Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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"Ich, Buchpreisopfer" 18.01.2015
Schriftsteller Eugen Ruge, der 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden war, hat beim Jahrestreffen der AG Publikumsverlage in München eine ironisch aufgeladene Rede über den Deutschen Buchpreis gehalten. boersenblatt.net veröffentlicht die Rede hier im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich soll hier über den Buchpreis sprechen – aus der Perspektive des Opfers. Ich muss vorausschicken, ich spreche hier im Namen der Buchpreisopfer im engeren Sinn. Buchpreisopfer ist heute vermutlich jeder. Wobei es mir, ehrlich gesagt, schwerfällt, diejenigen, die sich gar nicht um den Preis beworben, möglicherweise noch nicht einmal ein Buch geschrieben haben, als Buchpreisopfer anzuerkennen. Sie sollten sich, nach meiner Auffassung, einer anderen Opfergruppe anschließen.

Als vollwertige Opfer von Skipis & Riethmüller kann ich, offen gestanden, nur die anerkennen, die gezwungen waren, sich der „Prozedur zu unterwerfen", wie ein prominenter Kollege es genannt hat, und zwar „ungefragt“. Auch ich kann mich nicht erinnern, gefragt worden zu sein. Und falls mein Verleger mich doch gefragt haben sollte, ob ich mich der Prozedur unterwerfen möchte, so habe ich vermutlich aus Angst vor Repressionen zugestimmt. Oder ich habe die Frage nicht verstanden – als Ossi.

Erst als ich auf der sogenannten Longlist stand, begriff ich allmählich, worauf ich mich eingelassen hatte. Es begannen „Wochen der Sorge und Depression“. Ich wurde, wie eine ebenfalls prominente Kollegin es treffend beschrieb, zum „öffentlichen Objekt“. Journalisten schrieben über meine Person, und zwar, auch das kann ich bestätigen, über meine „eigene“. Einige gingen in ihrer Niedertracht soweit, mich für den Deutschen Buchpreis zu favorisieren. Einzig der Möchte-Gern-Gottvater der deutschen Literatur, der es leider nur bis zum Geist der Verneinung gebracht hat, versuchte bis zum Schluss tapfer, mich vor dem Schrecklichsten zu bewahren.

Es half nichts. Eines Morgens erwachte ich und stand auf der Shortlist. Auch ich wurde nun von „bestsellersüchtigen Buchhandelsketten“ gezwungen, an einer „krawalligen Castingshow“ teilzunehmen. Das Meiste davon muss mir entfallen sein – der Traumatisierte vergisst ja die ihn traumatisierende Situationen. Aber ich erinnere mich an eine Lesung in Frankfurt. Bin ich denn Schriftsteller geworden, um öffentlich zu lesen?

Ich gebe zu, ich wurde nicht gezwungen, eine bunte Dose mit Schnupftüchern auf den Tisch zu stellen und während des Lesens ein oder zwei Mal stilvoll zu schnäuzen. Anderen ist das passiert. Wieder andere berichten, wie Hundertmeterläufer behandelt worden zu sein. Mir ist nicht bekannt, ob sie selbst Laufschuhe mitbringen mussten, aber allein die Vorstellung, sich in einer nach Schweiß stinkenden Kabine zusammen mit den anderen Shortlistkandidaten umzuziehen, ist grausig. Ich, als Marathonläufer, hätte es mir verbeten, gegen Jan Brandt die Hundert-Meter-Distanz zu laufen. Nein, Schriftsteller sind keine Hundertmeterläufer. Und wenn auch die Bücher miteinander im Wettstreit stehen, so gilt das, wie der prominente Kollege anmerkte, doch nicht für ihre Autoren! Wir Autoren lieben einander! Wir achten und respektieren einander! Und ich bin sicher, es gab unter den Kollegen nicht wenige, die mir von Herzen gewünscht haben, dass mir das Letzte erspart bliebe.

