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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Literatur als "poetische Heilanstalt" 23.09.2013
Literarischer Wettbewerb auf hohem Niveau: Die Nominierten der Shortlist des Deutschen Buchpreises stellten sich den Fragen der Moderatoren und lasen aus ihren Romanen. Ein großer Abend der Literatur in Frankfurt.
Zum fünften Mal fand gestern, am 21. September, im Frankfurter Literaturhaus der lange Abend der Shortlist statt. Reinhard Jirgl, Monika Zeiner, Clemens Meyer, Marion Poschmann und Mirko Bonné lasen aus ihren Romanen und ließen sich auf ein Gespräch über ihre Bücher ein. Moderiert wurde der Abend von Gerwig Epkes (SWR 2), Sandra Kegel (FAZ) und Alf Mentzer (hr2-kultur). Einzig Terézia Mora war verhindert; sie hatte aber bereits am 16. September im Literaturhaus ihren Roman „Das Ungeheuer“ (Luchterhand) vorgestellt.

Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth hob in seiner Begrüßung die Bedeutung des vom Börsenverein getragenen Deutschen Buchpreises hervor. Natürlich löse die Bekanntgabe der Shortlist immer Kontroversen aus, und einige Kritiker rauften sich die Haare - aber der Buchpreis verhelfe der Literatur zur Öffentlichkeit, indem über sie gesprochen werde. Und in Abwandlung der Loriotschen Mops-Maxime fügte er hinzu: „Ein Leben ohne Bücher ist möglich, aber nicht lebenswert.“

Reinhard Jirgl, entschiedenReinhard Jirgl, entschieden© Claus Setzer

"Hybris und Übereilung"

Bei den fünf Büchern, die anschließend vorgestellt wurden, hatte man manchmal sogar das Gefühl, die Bücher seien das Leben selbst. Ganz besonders bei Reinhard Jirgls Roman „Nichts von euch auf Erden“ (Hanser), in dem die Menschheit vor ihrer Auslöschung steht und ihr Gedächtnis nur noch in Form von „biomorphologischen Büchern“ überdauert - Hybriden aus Buch und menschlichem Gewebe. Ein großartiges Bild, eine fast heilsgeschichtliche Vision, die ein ganz neues, überraschendes Licht auf das Leitmedium Buch wirft.

Jirgl, dem der Ruf des „schwierigen Autors“ vorauseilt, wie Moderator Alf Mentzer sagte, unternimmt in seinem Roman einen Ritt in das 25. Jahrhundert. „Weiten Sie damit die literarische Kampfzone auf Science Fiction aus?“, fragte Mentzer. „Ich warne vor dem Begriff ‚Science Fiction‘“, sagte Jirgl. Ihm gehe es um das große Gemälde der Menschenzukunft. Und das habe wesentlich mehr mit der Vergangenheit zu tun, als einem bewusst sei. Gehe man 400 Jahre zurück in die Vergangenheit, so lande man beim Dreißigjährigen Krieg und den aus ihm resultierenden Errungenschaften. „Davon zehren wir bis heute.“ Jirgls Roman ist also auf der Spiegelachse der Gegenwart konstruiert: Der Blick auf das, was kommt, trägt die Erinnerung an das, was war, in sich.

Was in der Dystopie „Nichts von euch auf Erden“ kommt, könnte einer spätdarwinistischen Ideologie entsprungen sein: Mond und Mars werden von „Tatmenschen“ kolonisiert und ausgebeutet, während die sedierte Erdbevölkerung, durch ein Erschlaffungsgen geschwächt, dem Verlöschen entgegendämmert (oder einem Zwangsarbeiterdasein auf dem Mars). Das große Thema, um das es Jirgl in seinem Buch geht, sind „die Hybris - und wie Goethe es einmal nannte - die Übereilung“. Tröstlich, das es in dieser Menschheitsdämmerung auch noch ein Liebesidyll gibt.

Monika Zeiner im Gespräch mit Gerwig EpkesMonika Zeiner im Gespräch mit Gerwig Epkes© Claus Setzer

"Da ist viel Liebe drin"

Auf ganz andere Weise irdisch und hiesig geht es in Monika Zeiners Debütroman „Die Ordnung der Sterne“ (Blumenbar) zu, auch wenn der Titel bereits andeutet, dass es um „Konstellationen“ geht. Zeiner, mit der sich Gerwig Epkes unterhielt, schildert in ihrem Roman eine Dreiecksbeziehung: zwischen dem Protagonisten Tom Holler, der bereits im ersten Kapitel (aus dem sie las) einen tödlichen Tablettencocktail anrührt, seiner Ex-Frau Hedda, die kommt, um ihre Sachen abzuholen, und der Freundin Betty Morgenthal, deren plötzlicher Anruf Holler wieder ins Leben zurückführt. Ein lebenspraller, sinnlicher und zugleich unterhaltsamer Roman, in dem „viel Liebe drin ist“, wie Moderator Epkes bemerkte. Geschrieben ist Zeiners Roman in rhythmisierender Prosa - in gewisser Weise beeinflusst durch den Gesang, den die Autorin praktiziert.

