Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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"Im Strom der Geschichten" 07.10.2013
Sein Schalk ist ungebrochen - sein Zorn auch: Friedenspreisträger Ya?ar Kemal wird 90 Jahre alt. Sein Verleger Lucien Leitess gratuliert.

Vor einigen Wochen erhielt Ya?ar Kemal in seiner Wohnung über dem Bosporus einen Besuch, wie er in der Türkei ungewöhnlich ist: Eine Delegation Armeniens übereichte ihm einen Orden, für die Rettung der Heiligkreuz-Kirche auf der Insel im Van-See.

Tatsächlich – als frischgebackener Reporter hatte er in den Fünfzigerjahren dieses einzigartige Monument vor der vollständigen Zerstörung durch die lokalen Potentaten gerettet. Noch heute erzählt er mit schallendem Gelächter, wie er die Zensur überlistetete, indem er aufs Rollfeld rannte und dem Piloten der schon startenden Maschine nach Istanbul die Artikel und Depeschen über diesen Vernichtungsplan durchs Fenster warf.

Und hatte sich nicht schon sein Vater geweigert, den prächtigen Hof eines vertriebenen Armenier-Beys als Geschenk anzunehmen und war stattdessen ins felsige Bergdorf Hemite gezogen? Kürzlich ehrte Hemite ihn, den zu Weltruhm gekommenen Bauernjungen, durch die Eröffnung eines Kulturzentrums. »Ich will, dass die Türkei wird wie mein Dorf«, sagte er bei der Eröffnung. »Alle Burschen hier haben sich geprügelt, aber mir, dem kurdischen Jungen, haben sie nie ein Haar gekrümmt.« Hemite, das ist die Zukunft, weil dem Respekt, der Toleranz und dem inneren Reichtum der Menschen die Zukunft gehört.

Tausend Geschichten, bei tausend Gelegenheiten erzählt und in über siebzig Romanen niedergeschrieben – das tiefe Anatolien mit seinen siebenundsiebzig Völkern, seinen Sprachen, Religionen, Legenden, Helden und Katastrophen, diese vielfältige Kulturlandschaft und Wiege der Menschheitsgeschichte, Ya?ar Kemal besingt sie wie kein anderer, denn er kennt sie wie kein zweiter. Wenn er durch die Straßen geht, schlägt ihm links und rechts die Dankbarkeit der Menschen entgegen, denn er hat ihre Erinnerung bewahrt und ihren Stolz wieder aufgerichtet.

In diesen Tagen wurde vor neunzig Jahren seine Geburtsurkunde in der Provinzhauptstadt ausgestellt. Wann genau er geboren ist, weiß er selbst nicht. In Hemite gab es damals keine Ämter, und auch keine Schule. Als erster Junge im Dorf lernte er lesen und schreiben, weil er sah, wie ein fahrender Händler sich Worte und Zahlen in ein Heft eintragen konnte. Das leuchtete ihm ein, so würde er all die Geschichten, die ihm durch den Kopf gingen und durchs Land schwirrten, festhalten können.

Viele der Prozesse, die im Laufe der Jahrzehnte gegen ihn eröffnet wurden, sind noch offen - dabei hat er inzwischen den Kulturpreis des Staatspräsidenten erhalten. Vorsichtig setzt er inzwischen Fuß vor Fuß, wenn er unterwegs ist, aber sein Schalk wie auch sein Zorn sind ungebrochen. Und der Strom seiner Geschichten fließt wie immer und überströmt die Zuhörer, die um ihn sitzen. Wenn mitten in einer Geschichte das Handy klingelt, unterbricht er, und erzählt dann nach längerem Gespräch genau bei jenem Wort weiter, wo er unterbrochen wurde. Es ist ein Glück, ihn zu lesen, ihn zu hören, seine Bücher zu veröffentlichen.

Lucien Leitess, Unionsverlag

Quelle: Börsenblatt online

Links zu dieser Meldung:
www.boersenblatt.net

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