Was habe ich falsch gemacht – könnte ich mit Siegfried Lenz fragen. Nein, ich will Sie hier nicht zu Tränen rühren – wozu ich imstande wäre; aber versuchen Sie sich bitte vorzustellen, wie sich das Ereignis aus der Perspektive meiner Komplettexistenz ausnimmt. Nachdem ich nun schon in Sibirien geboren bin, nachdem ich mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens im Unrechtsstaat verbringen musste, nach drei Scheidungen und vierzehn Umzügen, nach eineinhalb Jahren Volksarmee, nach der Flucht in den Westen, wo natürlich alles wunderbar war (außer den Jahren mit 3000 Euro Brutto-gleich-Netto-Jahreseinkommen), nach all den Rückschlägen, Fehlschlägen und Einschlägen auch noch das: der Deutsche Buchpreis.

Nicht Lesungen – Lesereisen! Hinterhältige Einladungen zu ausländischen Buchmessen. Neulich lud mich sogar eine Frau Illner ins Fernsehen ein. Selbstverständlich habe ich abgelehnt, aber das hinterlässt doch Spuren.

Und: können Sie sich vorstellen, was es heißt, in Berlin eine Eigentumswohnung zu suchen?

Damit wären wir beim heikelsten Thema: dem Buchverkauf! Wieviele Nächte habe ich schlaflos gelegen in Gedanken an die Bäume, die für meinen Bestseller sterben mussten.

Das Schlimmste aber ist, dass ich nicht nur zum Umweltvernichter geworden bin, sondern zugleich auch zum Büchervernichter. Der Buchpreis, so haben kluge Kollegen herausgefunden, ist nämlich „zerstörerisch“. Er vernichtet Bücher. Und zwar die Nicht-Prämierten. Diese würden, so heißt es, durch den Buchpreis zum „Verschwinden“ gebracht.

Ehrlich gesagt, aus meinem Regal ist, abgesehen von den Büchern, die meine Tochter mir klaut, noch keines verschwunden. Oder war das anderes gemeint? War das, man traut es den Literaten zu, bildlich gesprochen? War womöglich gemeint, dass diese Bücher – die nicht-prämierten – sich nicht verkaufen? Oder schlechter verkaufen? Infolge des Buchpreises?

Das ist die Stelle, die ich, ehrlich gesagt, nicht ganz verstehe. Wie kann es sein, frage ich mich, dass dieselben Autoren, die sich darüber erregen, dass es beim Deutschen Buchpreis nur um „Verkaufsförderung“ gehe, sich zugleich darüber beschweren, dass der Buchpreis nicht verkaufsfördernd wirke? Oder beklagen sie sich darüber, dass der Buchpreis für ihre Bücher nicht verkaufsfördernd wirke? Fordern sie zusätzliche verkaufsfördernde Maßnahmen? Oder fordern sie die Abschaffung sämtlicher verkaufsfördernder Maßnahmen?

Nun tue ich etwas, was eines Literaten unwürdig ist: Ich wechsle bei laufender Rede das Genre. An dieser Stelle wird es nämlich ernst. Über kleine kollegiale Anfälle von Neid kann man hinwegsehen, ja man kann sie sogar verzeihen; und ich muss hier fairerweise hinzusetzen, dass ich natürlich selbst nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, wie ich, wäre ich leer ausgegangen, reagiert hätte. Hinwegsehen kann man auch über die Altbackenen, die sich, 100 Jahre nach dem signierten Pissoir, noch immer darüber freuen, ein paar Spießer zu finden, die sie schockieren oder belehren können, und die alles, was sich mehr als drei Mal verkauft, für Verrat an der Kunst halten. Hinwegsehen kann man über solche Pamphletisten, die die Strahlkraft des Buchpreises nutzen, um sich durch notorisches Nörgeln an der Juryentscheidung öffentlich bemerkbar zu machen.

Nicht hinwegsehen kann man über die Sorge um die Zukunft des Lesens. Nicht hinwegsehen kann man über die Befürchtung, dass Markt und Quote die Verlagswelt und den Handel mit Büchern übermäßig bestimmen werden. Hier muss man allerdings schon genauer hinschauen, und ich will dies sehr kurz und grundsätzlich versuchen und bitte Sie um Verzeihung, wenn Vieles unausgesprochen bleibt.

