Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Spiekeroogyssee

Kapitel 27 - Erwachen?

Schnell und ohne warnende Anzeichen hatte der Himmel über ihnen sein unschuldiges Weiß verloren. Über ihnen ballten sich dunkle Wolkenberge. Das Meer reflektierte das Schwarz des sonnenlosen Universums und in wenigen Augenblicken drohte das Unwetter über ihnen hereinzubrechen. Doch Lara und Sven hatten nichts davon bemerkt, da sich mit ihren Gedanken nur mit der Uhr beschäftigten.

Für eine Sekunde teilten sich die Wolken und ein Sonnenstrahl blendete scharf auf, verfing sich im goldenen Deckel der Uhr, und die Lichtfunken trafen Lara direkt in die Augen. Für sie verschwamm alles zu einem hellen Fleck, der nach und nach Umrisse bekam und zu einer hellen Lampe wurde. Aus den Schatten formte ihre Erinnerung Personen. Menschen, die mit Mundschutz vor den Gesichtern sich über sie beugten. War sie in einem Operationssaal?

"Schnell, geben Sie ihr noch Schlafmittel, sonst wacht sie auf! Das können wir jetzt gar nicht brauchen!“

Wo war sie? War sie bei Bewusstsein oder in einem Traum gefangen? Was machte sie hier auf dieser Liege? Durch ihren verschleierten Blick sah sie die Augen der Ärzte. Jedenfalls vermutete sie, dass es Ärzte waren. Zwei blaue Augenpaare starrten sie an. Kugelrund und groß blickten sie verstört auf sie. Blaue Augen - Murmeln?

Beruhigend legte der Arzt, der sie irgendwie an den Bürgermeister ... Bürgermeister?? erinnerte eine Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr ins Ohr:
"Zählen Sie einfach bis neun, dann sind Sie wieder eingeschlafen."
Neun, schon wieder diese Zahl. Sie wollte sich weigern zu zählen, wollte aufspringen, schreien, Antworten haben ... doch kam wieder der Schlaf über sie. Oder war sie wach? Sie wusste es nicht, war nicht bei Bewusstsein.

Sie sah Sven, der neben ihr am Bett saß und auf sie einredete ... War das jetzt wieder ein Traum?
Ihr Kopf schmerzte und etwas Schweres lag auf ihrem Bauch.
"Liebes, hörst du mich? Wie fühlst du dich? Die Ärzte sagen, dass du über den Berg bist. Ich habe mir solche Vorwürfe gemacht. Wie konnte das alles nur so weit kommen ...?"

Tränen rannen an seinen Wangen herunter und tropften auf ihre Hand.
Lara beschloss, sich zu entspannen. Sie konnte im Moment Wahrheit und Traum nicht voneinander unterscheiden und ergab sich in ihr Schicksal.
Im Moment schien sie jedenfalls wach zu sein und schaute Sven wortlos an.

„Lara, was ist?“, hörte sie ihn fragen
„Bist du wach? Weißt du, wo du bist?“
"Ich weiß nicht, ich weiß nichts."
"Oh meine Lara, gar nichts? Wie grausam ist das. Die Ärzte haben aber doch gesagt ...? Na, ich versuche mal, etwas Licht in deine Erinnerung zu bringen, denn seit einem Jahr liegst du hier im Krankenhaus. Wir waren mit unseren Familien auf Spiekeroog. Wollten Urlaub machen. Kannst du dich erinnern?"

Lara stöhnte auf. Was war denn das jetzt wieder für eine Wahrheit? War alles doch nur ein Traum? Aber an die Insel konnte sie sich erinnern. Wie hätte sie das auch vergessen können? Ihr Leben hatte sich bis jetzt um diese Insel gedreht.
Vorsichtig nickte sie, was einen erneuten Schmerz durch ihren Kopf zucken ließ.
"Gut, dann mach ich mal weiter. An dem Abend, als es passierte, hatten wir uns in die Dünen am Strand zurückgezogen und ... und du erinnerst dich wirklich nicht? Nicht mal an unsere gemeinsame erste Nacht?"

Sven kämpfte mit den Tränen. Verstohlen drehte er den Kopf zur Seite und stand auf.
Eine ganze Zeit lang ging er nun im Zimmer auf und ab und man konnte seine Gedanken fast hören.
Müdigkeit besiegte Lara, und sie schlief wieder ein. Ihre Augen waren so schwer, der Schlaf so verführerisch und die Schwärze, die sie einzuhüllen begann, so leicht und wundervoll.
"Lara? Bist du noch wach?" Er nahm ihre Hand.
Sie riss die Augen wieder auf.
"Ja." sagte sie matt.

