"Mehr GeschĂ€ft durch mehr Kontakte": Die Frankfurter Buchmesse hat ihr Hallenkonzept erneuert. Ab 2015 rĂŒckt die englischsprachige Welt nĂ€her ins Zentrum ? und damit nĂ€her heran an die deutschen Aussteller. Direktor Juergen Boos sieht in den neuen Nachbarschaften viele Vorteile. Nicht nur Zeitgewinn.
Die Frankfurter Buchmesse rĂ€umt ihre Hallen um. Ab 2015 will das Team um Messedirektor Juergen Boos insbesondere die englischsprachigen Aussteller nĂ€her ins Zentrum des Geschehens rĂŒcken. Ziele der neu geordneten Infrastruktur: mehr Interaktionsmöglichkeiten und verbesserte Verkehrsströme. Oder, wie Boos es formuliert: "mehr GeschĂ€ft durch mehr Kontakte".
Neue Nachbarschaften, kĂŒrzere Wege
Im Oktober kommenden Jahres wird es auf dem MessegelĂ€nde also neue Nachbarschaften geben und fĂŒr viele auch kĂŒrzere Wege. Das Versprechen konkret: "Alle relevanten GeschĂ€ftspartner und GeschĂ€ftsbereiche werden nur noch fĂŒnf Gehminuten voneinander entfernt sein", so steht es in einem Papier zum neuen Konzept.
Mit ihren wichtigsten internaÂtionalen Kunden ? Publikums- und STM-Verlagen, Kinderbuchverlagen, nationalen GemeinschaftsstĂ€nden ? hat die Messe in den vergangenen Monaten intensiv ĂŒber die PlĂ€ne diskutiert. Gabi Rauch-Kneer, in Frankfurt verantwortlich fĂŒr die Layouts der Hallen, berichtet von sehr positiver Resonanz: "Wir sind ĂŒberzeugt, dass uns ein innovatives Gesamtkonzept gelungen ist."
Dieses Konzept hat viele Facetten. Ein erster Ăberblick:
Die englischsprachige Welt trifft sich in den Hallen 6 und 4. Halle 8, wo bisher recht weitab vom Schuss die Amerikaner untergebracht waren, wird aufgegeben. ZusatzflĂ€che entsteht auf zwei weiteren Ebenen in der Halle 6: die 6.2 und obendrauf die 6.3 als "Literary Agents & Scouts Centre". In den letzten Jahren hatte die abgelegene Platzierung der Amerikaner zu hohen Zeitverlusten durch lange Laufwege gefĂŒhrt. Der nun beschlossene Umzug ist Boos zufolge im Interesse aller GeschĂ€ftspartner, denn "bis vor wenigen Jahren waren die Amerikaner fast nur VerkĂ€ufer, inzwischen kaufen sie zunehmend auch ein".
Neue WachstumsmĂ€rkte in Asien rĂŒcken auch auf der Messe kĂŒnftig stĂ€rker in den Fokus. Der Plan sieht vor, dass die dynamischen Regionen Asiens, Indien und die arabische Welt zentral in Halle 4 zu finden sind ? also nĂ€her an die deutschen und englischsprachigen Hallen heranrĂŒcken.
Fokussierung ist die Leitidee ebenfalls fĂŒr Halle 5. Dort werden kĂŒnftig Verlage und Unternehmen aus Lateinamerika, der spanischsprachigen Welt, aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Skandinavien und Osteuropa untergebracht. Was anmutet wie ein Kessel Buntes und was die Buchmesse "United Nations of Publishing" nennt, ist kohĂ€renter, als man auf den ersten Blick meinen sollte: Zwischen den Lateinamerikanern und Ausstellern aus dem Mittelmeerraum gebe es "eine groĂe inhaltliche NĂ€he", sagt Juergen Boos.
Die Halle 4.2 bleibt der Ort des Wissens. Die dort schon lange beheimateten Wissenschaftsverlage bekommen internationale Fachverlage als neue Nachbarn.
NutznieĂer der zentralen Positionierung englischsprachiger Aussteller sollen auch die deutschsprachigen Aussteller werden. Sie verbleiben in den Hallen 3 und 4, haben ab 2015 aus Sicht der Planer also einen "deutlich schnelleren und unkomplizierteren Zugang zu ihrem internationalen GeschĂ€ft".
FĂŒr Kunden, deren Hauptinteresse im Netzwerken liegt und weniger in der Sichtbarkeit eines Ausstellers, hat die Messe soeben den Frankfurt Book Fair Business Club ins Leben gerufen. Durch neue Dialogformate und eine schĂ€rfere Profilierung der Fach-Communitys will man die Frequenz und QualitĂ€t der GeschĂ€ftskontakte steigern.