Zunächst ist es fragwürdig, den Markt oder den Wettbewerb als solchen zu verurteilen. Gegen Hundertmeterläufer ist ja in Wirklichkeit nichts einzuwenden. Das große Problem, das mit der Globalisierung und dem sogenannten Neoliberalismus auf uns zukommt, ist ja in Wirklichkeit nicht der Markt und der Wettbewerb. Es hat nichts mit Markt zu tun, wenn Steuerzahler die Spekulationsverluste von deregulierten Banken erstatten. Milliardenschwerer Lobbyismus in Brüssel hat nichts mit fairem Wettbewerb zu tun. Freihandelsabkommen – wie das TTIP oder die Europäische Union – geben zwar vor, den Wettbewerb durch die möglichst umfassende Abschaffung jeglicher Handelseinschränkungen zu fördern, in Wirklichkeit fördern sie Massenproduktion, Finanzkapital und Monopolisierung.

Das ist politisch gewollt. Andernfalls, wird gesagt, bliebe Europa zurück, und das Leben hier wäre bald nicht mehr so schön wie in Amerika oder in China. Darüber will ich an dieser Stelle nicht urteilen. Ich beschränke mich auf die Kultur, und hier gilt: Der sogenannte neoliberale Kapitalismus, der sich derzeit überall auf der Welt verbreitet, ist eine Gefahr für die Kultur, weil Kultur im Wettstreit der reinen Effektivität nicht mithalten kann. Kultur bedurfte immer der Unterstützung und des Schutzes. Theater brauchen Fördermittel, eine Buchkultur, die sich so nennen kann, braucht die Buchpreisbindung; die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.

Das bedeutet, dass die Kultur vor der nivellierenden Wirkung des Freihandels geschützt werden muss – aber doch nicht vor Kultur. Wenn das Buch dringend vor der Konkurrenz mit, sagen wir, dem Computerspiel geschützt werden muss, so doch nicht unbedingt vor der Konkurrenz mit dem Buch. Wieso darf es innerhalb der Buchkultur keinerlei Wettbewerb geben? Und besonders: Wieso sollte es keinen Wettbewerb geben, der ausnahmsweise einmal nicht nach ökonomischen Kriterien entschieden wird, sondern durch eine unabhängige, sachkundige Jury.

Natürlich ist eine Jury fehlbar. Und selbstverständlich kann man es als eine Anmaßung irrender Menschen betrachten, einen Booker Prize, einen Prix Goncourt oder einen Deutschen Buchpreis zu vergeben. Aber heißt das, dass es keine besseren oder schlechteren Romane gibt? Sind alle irgendwie gleich gut? Hat jeder irgendwie Recht? Ist alles irgendwie möglich? Diese Haltung nennt man postmodern. Sie ist nach meinem Gefühl ein bisschen veraltet, aber immer noch sehr beliebt. Denn sie entbindet einen vor der Verantwortung, und ist übrigens, wie Bernd Stegemann in seinem lesenswerten Buch Kritik des Theaters einleuchtend vorführt, nahe mit dem sogenannten Neoliberalismus verwandt.

Der Deutsche Buchpreis macht nicht das physische Buch zum Fetisch oder zum Handelsobjekt, wie es mit Objekten auf dem sogenannten Kunstmarkt geschieht. Der Deutsche Buchpreis beeinflusst auch nicht den Kaufpreis des einzelnen Buchs. Der Buchpreis fördert den Verkauf bestimmter Bücher, und die Frage ist, welche Folge das hat – und für wen.

Gewiss gibt es eine Konsolidierung auf dem Buchmarkt, die besorgniserregend ist. Ich sehe allerdings nicht, was das mit dem Buchpreis zu tun hat. Die Behauptung, dass andere Bücher häufiger gekauft würden, wenn es den Buchpreis nicht gäbe, ist eine nicht zu beweisende Konjunktivkonstruktion. Und sie ist vermutlich falsch. Der Buchhandel ist kein Nullsummenspiel. Auf jeden Fall aber gilt: Wer mit Hilfe eines Buchpreis-Buches ein literarisches Buch lesen lernt, wird in Zukunft wohl eher zu einem literarischen Titel greifen.

Auch ist es unsinnig zu behaupten, dass durch den Buchpreis weniger Bücher wahrgenommen oder besprochen würden. Gewiss richtet sich die Aufmerksamkeit stark auf die Longlist- und Shortlistkandidaten, und das mit Recht. Sie richtet sich aber oft auch auf die, die nach Meinung der Kritiker auf die Listen gehört hätten, und auch das mit Recht.

