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Die Literatur und das Leben 23.12.2011
Gute Biografien verbinden "die Deutung des Lebens mit der Analyse der Werke". Warum die gebildeten Verächter des biografischen Genres unrecht haben. Von Wolfgang Schneider.

Niemand verabscheute die biografische Festlegung so sehr wie Max Frisch. Dem von Zuschreibungen und Routinen umstellten Menschen den Ausweg aus einer Welt zu zeigen, die mit jedem Tag enger wird – das sah er als Aufgabe der Literatur. Und weil er dabei meist dicht an eigenen Erfahrungen entlangschrieb, misstraute er den Biografen umso mehr: Das "Übelriechendste, was es unter Menschen gibt", sei jenes "köterhafte Geschnüffel nach der Privatesse, womit man die Dinge, die einer aus dem Persönlichen aufhebt, wieder dahin zurückdrückt".

In diesem Sinn polemisierte kürzlich auch Heinz Schlaffer in der "Süddeutschen Zeitung": "Das vorwaltende biographische Interesse reduziert die Literatur auf das, worüber sie hinaus will." Der Germanist befürchtet gar, dass das Lesen von Biografien die Lektüre der Werke ersetzen könnte: statt Goethes "Natürliche Tochter" – lieber das Leben seines Sohnes. Schlaffer ist nicht der einzige Literaturwissenschaftler, dem das biografische "Geschnüffel" unappetitlich erscheint. Die Diskurstheorie wollte mit dem Postulat vom "Tod des Autors" auch dem Biografisieren einen Riegel vorschieben. Das Lesepublikum hat sich wenig darum geschert. Fast jedes Schriftsteller-Jubiläum zeigt, dass sich die Biografien toter Autoren kurzfristig besser verkaufen als ihre Werke.

Und warum auch nicht? Literatur lebt von der Neugier auf das Leben der anderen. Via Erzählung kriechen wir in fremde Seelen; der Roman ist mit seiner Möglichkeit der Innenperspektive das effektivste Medium der Vertraulichkeit und eine Schule der Menschenkenntnis. Weshalb sollte diese allzu menschliche Neugier ausgerechnet vor dem Leben der Autoren haltmachen? Ein kluger Kopf wie Rüdiger Safranski bedient sich ihrer vielmehr, um sein philosophisch-literarisches Wissen kulinarisch aufzubereiten. Ich kann auch nicht glauben, dass jemand, der sich kein bisschen für Goethe oder Frisch interessiert, umfangreiche Biografien über sie liest. Die gewisse Idolisierung der Autoren, die wirksam ist hinter dem Wunsch, die Lebensdetails zu kennen, verdankt sich doch immer auch einer Hochschätzung und Auratisierung ihrer Werke.

Natürlich gibt es keine kausale Herleitung der Kunst aus dem Leben. Wie viele Menschen haben kafkaeske Lebensläufe geführt, ohne dass ein Werklein daraus hervorgegangen wäre! Und doch ist gerade bei Kafka oder Kleist das Leben sogar zum Teil des Werks geworden, weil hier die Literatur das Leben oft weniger nachzuahmen als ihm vorauszueilen scheint: Kafka imaginiert im "Landarzt" die tödliche Wunde, bevor er selbst von der Tuberkulose geholt wird; Kleist frönt in seinen Texten dem Todes-Spiel, bevor er schließlich am Wannsee Ernst macht. Bei Schriftstellern wirken Leben und Schreiben immer zusammen, in vielfältigen, oft subtilen, manchmal sehr verwinkelten Formen.

Gute Biografien entwickeln die geistige Physiognomie, indem sie die Deutung des Lebens mit der Analyse der Werke verbinden. Solche Bücher – etwa Günter Blambergers "Kleist", Julian Schütts "Max Frisch" oder Wilfried F. Schoellers "Alfred Döblin", um drei bedeutende Titel dieses Jahres zu nennen – sind die letzten Begegnungsstätten von Literaturwissenschaft und Lesepublikum. Man sollte diese Chance nicht – wie Heinz Schlaffer – durch die Gesamtverachtung des publikumswirksamen Genres verspielen. [...]

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net

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