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»Er zwingt die Wirklichkeit in die Literatur« 16.11.2011
tatt in einem chinesischen Gefängnis zu landen, bekommt Liao Yiwu für sein Buch »Ein Lied und hundert Lieder« in Deutschland eine Ehrung. »Was für ein Glück«, befand seine Laudatorin Herta Müller gestern bei der bewegenden Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in München.
Die Geschichte dieses Buches ist ein kleines Wunder. Zweimal werden Liao Yiwu die Manuskripte mit seinen Aufzeichnungen aus chinesischen Gefängnissen abgenommen. Doch die dritte Fassung kann auf verschlungenen Wegen außer Landes gebracht werden, findet in Deutschland einen Verleger und wird als Buch mit dem anrührenden Titel »Für ein Lied und hundert Lieder« (S. Fischer) zum Erfolg bei Kritikern und Lesern.

Den diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis an Liao Yiwus »Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen« zu vergeben, ist auch ein mutiger Schritt. Denn die wirtschaftlichen Verflechtungen der westlichen Industrieländer mit China machen oft vergessen, dass die Machthaber dieses aufstrebenden Riesenreiches alle Kritiker mit despotischer Härte zum Schweigen bringen. Zwei Redner haben dieses Missverhältnis bei der Preisverleihung am Montag aufgegriffen. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude stellte die »intellektuelle Wahrhaftigkeit« Liao Yiwus heraus, die die westliche Welt in die Pflicht nehme, nicht nur wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, sondern für die Menschenrechte einzustehen.

Wolf Dieter Eggert, im Börsenverein Vorsitzender des bayerischen Landesverbands, setzte nach: Auch in Deutschland habe man zur Zeit den Eindruck, dass die Frage der Menschenrechte durch gewinnträchtige Exportgeschäfte zur »nachgeordneten Angelegenheit« werde. Eggert nahm dabei die Buchbranche in die Pflicht: »Wir können unsere Arbeit nur leisten, wenn wir uns nicht allein mit dem Buch als Ware befassen, sondern auch mit dem Geist und Ethos, die damit verbunden sind.«

Mit Laudatorin Herta Müller standen dann Kritiker dreier Unrechtssysteme im Raum: Die Geschwister Scholl und ihr Kreis der »Weißen Rose« als Namensgeber des Preises, Herta Müller als kritische Chronistin der Ceausescu-Diktatur und Liao Yiwu. Herta Müller blickte in ihrer Laudatio auf den Zeitpunkt zurück, als aus dem eher unpolitischen Dichter Liao Yiwu ein unbeugsamer Verfechter der Freiheit wurde – auf den 4. Juni 1989, als die chinesische Führung beschloss, die Kundgebungen auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit Gewalt und Blutvergießen zu beenden. In einem Schwung schrieb Liao Yiwu damals sein Gedicht »Massaker« nieder - und avancierte damit zum Staatsfeind.

Als der Dichter dann vier Jahre hinter den Mauern chinesischer Gefängnisse verschwand, wurde ihm bewusst, dass genau an diesem Ort seine Literatur weiter, ja, neu zu schreiben sei. Oder, wie Herta Müller es formulierte: »So wie er beim Gedicht ›Massaker‹ die Literatur in die Wirklichkeit gezwungen hatte, zwang er jetzt die Wirklichkeit in die Literatur.« Und genau dieser Vorgang macht aus dem Buch »Für ein Lied und hundert Lieder« ein literarisches Zeugnis politischer Wehrhaftigkeit.

»Chinas Kommunistische Partei marschiert mit ihrem neuen Reichtum vom Machtrausch besoffen immer weiter zurück in Maos dunkle Zeit.« Das ist die eine Wahrheit die Herta Müller in ihrer Laudatio aussprach. Doch eine andere gilt ebenso: »Lieber Yiwu, statt Gefängnis für ›Ein Lied und hundert Lieder‹ kriegst du heute den Geschwister-Scholl-Preis für dieses Buch. Was für ein Glück.«

Und dann stand plötzlich der Preisträger selbst am Podium, eher klein, doch voll innerer Kraft. In seiner Dankesrede erzählte er, was die Gefängnishaft aus ihm gemacht habe: »Ich bin tatsächlich herabgesunken zu einem ›Hund‹ meines eigenen Staates, eingesperrt in einem Käfig.« Doch seinen Willen, die Kraft zur Aufzeichnung des Erlebten, haben die Behörden nicht brechen können.

Als Liao Yiwu aus dem Gefängnis entlassen worden war, verdingte er sich eine Zeit lang als Wanderarbeiter, verdiente sein Geld als Straßenmusikant. Und so grifff der Preisträger auf der Münchner Bühne zur Flöte und zu einer kleinen Handzither, sang sein »Klagelied des 4. Juni« in die Stille des Saals: »Mondnacht durchweht Erinnerung, / ich denke an meine Liebe, / die leben, treiben, werden alt, /die tot sind, bleiben immer jung.«

Zur Auszeichnung
Der Geschwister-Scholl-Preis wird vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München vergeben. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und geht 2011 an das Buch »Ein Lied und hundert Lieder« (S.Fischer) des chinesischen Autors Liao Yiwu, der seine Heimat im Juli Richtung Berlin verlassen hat.

Andreas Trojan

Quelle: Börsenblatt online

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www.boersenblatt.net

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