Sven hatte sich wieder neben sie gesetzt und sprach nun mit leiser Stimme weiter.
"Keiner hatte die Flutwelle kommen sehen. Sie entstand aus dem Nichts, war da, überrollte die Insel, den Strand - und riss uns und überhaupt alles mit."
Sven schluckte, denn aufsteigende Tränen wollten erneut seine Stimme ersticken.
"Ich wollte dich festhalten, dich nicht loslassen, dich nicht im Stich lassen ... doch ich verlor deine Hand. Verlor dich -“
Er schluchzte trocken auf und drückte ihre Hand nun fester.

„Ich wurde von den Helfern unverletzt aufgefunden. Du warst auf das Meer hinausgerissen worden. Man hat dich nach einer Woche gefunden. Du hattest Glück um Unglück, denn du lagst ausgetrocknet mit einer Kopfverletzung auf einer Tür. Sie brachten dich hier ins Krankenhaus ..."
Erneut versagte ihm die Stimme. Ohne sie loszulassen, griff er mit der anderen Hand zum Wasserglas auf dem Tisch. Er musste einen Schluck trinken.

„Wasser …“, dachte Lara. Wie lange hatte sie schon kein Wasser mehr getrunken? Ihr Mund schien völlig ausgetrocknet. Langsam streckte sie ihre Hand dem Glas entgegen.
Sven zuckte zusammen. Aber er wollte es sich nicht anmerken lassen. Was war mit ihm? Was sollte das alles bedeuten? Ihre Fragen mussten warten, denn Ihr Durst war stärker. Sie griff nach dem Glas.

War es Einbildung oder schmeckte dieses Wasser salzig? Sie kippte den Inhalt auf einmal runter, ihr Durst wurde stärker. Was bedeutete das?
Doch bevor sie weiter an ihren Gedanken festhalten konnte, öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und zwei Personen betraten den Raum.
"Oh, unsere Patientin ist wach. Das sind ja mal erfreuliche Nachrichten. Wie geht es Ihnen? Haben sie noch Schmerzen?"
Frau Neune und der Bürgermeister traten an ihr Bett und lächelten ihr zu.
Frau Neune? Der Bürgermeister? Ihr Herz begann zu rasen. Und diese blauen Augen, die Murmeln ... alles verschwamm plötzlich wieder vor ihren Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Sie versuchte zu schreien, sich loszureißen, die Bettdecke von sich zu schleudern, doch etwas Schweres lag immer noch auf ihrem Bauch.
Ihr Bauch, warum war er so dick? War sie doch schwanger?
Mit einem Knall schien ein Buch zu Boden zu fallen. DAS Buch!
Aber es flog nicht. Es lag einfach so da - am Boden.
Sven hob es auf und reichte es ihr.

"Aus diesem Buch habe ich dir jeden Tag vorgelesen. Spiekeroog Odyssee heißt es. Ich fand es ganz spannend. Kannst du dich daran erinnern?
Weißt du eigentlich, dass wir schwanger sind? Das heißt, du bist schwanger. Bald werden unsere Kinder zur Welt kommen. Zwillinge. Ein Junge und ein Mädchen."

Lara, die bis eben noch versucht hatte aus dem Bett zu kommen zog es die Füße unter dem Boden weg. Das konnte doch nun wirklich kein Traum mehr sein.
Sollte das die Lösung all ihrer Probleme sein?
Sie sollte im Koma gelegen haben und sich das alles nur eingebildet haben ...
Die Schmerzen, die Trauer, die Wut und alles, was passiert war, war nur ein Traum?
Warum war sie gerade jetzt erwacht?
Plötzlich merkte sie Tritte in ihrem Bauch. Waren das die Zwillinge? Sollte nun doch alles gut werden?
Verzweifelt versuchte sie, es sich einzureden.

In diesem Moment drückte sie Frau Dr. Neune in ihre Kissen zurück.
"Sie dürfen sich noch nicht so belasten. Das ist alles zu viel für Sie. Schonen Sie sich. Hier sind sie sicher, hier kann Ihnen nichts passieren."
Dann wandte sie sich Sven zu.
"Und auch Sie müssen nun gehen. Es ist schon spät und es war ein aufregender Tag für alle. Lassen Sie ihre Freundin schlafen. Kommen Sie morgen wieder. Sie muss die ganzen Erfahrungen erst einmal verarbeiten."
Frau Dr. Neune und der Bürgermeister, für sie war es immer noch der Bürgermeister, gingen vom Bett weg.

"Ich liebe dich, Lara", flüsterte Sven ihr noch zu, da schloss sich die Tür hinter ihnen. Wieder war sie allein mit ihren Gedanken, und die Zweifel kamen zurück.
Vor Kurzem war sie doch noch am Strand gewesen, hatte die Uhr gefunden und diesen Namen gelesen. Sie waren der Lösung doch so nahe ...

