Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 01 - Die Flaschenpost

Sa, 30.05.2009, 16.00 Uhr
Sven, einer von zweitausendundneun Überlebenden auf der verschollenen Insel Spiekeroog, hatte heute seinen freien Tag. Den verbrachte er, wie so oft, beim alten Anleger im Sand und stellte sich vor, es wäre Badesaison. Wie früher. Dabei erinnerten die verbliebenen Betonfundamente, deren von Muscheln zerfressenen Stumpen einzeln aus dem Wasser ragten, überhaupt nicht mehr an die Geschichten von Laras Oma, in denen hier noch Herrschaften mit weißen Sommeranzügen und wallenden Kleidern von der Pferdebahn abgeholt wurden. Während der letzten zwölf Monate hatte man sämtliche Gleise mitsamt jeder noch so verrosteten Schraube und jedem noch so morschen Stück Holz von dem einstigen Steg entfernt. Aber hier konnte Sven allein sein und von jenem letzten Tag träumen, an dem der Horizont noch mehr zu bieten hatte als Wellen, Sonne und Wolken. Hier hatte er das letzte Mal in seinem Leben Schiffe gesehen; fremde, aber in ihrem Anblick überaus vertraute Schiffe, die aus der über Nacht verschwundenen Welt kamen - oder der Welt, aus der die Insel verschwunden war - wer konnte das schon wissen? So viele Schiffe hatte er da draußen gesehen an diesem sonnigen Nachmittag vor der Sturmflut, die die Insel zu einer Singularität in einem endlosen Ozean gemacht hatte. In seiner gelangweilten, doch letztlich selbstzufriedenen Urlaubsstimmung hatte er sie damals beobachtet: die großen Frachter und Fähren weit entfernt, und die kleinen Kutter und Segelboote so nah, dass er den Leuten hatte zuwinken können; und sie zurück.

Das war nun fast ein Jahr her. Er war mit seinen Eltern auf die Insel gekommen, zum letzten Familienurlaub, wie sie ihm versichert hatten. Als 16-jähriger wäre Sven viel lieber mit seinen Freunden nach Spanien gefahren. Verdammt, dachte er, dann wäre er hier jetzt nicht gefangen. Aber seine Eltern wären trotzdem tot. Er hätte es nur nie erfahren. Seine Augen wurden feucht. Er trocknet sie nicht ab, denn hier war niemand, der ihn sehen konnte. Tränen rannen über seine Wangen, fielen auf seine Jacke und tropften nach unten. Langsam drückte er die glitzernden Perlen in den Dünensand. Die nassen Körner blieben an seinen Fingern kleben und Sven steht auf, um sie ins salzige Wasser zu tauchen. Auf dem Weg zur Uferlinie schirmte er die Augen gegen die blendende Sonne ab und ließ seinen Blick über die lang gezogene Küste schweifen. Der Strand war so leer wie der Horizont: kein Papier, kein Plastik, kein Treibholz. Alles wurde eingesammelt und gut verwahrt. Jedes einzelne Stück Müll war wertvoll geworden.

Vor ihm breitete sich ein grünlicher, faulig riechender Schaumteppich aus, den die Wellen mit der ansteigenden Flut ans Land schoben. Sven steckt seine nackten Zehen hinein, fühlt die schleimigen Algen und darunter den warmen, weichen Sand. Mit wenig Kraft gelang es ihm, den Fuß bis zum Spann versinken zu lassen. Plötzlich stieß er auf etwas Hartes. Ein Krebs, dachte er erschrocken und zog das Bein heraus.

