Leben zu sein.“
Sven stolperte hinterher und schaute auf Laras Bauch, der sich schon ein kleinwenig zu wölben begann.

“Merkwürdig, aber seit wann wachsen Babys innerhalb von einem Tag so schnell?“ dachte er.
In seinem Kopf drehte sich alles und Tausende von Fragen kamen ihm in den Sinn. Aber nachdem er einen tiefen Schluck aus Frau Neunes Weinflasche genommen hatte, entspannte er sich und ließ es einfach auf sich zukommen. Er verspürte ein wohltuendes „Fuck it“-Gefühl und vertraute auf die sehr starke Frau an seiner Seite – kein Zweifel, sie war kein Kind und keine Jugendliche mehr, die Schwangerschaft hatte sie erwachsen werden lassen.

30 Minuten und eine halbe Flasche Wein später standen sie am Strand. Der war menschenleer, dafür sahen sie überall schwarze und weißgraue Punkte. Die Punkte erwiesen sich als Vögel; die Schwarzen waren Krähen, wie Lara vorhergesagt hatte, und die weißen waren Möwen. In dem Moment stürzte Lara auch schon los. Sie lief auf die Vögel zu wie ein kleines Mädchen auf den Weihnachtsbaum, nachdem das Glöckchen gebimmelt hat. Dabei rief sie immer wieder „George, da bist du ja!“

Die Vögel schauten Lara an und machten ihr Platz und kein einziger Vogel kam trotz Laras schnellem Schritt zu Schaden. Lara kniete in der Mitte des Strandabschnitts vor einer Möwe. Sie hatte eine Hand auf die Möwe gelegt und sprach mit ihr.

Sven und Frau Neune gingen langsam hinter Lara her und bald konnten sie hören, was Lara sagte: „George, was sollen wir tun und wie können wir die Insel retten?“

Sven traute seinen Ohren nicht, als er hörte, was die Möwe antwortete: „Lara, ich habe 4 Wochen auf Euch gewartet. Ich dachte schon, ihr würdet nicht kommen. Mein Freund Horst, der Rabenkönig kann Euch sagen, was ihr zu tun habt. Ihr findet ihn in der Linde. Geht schnell dorthin, er wartet auf Euch.“

Sven, Lara und Frau Neune machten stehenden Fußes kehrt und liefen so schnell sie konnten zur Linde. Dort fanden sie auf dem untersten Ast sitzend, den Rabenhorst.

Als die Drei sich näherten, hüpfte der Vogel höher in das Geäst der Schutz und Zuversicht ausstrahlenden Linde. Mit jedem Schritt, den die kleine Gesellschaft tat, veränderte der Rabenhorst seine Gestalt und wurde vom lackschwarzen, stolzen Vogel zu IHM - zu Bernd, und gleich darauf zu Kapitän Lukas. Im stetigen Wechsel wandelte er sich weiter zum Bürgermeister, zu dem Irren Brunner, zu Ralf, zu dem Anwalt, zu Mike, zu dessen namenlosen, bösartigen Schwester, die ihrer Mutter Lara doch so ähnlich sah, um schlussendlich kurz in Gestalt einer großen, strahlenden Uhr mit einem Zifferblatt aus lauter Neunen zu erscheinen, bis er, nun hoch oben in der Baumkrone sitzend, wieder zum Rabenhorst wurde. Eines hatten alle seine Erscheinungsformen gemein gehabt: seine weisen, blau schimmernden Murmel-Augen.

Frau Neune, Lara und Sven hatten das Schauspiel gebannt und vor Faszination schweigend beobachtet. Sie standen nun direkt unter der Linde und mussten ihre Köpfe in den Nacken legen, um Horst anschauen zu können. Die blauen Murmeln schauten zurück.

„So weit seid ihr schon gegangen, seltsame Wege habt ihr beschritten, habt Mut und Stärke bewiesen. Einzig die absolute Erkenntnis, um alles Erlebte - oder Erträumte? - ordnen zu können, fehlt euch am Ende. Darum steht ihr nun hier vor mir.“
Horst, der Rabe, brachte krächzende Töne hervor, doch das Rauschen der Blätter verwandelte diese auf dem Weg nach unten in Worte, die majestätisch verhallten, nachdem sie die Ohren der Zuhörer erreicht hatten.