Mit diesen Gedanken war sie wohl vor Erschöpfung eingeschlafen, denn das Nächste, was sie hörte, war das Kreischen eines Vogels. Der Schrei eines Raben. Sie öffnete die Augen. Alles war schwarz. Und es blieb schwarz, so sehr sie sich auch bemühte etwas zu erkennen, war es ihr nicht möglich. Sie wollte sich die Augen reiben, hob ihre Hand, doch durch einen unerträglich stechenden Schmerz ließ sie die Hand wieder sinken. Sand! Ihre Hand war voller Sand! Und nun hörte sie auch die Stimme des Raben wieder:
"Verschwinde! Das ist nur Illusion! Sie täuschen dich! Das ist ein Traum! Rette dich, solange du noch kannst!"

Und damit verstummte die Stimme und um sie herrschte nur noch Leer und Dunkelheit. Vollkommene Stille umgab sie.

Lara spürte, wie die Panik in ihr hochstieg. Wieso konnte sie nichts sehen? Ihre Arme fühlten sich an, als ob ein Gegengewicht sie hinunter drückte. Ihr Körper gehorchte ihr nicht. Bleib ruhig und denk nach! Es musste eine Erklärung für all dies geben. Sie war mit Sven am Strand gewesen und sie hatten die Uhr entdeckt.

Die Uhr … was hatte der Rabenkönig über sie gesagt? Irgendetwas mit Glaube an die Vermischung von Traum und Realität … Das Krankenzimmer … hatte sie das geträumt? Oder war es eine mögliche Realität? Und wo war sie jetzt? Lara merkte, wie ihr die Gedankenfäden entglitten, sie konnte sie nicht zu einem logischen Ganzen verknüpfen. Das ist nur Illusion! Sie täuschen dich! Die Stimme des Rabenkönigs hallte in ihrem Kopf nach. Rette dich, solange du noch kannst!

Wie denn nur?, dachte Lara verzweifelt. Sie wollte weinen und ihre Hilflosigkeit rausschreien, aber sie hatte keine Stimme. Es war verlockend, sich der Angst einfach hinzugeben, sie wünschte, sie könnte einfach aufhören zu atmen bis sie …

Jetzt reiß dich verdammt nochmal zusammen, hörte sie eine mutige Stimme in sich, die offenbar auch ihr gehörte. Und wenn du es nicht für dich tust, tu es für dein Kind, das du zur Welt bringen wirst! Das saß. Lara wurde mit einem Schlag ruhiger. Hol dir das gute Gefühl zurück, das du in dir trägst, machte sie sich Mut. Das Gefühl, das noch vor kurzem so stark gewesen war, dass ihr vermittelt hatte, dass alles einem Muster folgt und sie die Lösung in sich trug. Lass dich nicht vom Weg abbringen, konzentriere dich! Geh zurück zur Uhr, zum Strand, zu Sven! Sie war geblendet worden, daran erinnerte sie sich und plötzlich war sie im Krankenzimmer erwacht.

Ihr Gefühl sagte ihr, das das die Illusion gewesen war, von der der Rabenkönig gesprochen hatte, eine falsche Ebene. Sie musste zurück zum Strand, aber wie? Du musst daran glauben, schoss es ihr durch den Kopf, du musst dich entscheiden und bedingungslos daran glauben. Vielleicht war dieser Zustand, in dem sie sich befand, eine Art Zwischenebene, sie war weder in der einen Welt noch in der anderen, weder im Traum noch in der Realität. Auch wenn ihr Verstand große Zweifel anmeldete, hörte sie auf ihr Gefühl und stellte sich mit aller Kraft den Strand vor und Sven, der dort mit der Uhr auf sie wartete.

Ich weiß, dass das richtig ist, sagte sie sich, ich will zurück an den Strand. Ich glaube fest daran, dass ist der richtige Weg, ich… Moment, was war das? War das Svens Stimme? „Ich liebe dich Lara! Kannst du mich hören? Lara? Ganz ruhig, mein Schatz, Lara … Lara?“

Sie öffnete sie Augen und sah. Sie sah Sven, der sich mit sorgenvollem Gesicht über sie beugte, sie spürte ihren Körper, sie lag am Strand, die Uhr war eine Armlänge von ihr entfernt und – „Was ist passiert?“ – sie hatte ihre Stimme wieder!
„Lara, oh, Gott sei Dank! Wie fühlst du dich?“

Noch etwas benommen richtete sie sich auf. „Es geht mir gut“, sagte sie mit zittriger Stimme. „Du hattest die Uhr in deinen Händen“, berichtete Sven hektisch, „und bist plötzlich ohnmächtig geworden. Ich habe dich nicht wach gekriegt und zwischendurch warst du ganz unruhig und hast mit den Armen um dich geschlagen. Ich habe sie festgehalten, damit du dir nicht wehtust.“

„Es ist alles in Ordnung, Sven. Wir sind auf dem richtigen Weg, deshalb versuchen sie uns mit allen Mitteln aufzuhalten. Wir müssen gut auf uns aufpassen, und am besten wenig schlafen – wenn wir schlafen, versuchen sie erst recht uns zu manipulieren, hörst du?“ Lara blickte auf die Uhr und ihr stockte der Atem als sie die geschwungenen Buchstaben las.
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