Vollkommen absurd ist das Argument, dass das Listen-Verfahren auf Kosten der gelisteten Autoren gehe. Selbstverständlich ist das Gegenteil der Fall. Würde der Preisträger einfach verkündet, würde ausschließlich ihm die Aufmerksamkeit zufallen. Gerade durch das Listenverfahren versucht der Buchpreis ja, andere Bücher mitzunehmen. Das Listenverfahren belebt den Diskurs, fördert die öffentliche Wahrnehmung und letztlich auch den Verkauf, verbessert also die – normalerweise prekäre – Existenzgrundlage des Schreibenden, und wirft, falls es gut läuft, Gewinne für Buchhandel und Verleger ab, über deren Verteilung man möglicherweise nachdenken könnte, was aber mit dem Thema Buchpreis nicht das Geringste zu tun hat.

Dass ein nicht-prämierter Autor sogar mehr Bücher verkaufen kann als ein prämierter beweisen übrigens Daniel Kehlmanns großartiger Roman Die Vermessung der Welt und – im Falle des Preises der Leipziger Buchmesse – das schon vor seinem Tod millionenfach verkaufte Buch Tschik von Wolfgang Herrndorf.

Was heißt es nun aber für einen Autor, den Preis tatsächlich zu bekommen? Diese Frage kann ich entweder gar nicht beantworten – oder sehr persönlich. Was bedeutete es für mich, im Alter von 57 Jahren den Deutschen Buchpreis zu bekommen für einen Roman, den ich schon jahrelang, in gewisser Weise sogar schon jahrzehntelang, in mir und mit mir herumgetragen habe?

Eins muss ich gestehen: Ich wollte den Preis wirklich haben. Und kam mir ein bisschen schlecht dabei vor. Sie wissen vielleicht, dass ich zuvor den Alfred-Döblin-Preis bekommen hatte. Diesen Preis habe ich wirklich gebraucht. Es wäre wahrscheinlich außerordentlich schwierig gewesen, die Zeiten des abnehmenden Lichts zu Ende zu schreiben, ohne diesen Preis. Ich habe sogar – ich weiß nicht, ob ich bestraft werde, wenn ich das hiermit öffentlich mache – ich habe sogar dafür gebetet, wenngleich mein Gebet nur wenige Sekunden dauerte und sich – in Klammern: angeblich – an niemanden richtete.

Beim Buchpreis habe ich das nicht gewagt. Der Buchpreis war Sport. Das war keine existenzielle Frage. Ich hatte bereits einen hohen Verlagsvorschuss für mein Buch bekommen. Schon im September zeichnete sich ab, dass es sich gut verkaufen wird. Es gab sogar schon vor seinem Erscheinen Lizenzverträge mit mehreren europäischen Verlagen. Und es wäre mir als eine Art Missbrauch erschienen, um dieses Preises Willen irgendeine höhere Macht anzurufen.

Trotzdem wollte ich den Buchpreis, und zwar, und jetzt kommt vielleicht ein noch schlimmeres Geständnis, auch nachdem ich die Konkurrenten gelesen hatte. Mein kluger Verleger räumte mir ernsthafte Chancen ein. Mehrere Zeitungen sahen mich als den Favoriten. Und ich muss zugeben, dass es mir nicht immer ganz leicht fiel, mir immer wieder klarzumachen, dass es auch ein außerordentlicher Erfolg wäre, auf der Shortlist gestanden zu haben. Als ich dann nach ein paar aufregenden Wochen im Römer saß und aus dem Munde Gottfried Honnefelders meinen Namen vernahm, verspürte ich vor allem Erleichterung. Und Erschöpfung. Eine Erschöpfung wie nach einer bestandenen Prüfung, für die man wochenlang gepaukt hat, in diesem Fall: jahrelang. Ich hatte, muss ich gestehen, nicht das Gefühl, ich hätte einfach nur Glück gehabt. Ich hatte das Gefühl, mir diesen Preis in ausdauernder, harter Arbeit verdient zu haben – obwohl ich selbstverständlich weiß, dass ich auch Glück hatte.