Die nachlässig umgekrempelte Jeans war nass geworden und im Falz klebte ein Gemisch aus Sand und Schaum. Sven bekam ein schlechtes Gewissen. Er sollte mehr auf seine Sachen achten, hatte man ihm gesagt. Neue Hosen gab es nicht, und wenn diese hinüber war, was sollte er dann anziehen? Aber der Gegenstand im Sand interessierte ihn. Könnte es etwas Essbares sein? Eine saftige Languste, die er mit seinem Taschenmesser, von dessen Existenz niemand wusste, aufknacken und ausschlürfen könnte? Oder sogar eine vergessene Konserve? Voller Bohnen oder Fleisch? Mit knurrendem Magen hockte er sich hin, schob die toten Algen beiseite und grub mit den Händen vorsichtig ein Loch, bis er eine Flasche zu fassen bekam. Eine Weinflasche, die er hervorzog, dunkelbraun, schmutzig - und mit einem Korken verschlossen. Er freute sich trotzdem. Heute würde man ihn loben, denn jedes noch so unscheinbare Fundstück galt inzwischen als überlebenswichtig. Stolz taucht er den kleinen Schatz ins Meerwasser und säubert ihn. Als er das schimmernde Glas gegen die Sonne hielt, sah er den Zettel. Tatsächlich, in der Flasche befand sich ein Blatt Papier! Eine Flaschenpost? Die Überlebenden von Spiekeroog hatten ihre letzte offizielle Flaschenpost vor sieben Monaten ins Meer geworfen; unter den Augen fast aller hier Gefangenen, als könnte allein die hundertfache Verzweiflung die in den Wellen tanzende Botschaft bis in die andere, die richtige Welt treiben. Nie hatte es eine Reaktion auf diesen letzten Hilferuf gegeben. Inzwischen brauchte man Flaschen für Dringenderes; und Papier ebenso.
Aufgeregt und mit dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, gelang es ihm, mit dem Korkenzieher seines Taschenmessers die Flasche zu öffnen. Er bekam das Papier zu fassen und zog es heraus.

*

»Und was stand drauf?«
Lara war fast 16. Sven kannte sie bereits aus dem Kindergarten und war mit ihr in dieselbe Klasse gegangen. Nur weil ihre Eltern gleichzeitig mit seinen diesen letzten Familienurlaub in Spiekeroog geplant hatten, war er bereit gewesen, auf Spanien zu verzichten. Lara war seine Freundin, wenn auch außer einem Kuss zwischen ihnen noch nichts passiert war. Manchmal wünschte er sich, dass sie ihn in den Arm nahm, um ihn zu trösten. Aber über solche Wünsche sprach man nicht. Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und der allgegenwärtige Tod hatten die Inselmenschen an ihre mitleidslose Umgebung angepasst. Trotz ihrer stillschweigenden Übereinkunft, miteinander zu gehen, scheute er sich wie ein im Sand verharrendes Schalentier davor, seinen weichen Kern zu öffnen.

Es war Abend geworden und sie saßen zusammen im Windschatten des kleinen Gebäudes mit den Duschen und Toiletten, das zum früheren Campingplatz von Spiekeroog gehörte.
»Warte«, sagt er und kramt in seiner Hosentasche, »Lies selbst!«
Mit einem verschwörerischen Lächeln reichte er ihr das Blatt, und während ihre Augen nervös über die Zeilen huschten, suchten die seinen das Dünengras nach unerwünschten Beobachtern ab.
»Hallo!« las sie murmelnd, »Mein Name ist Mikael, ich bin 9 Jahre alt, meine Hobbys sind blaue Murmeln, Physik und Raum-Zeit-Dialektik. Wenn Du meine Flaschenpost findest und die gleichen Hobbys hast, schreib an ...«
Verständnislos sah Lara ihn an: »Ein ... na ja, ziemlich verrückter Junge aus Neu... n... eh ... Neuharlingersiel. Na und?«
»Das Datum, schau auf das Datum!« Sven war aufgeregt, rieb die feuchten Hände an der Hose ab und nahm Lara den Brief aus der Hand.
»Hier steht: 25.04.2009. Verstehst du? Das war letzten Monat. Und die Flasche hat sicher schon eine Weile da gelegen. Wir sind nicht alleine! Es gibt Neunharlingersiel ...«
»Neun?!« rief Lara entsetzt und starrte auf das Papier.
»Neun... Neuharlingersiel, Mensch!«, sagte Sven ungehalten, »ist doch egal, Hauptsache, es gibt das verdammte Festland noch! Ein paar Wochen nur! Lara, dann ist es vorbei!«
Er strahlte sie an und lief, den Brief in der Hand wedelnd, aufgeregt hin und her.

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