Noch entschiedener als bisher will Frankfurt die Business- von der Publikumsmesse trennen. Die Tage Mittwoch bis Freitag bleiben dem konzentrierten GeschĂ€ft vorbehalten, "und Freitagabend legen wir den Hebel um und sind Publikumsmesse", sagt Boos. Die Agora als FreiflĂ€che zwischen den Hallen wird als Ort fĂŒr Endkunden aufgewertet. AngekĂŒndigt sind ein erweitertes Open-Stage-Programm, ein neues Lesezelt sowie innovative Festival-Formate sowohl fĂŒr junge als auch fĂŒr erwachsene Endkonsumenten. Direkter Austausch zwischen Verlagen, Autoren und Lesern ist erwĂŒnschtes Ziel.
Ein schwieriges Problem in Frankfurt, bedingt durch die rÀumliche und bauliche Situation auf dem GelÀnde, ist die Kanalisierung der Besucherströme zu den Hochfrequenzzeiten. Dazu plant die Messe Verbesserungen der Orientierung durch klarer markierte "Quartiere" und Schwerpunktbildungen. Ein Beispiel ist die Halle 4.2 als Welt des Wissens mit dem International Library Centre, dem Klassenzimmer der Zukunft und den beiden Hot Spots Professional & Scientific Information sowie Education. Auch die Halle 3.1 soll neben Literatur und Bildung mit dem Schwerpunktthema "Creative Living" (Gourmet Gallery, Do-it-yourself-Angebote) eine Art Ortsschild erhalten.
Passend zu der optimierten Orientierung will die Messe verstĂ€rkt gefĂŒhrte Touren durch die Hallen und ĂŒber die FreiflĂ€chen anbieten, die auf spezielle thematische WĂŒnsche der Besucher abgestellt sein sollen.
Gabi Rauch-Kneer verantwortet die HallenplanungGabi Rauch-Kneer verantwortet die Hallenplanung© Alexander Heimann / Frankfurter Buchmesse
Noch nicht alle Fragen sind geklÀrt
Die Diskussion ĂŒber den MesseÂrelaunch wird in den nĂ€chsten Monaten fortgesetzt. Noch nicht alle Fragen sind zur Zufriedenheit aller beantwortet. Insbesondere die Neuordnung der Halle 4 (die erheblichen internationalen Zuwachs erhĂ€lt, aber ja nicht gröĂer wird) und ihre Folgen beschĂ€ftigen Juergen Boos und Gabi Rauch-Kneer derzeit intensiv. Mit den Dienstleistern, vor allem den Verlagsauslieferungen und Barsortimenten, sei man ĂŒber eine Neupositionierung "in konstruktiven GesprĂ€chen". Eine gewisse EntlasÂtung fĂŒr die Halle 4 soll sich auch durch die Verlagerung von bisher dort platzierten VeranstaltungsflĂ€chen auf die Agora ergeben.
Eine andere Konsequenz aus der zunĂ€chst an SprachrĂ€umen und erst in zweiter Linie an SachmĂ€rkten orientierten Neuordnung wird sein, dass der Besucher weder ein Kinder- und Jugendbuchzentrum noch etwa eine "digitale Halle" antreffen wird. "Kinder- und Jugendbuch wird in jeder Halle vorkommen", erlĂ€utert Boos; Zweit- und Drittplatzierungen seien fĂŒr die Verlage "einfach keine sinnvolle Alternative". Und die Digitalisierung sei "lĂ€ngst kein isolierbares Thema mehr, sondern durchzieht den Alltag im gesamten BuchgeschĂ€ft".
Das KonferenzgeschĂ€ft macht den Frankfurtern offenbar Freude. "Es wĂ€chst", sagt Boos und fĂŒhrt das vor allem auf das starke internationale Interesse an "Networking, Benchmarking und Weiterbildung" zurĂŒck. Mehr als die HĂ€lfte aller Teilnehmer an den Âdiversen Konferenzformaten in Frankfurt kĂ€men aus dem Ausland. GrĂŒndergeist und innovative PubÂlishing-GeschĂ€ftsmodelle an der Schnittstelle von Inhalten und Technologien sollen auch in Zukunft die Angebote insbesondere fĂŒr den Branchennachwuchs prĂ€gen â und so den hohen Anspruch der Frankfurter Messemacher einlösen, die "Welthauptstadt der Ideen" zu sein.
Torsten Casimir
Quelle: Börsenblatt online
Links zu dieser Meldung: www.boersenblatt.net
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