Clemens MeyerClemens Meyer© Claus Setzer

"Das hat eine Shakespearesche Dimension"

Clemens Meyer, der nach der Pause von Alf Mentzer moderiert wurde und anschließend eine Passage aus seinem neuen Roman las, ist aus einem vollkommen anderen Holz geschnitzt. Gesundheitlich angeschlagen und manchmal zum Aufbrausen tendierend, verwahrte er sich zunächst gegen die falsche Genrezuschreibung, die sich auch durch die Kritiken der letzten Wochen ziehe: Sein Roman sei kein „Rotlicht-Roman“. „Im Stein“ (S. Fischer) beschreibe zwar ein großangelegtes Panorama des Milieus - das sei aber nicht viel mehr als ein „gewisser Grundsockel des Romans“. Das Buch eröffnet für ihn eine Möglichkeit, „unsere ganze Gesellschaft, unsere Welt zu betrachten“. Es geht um das „Fließen des Geldes, die Wirtschaft, das Chaos“; das habe durchaus eine „Shakespearesche Dimension“. Zeugen dieses Vorgangs, der nach der Wende begann, sind die Frauen: Prostituierte, die in Gesellschaft und Literatur nur selten eine Stimme haben.

Meyer wirkte ein wenig unwirsch angesichts der vielen, durchaus höflich gestellten Fragen, beispielsweise der nach dem Sinn des kryptischen Titels „Im Stein“. Auf die Replik, das sei ja auch ein kryptisches Buch, folgten einige Erklärungen, aber dann auch der Satz: „Warum muss man als Autor alles offenlegen, alles preisgeben?“ Man habe doch auch seine Quellen, die man schützen wolle. Außerdem habe er das Buch doch gerade erst geschrieben.

Marion PoschmannMarion Poschmann© Claus Setzer

"Versehrtheit, die sich in den Räumen hält"

Um Interstellares, das sich leitmotivisch durch fast alle Erzählstoffe des Abends zog, ging es auch in Marion Poschmanns Roman „Die Sonnenposition“ (Suhrkamp). Es begegne einem darin der „ganz typische Ton einer kühn verdichteten Prosa“, sagte Moderatorin Sandra Kegel (FAZ). Schon der erste Satz des Romans sei einer der schönsten des Bücherherbstes. „Die Sonne bröckelt.“ beginnt der Roman und beschreibt den Zerfall der Stucksonne im Speisesaal einer Psychiatrie im Brandenburgischen, in der der Psychiater Altfried Jahning seinen Dienst antritt. Das Gebäude, ein kleines Schloss, habe immer wieder Menschen beherbergt, die litten. Poschmann, die aus dem ersten Kapitel liest, spricht an einer Stelle von der „Versehrtheit, die sich in den Räumen hält“. Eine morbide Atmosphäre und ein dunkler Ort, der für die Autorin dennoch so etwas ist wie eine „poetische Heilanstalt“.

Mirko BonnéMirko Bonné© Claus Setzer

Kein Weltschmerz bei 15-Jährigen

Mirko Bonné, als Übersetzer englischsprachiger, französischer, aber auch polnischer Literatur hochgeschätzt, hatte als letzter das Wort, nachdem Moderator Gerwig Epkes zunächst in groben Zügen die Handlung von Bonnés Roman "Nie mehr Nacht" (Schöffling) dargelegt hatte. Der Autor las eine Passage aus einem späteren Kapitel, das auf einem Soldatenfriedhof in der Normandie spielt. Auf der Fahrt dorthin unterhalten sich der Zeichner Markus Lee (der den Auftrag hat, Brücken zu zeichnen, die den Alliierten bei ihrer Landung 1944 das Vorrücken ermöglichten) und sein Neffe Jesse über Musik. „Weltschmerz schien es in der Welt der 15-Jährigen nicht zu geben“, konstatiert der Erzähler.

Nach diesem großen Abend der Literatur überwog beim Publikum eindeutig die Freude - über so viele gute Bücher, die es der Jury sicher nicht leicht machen, einen Favoriten zu bestimmen. Nun wartet alles gespannt auf den 7. Oktober, an dem der diesjährige Buchpreisträger bekanntgegeben wird.

Michael Roesler-Graichen

Quelle: Börsenblatt online

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