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Das Kribbeln im Bauch 26.07.2012
Als Verlagsvertreter, Sammler, Vielleser und Herausgeber hatte Armin Abmeier, der Anfang der Woche 72jährig in München gestorben ist, einen legendären Ruf, die Illustratoren-Szene verliert mit ihm einen nimmermüden Anreger und Multiplikator. Ein Nachruf von Nils Kahlefendt.
Zum Buchmesse-Vorglühen bei Kartoffelsuppe und Wein in der aus allen Nähten platzenden Frankfurter Wohnung von Moritz-Verleger Markus Weber hatte Armin Abmeier, gesten- und wortreich einen Pulk um sich bildend, nie gefehlt. Im letzten Oktober war das anders; als Illustratoren und Büchermacher aus aller Herren Länder einen Brief mit Genesungswünschen an den schwer erkrankten Freund zeichneten und schrieben, hofften alle, die Geschichte möge gut ausgehen. Monate später, im Leipziger Café Grundmann, sprühte Armin, von der Krankheit gezeichnet, doch tatendurstig wie eh und je, bereits wieder vor Plänen. Am Ende blieb dafür viel, viel zuwenig Zeit: Anfang der Woche ist Armin Abmeier im Alter von 72 Jahren in München gestorben.

In Zeiten, da einem per Mausklick die exotischsten Druckerzeugnisse aus allen Weltgegenden ins Haus flattern, ist es kaum mehr vorstellbar, welche Sogkraft die Bildwelten der Comics im engen Nachkriegs-Deutschland entwickelt haben müssen. Für Armin Abmeier, 1940 in Göttingen geboren, bedeuteten sie das große Abenteuer. Der brandneue "Jim Parker" erzeugt ein ähnlich lustvolles Kribbeln im Bauch wie das lustvolle Verschlingen einer Tüte Eis. Als er sein Taschengeld für die neuesten "Piccolos" und "Utopia-Kleinbände" hinblättert, ahnt er nicht, dass Texte und Bilder, die unbändige Leidenschaft fürs Lesen und Betrachten, sein Leben prägen werden: Als Buchhändler, Werbe- und Vertriebsmann im Verlag, als Vertreter, als Sammler und Herausgeber.

In den wilden Siebzigern, als die Poesie das Enzensbergersche Museum verlässt und auf der Straße stattfindet, deckt sich der junge Mann aus der Provinz in der Bockenheimer Bücherwarte von Melusine Huss mit europäischer Avantgarde ein; kopfüber taucht er in die Welten von Dada und Konkreter Poesie, lässt sich von Einbänden, Umschlagzeichnungen und bizarren Titeln faszinieren. In den USA, in der Gegen-Kultur der Beatniks und Hippies, erkennt er jene Aufbruchstimmung, Neugier und Naivität wieder, die schon die Bildwelten seiner Kindheit leuchten ließen. Paketeweise schickt der junge Mann mit Wallehaar und Schlapphut, den wir auf alten Fotos sehen, seine Beute nach Deutschland: Bücher, Hefte und Plakate von Verlagen wie Black Sparrow und City Lights, Platten von Ginsberg und Bukowski. Der Traum, als Verlags-Scout nach New York zu gehen, bleibt schöne Utopie, Abmeier wird freier Verlagsvertreter und reist fortan quer durch die Republik: Für Greno, Hanser, Wagenbach, Steidl oder den kleinen Augsburger Maro Verlag. Wie kaum einer versteht er sich auf die Kunst, Bücher mit Verve zu vermitteln, immer neue Projekte anzuzetteln – und empfiehlt dabei schon mal den Leckerbissen eines Verlags, den er nicht im Koffer hat. Ein Überzeugungstäter. Den Glauben an die Kraft des gesprochenen Wortes, an den lebendigen Dialog, der durch keinen Werbetext zu ersetzen ist, hat der Großvater, ein Bäckermeister, in ihm geweckt: In den letzten Kriegstagen, bei Fliegeralarm und Verdunkelung, nahm der dem Enkel mit Märchen und auswendig rezitierten Schiller-Balladen die Angst.

Als Herausgeber der "Tollen Hefte" hat Armin Abmeier seine Leidenschaft für die Verbindung von Buch und Bild in eine wunderbare Form gebracht. Als die Reihe 1991 in Benno Käsmayrs Maro Verlag startete – natürlich mit einer Erzählung von Abmeiers Lieblingsautor Walter Serner! – waren sie wieder da: Die bunten Heftchen der Kindheit. Und das Kribbeln im Bauch. Seit 2001 erscheinen die als Original-Flachdruckgrafik produzierten, fadengehefteten und unglaublich gut duftenden Schätzchen bei der Büchergilde Gutenberg – für Armin Abmeier waren sie stets praktizierte Bilderlust, Teil eines World Wide Web von Kommunikation und Freundschaft, an das er bis zuletzt fest glaubte. Ein Leben im Ruhestand nach dem Abschied vom Vertreterjob? Undenkbar: Abmeier hielt weiterhin landauf, landab Vorträge und Workshops, lenkte als Kuratoriumsmitglied die Geschicke der von ihm mitbegründeten Stiftung Illustration in Troisdorf – und ging 2010 sogar unter die Galeristen: Die Münchner Ladenwohnung, in die er mit seiner Frau Rotraut Susanne Berner gezogen war, wurde als "Die tolle Galerie" Anziehungspunkt für deutschsprachige wie internationale Illustratoren und Comic-Künstler.

Unter dem Titel "Charakter ist nur Eigensinn" erschien zum 20. Geburtstag der "Tollen Hefte" im letzten Herbst eine Art Autobiographie des passionierten Viellesers: 20 Lieblingssätze, gehörte und gelesene, witzige und rätselhafte, hat er von "seinen" Künstlerinnen und Künstlern illustrieren lassen. Alle sind sie dabei, von Axel Scheffler, Wolf Erlbruch und Blexbolex bis zu Anke Feuchtenberger, Yvonne Kuschel oder Thomas M. Müller. Im Heft verrät uns Abmeier auch seinen Lieblings-Titel des um tolle Titel niemals verlegenen Charles Bukowski: "The Days Run Away Like Wild Horses Over the Hills." Seine Freunde, die "Bücher- und Bildermenschen im Land" (Andreas Platthaus, F.A.Z.) werden Armin vermissen. Bleibt zu hoffen, dass ihm, wo immer er jetzt auch ist, der Stoff zum Lesen und Schauen nie ausgeht.

Quelle: Börsenblatt online

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