„Ihr konntet in mir all jene erkennen, die, außer euch selbst, an der augenblicklichen, so unwirklich scheinenden Situation beteiligt sind. Auch habt ihr mich in Gestalt der Uhr aus Licht mit ihrem außergewöhnlichen Zifferblatt sehen können. Diese Uhr ist ein Symbol für die Existenz von Raum-Zeitverschiebung und für den erforderlichen Glauben an die Vermischung von Traum und Realität.
Ihr seid verwoben mit der Legende von dem Neunerjungen, der bei seinem Spiel mit neun blauen Murmeln die ganze Welt gewinnen kann. Des Rätsels Lösung und damit der Rettung Eurer Welt, wie ihr sie Euch zurückwünscht, kommt ihr näher und näher.“

Sven und Lara fassten sich an den Händen und genossen den leisen Schimmer der Hoffnung, der sie bei diesen Worten streifte. Frau Neune aber sank auf die Knie und lächelte, während sie dankbar die nächsten Worte des Krähenkönigs aufnahm.

„Die Aufgabe, die Ihnen, Frau Neune, bei all dem zukam, ist an dieser Stelle erfüllt und sie haben es sich verdient, wieder zu dem zu werden, was Sie einst waren: Flüsternder Wind, der den Sand der Insel und die Wellen des Meeres um sie herum bewegt, wie es ihm beliebt.“

Bei diesen Worten schwoll das Rauschen der See an und wurde eins mit dem der Linde. Frau Neune schien ebenfalls mit dem Geräusch zu verschmelzen. Sie löste sich mit immer schneller kreisenden Bewegungen auf und war am Ende nur noch erkennbar durch die Spur feiner, aufgewirbelter Sandkörner, die einen Augenblick lang das Muster einer vollkommenen Neun in der Luft zeichneten – bevor Sie mit dem Hauch eines erleichterten Kicherns zum Abschied sanft über die Haut der beiden erschöpften Jugendlichen strich und mit dem Wind verschwand.

Sven und Lara sahen sich an und lauschten mit neuer Kraft den Worten des Krähenkönigs, wissend, dass ihnen diese endlich bei der Zusammenfügung all der verstreuten Puzzleteile helfen würde.

War die Rettung wirklich so nah? Eine vollkommene Neun... sollte die Erkenntnis so einfach sein? Neun Gestalten, neun Personen, neun Wirklichkeiten, neun Wege zur Vollkommenheit. Bist du der Krähenkönig, der die Puzzlestücke in der Hand hält? Und ich?? Und wir? Welche Rolle spielen wir? Webst du die Krumen und die Fäden, die Abfallstückchen, die Leckerbissen, die wir dir ehrlich zugedacht haben, in deine Welt? Ist das auch unsere Welt? Welches war mein Stückchen? Das blaue, das nun violett ist? Was wächst in diesem Bauch, den ich glaubte zu lieben? Du sagst, wir sind der Lösung nahe – der Rettung. Warum kann ich dir nicht glauben? Ich soll die Legende erfüllen, mein Blut, mein Fleisch, meine Liebe.

Sven konnte sich nicht erklären, wie und warum seine Hoffnung plötzlich in Unmut und Widerwillen umschlug. Nichts erschien ihm mehr echt. Tut mir leid, dachte er, da spiele ich nicht mit. Er drückte Laras Hand ein wenig fester, nicht zu fest. Sie spürte seine Erregung nicht.

„Findet die Uhr und bringt sie zum Jungen. Das ist des Rätsels Lösung!“
Der Rabenkönig flog davon. Svens Unmut und Widerwille war berechtigt gewesen, da sie ein weiteres Rätsel zu lösen hatten. Wie sollten sie bloß die Uhr finden? Und wie sollten sie zu dem Jungen kommen, wenn sie die Uhr erst einmal hätten?

