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„Es bleibt, was sie geschrieben hat“ 15.12.2011
Kaum einer Autorin wurde in den siebziger und achtziger Jahren in Ost und West eine solche Verehrung entgegengebracht. Und kaum eine Autorin wurde nach der Wende so angefeindet: Christa Wolf, die am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren verstorben ist, wurde gestern auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt – unter großer Anteilnahme von Schriftsteller-Kollegen und Lesern.

Volker Braun sagte bei seiner Grabrede: „Wohl nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab begleitet.“ Am Abend dann hatte die Akademie der Künste, der Christa Wolf seit 1982 angehörte, eine Gedenkfeier organisiert. Freunde und Weggefährten nahmen daran lesend und lauschend teil, gedachten nicht nur der Autorin, sondern auch einer Frau, die das Talent besaß, „Freundschaft zu halten“, wie Friedrich Schorlemmer in seinem Beitrag sagte.

Dass Christa Wolf Freundschaften pflegte, Nähe zu Menschen unterschiedlichster Generationen herstellen konnte, wurde in all den Huldigungen des Abends deutlich – ob bei Daniela Dahn, die schon als Schülerin in ihren Kreis aufgenommen wurde, oder bei Ingo Schulze, der sie vor zehn Jahren kennenlernte und zunächst „verwirrt“ war von dem „Kollegen-Du“, mit dem sie ihn auf Augenhöhe begrüßte. „Berlin hat eine große Autorin verloren“, sagte Oberbürgermeister Klaus Wowereit. „Berlin verneigt sich vor Christa Wolf. "Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Ernst, Würde und Sehnsucht“ – all das habe Christa Wolf ausgezeichnet, wie Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz in ihrer persönlichen, poetischen, auch ein wenig pathetischen Rede bekannte.

„Es bleibt, was sie geschrieben hat“, sagte Christoph Hein. Und dass dieses Schreiben ein Ringen um die wahrhaftige Sprache und die Wahrheit war, wurde gleichfalls in den unterschiedlich gefärbten Ansprachen deutlich. Christa Wolf habe sich gequält mit der Wahrheit, so Katja Lange-Müller, sie habe ihre Leser spüren lassen, „wie widersprüchlich wir sind“.

Widersprüche sind vielleicht überhaupt der Grundimpuls, große Literatur entstehen zu lassen. Sich immer wieder selbst zu befragen, und in dieser Befragung nicht nur etwas über sich, sondern auch über die Gegenwart und die Vergangenheit herauszufinden – das liegt dem Schreiben Christa Wolfs zugrunde. Sie sei „geliebt und verehrt worden wie eine Prophetin“, so Christoph Hein, und bewundernswert sei gewesen, wie sie mit dieser Verehrung umgegangen ist.

Literatur sei dafür da, das Ich zu stärken, sagte Christa Wolf einmal. Und sie ist dafür da, so könnte man hinzufügen, auch über das eigene Ich hinauszuweisen, das andere und den anderen im Blick zu haben. In der bewegendsten Rede des Abends sprach die Verlegerin Maria Sommer davon, wie Christa Wolf nicht nur durch ihr Schreiben, sondern durch ihre Menschlichkeit für andere da war, wie ihre Familie immer Vorrang genoss und die 60 Jahre währende Beziehung zu ihrem Mann Gerhard Wolf ihr Leben prägte: „Es war Liebe im schönsten alten Sinn.“

In vielen der Reden klang mit einer gewissen Bitterkeit ein Kapitel der jüngsten Literaturgeschichte an, das unter dem Stichwort „Literaturstreit“ rubriziert worden ist und von einer Attacke auf Christa Wolf handelt: 1990 nach Erscheinen der Erzählung „Was bleibt“ und in Folge der einige Zeit später veröffentlichten Akten, in denen eine kurze, wenig belastende Zusammenarbeit Wolfs mit der Stasi Ende der 50er Jahre ruchbar geworden war, haben einige der Feuilletons kritisch über die Autorin gerichtet. Für Wolf war diese Zeit äußerst belastend, zermürbend gar. Günter Grass stellte in seiner Gedenkrede diese Episode in den Mittelpunkt und griff namentlich Ulrich Greiner von der ZEIT und Frank Schirrmacher von der FAZ an, eine „öffentliche Hinrichtung“ zelebriert zu haben. Die „Kampagne“ sei geprägt gewesen von „Niedertracht“ und „Vernichtungswillen“. Vergeblich sei wohl die Erwartung, die damaligen Wortführer könnten sich heute für die damaligen Einlassungen entschuldigen, sagte Grass, der damit freilich auch die gegen ihn gefahrenen Kampagnen mitzureflektieren schien.

Was von Christa Wolf bleibe, wurde der Nobelpreisträger dann schließlich dem Anlass angemessen noch versöhnlich, sei die Vielzahl ihrer Bücher. Bücher, die geholfen hätten, die ideologischen Gräben zwischen Ost und West zu überwinden. Und das nach Tschernobyl entstandene Buch „Störfall“, “in dem sie den Wiederholungsfall Fukushima erahnte und uns alle im Sog eines katastrophalen Gefälles sah, an dessen Ende auch unsere auf Hoffnung gründende Frage ‚Was bleibt‘ keinen Konjunktiv mehr erlauben, vielmehr nichtig sein wird.

“Die Stimme von Christa Wolf, aufgezeichnet bei ihrer Lesung in der Akademie im Juni 2010 aus ihrem Roman „Stadt der Engel“, war am Ende des Gedenkabends zu vernehmen. Die letzten Sätze lauteten: „Wohin sind wir unterwegs? Ich weiß es nicht.“

Ulrich Rüdenauer

Quelle: Börsenblatt online

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