Am Abend nach der Verleihung habe ich exakt ein Glas Wein getrunken, weil ich ahnte, was mir auf der Buchmesse bevorsteht. Vier oder fünf Tag lang folgte ich der Leiterin unserer Presseabteilung wie ein Hund durch das Messegelände. Am jeweiligen Veranstaltungsort gab sie mir eine knappe Beschreibung der jeweils bevorstehenden Aufgabe. Ich trank viele Tassen Kaffee. Ich schlief auch zwischendurch mal fünfzehn Minuten auf den Pappkisten hinter den Ständen von Rowohlt. Es war eine wunderbare, eine unvergessliche Woche. Wenn ich hin und wieder allzu kühl und beherrscht gewirkt haben sollte, so bitte ich nachträglich um Verzeihung. Das war meine gute oder, wenn Sie wollen, schlechte, jedenfalls meine preußische Erziehung. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, und ich hörte mich oft in mich hinein diesen Satz sagen: Ich bin Buchpreisträger – wer ist mehr?

Dieses Gefühl hat lange angehalten und hält in gewisser Weise bis heute an. Aber seltsamerweise – ich hoffe, ich schweife jetzt nicht zu weit ab – gab es zugleich mit dem Glück auch ein Gefühl der Enttäuschung, besonders in den ersten Monaten und Wochen. Zumindest war eine schwer bezwingbare Erwartung im Spiel, nämlich dass nun, nach dem Buchpreis, noch irgendetwas passieren müsse – und sei es bloß in mir. Inzwischen würde ich sagen, dass sich diese Schere geschlossen hat. Die Erwartung hat sich irgendwo zwischen China und Minneapolis verflüchtigt. Natürlich erlebe ich nicht mehr täglich schwindelnde Momente des Glücks. Und natürlich hat mich mein Selbst wieder eingeholt: der Druck, den ich mir gelegentlich zu machen pflege; mein entsetzlicher Perfektionismus; die Eile, mit der ich meiner Liebsten und mir mitunter, ich hoffe: immer seltener, den Tag zu verderben imstande bin. Glück hat ja mit Zeit zu tun, mit Langsamkeit. Ich jedenfalls habe mich – vor oder nach dem Buchpreis – nie so lebendig gefühlt wie in Stunden der Muße.

Ich bin wieder derselbe. Und doch bin nicht derselbe. Ich bin keineswegs reich, wie es mir im ersten Moment erschien. Und doch reich, weil ich arbeiten kann, ohne Angst vor dem kommenden Jahr zu haben. Ich bin selbstverständlich kein Star, aber hin und wieder behandelt man mich mit Respekt. Man spricht mich nicht auf offener Straße an, aber ich werde plötzlich von Ministern oder Bundespräsidenten zu irgendwelchen Veranstaltungen eingeladen, allerdings nur zu solchen, bei denen es keinen Dresscode gibt. Ich werde nicht von Frauen umschwirrt – was, wie ich hoffe, nur daran liegt, dass sie glauben, ich sei jemand, der von Frauen umschwirrt würde. Man lässt mich hin und wieder in Zeitungen zu Wort kommen – das ist neu. Und es kann mir passieren, dass auf irgendeiner Veranstaltung ein landesweit bekannter IT-Experte mit rotem Hahnenkamm auf mich zukommt, und mir, bevor ich mich vorstellen kann, sagt, dass die Zeiten des abnehmenden Lichts das bisher einzige Buch sei, das er auf dem Fitness-Bike zu lesen vermochte.

Was vielleicht ein Glück für mich war: dass ich den Preis erst mit 57 bekommen habe. Niederlagen verkraftet man vermutlich besser in der Jugend, Siege aber besser in späteren Jahren.

Dass mein Blick auf die Welt durch den Erfolg milder geworden ist, kann ich nicht sagen: im Gegenteil. Manchmal glaube ich fast, das eigene Buch hat mich blockiert. Zumindest hat seine Fertigstellung den Blick frei gemacht. Was der Sozialismus uns zugefügt hat, habe ich gewissermaßen abgearbeitet. Nun bin ich frei, mich um das zu kümmern, was der Kapitalismus uns zufügt. Dass es mir persönlich gut geht, hat mein Gedächtnis jedenfalls nicht korrumpiert. Ich habe nicht vergessen, was es heißt, sich Sorgen um die nächste Mietzahlung machen zu müssen. Ich bin nicht versucht, die Welt ein bisschen gerechter zu finden, weil mein Buch den Deutschen Buchpreis bekommen hat.

