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Urlaubsbücher: Abschreckende Lektüre 06.08.2010
Lesen im Sommer. Rainer Moritz über Werke, die abtörnen.
Neulich im ICE …, so beginnen neuerdings fast alle Kolumnen und Glossen, und dann geht es um ausgefallene Klima­anlagen, kreislaufgeschwächte Rentner und Schwangere, deren Sturzgeburt im überfüllten Großraumwagen naht. Neulich im ICE …, so soll auch diese Betrachtung einsetzen, wenngleich ich nicht vorhabe, auf das traditionelle Versagen der Deutschen Bahn hinzuweisen und den Hauptschuldigen Mehdorn, der jetzt anders heißt, zu verweisen. Nein, es geht um die Urlaubszeit, um jene goldenen Wochen, in denen es, nach Selbstaussage, sogar gestressten Politikern endlich gelingt, sich ein "gutes" Buch zu Gemüte zu führen. Im Strandkorb, auf einer Almwiese oder im gut klimatisierten ICE.
Ich selbst lese immer und überall – und bin gleichzeitig brennend daran interessiert, was meine Mitmenschen lesen. Sobald ich einen Menschen – das Geschlecht spielt keine Rolle – erspähe, der sich tief in ein Buch vergräbt, muss ich wissen, um welches Werk es sich dabei handelt.
Wahnsinnig dezent und unauffällig beuge ich mich nach vorne, tue so, als sei mir ein Bleistift zu Boden gefallen, oder binde meine Schuhe zum wiederholten Male – alles nur, um den Titel jenes Romans zu erspähen, der meinen Nachbarn in Bann zieht. Erst wenn ich mich freue, dass da erfreulicherweise ein Annette-Pehnt- oder Stendhal-Leser in meiner Nähe sitzt, oder wenn ich mich ärgere, im Umfeld einer Susanne-Fröhlich-Jüngerin gelandet zu sein, beruhige ich mich und bin in der Lage, mich wieder meinem eigenen Lesestoff zuzuwenden.
Ich selbst lese im Zug oder Flugzeug nicht nur um des Lesens willen. Bücher lassen sich auch als Abschreckungswaffen einsetzen, zum Beispiel wenn ich partout nicht möchte, dass der ICE-Platz neben mir von einem übergewichtigen, grobschlächtigen Klotz besetzt wird, der auf den Einsatz von Deodorants konsequent verzichtet.
Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, welche Werke sich am besten zur Revierverteidigung eignen. Richard Wagners theoretische Schriften? Eine Handvoll Edition-Suhrkamp-Prosa? Oder die aktuelle Guido-Westerwelle-Biografie? Vieles habe ich ausprobiert und mich dann für eine – antiquarisch erhältliche – medizinische Habilitationsschrift aus dem Jahr 1964 entschieden. Verfasst hat dieses Standardwerk der spätere Professor für Forensische Psychiatrie Wilfried Rasch, und es trägt den einprägsamen Titel "Tötung des Intimpartners".
Mit diesem Buch habe ich gute Erfahrungen gemacht. Kaum lege ich es offen aus – natürlich so, dass gut zu lesen ist, worum es geht –, rücken die Menschen von mir ab, wechseln die Gangreihe oder suchen sich im Strandcafé einen anderen, entfernt gelegenen Platz. Meint ein Sitznachbar es dennoch neben mir aushalten zu können, wechsele ich zu Kapitel 3 und studiere intensiv dessen Überschrift: »Gattentötung durch den verlassenen Partner und als Elimination des ehestörenden Partners«. Wenn ich dann noch meinen Blick schweifen lasse und die Frau, den Mann neben mir eindringlich mustere – glauben Sie mir, ich bin alsbald ein Mensch, der seine Ruhe hat, die Beine ausstrecken darf, Raschs Schrift beiseitelegt und sich genüsslich der Neuübersetzung von "Anna Karenina" zuwendet. Herrlich.

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net

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