Lara riss ihn aus seinen Gedanken und zeigte auf etwas. Sven wusste erst nicht, was sie meinte, doch dann sah er es auch aus den Augenwinkeln. Etwas Flatterndes kam auf sie zu und landete direkt vor ihren Füßen. Es war das Buch! Es öffnete sich, und zum Vorschein kamen goldene Lettern, die Worte bildeten.
„Die Uhr ist dort, wo euer Verstand es am wenigsten vermutet, aber euer Herz es am meisten sucht.“

Fragend sahen sich die beiden werdenden Eltern an. Gerade wollten sie nach dem Buch greifen, um vielleicht noch etwas heraus zu bekommen - da schlug es zu und flog mit lautem Getöse davon.

„Was meint es damit, wo unser Verstand es am wenigstens vermutet, unser Herz es aber am meisten sucht?“
Lara sah Sven fragend an. Doch Sven war mit den Gedanken längst woanders:
“Meinst du, Frau Neune geht es gut? Was hat der Rabenkönig bloß mit ihr gemacht?“
„Ich glaub es geht ihr gut, sie sah so glücklich aus!“
Lara nahm Svens Hand und zog ihn so dicht an sich, dass er ihr direkt ins Gesicht sehen musste:
„Wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, die Uhr zu finden, sonst war alles umsonst!“

Ihr Gesicht wurde plötzlich blass und schmerzverzerrt. Lara sank gekrümmt auf ihre Knie und übergab sich, bis nur noch Galle herauskam. Sven der sich erschrocken neben sie geschockt hatte, streichelte unbeholfen ihren Rücken.
„Lara Schatz, alles ist gut!“
Zur Antwort kam ein weiteres würgendes Geräusch. Nach weiteren fünf Minuten richtete Lara sich zitternd auf und war mit neuer Willenskraft gestärkt.
„Komm schon, wir müssen die Insel retten!“

Überrascht sah Sven sie an:
„Willst du dich nicht lieber noch ein wenig ausruhen?“
Sie überging seine Frage und marschierte in Richtung Dorf. Sven richtete sich auf, schob noch ein wenig Sand über das Erbrochene und hastete ihr hinterher.
„Lara - warte, wo willst du denn jetzt so schnell hin?“
„Ich weiß es nicht, Sven aber wir müssen doch was tun!“
Abrupt blieb sie stehen und lief wieder in Richtung Strand.
„Ich weiß, wo die Uhr sein könnte, mein Herz schlägt tagtäglich an diesem Ort, auch wenn meinem Verstand der Gedanke daran zu unangenehm ist.“
Sven guckte sie verdutzt an.
„Und was soll das für ein Ort sein?“

Lara antwortete nicht und eilte weiter. Doch Sven dämmerte es langsam, wo sie hin wollte. Ihnen war es immer zu peinlich gewesen, darüber zu reden. Doch hatte er oft daran gedacht. In den letzten Tagen war so viel Schreckliches passiert - dies war einer der wenigen schönen Momente gewesen. Hier erlebten und teilten sie einen ihrer ersten intimen Momente, aus dem auch Mike entstehen sollte. Als Sven ankam, saß Lara, die schon vor gelaufen war, in der Mulde aus Sand in der sie ihre gemeinsame Nacht verbracht hatten. Sie lächelte ihn verführerisch an und klopfte neben sich auf den Boden. Er ließ sich neben sie fallen und war mit einem Satz wieder auf den Beinen.
„Auu! Was war das?“

Lara sah ihn verwundert an und richtete ihren Blick dorthin, wo er vor einer Sekunde noch gesessen hatte. Ein goldener Gegenstand blitzte ihr halb im Sand verborgen entgegen. Aufgeregt beugte sich Lara über den Gegenstand, strich den Sand beiseite und hielt schließlich den Gegenstand in den Händen. Sven der sich mittlerweile wieder neben sie gesetzt hatte, entfuhr ein Aufschrei:
„Was ist denn das?“

Vorsichtig fingerte Lara an dem goldenen Gegenstand herum, der plötzlich aufklappte. Ein goldenes Zifferblatt kam zum Vorschein. Sven freute sich so sehr über die gefundene Uhr, dass er Lara, die überrascht aufschreckte, einen Kuss aufdrückte. Er begutachtete die Uhr von allen Seiten, bis er schließlich stutzte. Auf der Rückseite der Uhr war ein Name eingraviert. Ob dies der Name des Besitzers und des Jungen war?
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