Das Schreiben selbst ist weder schwerer, noch leichter geworden. Möglicherweise bin ich heute zuversichtlicher, dass mir hin und wieder ein Stück Prosa gelingen kann. Dennoch bleibt jeder einzelne Tag am Schreibtisch ein Versuch, ein Kampf, manchmal auch ein Verzweifeln. Das ist schon seit nunmehr 25 Jahren so, denn wie vielleicht einige wissen, begann meine literarische Laufbahn mit dem Schreiben von Theaterstücken – hin und wieder werden sie sogar gespielt. Was sich aber geändert hat: Früher hatte ich immer Angst, zu wenige Stoffe zu haben. Heute habe ich Angst, ich hätte zu viele. Und stattdessen nicht mehr genügend Zeit.

Und vielleicht ist auch das ein Aspekt des Erfolgs. Auch Erfolge markieren ja Wegstrecken. Gewiss hat es auch mit dem Alter zu tun, mit der Erfahrung von Krankheit und Verlust, jedenfalls denke ich fast täglich daran, dass mein Leben enden wird. Früher habe ich seltener daran gedacht, aber wenn, dann war der Gedanke noch verstörender als heute. Der Erfolg lässt den Tod näher rücken, zugleich ist aber der Erfolg, zumindest der schwer erarbeitete, der nicht durch Betrug oder Ausbeutung verdiente, der redliche Erfolg – auch ein Trost. Natürlich bleibt es für mich das Wichtigste, dieses Buch geschrieben zu haben. Und natürlich besteht der Erfolg zunächst einmal darin, dass das Buch gelesen wird und es mir möglich macht, weiter als Schriftsteller zu existieren. Aber natürlich ist der Buchpreis Teil und Höhepunkt des Erfolgs, und in diesem Sinne sage ich: Der Deutsche Buchpreis ist tröstlich. Und, ja, es ist schade, dass ihn nicht jeder bekommen kann.

Meine Damen und Herren, ich muss mich für diese Rede entschuldigen. Ich verspreche Ihnen, ich bin sonst nicht so. In Wirklichkeit bin ich ein Bedenkenträger. Ich bin EU-Skeptiker und Merkel-Gegner, ich bin Fortschrittsnörgler und heimlicher Sympathisant der schottischen Unabhängigkeit. Es tut mir leid, dass ich nicht imstande bin, im Deutschen Buchpreis eine Menschenrechts­verletzung zu erkennen. Dass ich hier trotzdem das Wort ergriffen habe, ist zweifellos undeutsch, und das Einzige, was ich zu meiner Verteidigung vorbringen kann: Als Herr Kraus vom Cleff an mich herantrat mit der Bitte, diese Rede zu halten, habe ich vorsorglich gefragt, ob es denn erlaubt sei, den Buchpreis hier nicht zu kritisieren. Herr Kraus vom Cleff hat das, wenn auch zögernd, bejaht. Aber da ich sein Zögern natürlich nicht überhört habe, schließe ich mit einer Empfehlung an den Börsenverein, die Sie gern als Kritik werten können. – Angenommen wird sie ohnehin nicht.

Ich würde empfehlen, die äußere Form der Verleihung weiterhin möglichst schlicht und altmodisch zu gestalten, womöglich noch schlichter und altmodischer als bisher. Eine Buchpreis-Verleihung braucht meiner Ansicht nach kein multimediales Tamtam. Glauben Sie mir: Alles Mediale kann man getrost den Medien überlassen. Ich würde auch empfehlen, die Anzahl der Reden zu reduzieren, genau gesagt: auf eine einzige – die darf dafür vielleicht länger sein. Und schließlich würde ich mir anstelle des Börsenvereins überlegen, ob es zwingend ist, ausgerechnet beim Deutschen Buchpreis die schönen deutschen Worte Longlist und Shortlist zu verwenden.

Quelle: Börsenblatt online

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