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Börsenverein zum Jahrestag der Bücherverbrennung: Aus der Geschichte lernen 15.05.2013
Mehr als ein Blick zurück: Die Akademie der Künste nutzte eine Veranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung, um auf das Schicksal heutiger Schriftsteller und Künstler aufmerksam zu machen.

Die Gedenkveranstaltung am Freitagabend in Berlin stand unter dem Titel "Verfemt, verbannt, verurteilt – 80. Jahrestag der Bücherverbrennung", Partner waren der Börsenverein, der PEN-Deutschland und der Verband der Schriftsteller in ver.di.

Die Resonanz auf die Einladung war unerwartet groß. Zwei weitere Akademie-Räume wurden geöffnet, um die Veranstaltung zumindest per Bildschirm dorthin zu übertragen. Dennoch mussten mehr als hundert Interessierte wieder gehen, weil einfach nicht genug Platz für alle Gäste war. Wer einen Stuhl ergattern konnte, erlebte zweieinhalb beeindruckende Stunden.

Die Bücherverbrennung 1933, das "Fanal des arroganten Banausentums im Namen nationalsozialistischer Ideologie", sei kein singuläres Phänomen: Das machte Wolfgang Benz deutlich, Historiker und bis vor zwei Jahren Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung. Am 100. Tag der "Machtübernahme" von Adolf Hitler brannten jene Bücher, die der Bibliothekar Wolfgang Herrmann in "schwarze Listen" aufgenommen hatte. Sie dienten als Vorlage für die Aktion "Wider den undeutschen Geist". Organisiert wurden die Bücherverbrennungen in mindestens 30 deutschen Universitätsstädten von der Studentenschaft und nicht von den Nationalsozialisten selbst - auch wenn Propagandaminister Joseph Goebbels, selbst promovierter Germanist, sich die Aktion mit einer Rundfunk-Schmährede gegen die verfemten Autoren zunutze machte.

"Die Bücherverbrennung war nicht nur ein Akt offensichtlicher Barbarei, sondern sie demonstrierte auch den Anspruch der NSDAP auf kulturelle Hegemonie", folgerte Benz, der nicht nur auf die "brachiale Methode" der Bücherverbrennung einging, sondern auch auf andere, subtilere Fälle, bei denen die freie Meinungsäußerung unterdrückt wird – in China, im Nachkriegsdeutschland, in Ungarn oder in den USA.

In der folgenden Diskussion mit den Autoren SAID und Günter Wallraff griff die ungarische Philosophin Ágnes Heller die Worte von Jean-Jacques Rousseau auf: "Verbrennen ist kein Argument". Sie erörterte die irritierende Frage, warum Studenten und Professoren die Bücherverbrennung organisiert haben - wo doch gerade sie vom Geist leben würden: "Wirkliche Barbaren verbrennen keine Bücher. Zivilisierte Barbaren verbrennen Bücher," betonte Heller.

Fanatische Ideologien wie die der Nazis könnten nur durch Eskalation existieren. Um diese zu verhindern oder einzudämmen, bedürfe es Grenzen, so die Vierundachtzigjährige und zog damit eine Parallele zu den aktuellen Ereignissen in ihrem Heimatland. In Ungarn gebe es sicher nicht mehr Nazis, Rassisten und Antisemiten als in anderen Ländern, sagte Heller. Dennoch sei die Gefahr groß, wenn die regierende Fidesz-Partei von Ministerpräsident Orbán zu zögerlich auf die rechtsextreme Jobbnik-Partei reagiere.

Dass diese rechtsradikale Bewegung unter den ungarischen Studenten viel Zulauf hat, sieht man nicht zuletzt an den antisemitischen Aufklebern "Juden – die Universität gehört uns, nicht euch", die kürzlich an der Budapester Universität auftauchten – auch vor dem Büro von Ágnes Heller, die den Holocaust als Jugendliche nur deswegen überlebt hat, weil sie, wie sie selbst sagt, "frech war": Einmal brachte sie sich durch den Sprung in eine Straßenbahn in Sicherheit, weil sie davon ausging, dass man auf den voll besetzten Wagen nicht schießen würde. Ein anderes Mal rettete sie sich und ihre Mutter mit einer falschen Altersangabe. In der Zeitung hatte sie gelesen, dass nur die 16-46jährigen Frauen deportiert würden. „Ich bin vierzehn, habe ich den verdutzten Beamten geantwortet, und meine Mutter ist über fünfzig. So ließen uns diese dummen Menschen wieder gehen, weil ich sie mit ihren eigenen Regularien konfrontiert habe.“

Günter Wallraff rief das Publikum dazu auf, "als Juden verkleidet nach Ungarn zu fahren", um Solidarität zu zeigen, wandte sich gegen "sarrazinöse" Tendenzen hierzulande und stellte Shahin Najafi vor, einen jungen iranischen Sänger, der wegen seiner Lieder Morddrohungen erhalten hat und in Deutschland untergetaucht ist. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Flucht trug Najafi in der Akademie das Lied "Naghi" vor. Das Lied ist der Grund dafür, warum er mit einer Fatwa belegt wurde – 100.000 Dollar Kopfgeld.

Gedacht wurde an diesem Abend auch an einen inhaftierten Schriftsteller. Friedenspreisträger Liao Yiwu erzählte vom Schicksal seines chinesischen Kollegen Li Bifeng, der im vergangenen Jahr unter dem Vorwand angeblicher wirtschaftlicher Vergehen zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, nachdem er bereits mehrere Male im Gefängnis gesessen hatte. Fast all seine Werke sind beschlagnahmt worden, er hat sie immer wieder neu aus dem Gedächtnis geschrieben. Li Bifeng wurde gefoltert, er hat bleibende Schäden an Körper und Geist, seitdem er einmal von Soldaten eine halbe Stunde lang "wie ein Fußball hin und her getreten wurde".

Akademie-Präsident Klaus Staeck verlas einen Aufruf der Veranstalter an die deutsche Regierung, sich für die Freilassung des Dichters einzusetzen, denn "wer mit Staaten, die Menschenrechtsverletzungen begehen, wirtschaftliche Beziehungen pflegen will, ist in besonderem Maße verpflichtet, auf freier Meinungsäußerung und Menschenwürde zu bestehen". Gedenken – das kann und sollte also auch bedeuten, selbst zu handeln, wenn Unrecht geschieht.

ms

Quelle: Börsenblatt online

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www.boersenblatt.net

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